
Die ist nämlich meiner Meinung nach das bemerkenswerte Ereignis auf der ganzen Segelwoche, sozusagen ihr „Rosinchen“. Denn schließlich kann man sich auch in anderen Städten Musik auf einer Bühne anhören oder alle möglichen asiatischen Leckerbissen probieren, aber so tief in die Atmosphäre der Segelepoche einzutauchen und die berühmtesten Segelschiffe der Welt live zu erleben – diese Gelegenheit hat man nicht oft. Mit dem Wetter haben wir jedenfalls absolut Glück gehabt: seit dem Morgen schien die Sonne, es wehte eine frische Brise, und die Ufer der Kieler Bucht fingen so ab etwa 9 Uhr an, sich mit Zuschauern zu füllen. Die Parade selbst begann erst um 11, und es glitten mehr als 100 große Segelschiffe und 20 Segelboote majestätisch über das Wasser; die Zahl der einfachen Yacht-Liebhaber wird dabei noch nicht einmal erfasst.

Angeführt wurde diese Prozession durch den Dreimaster „Alexander von Humboldt II“, der gerade erst im letzten Jahr als Kopie des berühmten gleichnamigen Schiffs gebaut worden war. Der „echte“ „Alexander von Humboldt“, der aus dem Jahr 1906 stammte, war schon zu alt und hat seinen Meeresdienst abgeleistet, zumindest, was die Gewässer der Ostsee angeht. Traditionell sollte am Kopf der Parade das Schulsegelschiff „Gorch Fock“ (1958) aus der deutschen Kriegsflotte fahren, doch in diesem Jahr befand sich das Schiff in der Reparatur. Unter den russischen Gästen der Kieler Bucht waren die „Mir“ und die „Sedow“ mit dabei. Das letztere Schiff war übrigens im Jahre 1921 noch in Kiel gebaut worden, allerdings als „Magdalene Vinnen II“, doch nach dem Krieg hatte man es an die UdSSR übergeben und umgetauft. Heute ist diese Bark, ein Viermaster, das weltweit größte Schulsegelschiff.
Wir haben im Grunde noch Glück gehabt – ich konnte mir die Parade ansehen und war gleichzeitig auch ihr Teilnehmer, denn ich befand mich an Bord der kleinen Universitäts-Yacht „Albertina“. Auf dieser werden normalerweise an den Wochenenden Gäste ausgefahren – zum Beispiel Studierende aus dem Ausland. Denn schließlich ist der Segelsport doch das, was man in Kiel auf jeden Fall einmal ausprobieren sollte. Solche Ausflüge bietet das internationale Zentrum an (hier ist der Link für mögliche Interessenten), doch die Yacht wird eben direkt von Hobby-Seglern, und zwar auf ehrenamtlicher Basis, gefahren. Seit dieser Woche bin ich einer davon, obwohl ich mich bisher allerdings nur als Hilfskraft einbringen konnte.
Auf jeden Fall hat die „Albertina“ mit einer Equipe von 4 Personen gestern auch an der Parade teilgenommen. So ungefähr von 11.30 bis 14.00 Uhr haben wir uns zwischen den anderen Schiffen durchmanövriert und in Begeisterung für die Schönheit der Segelflotten geschwelgt. Der Wind, der zu Anfang ziemlich schwach war, hatte sich in dieser Zeit auf 18-20 Knoten erhöht, und deswegen fuhren die Segelschiffe nicht mit vollen Segeln, sondern lediglich mit der gehissten Fock (dem vorderen Segel) in die Bucht, damit die Zuschauer das Schauspiel länger genießen konnten.



Die Arbeit an Bord schlaucht. Das merkt man gar nicht, solange man noch auf dem Wasser ist, aber sobald der Fuß auch nur das Festland berührt, kommt die Erschöpfung über einen wie ein schweres Gewicht. In den drei Stunden Segelzeit hat unsere kleine Equipe alle möglichen nur denkbaren Operationen ausgeführt – wir haben den Kurs geändert, zweimal aufgrund der Windstärke die Segel eingeholt und wieder gehisst, das große Segel wieder gesetzt, gerafft (und somit die Segelfläche verringert) und so weiter. Und dabei ständig die Seile bedienen – genau das ist es ja, was man größtenteils auf einem Segelschiff macht – ist keine ganz einfache Sache!
Nach der Parade machte sich ein Großteil der Segelschiffe auf den Weg, um schon vor anderen Zuschauern und in anderen Häfen zu glänzen. Die „Albertina“ legte derweil ganz ruhig in ihrem universitären Hafen an. Morgen wird sie wieder Gäste herumfahren, aber dann schon nicht mehr in Begleitung ihrer „großen Brüder“.


