
Der zweiseitige Flyer mit Infos zur Wanderausstellung "Juni 1941 - Der tiefe Schnitt" und zum Film "Ich war neunzehn" von Konrad Wolf aus dem Jahre 1968.
Im Rahmen der Ausstellung „Juni 1941 – Der tiefe Schnitt“ des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, die seit 2011 durch diverse russische Städte tourt und den Juni über im Wolgograder Panorama Museum Stalingrader Schlacht gezeigt wird, wollte ich gern den DEFA-Film „Ich war neunzehn“ des Regisseurs Konrad Wolf zeigen. Die Biografie des Regisseurs wird neben weiteren 23 Lebensgeschichten im Rahmen der Ausstellung gezeigt und so sollte sein Film aus dem Jahre 1968 eine passende Ergänzung sein. Der Film lockte damals mehr als 3,5 Millionen Zuschauer in die Kinos der DDR und wurde auch in ausgewählten Kinos der Sowjetunion gezeigt. Auf den ersten Blick irgendwie ein typischer Ostfilm für seine Zeit, aber auf den zweiten Blick wird klar, dass es die Nuancen und Nebenhandlungen sind, die erstmals auch ein differenziertes Bild auf die Deutschen, deren Biografien und persönliche Motivation werfen.
Eröffnung der Wanderausstellung "Juni 1941 - Der tiefe Schnitt" des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst am 5. Juni 2012 im Panorama Museum Stalingrader Schlacht in Wolgograd.
Ausstellungskoordinatorin und Ausstellungsbanner am Tag der Eröffnung der Wanderausstellung "Juni 1941 - Der tiefe Schnitt" in Wolgograd.
Die Geschichte ist die Konrad Wolfs, dessen Familie 1932 vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet war und zwei Jahre später dortiger Staatsbürger wurde. Konrad Wolfs Alter Ego in „Ich war neunzehn“ ist Leutnant Gregor Hecker, Angehöriger einer sowjetischen Aufklärungseinheit, die nach dem Durchschlag der deutschen Verteidigungslinien an Oder und Neiße zur Reichshauptstadt Berlin vorstößt. Gregor –von seinen russischen Kameraden nur freundschaftlich Grischa gerufen- fordert von einem Lautsprecherwagen die zurückweichenden Truppenteile der deutschen Wehrmacht zur Kapitulation auf. In Dörfern und Kleinstädten erlebt er widersprüchliche Begegnungen mit seinen einstigen Landsleuten, deren Sprache er wohl versteht, oft aber nicht deren Denkweisen. Als er in Bernau – einer Kleinstadt bei Berlin- kurzzeitig zum Stadtkommandanten ernannt wird, öffnet sich ihm ein differenzierteres Bild von der Zivilbevölkerung.
AusschnittausdemFilmIchwarneunzehn
Ich hätte nicht gedacht, dass die Mitarbeiter des Museums, deren Führungen wie jeher detaillierte Statistiken, welcher sowjetische Held wie viele Faschisten damals umgelegte, beinhaltet, dieser Filmvorführung so ohne Weiteres zustimmen würden und war überrascht, dass die verantwortliche Bildungsreferentin des Panorama Museums Elena sogar zwei Schulklassen organisieren wollte, so dass wir auch ja sicher gehen konnten, dass zu dieser unmöglichen Tageszeit und frisch angelaufenen Datschensaison auch Zuschauer zu erwarten seien. Aber Pustekuchen: 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn entpuppten sich die versprochenen Elfklässler als Elfjährige, denen man einen fast zweistündigen deutsch-russisch Kriegsfilm mit Untertiteln nun nicht zumuten konnte. „Anne-Kathrin, vielleicht verschieben wir die Veranstaltung einfach in den Herbst. Sie kommen doch nach der Sommerpause zurück nach Wolgograd, nicht wahr?“ versuchte meine Ansprechpartnerin die geplante Veranstaltung abzublasen.
