
Architektin Nadja begann ihre Führung mit ein paar allgemeinen Infos über die Geschichte der Industrie in Tscheljabinsk. Einst vor allem mit Schwerpunkt auf Brot und Kornwirtschaft entwickelte sich die Stadt durch den Anschluss an die Transsibirische Eisenbahn ab dem Ende des 19. Jahrhunderts sehr schnell zu einem Warenumschlagsplatz. Alles was aus Fernost hierher kam, wurde gewogen, umgefüllt und für 8 Kopeken pro Pfund teurer weiter verkauft, wodurch die Stadt von einer einfachen Holzbautensiedlung innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Großstadt anwachsen konnte.

Der „Elevator“, 1914 im Jugendstil erbaut, diente früher als Mehl- und Kornspeicher. Er steht unter Denkmalschutz, wird aber nicht sonderlich vor dem Zerfall bewahrt. Mehrere Renovierungs- und Umnutzungsvorschläge junger Architekten für das Gebäude als Bürokomplex blieben bisher unrealisiert. Für Nadja scheint es so, als warteten die Behörden darauf, dass das Haus von selbst zerfällt, um es dann endgültig abreißen und etwas komplett Neues an seiner Stelle bauen zu dürfen. Noch meint sie, sei es aber nicht zu spät für eine Renovierung.

Der Wasserturm. 15.000 Eimer Wasser passen dort angeblich hinein. Nadja machte uns auf den „pseudorussischen“ Stil des Gebäudes aufmerksam. Viele Industriebauten der Stadt zeigten Verzierungselemente wie zum Beispiel zusätzliche Backsteinreihen und Reliefs, die einen altslawischen Architekturstil imitierten. Die Route ging noch weiter zur ehemaligen Teewiege-Fabrik und zur Tabakfabrik.

Wenn sich fünfzig Fahrradfahrer gleichzeitig im Pulk durch die Stadt bewegen, kann man nur schwer verloren gehen. Außerdem sorgt das auch für neugierige Blicke der anderen Verkehrsteilnehmer.

Mit viel Neugier wurde auch dieses Gefährt begutachtet, als es neulich in Tscheljabinsk Zwischenstopp machte, passenderweise direkt vor dem Denkmal zu Ehren Kurtschatows, des Süduraler Atomphysikers:

Das Solarworld GT, ein Solarauto entwickelt von Studenten der Hochschule Bochum, ist zurzeit auf Weltumrundungstour und befindet sich auf seiner letzten Etappe: Durch Russland und Asien zurück nach Australien, wo sie ihre Reise im Oktober 2011 bei einer Solarauto-Rallye gestartet haben.

Das Auto ist komplett verkehrstauglich und schafft bis zu 120 km/h. Wenn es regnet, halten die eingebauten Solarbatterien noch etwa 350 km. Wenn die Sonne dann immer noch nicht draußen ist, muss eben eine Pause eingelegt werden.

Projektleiter Tim Skerra und sein Team haben schon an die 18000 km zurückgelegt. Mit ihrer Weltumrundung zeigen sie, welch großes Potential Solarautos haben und wie alltagstauglich sie eigentlich sind.

Auf dieser Seite könnt ihr sehen, wo das Solarauto gerade ist und dem Team vielleicht auch einen netten kleinen Empfang in eurer Stadt bescheren.
Durch den regen Tscheljabinsker Stadtverkehr wurde das Auto übrigens aus Sicherheitsgründen in einem speziellen Anhänger transportiert. Bis umweltfreundliche Fortbewegungsmittel in der Großstadt tatsächlich als gleichwertige Verkehrsteilnehmer ernst genommen und berücksichtigt werden, muss wohl leider noch ein bisschen Zeit vergehen.
Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk


















