In meiner Straße in Greifswald gibt es vier Studentenwohnheime. Wenn mich jemand fragt, in welchem von ihnen ich wohne, antworte ich immer: „In dem mit den vielen Arabern“. Und alle wissen sofort Bescheid.
In unserem Wohnheim hat jeder ein eigenes Zimmer, aber im Zimmer fast jeden Arabers wohnen noch zwei bis… zu einer unbegrenzten Anzahl Menschen.

Ausgehend von der Anzahl der Schuhe vor einer Tür... kann man die Schlussfolgerung über die Anzahl der Leute, die dort wohnen, selbständig ziehen
Auf meiner Etage gibt es drei „ständige“ Araber, die allerdings in zwei Zimmern wohnen, und ständig wechselnde Arabermassen, die ich mir nicht einmal schnell genug merken kann. Fast alle studieren Medizin. Außerdem haben sie einen „Küchenbeauftragten“ (jeder reihum), der einen riesigen Topf Essen für alle kocht. Und sie singen sehr gerne! Egal, was – ihre nationalen Lieder oder einen Hit von Britney Spears – ihnen gefällt der Prozess als solcher! Und wenn sie hören, dass jemand vorbei geht, fangen sie an, noch lauter zu singen!
Sie sind echt nette Typen – sehr kontaktfreudig, manchmal aber wirklich etwas zu aufdringlich. Zum Beispiel fragen sie, wenn sie sehen, dass ich etwas koche, auf jeden Fall nach, was das ist und woraus es gemacht wird, erzählen, wie sie es machen würden, und versuchen sogar, in den Topf zu gucken.
Und natürlich ist ihre Lieblingsfrage, ob ich einen Freund habe – und ob ich nicht will, dass einer von ihnen mein Freund wird.
Das fragen sie jedes Mädchen, das sie treffen – in der Küche, auf dem Flur, in der Eingangshalle... „Hallo – Wie heißt du – woher bist du – hast du einen Freund?“.
Ich habe einem von ihnen einmal geantwortet, dass ich verheiratet bin, und meinen Bekannten aus einem anderen Wohnheim gebeten zu sagen, dass er mein Mann ist. Danach sind die Fragen für eine ganze Woche ausgeblieben! Allerdings hatten alle Araber großes Mitgefühl mit mir, weil ich keine prunkvolle Hochzeit hatte, die nach ihren Bräuchen mindestens drei Tage dauern muss.
Zuerst habe ich gar nicht verstanden, was das soll, aber dann hat einer von ihnen mir erklärt, dass in ihren Ländern (der Großteil von ihnen ist aus dem Jemen, aber es gibt auch welche aus anderen Ländern) schon einfach mit einem Mädchen zu sprechen derart seltsam und ungewohnt ist, und einfach unmöglich, dass es für sie jedes Mal ein richtiges Abenteuer ist, von dem sie später mit Stolz ihren Freunden in der Heimat berichten.
Ganz in der Nähe von unserem Wohnheim liegt eine Moschee. Sie ist nicht ganz gewöhnlich, oder richtiger: Sie ist total ungewöhnlich. Denn sie befindet sich in einem Gebäude mit dem Namen „Kiste“ – und es sieht auch wirklich aus wie eine große, rechteckige Kiste. Auf der einen Seite ist ein Nachtclub, auf der anderen sind Lehrräume für die Campus-Seminare, auf der dritten ist die muslimische Moschee. Und schon seit vielen Jahren kommen sie unter einem Dach miteinander aus.
Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk

