Donnerstag, 13. Mai 2010
Ulan Ude

Wahrzeichen von Ulan Ude: Der größte Lenin-Kopf der Welt
Da ich jetzt ernsthaft im Uni-, Abfahrts-, Zwangsurlaubs- und Abschiedsstress bin, diesmal nur das allernötigste - Name der Stadt und Einwohnerzahl


Blick von der Oper auf den Platz der Räte

Die Oper...
Die Menschen in Ulan Ude machten irgendwie (wie eigentlich überall) einen aufgeschlosseneren Eindruck, als in Irkutsk. Beim Einkaufen sagte zum Beispiel jemand Hallo zu mir. Folglich nahm ich an, dass ich ihn kennen müsste (was nicht ganz so doof ist, wie es vielleicht klingt; es ist ja nicht so, dass es in Russland zum guten Ton gehören würde, unbekannte Zeitgenossen freundlich zu grüßen), und kombinierte blitzschnell: da ich in Ulan Ude niemanden kenne, muss es wohl der Typ von gestern sein, der uns freundlicherweise beim stundenlangen Warten auf die Marschrutka Gesellschaft geleistet hatte und mit dessen Partizipation wir dann doch noch das Geld für ein im Grunde spottbilliges Taxi zusammenbrachten (er: "Ich hab aber nur 40 Rublel" - Christine anerkennend:"Nicht schlecht!"). So wurden wir dann völlig zusammengefroren gemütlich von einem, wie mir schien, äußerst attraktiven jungen Mann in einem wünderschönen dunkelblauen schnuckligen alten Auto nach Hause gefahren. Je näher wir unserem Vorort kamen, umso dichter wurde der Nebel, bis schließlich überhaupt nichts mehr zu sehen war. Das war der Moment, in dem sich der Fahrer umdrehte und grinsend fragte, wo wir eigentlich genau wohnen. Langer Rede kurzer Sinn: der Typ, der uns diesen charismatischen Taxifahrer beschert hat, war nicht der Typ, der mich im Geschäft grüßte, wie sich nach kurzer Rücksprache mit Christine herausstellte. Allerdings hatte ich da schon zugesagt, auf ein Bier bei ihm vorbeizuschauen. So verbrachten wir den letzten Abend gemütlich bei Bier und Fisch und irgendeinem abstrusen Musiksender ("Was gefällt dir denn für Musik?" - "Ach, mir gefällt eigentlich alles"), der durch eine aus Dosen gebastelte Antenne übertragen wurde.

Turn to the left



"Alles für die Frau"

Auch bin ich in Ulan Ude zum ersten Mal im Leben in einer Marschrutka gefahren, die einen Klingelknopf (?) hat, auf den man drücken kann, wenn man aussteigen will, woraufhin der Fahrer auch wirklich anhält. Faszinierend. Stadt-Fazit: Klein aber oho!




Reklame für Massage und Physiotherapie

"Harmonie"

"mixed-architecture construction project"

domestic architecture



Zentrumsrand 1
Hier standen wir und betrachteten den Sonnenuntergang, im Rücken das Zentrum, als unser Blick nach links fiel, wo eine Gruppe junger Männer damit beschäftigt war, eine in den Bäumen hängende Kuh zu schlachten.

Zentrumsrand 2

Vorstadt
Donnerstag, 29. April 2010
Drei mal Neujahr und andere Feiertage
Hier ein kurzer Einblick in die Kaskade von Feiertagen, die ich hinter mir habe.
Neujahr

Wohl seit Sovjetzeiten der Hauptfeiertag ist Neujahr am 31.12. Er hat logischerweise auch einen Stellenwert wie Weihnachten und Neujahr zusammen. Angeblich werden alle 11 Zeitzonen gefeiert. Bei uns würde Neujahr dem ent -
sprechend um 20:00 Uhr anfangen und um 6 Uhr enden. In der Praxis habe ich das allerdings noch nicht erlebt -

Hier im asiatischen Teil Russlands ist das Leitmotiv für das neue Jahr das jeweilige Zeichen des chinesischen Tierkreises. Kalender, Neujahrskarten, Kuscheltiere, Eisskulpturen u.ä. zeigen dieses Jahr also den Tiger (Charaktereigenschaft: "verwegen"). Der Schokoweihnachtsmann findet sein Äquivalent im "Neujahrstiger".

Den ganzen Winter über stehen an mehr oder weniger zentralen Plätzen der Stadt Eisskulpturen und Rutschbahnen aus Eis.


Altes Neues Jahr
Über das Russische Weihnachten kann ich leider nicht viel sagen, da es bei uns wie gesagt ausgefallen ist.
„Altes Neues Jahr“ erfreute sich dagegen größerer Beliebtheit. Bei der Gelegenheit könnte ein bekanntes russisches Prinzip Erwähnung finden: man trinkt nicht, ohne zu essen, bzw. zu "degustieren", und auch nicht ohne Grund, bzw. Anlass. Jeder Tag kann so zum Feiertag werden.

