Was ist „Das Goldene Minbar“?
Vielleicht hat der eine oder andere diesen Namen schon gehört, dem aber keine Bedeutung beigemessen.
Meiner Ansicht nach ist das ein großer Fehler. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie interessant und spannend das ist!
“Das Goldene Minbar“ ist nämlich das internationale Festival des islamischen Kinos. Es ist noch ziemlich jung und wird erst zum fünften Mal durchgeführt, aber das setzt seine kulturelle Bedeutung überhaupt nicht herab. In diesem Jahr fand das Festival vom 30. September bis zum 4. Oktober in Kasan statt. Ich finde es sehr schade, dass ich nur am letzten Tag, dem 4. Oktober, hingehen konnte. Aber selbst an diesem einen Tag habe ich viel Neues, Interessantes und Spannendes erfahren. Ich habe mich mit dem Kopf voraus in die Philosophie des Islams gestürzt und bin – so kommt es mir, nachdem ich die auf dem Festival gezeigten Filme gesehen habe, jedenfalls vor – auch ein kleines bisschen weiser geworden.
Auf der Veranstaltung wurden Filmarbeiten in drei Nominierungen vorgestellt: Spielfilme, Nicht-Spielfilme und Kurzfilme. Außerdem wurden im Programm außerhalb des Wettbewerbs noch Filme in den Kategorien „Kaukasischer Film“, „Tag des Films in Tatarstan“ und „Internationales Panorama“ präsentiert. Ich hatte die Kurzfilme erwischt. Ich liebe dieses Filmgenre sowieso und bin jedes Mal erstaunt, wie man in ein paar Minuten so viel erzählen kann: den Vorhang aufziehen für die Geheimnisse des Seins und eine weltweite Weisheit. Meiner Meinung nach ist das einfach genial. Doch das, was ich auf dem Festival gesehen habe, hat meine Vorstellungen vom Leben komplett umgeworfen. Das war einfach phantastisch; so viele interessante Filme habe ich im Leben noch nicht gesehen.
Von allen Arbeiten zu erzählen, wird mir im Rahmen dieses Artikels nicht gelingen, deswegen berichte ich nur von denen, die für mich am wichtigsten und interessantesten waren. Und das erste Werk, zu dem ich ein paar Worte sagen will, ist der Film „Mitbringsel“.
Die Geschichte ist banal und auf den ersten Blick völlig gewöhnlich, aber in dieser Gewöhnlichkeit liegt eben genau der Knackpunkt. Der Inhalt des Films ist folgender: In einem kleinen Dorf wohnt ein alter Mann, allein, seine Frau ist schon gestorben, und die drei geliebten Söhne haben das elterliche Haus schon lange auf der Suche nach dem Glück auf der „großen Erde“ in Richtung Baku verlassen. Es ist Sylvesterabend. Und der einsame alte Mann beschließt, nach Baku zu fahren, um seinen Söhnen ein frohes neues Jahr zu wünschen. Er packt drei Taschen: drei kleine Geschenke, eins für jeden der Söhne. Er lässt sein Haus zurück und macht sich in eine ihm völlig unbekannte Stadt auf. In Baku angekommen, geht er sofort zu seinem ersten Sohn, aber als er zu der Adresse kommt, sieht er, dass das Haus, in dem sein Sohn einmal gelebt hatte, schon nicht mehr da ist. Er fragt Leute, aber niemand weiß, wo man ihn jetzt finden kann. Enttäuscht darüber, vergisst er für einen Augenblick seine Geschenke… In diesem Moment wird ihm das erste Mitbringsel gestohlen. Mit den beiden anderen geht er zu seinem zweiten Sohn, aber auch der ist nicht Zuhause. Der alte Mann hinterlässt ein Geschenk bei der Nachbarin des zweiten Sohnes und macht sich zum dritten auf. Aber auch diesen zu finden, ist ihm nicht bestimmt… Davon völlig aus der Bahn geworfen und ohne jegliche Hoffnung, die Kinder in diesem steinernen Dschungel zu finden, geht er zum Bahnhof, um wieder in sein Dorf zurück zu fahren. Allein wandert er durch die unbekannte Stadt, um ihn herum sind Menschen, die im Kreis ihrer Familien und Freunde das Neue Jahr feiern. Und er… er ist ganz allein… allein… Nach der Filmvorführung konnten sich die Zuschauer mit dem Regisseur, Dschawid Tabakkul Achmedow, unterhalten. Er sagte uns, dass man in seinem Land, so wie auch in vielen anderen, solche Geschichten sehr oft und überall erleben kann… und wie bitter es ist, sich einzugestehen, dass die Menschen ihre Eltern einfach so wegwerfen können; diejenigen, die sie großgezogen, ihnen den Weg ins Leben gezeigt haben, die alles für ihre Kinder und deren Glück hergegeben haben… Und man will sagen, oder gleich in die ganze Welt hinausschreien: Leute, geht in euch, vergesst eure Eltern nicht, und all diejenigen, die alles für euer Wohlergehen getan haben!
