Im Standesamt, umgeben von Mamor, Kronleuchtern, blauem Licht und sanft plätschernder Life-Keyboard-Musik, war alles so hochoffiziell, dass mich im ersten Moment fast der Schlag traf und uns Trauzeugen beim Unterschreiben förmlich die Hände zitterten (die Braut dagegen unterschrieb völlig routiniert).


Ljoscha, der Bruder von Zhenya, dem Bräutigam, hatte nach der Zeremonie im Zags den Anschluss an die traditionelle Fototour zu sämtlichen Sehenswürdigkeiten der Stadt verpasst, und ging betrübt nach Hause. Nachdem wir seine Abwesenheit endlich bemerkt hatten, haben wir ihn sofort angerufen und irgendwo auf ihn gewartet. Zum Ausgleich durfte er sich ins Hochzeitsauto dazusetzen. Inniges Gespräch zwischen Bräutigam und Bruder, Tränen der Rührung. Vlad - Trauzeuge und Chauffeur - grinsend: "Fotografier sie!". Worauf hin ich zögernd zum Fotoapparat griff, weil es mir irgendwie unangenehm war, einen „weinenden Mann“ zu fotografieren. Vlad: „Ты что – это же чувства!“ – „Komm schon, das sind doch GEFÜHLE!“. Genau. Wir Deutschen sind schon seltsam. Versuchen immer unsere Gefühle zu verbergen, dabei hat doch jeder Gefühle. Deutschland könnte von Russland einiges lernen, was die Gefühlsebene anbetrifft. (Und umgekehrt. Aber im Gegensatz zu den Deutschen ist den Russen das ja schon lange klar.)

Brüder



Gleich nach dem Abbiegen ins "Schneeland" sind wir volle Kanne in den Graben gerutscht, was natürlich nicht dazu führt, dass man wieder umdreht. Alle Mann raus, schieben, weiter in den nächsten Graben.




Prinzessin in weiß
Süß war, wie stolz alle auf die "amerikanische Braut" waren. Zhenyas Bruder Ivan meinte, jetzt habe die ganze Stadt etwas, auf das sie stolz sein kann - eine einzige solche Braut in der ganzen Geschichte der Stadt!

Braut in Valenki (Filzstifel)

Auf dem "Bratsker Meer"

Anschließend fuhren wir ins Restaurant „Bierhaus“ (sprich: Bier-cháus), was an sich schon leicht grotesk war. Dazu kam, dass ich russische Hochzeiten nur aus „Brigada“ (Fernsehserie über die 90er in Russland) kannte. Dort ist die Hochzeit mit Blick auf die U-förmige Tafel gefilmt. Zentral natürlich das Brautpaar, die Trauzeugen (sprich: Vlad und ich) und die Eltern. Daher fand ich es den ganzen Abend irritierend, aus der entgegen gesetzten Blickrichtung auf das Spektakel zu blicken. Der ganze Tisch voll gestellt mit Hecht usw. Für mich als Vegetarierin (Vegetarier, die Fisch essen, heißen „Piskarier“) kam sozusagen nur Sekt und Fruchtsalat in Betracht. Der immerhin wurde aber extra und nur für mich zubereitet, was komischerweise auch sofort jedem auffiel.


Hochzeitstorte
Dann den ganzen Abend hindurch volles Programm der Alleinunterhalterin. Spiele aller Art, an denen selbstverständlich teilgenommen werden muss. Der Bräutigam wurde zur allgemeinen Begeisterung zu einer Art Striptease genötigt (der allerdings "vovremja" abgebrochen wurde

Der Abend endete logischerweise mit dem Heimfahren. Meine Schuhe waren unauffindbar (was nicht an dem vielen Trinken auf sozusagen vollkommen nüchternen Magen lag, sondern, wie sich freilich erst anderntags herausstellte, daran, dass sie fürsorglich eingepackt worden waren), so dass ich, typisch russisch gentlemen-like, vom Restaurant ins Auto, vom Auto in den Lift und vom Lift in die Wohnung getragen wurde.
Also kurz gesagt, selbst ich, die ich heiraten eigentlich "total doof" finde, fand die Hochzeit dermaßen nett, dass ich mir jetzt zumindest vorstellen kann, "russisch" zu heiraten. Wenn auch hauptsächlich, weil es so unwahrscheinlich ist.


