Letzte Woche wurde ich zu einem Seminar in die Stadt Mesen (Мезень) eingeladen, eine 4000-Seelen-Gemeinde an der Grenze zur Tundra welche nur mit Sondererlaubnis besucht werden darf.
Den Mesenern wurde anno dazumal ihr Hafen vom Zar geschlossen, weil sie norwegische Spinnräder und andere Importgüter unverzollt nach Nordsibirien schmuggelten und alle Mahnungen des Zaren aus St. Petersburg ignorierten.
Man kann die Stadt nur im Winter und im Sommer mit dem Auto besuchen, während des Frühjahrs und im Herbst ist die Stadt nur mit dem Flugzeug erreichbar. Wir fuhren 7 Stunden auf einer Eispiste (Simnik) und überquerten dabei vier zugefrorene Flüsse.

Nun einige Beobachtungen und Eindrücke von meiner Reise in das „echte Russland“:
- es wird trotz eisiger Kälte viel geraucht im Norden, auch bei -38° stehen alle brav vor den Rasthäusern, geraucht wird selbstverständlich Marke „Arktika“

- die Herrenmode wird von Jacken aus Armeebeständen und Fellmützen bestimmt
- ein Sonnenaufgang dauert mehrere Stunden
- man kann sich sicher sein dass es richtig kalt ist, wenn die Russen die Motoren der Autos und LKWs nicht mehr abstellen

- man ist in der russischen Provinz angekommen, wenn Menschen Valenki, also Filzstiefel ohne Sohle tragen (sehen aus wie Riesensocken...)
- die vielen mit Holz beladenen Lastwagen sind unheimlich schnell unterwegs, wenn sie ihre Fuhre im Sägewerk abgeliefert haben
- es ist wunderbar still in den eingeschneiten Dörfern

- Schiebetüren von russischen Kleintransportern muss man sehr vorsichtig öffnen und schließen, sonst fallen sie einem auf den Fuß
- das traditionelle russische Bauernhaus ist bis auf einen Raum gänzlich ungeheizt
- der Ofen eines traditionellen russischen Bauernhauses ist ungefähr so groß wie die Garage für einen Kleinwagen
- Rentierfleisch ist sehr schmackhaft, Kaffee aus einem Samowar ist auch sehr lecker

Zum Schluss noch ein recht bezeichnender Dialog zwischen einer Regionalmanagerin der Sberbank, einer Studentin und einem LKW-Fahrer.
9.45 morgens, Pause in einer Raststätte, draußen 35° unter Null. Die Damen haben Salat bestellt. Mit Blick auf den Nachbartisch sagt die Regionalmanagerin zur mitreisenden Studentin:
- Bei der Kälte hätten wir besser auch 100 Gramm Wodka und eine warme Suppe bestellt.
Der LKW-Fahrer am Nachbartisch hebt seinen Plastikbecher und meint nur:
- 200 Gramm.