EPIPHANIAS-FEST am 19. Januar
Ein weiteres Spektakel ist die alljährlich am 19.01. stattfindende Erneuerung der Taufe, bei der man sich "gleichsam" von seinen Sünden reinwäscht
.
Hierzu steigt man in das „eiskalte“ Wasser (Wörter sind so schwach) eines nahe liegenden, geweihten Gewässers und taucht, sich zwischendurch bekreuzigend, dreimal zhelatelno komplett unter Wasser.
Danach ist es einem (bei -30 Grad Außentemperatur) angeblich wärmer als vorher (wohlbemerkt, es handelt sich hierbei um Informationen aus zweiter Hand) und man wird das ganze nächste Jahr nicht krank. "Главное, чтобы в сердце тепло было" - "Hauptsache im Herzen ist es warm".
Witzig ist, dass das Wasser so dampft, dass das Eisloch den Eindruck einer heißen Quelle erweckt. Das täuscht.
Abgesehen davon muss ich aber zugeben, dass die Sibirjaken bei weitem nicht so hart sind, wie es die Beschreibung solcher Bräuche vielleicht vermuten lässt. Es herrscht zwar dichtes Gedränge auf dem Eis, die meisten sind aber nur zum Abtrocknen, Anziehen-Helfen und Weihwasser-Abfüllen da.
Apropos Weihwasser-Abfüllen: das ist unter Umständen riskanter, als das Badengehen selber. Infolge des Genusses des "heiligen Wassers" erkrankten dieses Jahr in Irkutsk über 200 Menschen an akuter Darminfektion. Die Kirche weist solche Behauptungen zurück.

Darauf folgten im Verlauf der nächsten Wochen eine Reihe von Geburtstagen, unter anderem mein eigener, sowie die Hochzeit meiner Mitbewohner.
14. Februar: Valentinstag, Sagaalgan, "Sonntag der Verzeihung", Masleniza
Dann geht es am 14. weiter mit dem Valtentinstag, der in Russland mindestens so ernst genommen wird wie bei uns. Alle fragen mich immer ganz beeindruckt: "Du hast am Tag der Verliebten Geburtstag? Toll…".
Auf diesen Tag fiel dieses Jahr noch eine Reihe weiterer Feiertage, u.a. Sagaalgan, das burjatische Neue Jahr. Seit der Perestrojka in den 80-ern wird versucht, alte Traditionen und Bräuche, die in der Sovjetunion verboten waren, wiederzubeleben. So auch hierzulande in und um die autonome Republik Burjatien, wo das scheinbar ganz gut gelingt.
Der Name Sagaalgan kommt von "саган" ("weiß"). Früher wurde es im Herbst gefeiert, nachdem die Vorräte an Milchprodukten angelegt waren. Typisch für das Festessen sind daher neben mindestens zehn verschiedenen Gerichten aus Hammelfleisch (darunter dessen Kopf, der dem Ehrengast vorbehalten ist) raue Mengen an Milchprodukten. Man bezeichnet deshalb die Neujahrstage, die sich an das 3-tägige Neujahrsfest anschließen und einen ganzen Monat andauern, als "weißen Monat". Die Farbe "weiß" gilt bei den mongolischsprachigen Völkern als besondere Farbe. Sie ist Symbol für guten Anfang, Reinheit und Einsicht.
Erst ein Enkel Tschingis Khans verlegte das Neue Jahr unter dem Einfluss von Buddhismus und chinesischer Astrologie auf das Winterende (Februar = erster Frühlingsmonat nach dem Mondkalender).
Am Neujahrstag, aber auch den ganzen weißen Monat über, besucht man, angefangen bei den Ältesten, Verwandte und Feunde und beschenkt sich gegenseitig. Männern wird zur Begrüßung als Zeichen der Ehrerbietung oft ein Chadak (Seidenschal) überreicht.

Die Bewirtung der Familienmitglieder und Gäste ist sehr wichtig und äußerst üppig, da sie magische Bedeutung hat: je reicher die Bewirtung, umso besser das neue Jahr. Am Vorabend wirft jedes Familienmitglied als Opfer für den Feuergott ein kleines Stück von jeder Speise in den Ofen. Das eigentliche Festmahl beginnt, indem der Hausherr mit scharfem Messer das Fleisch zerteilt (die Güte des Familienoberhaupts wird gewissermaßen an der Güte der geschliffenen Klinge gemessen).
Interessant finde ich auch, dass der Neujahrstag früher scheinbar soetwas wie der Geburtstag aller Burjaten war. Bis zur Revolution wurden an Sagaalgan alle ein Jahr älter.

"Sonntag der Verzeihung"
Letzter Sonntag vor Beginn der großen österlichen Fastenzeit und mein persönlicher Favorit unter den Feiertagen. Hier entschuldigen sich alle für das, was sie sich unter dem Jahr ohne mit der Wimper zu zucken angetan haben: "Verzeih mir!" - "Verzeih du mir!". Und zwar in russischer Manier mit einem so einnehmenden Grinsen, dass man einfach alles verzeihen muss. Eigentlich ein kirchlicher Feiertag, der an die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies aufgrund von Ungehorsam und Zügellosigkeit erinnert. Um die Vergebung der Sünden durch Gott zu erhalten, muss man zuerst selbst verzeihen. Solchermaßen gereinigt beginnt man die Fastenzeit, in der man sich auf ein geistigeres Leben konzentriert, um dann mit reinem Herzen die Auferstehung Jesus zu feiern. Über diesen Hintergrund sind sich natürlich nur die Gläubigsten unter den Gläubigen klar. Alle anderen entschuldigen sich "prosto tak" ("einfach so")
.
Masleniza
Außerdem markierte der 14. Februar dieses Jahr auch das Ende der "Butterwoche" - "Masleniza" -, während der vor Beginn der "Großen Fastenzeit" Unmengen von "Blini" (russ. Pfannkuchen) verzehrt werden.

Zum Frühlingsanfang wird der letzte Tag der Butterwoche ausgelassen mit einer Reihe von Bräuchen und Wettbewerben zelebriert. Für mich, die ich, wie euch vielleicht schon aufgefallen ist, im Augenblick ziemlich aufgeschlossen für Demonstrationen männlichen Durchhaltevermögens, Abgebrühtheit, Kraft und Coolness bin (zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass meine Dauer-Hausarbeit über den "Geist der Sibirjaken" ja quasi einer kompletten Gehirnwäsche gleichkommt), am eindrucksvollsten das in-der-Unterhose-auf-einen-10m-hohen-Mast-klettern der sibirischen Jungs bei sibirischen Temperaturen – wer es schafft bekommt ein Handy.

Man verrät glaub ich nicht zu viel, wenn man sagt, dass es nicht jeder schafft. Ehrgeiz gehört ja nicht zu den berühmtesten Eigenschaften der Träger der russischen Seele... Die Tatsache, dass nur die wenigsten das Ziel erreichen, tut der Sache aber keinen Abbruch, sondern steigert nicht nur die Komik, sondern auch die Spannung und Anteilnahme am Schicksal der Helden.
Spektakulär sind auch die Faustkämpfe, die mit solchem Ernst ausgetragen werden, dass einem teilweise das Lachen im Hals stecken bleibt.




Ich glaube, ich finde Russland auch deshalb so interessant, weil es in mancher Hinsicht so "roh" ist. Wir Deutschen sind so "vergeistigt" und auf Rücksichtnahme bedacht, dass wir uns gerade was einfache Gefühle betrifft, völlig in irgendwelchen (wenn auch teilweise abgefahrenen) Theorien verlieren. Die Russen dagegen haben sozusagen diesen "direkten Draht zu den Gefühlen". Die schenken sich nichts. Das ist natürlich auch ein wenig archaisch, aber ich glaube uns Deutschen kann es nicht schaden, sich mal auf einer weniger theoretischen Ebene mit "Trieben" auseinanderzusetzen. Daher finde ich zum ersten mal in meinem Leben auch Schlägereien gut. Falls das irgendeinen Sinn macht.
Als direkte, unmissverständliche Manifestation von Gefühl, sozusagen. Die dann sehr konkrete Folgen hat, mit denen man zurechtkommen muss.
Wie schon Napoleon sagte: "Главное ввязаться в бой - а там видно будет!" - "Das wichtigste ist, sich in die Schlacht zu mischen. Da zeigt es sich dann schon" (sehr frei übersetzt) (bzw. sehr nah am russischen).

Feuer, Himmel, Erde, Wasser. Alle Elemente und Fressen bis zum Geht-nicht-mehr. Ein ur-russisches Fest.
23.02. Tag der Vaterlandsverteidiger
Wo allen „Vaterlandsverteidigern“, bzw. solchen, die es noch werden wollen oder auch mit Sicherheit nie werden (die Tücken der russischen Armee sind ja bekannt; dementsprechend hoch ist die Motivation, ihnen auf die eine oder andere Weise zu entgehen), aus ganzem Herzen gratuliert wird.
Das Pendant ist der 8. März, wo die Frauen ebenso herzlich gefeiert werden.
In Deutschland hat sich der Sinn von Feiertagen für mich ja bisher immer darin erschöpft, dass man frei hat. In Russland sind die Feiertage irgendwie wirklich Feier-Tage, auf die man sich regelrecht freut.
Damit komme ich zum Ende meiner Feiertagsberichterstattung. Das dritte neue Jahr müsst ihr euch selber vorstellen. Ich geh jetzt schlafen.
Neujahr

Wohl seit Sovjetzeiten der Hauptfeiertag ist Neujahr am 31.12. Er hat logischerweise auch einen Stellenwert wie Weihnachten und Neujahr zusammen. Angeblich werden alle 11 Zeitzonen gefeiert. Bei uns würde Neujahr dem ent -
sprechend um 20:00 Uhr anfangen und um 6 Uhr enden. In der Praxis habe ich das allerdings noch nicht erlebt -

Hier im asiatischen Teil Russlands ist das Leitmotiv für das neue Jahr das jeweilige Zeichen des chinesischen Tierkreises. Kalender, Neujahrskarten, Kuscheltiere, Eisskulpturen u.ä. zeigen dieses Jahr also den Tiger (Charaktereigenschaft: "verwegen"). Der Schokoweihnachtsmann findet sein Äquivalent im "Neujahrstiger".

Eisskulptur am Skver
Den ganzen Winter über stehen an mehr oder weniger zentralen Plätzen der Stadt Eisskulpturen und Rutschbahnen aus Eis.


Fußballtor aus Eis
Altes Neues Jahr
Über das Russische Weihnachten kann ich leider nicht viel sagen, da es bei uns wie gesagt ausgefallen ist.
„Altes Neues Jahr“ erfreute sich dagegen größerer Beliebtheit. Bei der Gelegenheit könnte ein bekanntes russisches Prinzip Erwähnung finden: man trinkt nicht, ohne zu essen, bzw. zu "degustieren", und auch nicht ohne Grund, bzw. Anlass. Jeder Tag kann so zum Feiertag werden.

