Ich habe in den letzten Jahren meine Leidenschaft für die Ukraine entdeckt. Da ich aber beruflich scheinbar weiter bei Russland lande, muss zu anderen Mitteln gegriffen werden. Ich habe mich dezent der ukrainischen Gemeinde in Togliatti aufgedrängt und dabei schamlos die slavische Gastfreundschaft ausgenutzt. Man könnte auch von Zufall reden, aber das wär dann doch etwas langweilig.
Es begann vor ein paar Wochen beim Erntedankfest des Vereins der Russlanddeutschen in Togliatti. Dazu waren auch die Vertreter anderer „Minderheiten“ in der Stadt eingeladen. Es kamen eine Weißrussin und zwei Ukrainer. Natürlich hatten auch alle ihre eigenen Spezialitäten dabei. Neben meinem Zwiebelkuchen standen dann also ukrainischer Speck und Vareniki. Und da das Fest um 13 Uhr angefangen hatte, waren wir um halb drei beim weißrussischen Selbstgebrannten, dem russischer und ukrainischer Vodka voraus gegangen waren. Auch ich durfte einen holprigen Trinkspruch aussprechen und wurde daraufhin gleich von den Ukrainern an den Nachbartisch eingeladen. So kam es zu unserer ersten Begegnung.
Bei dem Ehepaar handelte es sich um die Leiter des ukrainischen Kulturvereins, deren ganzer Stolz der Chor „Dnepro“ ist. Während die Frau aus einem noch nicht eruierten Grund eine Begeisterung für alles Französische hat, ist der Mann der Sänger der Familie. Aus der Überzeugung heraus, dass dies die französische Version meines Namens sei, wurde ich vom ersten Augenblick an „Annette“ genannt. Dafür brachte ich natürlich direkt meine Liebe zu ihrer Heimat zum Ausdruck und bestand auf einer Einladung zu sämtlichen folgenden Festen.
Wichtigste Regeln: Das Essen loben und den Vodka trinken!
Völlig unerwartet fand das nächste schon am vergangenen Sonntag statt. Mittags traf ich mich mit den Russlanddeutschen, als mir die Leiterin, Erika, mitteilte, dass wir später zum Konzert eingeladen seien. So gingen wir also zu dem Lokal, in dem der gesamte Chor schon dabei war, eine enorme Tafel mit enorm viel Essen und Schnaps zu beladen. Das Lokal gehörte einem Sohn eines Chormitglieds und so war es selbstverständlich, dass das Essen selbst mitgebracht wurde. Schließlich ist das Entscheidende bei so einem Bankett ja auch, dass jeder jedem sagen kann, dass seine/ihre Speisen ganz besonders köstlich seien. Das gleiche gilt natürlich für den Schnaps. Ich musste selbst geräucherten Speck, Kichererbsensalat, süße Bliny und diverses anderes loben.
Außer, dass mich hier nun schon jeder Annette nannte, verlief das Ritual ähnlich wie beim letzten Mal. Gegen drei wird angefangen zu essen – und im Zehnminutentakt muss dazu angestoßen und getrunken werden. Zwischendurch wurde aber immer wieder spontan angefangen zu singen.
Adoption oder Hochzeit?
Ich saß die meiste Zeit nur da, hörte zu und versuchte meinen Teller vor undefinierbarem Essen zu schützen. Besonders die älteren Damen waren kurz davor, mich zu adoptieren. Und natürlich wurde versprochen, mir einen echten Kosaken als Ehemann zu suchen. Nachdem ich am Ende noch einen Toast auf die deutsch-ukrainische Freundschaft gesprochen und mich in das Gästebuch des Chores eingetragen hatte, war ich mir sicher, dass meinem Weg in die Ukraine nichts mehr im Weg stehen dürfte.