Aber am meisten fasziniert und berührt hat mich der Film „Tür der Vergebung“. Die Geschichte beginnt an der Tür eines Hauses… Ein etwa fünfzigjähriger Mann, gut gekleidet und gepflegt, öffnet diese Tür, die Tür in die Vergangenheit… Er war einmal mit seiner Geliebten hierher gekommen, jetzt kommt er zu ihrer Beerdigung… Hier macht er dem Vater seiner Liebsten einen seltsamen Vorschlag: „Verkauf mir die Tür! Ich möchte nicht, dass sie sich vor noch jemandem verschließt!“ Aber dieser verwehrt ihm die Bitte. Und da hebt der Mann die Tür selbst aus den Angeln und nimmt sie einfach mit. Eine Menge Erinnerungen hängen für ihn mit dieser Tür zusammen. Seine Liebste lebte einmal dahinter, aber ihrem Glück war es nicht bestimmt, Wirklichkeit zu werden. Ihr Vater war gegen die Verbindung seiner Tochter mit einem einfachen Mann. Der abgewiesene Verehrer fuhr sofort weg aus seiner Heimatstadt, in der Hoffnung, sein Glück in fernen Ländern zu machen. Er fuhr als Bedürftiger los und kehrte reich, aber unglücklich zurück. Er konnte eben keine andere Liebe finden, die die vorherige Liebe in seinem Herzen hätte ersetzen können… Und jetzt, wo die Hoffnung, das Glück zu finden, für immer zerbrochen ist, beschließt der Mann, diese Tür zu vernichten – das Symbol der vergangenen Liebe, des Schmerzes, der Leiden, der Trennung und des Verlusts, das Symbol des Vergangenen. Er hofft, dass zusammen mit der Tür auch seine Erinnerungen im Nichts verschwinden. Er verbrennt sie in der Wüste. Und nachts, als von der Tür nur noch verkohlte Reste übrig sind, findet er in einem der verbrannten Bretter einen Zettel. Das Feuer hat ihn fast gar nicht angegriffen. Es ist eine Nachricht von seiner Geliebten. Sie hatte sie vor vielen Jahren geschrieben, an dem Tag, an dem sie für immer auseinander gingen, getrennt durch die Tür der Vorurteile, des Reichtums, des Hochmuts und des Unverständnisses. Sie sprach, durch diesen Fetzen Papier, über Raum und Zeit hinweg mit ihm. Sie schrieb, dass sie ihn immer lieben werde, und die Treue zu ihm und ihrer Liebe bewahren…
Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… Während ich die Filmszenen in meinem Gedächtnis vorbeiziehen lasse, denke ich darüber nach, wie stark und unbegrenzt die Liebe ist. Sie überwindet jede Mauer und öffnet jede Tür. Ich werde nichts mehr über diesen Film schreiben. Ich überlasse es euch selbst, über ihn nachzudenken und diese Geschichte im Geiste nachzuempfinden…
Was ist noch erwähnen will, ist die sehr warme Atmosphäre des Festivals. Hierher kamen all diejenigen, die Lust hatten, miteinander in Kontakt zu kommen und Meinungen auszutauschen. Zwischen den Filmvorführungen konnten sich die Zuschauer mit den Regisseuren und Produzenten der Filme unterhalten.
Und zum Schluss: Viele meinen vielleicht: „Der Islam ist nicht meine Religion, deswegen ist dieses Festival nichts für mich“. Dazu kann ich Folgendes sagen: Einer der Regisseure, dessen Film auf den Festival vorgestellt wurde, antwortete auf die Frage „Wo sind Ihre Momentaufnahmen des islamischen Films? Die kommen darin gar nicht vor!“ Folgendes: „Ich habe nicht zum Thema Religion gedreht, sondern über die tiefen moralischen und geistigen Werte, die in den Islam genauso wie auch in andere Religionen eingebettet sind“.
Mittwoch, 7. Oktober 2009
Das Goldene Minbar
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