Zeitlos: Plakat "Zum Feiertag!"
EPIPHANIAS-FEST am 19. Januar
Ein weiteres Spektakel ist die alljährlich am 19.01. stattfindende Erneuerung der Taufe, bei der man sich "gleichsam" von seinen Sünden reinwäscht
Hierzu steigt man in das „eiskalte“ Wasser (Wörter sind so schwach) eines nahe liegenden, geweihten Gewässers und taucht, sich zwischendurch bekreuzigend, dreimal zhelatelno komplett unter Wasser.
Danach ist es einem (bei -30 Grad Außentemperatur) angeblich wärmer als vorher (wohlbemerkt, es handelt sich hierbei um Informationen aus zweiter Hand) und man wird das ganze nächste Jahr nicht krank. "Главное, чтобы в сердце тепло было" - "Hauptsache im Herzen ist es warm".
Witzig ist, dass das Wasser so dampft, dass das Eisloch den Eindruck einer heißen Quelle erweckt. Das täuscht.
Abgesehen davon muss ich aber zugeben, dass die Sibirjaken bei weitem nicht so hart sind, wie es die Beschreibung solcher Bräuche vielleicht vermuten lässt. Es herrscht zwar dichtes Gedränge auf dem Eis, die meisten sind aber nur zum Abtrocknen, Anziehen-Helfen und Weihwasser-Abfüllen da.
Apropos Weihwasser-Abfüllen: das ist unter Umständen riskanter, als das Badengehen selber. Infolge des Genusses des "heiligen Wassers" erkrankten dieses Jahr in Irkutsk über 200 Menschen an akuter Darminfektion. Die Kirche weist solche Behauptungen zurück.

Darauf folgten im Verlauf der nächsten Wochen eine Reihe von Geburtstagen, unter anderem mein eigener, sowie die Hochzeit meiner Mitbewohner.
14. Februar: Valentinstag, Sagaalgan, "Sonntag der Verzeihung", Masleniza
Dann geht es am 14. weiter mit dem Valtentinstag, der in Russland mindestens so ernst genommen wird wie bei uns. Alle fragen mich immer ganz beeindruckt: "Du hast am Tag der Verliebten Geburtstag? Toll…".
Auf diesen Tag fiel dieses Jahr noch eine Reihe weiterer Feiertage, u.a. Sagaalgan, das burjatische Neue Jahr. Seit der Perestrojka in den 80-ern wird versucht, alte Traditionen und Bräuche, die in der Sovjetunion verboten waren, wiederzubeleben. So auch hierzulande in und um die autonome Republik Burjatien, wo das scheinbar ganz gut gelingt.
Der Name Sagaalgan kommt von "саган" ("weiß"). Früher wurde es im Herbst gefeiert, nachdem die Vorräte an Milchprodukten angelegt waren. Typisch für das Festessen sind daher neben mindestens zehn verschiedenen Gerichten aus Hammelfleisch (darunter dessen Kopf, der dem Ehrengast vorbehalten ist) raue Mengen an Milchprodukten. Man bezeichnet deshalb die Neujahrstage, die sich an das 3-tägige Neujahrsfest anschließen und einen ganzen Monat andauern, als "weißen Monat". Die Farbe "weiß" gilt bei den mongolischsprachigen Völkern als besondere Farbe. Sie ist Symbol für guten Anfang, Reinheit und Einsicht.
Erst ein Enkel Tschingis Khans verlegte das Neue Jahr unter dem Einfluss von Buddhismus und chinesischer Astrologie auf das Winterende (Februar = erster Frühlingsmonat nach dem Mondkalender).
Am Neujahrstag, aber auch den ganzen weißen Monat über, besucht man, angefangen bei den Ältesten, Verwandte und Feunde und beschenkt sich gegenseitig. Männern wird zur Begrüßung als Zeichen der Ehrerbietung oft ein Chadak (Seidenschal) überreicht.

Burjatisch-mongolische Begrüßungszeremonie mit weißem Chadak
Die Bewirtung der Familienmitglieder und Gäste ist sehr wichtig und äußerst üppig, da sie magische Bedeutung hat: je reicher die Bewirtung, umso besser das neue Jahr. Am Vorabend wirft jedes Familienmitglied als Opfer für den Feuergott ein kleines Stück von jeder Speise in den Ofen. Das eigentliche Festmahl beginnt, indem der Hausherr mit scharfem Messer das Fleisch zerteilt (die Güte des Familienoberhaupts wird gewissermaßen an der Güte der geschliffenen Klinge gemessen).
Interessant finde ich auch, dass der Neujahrstag früher scheinbar soetwas wie der Geburtstag aller Burjaten war. Bis zur Revolution wurden an Sagaalgan alle ein Jahr älter.

"Sonntag der Verzeihung"
Letzter Sonntag vor Beginn der großen österlichen Fastenzeit und mein persönlicher Favorit unter den Feiertagen. Hier entschuldigen sich alle für das, was sie sich unter dem Jahr ohne mit der Wimper zu zucken angetan haben: "Verzeih mir!" - "Verzeih du mir!". Und zwar in russischer Manier mit einem so einnehmenden Grinsen, dass man einfach alles verzeihen muss. Eigentlich ein kirchlicher Feiertag, der an die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies aufgrund von Ungehorsam und Zügellosigkeit erinnert. Um die Vergebung der Sünden durch Gott zu erhalten, muss man zuerst selbst verzeihen. Solchermaßen gereinigt beginnt man die Fastenzeit, in der man sich auf ein geistigeres Leben konzentriert, um dann mit reinem Herzen die Auferstehung Jesus zu feiern. Über diesen Hintergrund sind sich natürlich nur die Gläubigsten unter den Gläubigen klar. Alle anderen entschuldigen sich "prosto tak" ("einfach so")
Masleniza
Außerdem markierte der 14. Februar dieses Jahr auch das Ende der "Butterwoche" - "Masleniza" -, während der vor Beginn der "Großen Fastenzeit" Unmengen von "Blini" (russ. Pfannkuchen) verzehrt werden.

Masleniza-Puppe
Zum Frühlingsanfang wird der letzte Tag der Butterwoche ausgelassen mit einer Reihe von Bräuchen und Wettbewerben zelebriert. Für mich, die ich, wie euch vielleicht schon aufgefallen ist, im Augenblick ziemlich aufgeschlossen für Demonstrationen männlichen Durchhaltevermögens, Abgebrühtheit, Kraft und Coolness bin (zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass meine Dauer-Hausarbeit über den "Geist der Sibirjaken" ja quasi einer kompletten Gehirnwäsche gleichkommt), am eindrucksvollsten das in-der-Unterhose-auf-einen-10m-hohen-Mast-klettern der sibirischen Jungs bei sibirischen Temperaturen – wer es schafft bekommt ein Handy.

"Если вы ещё мужчины, вы кое в чём сильны..." (Машина Времени)
Man verrät glaub ich nicht zu viel, wenn man sagt, dass es nicht jeder schafft. Ehrgeiz gehört ja nicht zu den berühmtesten Eigenschaften der Träger der russischen Seele... Die Tatsache, dass nur die wenigsten das Ziel erreichen, tut der Sache aber keinen Abbruch, sondern steigert nicht nur die Komik, sondern auch die Spannung und Anteilnahme am Schicksal der Helden.
Spektakulär sind auch die Faustkämpfe, die mit solchem Ernst ausgetragen werden, dass einem teilweise das Lachen im Hals stecken bleibt.



Aufstellung...

Und los!
Ich glaube, ich finde Russland auch deshalb so interessant, weil es in mancher Hinsicht so "roh" ist. Wir Deutschen sind so "vergeistigt" und auf Rücksichtnahme bedacht, dass wir uns gerade was einfache Gefühle betrifft, völlig in irgendwelchen (wenn auch teilweise abgefahrenen) Theorien verlieren. Die Russen dagegen haben sozusagen diesen "direkten Draht zu den Gefühlen". Die schenken sich nichts. Das ist natürlich auch ein wenig archaisch, aber ich glaube uns Deutschen kann es nicht schaden, sich mal auf einer weniger theoretischen Ebene mit "Trieben" auseinanderzusetzen. Daher finde ich zum ersten mal in meinem Leben auch Schlägereien gut. Falls das irgendeinen Sinn macht.
Wie schon Napoleon sagte: "Главное ввязаться в бой - а там видно будет!" - "Das wichtigste ist, sich in die Schlacht zu mischen. Da zeigt es sich dann schon" (sehr frei übersetzt) (bzw. sehr nah am russischen).

Der Tag endet im begeisterten Anzünden der Puppe ("Tschutschelo")
Feuer, Himmel, Erde, Wasser. Alle Elemente und Fressen bis zum Geht-nicht-mehr. Ein ur-russisches Fest.
23.02. Tag der Vaterlandsverteidiger
Wo allen „Vaterlandsverteidigern“, bzw. solchen, die es noch werden wollen oder auch mit Sicherheit nie werden (die Tücken der russischen Armee sind ja bekannt; dementsprechend hoch ist die Motivation, ihnen auf die eine oder andere Weise zu entgehen), aus ganzem Herzen gratuliert wird.
Das Pendant ist der 8. März, wo die Frauen ebenso herzlich gefeiert werden.
In Deutschland hat sich der Sinn von Feiertagen für mich ja bisher immer darin erschöpft, dass man frei hat. In Russland sind die Feiertage irgendwie wirklich Feier-Tage, auf die man sich regelrecht freut.
Damit komme ich zum Ende meiner Feiertagsberichterstattung. Das dritte neue Jahr müsst ihr euch selber vorstellen. Ich geh jetzt schlafen.
Donnerstag, 22. April 2010
Hochzeit auf russisch
Seit Wochen will ich über die Feiertage schreiben, aber ich kriege es irgendwie nicht gebacken. Es sind einfach zu viele. Also diesmal wieder nur ein „Feiertag“, und zwar die Hochzeit meiner Mitbewohner in Bratsk.
Im Standesamt, umgeben von Mamor, Kronleuchtern, blauem Licht und sanft plätschernder Life-Keyboard-Musik, war alles so hochoffiziell, dass mich im ersten Moment fast der Schlag traf und uns Trauzeugen beim Unterschreiben förmlich die Hände zitterten (die Braut dagegen unterschrieb völlig routiniert).


Ljoscha, der Bruder von Zhenya, dem Bräutigam, hatte nach der Zeremonie im Zags den Anschluss an die traditionelle Fototour zu sämtlichen Sehenswürdigkeiten der Stadt verpasst, und ging betrübt nach Hause. Nachdem wir seine Abwesenheit endlich bemerkt hatten, haben wir ihn sofort angerufen und irgendwo auf ihn gewartet. Zum Ausgleich durfte er sich ins Hochzeitsauto dazusetzen. Inniges Gespräch zwischen Bräutigam und Bruder, Tränen der Rührung. Vlad - Trauzeuge und Chauffeur - grinsend: "Fotografier sie!". Worauf hin ich zögernd zum Fotoapparat griff, weil es mir irgendwie unangenehm war, einen „weinenden Mann“ zu fotografieren. Vlad: „Ты что – это же чувства!“ – „Komm schon, das sind doch GEFÜHLE!“. Genau. Wir Deutschen sind schon seltsam. Versuchen immer unsere Gefühle zu verbergen, dabei hat doch jeder Gefühle. Deutschland könnte von Russland einiges lernen, was die Gefühlsebene anbetrifft. (Und umgekehrt. Aber im Gegensatz zu den Deutschen ist den Russen das ja schon lange klar.)




Gleich nach dem Abbiegen ins "Schneeland" sind wir volle Kanne in den Graben gerutscht, was natürlich nicht dazu führt, dass man wieder umdreht. Alle Mann raus, schieben, weiter in den nächsten Graben.




Süß war, wie stolz alle auf die "amerikanische Braut" waren. Zhenyas Bruder Ivan meinte, jetzt habe die ganze Stadt etwas, auf das sie stolz sein kann - eine einzige solche Braut in der ganzen Geschichte der Stadt!



Anschließend fuhren wir ins Restaurant „Bierhaus“ (sprich: Bier-cháus), was an sich schon leicht grotesk war. Dazu kam, dass ich russische Hochzeiten nur aus „Brigada“ (Fernsehserie über die 90er in Russland) kannte. Dort ist die Hochzeit mit Blick auf die U-förmige Tafel gefilmt. Zentral natürlich das Brautpaar, die Trauzeugen (sprich: Vlad und ich) und die Eltern. Daher fand ich es den ganzen Abend irritierend, aus der entgegen gesetzten Blickrichtung auf das Spektakel zu blicken. Der ganze Tisch voll gestellt mit Hecht usw. Für mich als Vegetarierin (Vegetarier, die Fisch essen, heißen „Piskarier“) kam sozusagen nur Sekt und Fruchtsalat in Betracht. Der immerhin wurde aber extra und nur für mich zubereitet, was komischerweise auch sofort jedem auffiel.


Dann den ganzen Abend hindurch volles Programm der Alleinunterhalterin. Spiele aller Art, an denen selbstverständlich teilgenommen werden muss. Der Bräutigam wurde zur allgemeinen Begeisterung zu einer Art Striptease genötigt (der allerdings "vovremja" abgebrochen wurde
).

Der Abend endete logischerweise mit dem Heimfahren. Meine Schuhe waren unauffindbar (was nicht an dem vielen Trinken auf sozusagen vollkommen nüchternen Magen lag, sondern, wie sich freilich erst anderntags herausstellte, daran, dass sie fürsorglich eingepackt worden waren), so dass ich, typisch russisch gentlemen-like, vom Restaurant ins Auto, vom Auto in den Lift und vom Lift in die Wohnung getragen wurde.
Also kurz gesagt, selbst ich, die ich heiraten eigentlich "total doof" finde, fand die Hochzeit dermaßen nett, dass ich mir jetzt zumindest vorstellen kann, "russisch" zu heiraten. Wenn auch hauptsächlich, weil es so unwahrscheinlich ist.
Im Standesamt, umgeben von Mamor, Kronleuchtern, blauem Licht und sanft plätschernder Life-Keyboard-Musik, war alles so hochoffiziell, dass mich im ersten Moment fast der Schlag traf und uns Trauzeugen beim Unterschreiben förmlich die Hände zitterten (die Braut dagegen unterschrieb völlig routiniert).


Ljoscha, der Bruder von Zhenya, dem Bräutigam, hatte nach der Zeremonie im Zags den Anschluss an die traditionelle Fototour zu sämtlichen Sehenswürdigkeiten der Stadt verpasst, und ging betrübt nach Hause. Nachdem wir seine Abwesenheit endlich bemerkt hatten, haben wir ihn sofort angerufen und irgendwo auf ihn gewartet. Zum Ausgleich durfte er sich ins Hochzeitsauto dazusetzen. Inniges Gespräch zwischen Bräutigam und Bruder, Tränen der Rührung. Vlad - Trauzeuge und Chauffeur - grinsend: "Fotografier sie!". Worauf hin ich zögernd zum Fotoapparat griff, weil es mir irgendwie unangenehm war, einen „weinenden Mann“ zu fotografieren. Vlad: „Ты что – это же чувства!“ – „Komm schon, das sind doch GEFÜHLE!“. Genau. Wir Deutschen sind schon seltsam. Versuchen immer unsere Gefühle zu verbergen, dabei hat doch jeder Gefühle. Deutschland könnte von Russland einiges lernen, was die Gefühlsebene anbetrifft. (Und umgekehrt. Aber im Gegensatz zu den Deutschen ist den Russen das ja schon lange klar.)

Brüder



Gleich nach dem Abbiegen ins "Schneeland" sind wir volle Kanne in den Graben gerutscht, was natürlich nicht dazu führt, dass man wieder umdreht. Alle Mann raus, schieben, weiter in den nächsten Graben.




Prinzessin in weiß
Süß war, wie stolz alle auf die "amerikanische Braut" waren. Zhenyas Bruder Ivan meinte, jetzt habe die ganze Stadt etwas, auf das sie stolz sein kann - eine einzige solche Braut in der ganzen Geschichte der Stadt!

Braut in Valenki (Filzstifel)

Auf dem "Bratsker Meer"

Anschließend fuhren wir ins Restaurant „Bierhaus“ (sprich: Bier-cháus), was an sich schon leicht grotesk war. Dazu kam, dass ich russische Hochzeiten nur aus „Brigada“ (Fernsehserie über die 90er in Russland) kannte. Dort ist die Hochzeit mit Blick auf die U-förmige Tafel gefilmt. Zentral natürlich das Brautpaar, die Trauzeugen (sprich: Vlad und ich) und die Eltern. Daher fand ich es den ganzen Abend irritierend, aus der entgegen gesetzten Blickrichtung auf das Spektakel zu blicken. Der ganze Tisch voll gestellt mit Hecht usw. Für mich als Vegetarierin (Vegetarier, die Fisch essen, heißen „Piskarier“) kam sozusagen nur Sekt und Fruchtsalat in Betracht. Der immerhin wurde aber extra und nur für mich zubereitet, was komischerweise auch sofort jedem auffiel.


Hochzeitstorte
Dann den ganzen Abend hindurch volles Programm der Alleinunterhalterin. Spiele aller Art, an denen selbstverständlich teilgenommen werden muss. Der Bräutigam wurde zur allgemeinen Begeisterung zu einer Art Striptease genötigt (der allerdings "vovremja" abgebrochen wurde

Der Abend endete logischerweise mit dem Heimfahren. Meine Schuhe waren unauffindbar (was nicht an dem vielen Trinken auf sozusagen vollkommen nüchternen Magen lag, sondern, wie sich freilich erst anderntags herausstellte, daran, dass sie fürsorglich eingepackt worden waren), so dass ich, typisch russisch gentlemen-like, vom Restaurant ins Auto, vom Auto in den Lift und vom Lift in die Wohnung getragen wurde.
Also kurz gesagt, selbst ich, die ich heiraten eigentlich "total doof" finde, fand die Hochzeit dermaßen nett, dass ich mir jetzt zumindest vorstellen kann, "russisch" zu heiraten. Wenn auch hauptsächlich, weil es so unwahrscheinlich ist.
Donnerstag, 15. April 2010
Kjachta - "Venedig des Sandes"
Endlich war ich in Kjachta. Neben Bratsk die zweite Stadt, in die ich mich schlicht aufgrund der Beschreibung in Heike Malls und Roger Justs Reise-Know-How-Handbuch "Baikal - See und Region" verliebt habe. Das Buch ist sowas wie die Bibel jedes Ostsibirien-Reisenden, weil neben dem Internet einzige Informationsquelle, denn die Sibirjaken reisen nicht. ("Wozu?")


Früher eine wichtige Handelsstadt, von der aus Tee aus China nach Europa geliefert wurde und in der daher Mitte des 19. Jahrhunderts nur Millionäre gelebt haben sollen, ist es heute einfach ein sympathisches, quirliges, kleines Städtchen an der Grenze zur Mongolei. Nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht aber doch eher mehr. Ich persönlich habe auf jeden Fall selten irgendwo so das Gefühl gehabt "vom Geist alter Zeiten umweht" zu sein wie hier. (Also irgendwie werde ich, was deutsche Redewendungen betrifft, immer unsicherer. Naja, ihr wisst schon, was ich meine-)
Durch die eigenartige und sehr charmante Mischung aus europäischem und russischem Baustil (keine Ahnung, warum sich in der Literatur nirgends die Bezeichnung "Rom Sibiriens" findet) mit russisch-burjatisch-mongolischer Bevölkerung und einem ganzen Haufen Soldaten und Militäranlagen ist Kjachta schlagartig zu meiner 3.-liebsten russischen Stadt - hinter Moskau und Bratsk, auf einer Ebene mit Irkutsk - aufgestiegen.





Im Vergleich zu Irktusk gibt es in Kjachta noch viele Zeugnisse des Kommunismus. Aber Irkutsk ist anscheinend sowieso eine der "unkommunistischsten" Städte überhaupt. (Abgesehen vom Bürgermeister
. Aber der wurde nicht weil, sondern obwohl er der kommunistischen Partei angehört, gewählt. Außerdem ist er kein Kommunist.)




Aufgrund des völlig unerwarteten Übernachtungsengpasses (Achtung Komandirovka) waren wir gezwungen, uns in einem verhältnismäßig teuren "Hotel" in Sloboda, im alten Teil der Stadt, einzuquartieren (17 Euro). In der Folge wohnten wir als einzige Gäste direkt gegenüber der Auferstehungskirche, in etwa 200 m Entfernung zum alten Handelshof. So unmittelbar umgeben von zentralen Sehenswürdigkeiten habe ich glaube ich noch nie geschlafen.

Die Auferstehungskirche wird im oben erwähnten Reiseführer folgendermaßen beschrieben: "auch hier fehlen Fenster, der Wind weht durch die hohen Kirchenräume. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass die Auferstehungskirche seit ihrer Fertigstellung (ca. 1838) wohl die reichste Kirche im Baikalgebiet war. Die Kaufleute von Kjachta überbaten einander an Großzügigkeit, sie spendeten eine prächtige Ikonenwand, eine silberne Kanzel und viele andere prunkvolle Ausstattungsstücke. Teilweise wurde dieser Reichtum bereits im Bürgerkrieg Opfer von Plünderungen. Endgültig wurde auch diese Kirche 1930 geschlossen".


