„Vom unterschriebenen und gestempelten Dokument, machst Du eine Kopie und trägst das ganze handschriftlich in unserer Mappe für Dokumentenverkehr mit einer fortlaufenden Nummer ein. Am besten rufst Du dann in der Einrichtung, wohin Dein Brief gehen soll persönlich vorher an. Oder noch besser: schick das Dokument per Fax vor und dann bringst Du es anschließend persönlich vorbei. Von der Sekretärin, die das Dokument in Empfang nimmt, lässt Du Dir auf die angefertigte Kopie einen Eingangsstempel mit einer Empfangsnummer geben, so dass Du dann in ein paar Tagen persönlich anrufen kannst, um zu erfragen, wie die Antwort auf das Schreiben ist,“ schickt mich eine meiner Kolleginnen auf den Marsch durch die Kulturinstitutionen des eisigkalten, winterlichen Wolgograds.
Oh Gott, denke ich und schaue völlig entmutigt auf die fünf Briefe, die ich persönlich mit oder ohne vorherigen Anruf bei der Gorki-Bezirksbibliothek, dem universitären Gästehaus, der Bezirksverwaltung des zentralnij rajons, der Kunsthochschule Serebrjakow und der Wolgograder Philharmonie abzuliefern habe. Aber gut, wenn man so Schriftverkehr po-russki betreibt, dann will ich mich auf die Socken machen. Auf die warmen Wollsocken, wohl bemerkt. Bei Minusgraden geht es auf zur ersten Station. „Ihren Ausweis bitte,“ grummelt der Pförtner vor sich hin. „Deutschland?!“ schaut er sich ungläubig meinen Pass an und verwickelt mich prompt in ein Gespräch darüber, dass er vor 30 Jahren auch mal Deutsch gelernt hätte, aber nichts mehr könne, denn ihm würde die Praxis fehlen, und sein Bruder und überhaupt und so…. Irgendwie entkomme ich ihm und lasse mich von einem Büro ans nächste verweisen. Am Ende habe ich aber einen Eingangsstempel mit entsprechender Telefonnummer, die ich doch bitte in etwa zwei Tage anzurufen habe. Na bitte, geht doch.
Zweite Station: Gorki-Bezirksbibliothek. Von der stellvertretenden Direktorin habe ich die Handynummer. Was für ein Glück, denke ich, dann habe ich den Brief Nummer zwei auch gleich abgeliefert. Elena Aleksandrowna sammelt mich bei der Fernsehen schauenden Pförtnerin persönlich ein. Als ich in ihr Büro komme, kocht das Teewasser bereits, ein Berg Kekse ist aufgetischt und ein Schälchen Honig vom Dorf gibt es auch im Angebot. So schnell soll ich auch die Bibliothek nicht verlassen. Nach einer Weile mache ich mich mit der gerade frisch abgestempelten zweiten Kopie dann doch wieder auf den Weg. Draußen liegt dicker Schnee, ein eisiger Wind pfeift und die Kälte kribbelt mir fürchterlich in der Nase. Auf zur Philharmonie, wo die Sache ausnahmslos flink verläuft: die Frau Pförtnerin winkt mich durch, im Sekretariat gibt es einen kleinen Schnack, einen schicken Stempel und viele Grüße an meine Chefin. 10 Minuten später stapfe ich auch schon wieder durch das Wolgograder Stadtzentrum, überquere den Leninprospekt, um in die uliza Mira zur Kunsthochschule Serebrjakow abzubiegen. „Nee, im Rektorat ist niemand mehr, aber Sie können mir den Brief ja geben. Ich reiche ihn dann morgen weiter,“ bietet der dortige Pförtner seine Kurierdienste an. „Nein,“ sage ich ganz entschlossen und kralle mich an meinen Papieren fest,“ ich brauche doch einen Eingangsstempel auf der Kopie!“ „Ja, dann müssen Sie morgen ab 8 Uhr wieder kommen,“ antwortet der Mann im fortgeschrittenen Alter gleichgültig. Das gleiche sollte mir auch einige Zeit später beim Gästehaus der Universität passieren. So muss ich meine Auslieferungsaktion für diesen Tag einstellen und gönne mir auf drei erfolgreich verteilte und abgestempelte Dokumente eine heiße Schokolade im Café um die Ecke. Drei von fünf Briefen, murmel ich vor mich hin, ist keine schlechte Ausbeute für zwei Stunden bei einer Gesamtlänge von zwei Kilometern Fußweg.
Am kommenden Tag habe ich dann auch die restlichen Pförtner, Sekretärinnen und Hausmeister kennen gelernt und kehre schließlich stolz mit den gestempelten und mit Eingangsnummern versehenen Kopien in meine Kulturagentur zurück. „Molodez Anjuta, das waren jetzt die Anfragen. Nächste Woche müssen dann die genauen Absprachen an die Projektpartner raus und dann die Verträge,“ lobt mich meine Kollegin. Auf meine Frage, ob man das nicht auch auf andere Weise den entsprechenden Einrichtungen zustellen könnte, ernte ich nur schiefe Blicke. Na gut, eigentlich hat sie ja recht. Es geht auch nichts über persönlichen Kontakt, wo es von heißem Tee, aktuellen Nachrichten aus aller Welt in der Pförtnerwache bis hin zu den neuesten Infos von der Sekretärin alles gibt….
Donnerstag, 9. Februar 2012
Vom Marsch durch einige Wolgograder Kulturinstitutionen
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Sehr lustig! Viel Erfolg!
#1
Anonym
am
10.02.2012 13:41
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