Ein deutscher Kinoklassiker vor Moskauer Publikum
Am Mittwoch, 17. März, wurde im Andrej Sacharow Zentrum für Friede, Fortschritt und Menschenrechte gemeinsam mit dem Goethe-Institut der Film „Die weiße Rose“ gezeigt. Der deutsche Regisseur Michael Verhoeven zeigt darin auf eindrückliche Weise einen der bekanntesten Versuche des Widerstands innerhalb der deutschen Bevölkerung gegen Hitler. Verhoeven zielt auf eine authentische, objektive Darstellung der historischen Ereignisse und leistete in den 80er Jahren einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der nazistischen Vergangenheit Deutschlands. So waren die im Film thematisierten Todesurteile des Volksgerichtshofs bis in die 80er Jahre rechtsgültig und wurden erst mit und durch Erscheinen dieses Filmes für nichtig erklärt. Ein Film der früher wie heute die Gemüter erregt und nachdenkliche bis hitzige Diskussionen hervorruft.
Unter dem Namen der „Weißen Rose“ trafen sich 1942-43 Studenten und Professoren der Universität München, die durch die Verbreitung von Flugblättern auf die Falschheit und das verbrecherische Vorgehen des Naziregimes aufmerksam machen und zum Widerstand gegen dasselbe aufrufen wollten. Im Vordergrund stehen die Geschwister Sophie (Lena Stolze) und Hans Scholl (Wulf Kessler) . In lebensgefährlichen Aktionen müssen Papier und Postmarken besorgt werden, um das Gedankengut an möglichst viele Leser verbreiten zu können. Dass dies nur eine Zeit lang gut gehen kann, ist dem Zuschauer von Anfang an bekannt, werden die Personen doch zu Beginn mit ihrem Hinrichtungsdatum vorgestellt. Schon ist ein erster Erfolg spürbar, die Hoffnung auf Besserung steigt nach einem Aufstand an der Universität: auf die Vorschläge des Naziredners, die Frauen sollten sich in Zukunft ausschließlich der Familie und nicht dem Studium widmen, erheben sich Studenten und Professoren empört und der Redner wird von der Menschenmenge vom Podium gedrängt. Doch beim nächsten Flugblatteinsatz der Geschwister Scholl werden die beiden entdeckt und festgenommen. Bei der Gerichtsverhandlung zeigt sich ein letztes Aufbäumen der Jugendlichen gegen die Ungerechtigkeit des Urteils, gleichzeitig versuchen sie die anderen Teilnehmer der „Weißen Rose“ zu schützen, im Falle des gerade zum dritten Mal Vater gewordenen Christoph Probst (Werner Stocker) allerdings ohne Erfolg. Dann bleibt ihnen nur noch das Schweigen, bis ihre sich träge dahinziehenden letzten Minuten von der niederschlagenden Guillotine ausgelöscht werden.
Der Film bringt die Vielschichtigkeit dieser Jahre zum Ausdruck: Kameradschaftlichkeit und Verrat, Front- und Stadtalltag, Gewalt und Liebe, Tod und Taufe, Trennung und Wiedervereinigung, Enthusiasmus und Verzweiflung. Das Schicksal der fröhlichen, unternehmenslustigen aber auch kämpferischen, mutigen Jugendlichen die für ihre Überzeugung und den kompromisslosen Kampf um mehr Gerechtigkeit mit dem Leben bezahlen, hinterlässt Betroffenheit. Beeindruckend wird die Rolle des Individuums in Extremalsituationen dargestellt. Der Filmbesucher wird mit so aufwühlenden Fragen zurückgelassen, wie „wie würde man sich selbst verhalten? Würden wir uns für die Gerechtigkeit und gegen unser Leben entscheiden können?“
Auch das vorwiegend russische Zuschauerpublikum im Sacharow-Zentrum war sichtlich bewegt und es entstand ein angeregtes Gespräch. Die Anteilnahme am Schicksal der jungen Leute und das Interesse an der Aufarbeitungsweise des Zweiten Weltkriegs in Deutschland waren sehr groß. Die Frage: „Lohnt sich ein Widerstand, wenn die Situation bereits ausweglos ist“ wurde in den Raum gestellt. „Welches war für das Verhalten der Jugendlichen die Bedeutung des Christentums“, das nach allgemeiner Einstufung im Film etwas zu weit in den Hintergrund gerückt war. Es wurde nach Parallelen in der sowjetischen Filmgeschichte gesucht, ohne dass ein vergleichbarer Film von den Anwesenden gefunden werden konnte. Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der totalitären Herrschaft in Deutschland und der Sowjetunion bzw. Russland wurden verglichen. Ein Thema, das mit der diesjährigen 65. Siegesfeier wieder neu an Aktualität gewinnt. Allgemeingültige Antworten auf die aufgeworfenen Fragen konnten nicht gefunden werden, wie auch der Film selbst die Unabgeschlossenheit der Thematik zum Ausdruck bringt.
Als Ergänzung zu Verhoeven ist der Film „Sophie Scholl – die letzen Tage“ von Marc Rothemund (2005) zu empfehlen. Im Gegensatz zur „Weißen Rose“ wird in diesem auf die Figur der Sophie Scholl konzentrierten Film der psychologische Aspekt in den Vordergrund gerückt: Zweifel und Überzeugung, Angst und Entschlossenheit der Sophie Scholl wechseln sich ab vom Anfang der Widerstandsaktionen an durch etliche Verhöre bis zu der kalten Todeszelle. Der Kampf um den Glauben und der Zwiespalt, Leben zu wollen aber unter denen Umständen nicht leben zu können, wird von Julia Jentsch mit hervorragender Leistung zum Ausdruck gebracht.
Am 21. April um 19 Uhr wird im Sacharow Zentrum ein weiterer Film von Michael Verhoeven zum Thema der Auseinandersetzung mit dem zweiten Weltkrieg zu sehen sein, der Spielfilm von 1990 „Das schreckliche Mädchen“.
Lea Suter
Sonntag, 21. März 2010
Weiße Rose – Preis des Widerstands
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