Bevor ich das Foyer des großen Saals der Philharmonie betrete, muss ich eine kurze Schockstarre überwinden. Der Raum ist voll mit tausenden kleinen Menschen, die alle laut um einander rum wuseln, drängeln, schubsen, kreischen, lachen, Nase bohren, Zopf-Enden um Zeigefinger drillern, blinkende Leuchtstäbe wedeln und große Augen machen. Manche Mädchen in Prinzessinnenkleidchen und mit goldenen Schleifen im Haar, die Jungs mit Pullundern über gebügelten Hemden. Verteilt irgendwo dazwischen stehen die dazugehörigen Klassenlehrerinnen, wie Badende, den Oberkörper über Wasser und die Arme ausgebreitet, mit konzentriertem Blick die wogende Oberfläche absuchend.
Dann kommt Snegurotschka, die Nichte des Weihnachtsmanns, in ihrem hellblauen Samtkleid die große Treppe am Ende des Foyers herunter und begrüßt zusammen mit ihren Freunden Schneemann und Drache die Kinder. Die brüllen eine geballtes „Sdravst-vui-tje!“ zurück, Kaspertheater ist nichts dagegen.
Als der Weihnachtsmann dazu kommt, bemerken alle mit Schreck, dass der Tannenbaum noch nicht erleuchtet ist. Weil das nur über Stromübertragung geht, müssen sich alle Kinder an den Händen halten und eine Leitung bilden. Beim dritten gemeinsamen Ruf „Tanne, brenn!“ gehen die Lichter an und wir singen gemeinsam „В лесу родилась ёлочка“ (im Wald wurde eine Tanne geboren) – ich kann immerhin die erste Strophe.
Dann endlich wird die Tür zum großen Saal geöffnet und jeder sucht sich kletternd und schlängelnd seinen Platz in einer der Reihen. Drei Jungs in der Reihe vor mir präsentieren sich stolz ihre gekauften Chipstüten und Coladosen. Ein Mädchen mit pfirsichfarbenem Kleid und Lametta im Haar fotografiert sich mit ihrer Digitalkamera. Dann wird es dunkel im Saal und die Musik setzt ein.
Wir begleiten Snegurotschka und den Weihnachtsmann alias Väterchen Frost auf ihrer Reise rund um die Erde und unterstützen sie bei ihren Abenteuern. Auf der Station in Frankreich beschwert sich der dortige König darüber, dass er nichts Ordentliches anzuziehen hat. Als Geschenk des Weihnachtsmanns werden von hinten riesige Stoffballen ins Publikum geworfen und nach vorne weitergegeben – hoch engagierte Kämpfe zwischen den Zuschauern um die herunterhängenden Fetzen verzögern die Übergabe ein wenig. In Afrika fehlt den Eingeborenen im Baströckchen Wasser für die Weihnachtspalme, die nach erfolgreichem Regentanz durchs Publikum wieder zu wachsen beginnt. Und als den Mexikanern die Knaller fürs Silvester-Feuerwerk fehlen, müssen die Kinder mit zeitgemäßen Mitteln aushelfen. Snegurotschka zählt bis drei. Dann gehen 800 Mobiltelefone an. Das Fest ist gerettet.
Während auf der Bühne noch das große Finale gefeiert wird, stellen sich schon die ersten Lehrerinnen mit ihren Klassen an die Ausgänge. Wenn gleich das Licht angeht, muss es schnell gehen: Erinnerungs-Klassenfoto vorm Weihnachtsbaum im Foyer, sich gemeinsam zur Garderobe im Keller vorkämpfen, die Jackenberge abholen, Handschuhe und Schals verlieren und wiederfinden, Freunde verlieren und wiederfinden, Lackschuhe aus, Filzstiefel an, Mütze auf, Jacke zu. Draußen wartet schon der Busfahrer.