„Auf keinen Fall!“ war meine erste Reaktion und murmelte vor mich hin: „Wir haben gute Werbung gemacht und ich glaube an den individuellen Besucher, der kommt, weil er die Veranstaltung interessant findet und nicht weil man ihn geschlossen mit einer Gruppen für eine höhere Teilnehmerzahl an einer Veranstaltung „bestellt“. Außerdem wusste ich, dass zwei Freunde, die fünf Minuten vorher ihr Kommen bestätigt hatten, ganz sicher kämen. Naja, macht ja schon mal eine kleine Gruppe.

"Ich war neunzehn" von Konrad Wolf, DDR, 1968, 115 min.
Die DEFA-Produktion erzählt die Geschichte eines jungen Deutschen, Gregor Hecker (Jaecki Schwarz), der im Frühjahr 1945, als Leutnant der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt.
Die DEFA-Produktion erzählt die Geschichte eines jungen Deutschen, Gregor Hecker (Jaecki Schwarz), der im Frühjahr 1945, als Leutnant der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt.
Ich prüfe mit dem Techniker Alexej den Film, den Sound, die Untertitel und sitze bis kurz vor zwei Uhr fast allein im Kinosaal. Aber dann kommt ein Veteran mit Stock langsam hinein geschlurft und setzt sich wortlos, eine kleine Gruppe junger Studenten folgt, zwei Familien, eine Oma mit Enkelin, ein paar Schüler und andere Besucher. Letztendlich haben sich fast 60 Zuschauer versammelt vor denen ich mit pochendem Herzen eine kleine Einführung zum Film gebe. Ich bin aufgeregt, da ich nicht einschätzen kann, wie der Film beim Wolgograder Publikum ankommt. Das Licht geht aus und fast zwei Stunden ist es mucksmäuschenstill. Als gutes Zeichen werte ich, dass fast alle bis zum Schluss bleiben. Ich hatte eingangs ein kleines Publikumsgespräch im Anschluss angeboten, aber während einige Zuschauer nach dem Film betroffen und meist schweigend den Saal verlassen, suchen andere lieber das persönliche Gespräch. Ein ältere Dame mit Tränen in den Augen sagt schlichtweg danke, drückt mir die Hand und sagt nochmal danke, dass ich diesen Film gezeigt habe. Sie geht ohne eine Antwort von mir abzuwarten, aber ihre Tochter tritt an ihre Stelle. „Sehen Sie es nicht als Gleichgültigkeit, dass die meisten Leute nicht bleiben. Sie sind berührt und so manch einer hat seine eigenen Erinnerungen an den Krieg jetzt wieder vor sich. Es ist toll, dass wir diesen Film heute gesehen haben. Warum hat man uns den nicht schon früher gezeigt?“ Die Oma mit ihrer jungen Enkelin bleibt auch noch und erzählt, dass sie Konrad Wolf in den 70er Jahren in Moskau persönlich kennen gelernt und damals diesen Film zum ersten Mal gesehen hat. „Nach fast 40 Jahren habe ich ihn heute zum zweiten Mal gesehen und bin wieder tief bewegt.“
Auch einige Mitarbeiter des Panorama Museums stehen am Ende noch mit mir zusammen und sind sowohl vom Film als auch davon, dass er so viele Einzelbesucher in ihre Hallen gelockt hat, mehr als angetan. „Anne-Kathrin, können Sie morgen und übermorgen bitte wiederkommen? Und was hat denn das Filmarchiv des Goethe Instituts noch zur Auswahl? Vielleicht machen wir im Herbst gleich ein Kinofestival draus?!“ Da ist er wieder, der Größenwahn der lieb gewonnenen Massenveranstaltung im Kulturbereich, denke ich mir und ärgere mich, dass ich den Veteran mit Stock nach Ende des Films nicht mehr gesprochen habe. Er hatte meinen Blick vom anderen Ende des Saales aus gesucht, war dann aber genau so langsam wie er hinein geschlurft war wieder hinaus geschlurft. Ich glaube, er wollte gern etwas sagen.
Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk

