Die Wolgograder Museen nutzen diesen Anlass, um eine Museumsnacht zu initiieren. Die laute Musik und die treibenden Massen locken mich ins Heimatkundemuseum. Zuerst lande ich in der frisch fertiggestellten Ausstellung „90 Jahre Pioniere“, die voll ist mit lauter Jugendlichen mit roten Halstüchern, dessen Pioniersknoten zu einem perfekten Dreieck gebunden sind und die in Reih und Glied das Pionierswesen nachahmen. Die 1922 gegründete Organisation der Leninpioniere wäre dieses Jahr neunzig Jahre alt geworden, wenn man sie 1990 nicht genau wie die Jugendorganisation
Dienstag, 22. Mai 2012
Ein bisschen Pionier, ein bisschen Krieg, ein bisschen Kirche - Museumsnacht in Wolgograd
Pünktlich um 18 Uhr schallt die Stimme des Museumsdirektor durch den südlichen Zipfel des Lenin-Prospekts: „ Die Museumsnacht im Heimatkundemuseum ist feierlich eröffnet.“ Laute Musik begleitet seine Festrede und eine Menge geladener Gäste, durch das sommerliche Wolgograd flanierende Fußgänger und neugierige Kollegen drängen sich am Eingang. Es ist Freitag, der 18. Mai und man feiert bereits heute den internationalen Tag des Museums, der wie mir Wikipedia später verrät, an jedem dritten Sonntag im Mai international begangen wird, um auf die Vielfalt und Bedeutung der Museen hinzuweisen.
Die Wolgograder Museen nutzen diesen Anlass, um eine Museumsnacht zu initiieren. Die laute Musik und die treibenden Massen locken mich ins Heimatkundemuseum. Zuerst lande ich in der frisch fertiggestellten Ausstellung „90 Jahre Pioniere“, die voll ist mit lauter Jugendlichen mit roten Halstüchern, dessen Pioniersknoten zu einem perfekten Dreieck gebunden sind und die in Reih und Glied das Pionierswesen nachahmen. Die 1922 gegründete Organisation der Leninpioniere wäre dieses Jahr neunzig Jahre alt geworden, wenn man sie 1990 nicht genau wie die Jugendorganisation
Man feiert heute trotzdem ein bisschen. Menschen zwischen 30-50 Jahre alt betreten den Ausstellungssaal mit leuchtenden Augen, erzählen von ihrer Kindheit, probieren sich an der Trommel und demonstrieren inbrünstig den Pioniersgruß „Seid bereit - Immer bereit“. Nur einen kleinen Schuljungen juckt es nicht. Er verwechselt die Trompete mit einem Fernrohr, sucht den Raum damit nach nicht vorhandenen Sternen ab, um letztendlich von der Pioniersleiterin eines Besseren belehrt zu werden. Im benachbarten Saal kann man sich einen Einblick in das Leben der „Goldenen“ 60er Jahre in der Sowjetunion verschaffen. Ein junger Student dudelt auf seiner Gitarre vor der Kulisse einer echten Chruschtschowka-Wohnungseinrichtung „Wassja, stiljaga iz Moskvij“, während ich vor einer Collage mit Bildern und Dokumenten aus dem Jahre 1967 hängen bleibe.
In diesem Jahr wurde der Erinnerungskomplex mit der Mutter-Heimat-Statue auf dem Mamaew Hügel unter Beisein des ZK-Generalsekretärs Leonid Breschnew in Wolgograd eingeweiht. Das Problem dieser wie so vieler anderer Zeugnisse des Heimatkundemuseums: Sie haben weder eine angegebene Quelle, noch eine Beschreibung, ganz zu schweigen von einer reflektierten Bewertung. Und so stehe ich vor einem Bild, das Breschnew mit zwei anderen Herren zeigt und streite mich mit meiner Begleitung, ob der eine von ihnen nun der kahlköpfige Nikita Chruschtschow sei oder nicht, bis ein weiterer Besucher hinzukommt, der mir dann endlich auf die Sprünge hilft und sämtliche Personen auf den Bildern mit Namen versieht. „Podgornij, Kosygin, Kulischenko, Borodin. Ja, ich erinnere mich an 1967, damals war ich dreizehn.“ Wir plaudern ein bisschen und ich denke mir, dass die in meinen Augen minimale mit gar nicht vorhandene Beschreibung der Exponate doch auch etwas Gutes mit sich bringt. An sowjetischem Kinderspielzeug, Retrofahrrad und Gagarinjubel vorbei, gerate ich zunächst in einen Saal mit ausgestopften Tieren der Wolgograder Flora und Fauna und lande schließlich am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo eine ältere Dame mit hochgesteckten Dutt auf der Singer Nähmaschine fröhlich in die Pedale tritt: „Diese Maschine hat meine Mutter 1945 bekommen. Ich nähe bis heute auf dieser, “ und zeigt auf ihr pastellfarbenes Kostüm, das akkurat gesäumt ist. Cool, denke ich mir und will auch, dass Nadeschda Antoljewna für mich etwas auf der Singer näht. Mit dem Holzzeigestock erklärt sie, wie die Maschine funktioniert und was man alles beachten muss.
Wenige Meter weiter wird das traditionelle russische Tschaijepitje demonstriert und man schlürft Tee aus schicken Porzellantassen des frühen 20. Jahrhunderts. Weiter geht´s zu den Neandertalern nebenan, wo sich in einem weiteren Saal der Ausstellungsraum zum Großen Vaterländischen Krieg anschließt. Wehrmachtsuniformen betrachtend grölt mir Wyssozkijs Stimme „Rettet unsere Seelen“ ins Ohr. Als Soldaten verkleidete Schauspieler lassen einen kleinen Jungen mit der Gewehrsattrappe spielen.
Anlässlich des 20jährigen Bestehens der Wolgograder Eparchie der Russisch-orthodoxen Kirche wurde ein prachtvoller Saal zur Kirchengeschichte und –praktiken eingeweiht. Man kann neben Aktenbildern repressierter Priester aus den 30er Jahren auch Fotos von der feierlichen Teilnahme heutiger Geistlicher am Tag des Sieges sehen. Auf eine Erklärung muss man jedoch wie gewohnt verzichten. Schade, denn mich hätte schon interessiert, wie man die Beziehungen zwischen Kirche und Staat –damals wie heute- erklärt. Am Ausgang wieder angekommen, stelle ich fest, dass ich gut zwei Stunden im Museum verbracht habe. Das bunte Sammelsurium von Ausstellungsexponaten, das zeitlich gern mal springt, auslässt, zwecks irgendeiner Auskunft meistens schweigt und nicht immer zur Geschichte Wolgograds passt, ist nichtsdestotrotz einen Besuch wert. Es ist 22 Uhr, die Nacht ist über die Stadt gekommen und die leuchtenden Funken der Kunsthandwerkertruppe am Schmiedeamboss vor dem Museum geben meiner Museumsnacht einen netten Abschluss. Am Vorabend zum internationalen Tag des Museums hat das Wolgograder Heimatkundemuseum ganz sicher auf seine Vielfalt und Bedeutung aufmerksam gemacht.
Die Wolgograder Museen nutzen diesen Anlass, um eine Museumsnacht zu initiieren. Die laute Musik und die treibenden Massen locken mich ins Heimatkundemuseum. Zuerst lande ich in der frisch fertiggestellten Ausstellung „90 Jahre Pioniere“, die voll ist mit lauter Jugendlichen mit roten Halstüchern, dessen Pioniersknoten zu einem perfekten Dreieck gebunden sind und die in Reih und Glied das Pionierswesen nachahmen. Die 1922 gegründete Organisation der Leninpioniere wäre dieses Jahr neunzig Jahre alt geworden, wenn man sie 1990 nicht genau wie die Jugendorganisation
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