Neben dem sehr interessanten Heimatmuseum und der Besichtigung sämtlicher militärischer Anlagen in der Umgebung, die uns von drei jungen russischen Soldaten, die wir in einem Imbiss kennengelernt hatten, aufgedrängt wurde (daher auch der Mangel an "normalen" Stadtfotos), war für mich die Hauptattraktion der Handelshof, der im alten Teil der Stadt ungestört dem Verfall überlassen wird.




Das bläuliche Abendlicht und eine mehr als eigenartige Geräuschkulisse (aus der Ferne klangen Töne herüber, die man wohl als Arbeitsgeräusche bezeichnen muss, wenn ich auch nicht die geringste Vorstellung davon habe, was für eine Arbeit solche Geräusche verursacht) erzeugten in den endlosen Gängen in Kombination mit Dutzenden von Torbögen, die sich scheinbar ins Unendliche erstrecken, eine Atmosphäre, die sich allenfalls als tarkovskij-mäßig beschreiben lässt. Als würde man in einem Spiegellabyrinth durch die Spiegel hindurch gehen.





Nun zur Auflösung des durch die Kollision von Titel und "Artikel" entstandenen Rätsels:
Kjachta wird "Venedig des Sandes" genannt, weil es dort sandig ist.


Früher eine wichtige Handelsstadt, von der aus Tee aus China nach Europa geliefert wurde und in der daher Mitte des 19. Jahrhunderts nur Millionäre gelebt haben sollen, ist es heute einfach ein sympathisches, quirliges, kleines Städtchen an der Grenze zur Mongolei. Nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht aber doch eher mehr. Ich persönlich habe auf jeden Fall selten irgendwo so das Gefühl gehabt "vom Geist alter Zeiten umweht" zu sein wie hier. (Also irgendwie werde ich, was deutsche Redewendungen betrifft, immer unsicherer. Naja, ihr wisst schon, was ich meine-)
Durch die eigenartige und sehr charmante Mischung aus europäischem und russischem Baustil (keine Ahnung, warum sich in der Literatur nirgends die Bezeichnung "Rom Sibiriens" findet) mit russisch-burjatisch-mongolischer Bevölkerung und einem ganzen Haufen Soldaten und Militäranlagen ist Kjachta schlagartig zu meiner 3.-liebsten russischen Stadt - hinter Moskau und Bratsk, auf einer Ebene mit Irkutsk - aufgestiegen.


Wurstwaren

Wein Wodka Säfte

Bonbons aus Moskau

Im Vergleich zu Irktusk gibt es in Kjachta noch viele Zeugnisse des Kommunismus. Aber Irkutsk ist anscheinend sowieso eine der "unkommunistischsten" Städte überhaupt. (Abgesehen vom Bürgermeister




Lenin und die Kirche
Aufgrund des völlig unerwarteten Übernachtungsengpasses (Achtung Komandirovka) waren wir gezwungen, uns in einem verhältnismäßig teuren "Hotel" in Sloboda, im alten Teil der Stadt, einzuquartieren (17 Euro). In der Folge wohnten wir als einzige Gäste direkt gegenüber der Auferstehungskirche, in etwa 200 m Entfernung zum alten Handelshof. So unmittelbar umgeben von zentralen Sehenswürdigkeiten habe ich glaube ich noch nie geschlafen.

Die Auferstehungskirche wird im oben erwähnten Reiseführer folgendermaßen beschrieben: "auch hier fehlen Fenster, der Wind weht durch die hohen Kirchenräume. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass die Auferstehungskirche seit ihrer Fertigstellung (ca. 1838) wohl die reichste Kirche im Baikalgebiet war. Die Kaufleute von Kjachta überbaten einander an Großzügigkeit, sie spendeten eine prächtige Ikonenwand, eine silberne Kanzel und viele andere prunkvolle Ausstattungsstücke. Teilweise wurde dieser Reichtum bereits im Bürgerkrieg Opfer von Plünderungen. Endgültig wurde auch diese Kirche 1930 geschlossen".

Der Dom ist leider nicht mehr zu retten

Dom, Detail
Neben dem sehr interessanten Heimatmuseum und der Besichtigung sämtlicher militärischer Anlagen in der Umgebung, die uns von drei jungen russischen Soldaten, die wir in einem Imbiss kennengelernt hatten, aufgedrängt wurde (daher auch der Mangel an "normalen" Stadtfotos), war für mich die Hauptattraktion der Handelshof, der im alten Teil der Stadt ungestört dem Verfall überlassen wird.




Das bläuliche Abendlicht und eine mehr als eigenartige Geräuschkulisse (aus der Ferne klangen Töne herüber, die man wohl als Arbeitsgeräusche bezeichnen muss, wenn ich auch nicht die geringste Vorstellung davon habe, was für eine Arbeit solche Geräusche verursacht) erzeugten in den endlosen Gängen in Kombination mit Dutzenden von Torbögen, die sich scheinbar ins Unendliche erstrecken, eine Atmosphäre, die sich allenfalls als tarkovskij-mäßig beschreiben lässt. Als würde man in einem Spiegellabyrinth durch die Spiegel hindurch gehen.





Nun zur Auflösung des durch die Kollision von Titel und "Artikel" entstandenen Rätsels:
Kjachta wird "Venedig des Sandes" genannt, weil es dort sandig ist.
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Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk

