Die Wolgograder Museen nutzen diesen Anlass, um eine Museumsnacht zu initiieren. Die laute Musik und die treibenden Massen locken mich ins Heimatkundemuseum. Zuerst lande ich in der frisch fertiggestellten Ausstellung „90 Jahre Pioniere“, die voll ist mit lauter Jugendlichen mit roten Halstüchern, dessen Pioniersknoten zu einem perfekten Dreieck gebunden sind und die in Reih und Glied das Pionierswesen nachahmen. Die 1922 gegründete Organisation der Leninpioniere wäre dieses Jahr neunzig Jahre alt geworden, wenn man sie 1990 nicht genau wie die Jugendorganisation
Dienstag, 22. Mai 2012
Ein bisschen Pionier, ein bisschen Krieg, ein bisschen Kirche - Museumsnacht in Wolgograd
Pünktlich um 18 Uhr schallt die Stimme des Museumsdirektor durch den südlichen Zipfel des Lenin-Prospekts: „ Die Museumsnacht im Heimatkundemuseum ist feierlich eröffnet.“ Laute Musik begleitet seine Festrede und eine Menge geladener Gäste, durch das sommerliche Wolgograd flanierende Fußgänger und neugierige Kollegen drängen sich am Eingang. Es ist Freitag, der 18. Mai und man feiert bereits heute den internationalen Tag des Museums, der wie mir Wikipedia später verrät, an jedem dritten Sonntag im Mai international begangen wird, um auf die Vielfalt und Bedeutung der Museen hinzuweisen.
Die Wolgograder Museen nutzen diesen Anlass, um eine Museumsnacht zu initiieren. Die laute Musik und die treibenden Massen locken mich ins Heimatkundemuseum. Zuerst lande ich in der frisch fertiggestellten Ausstellung „90 Jahre Pioniere“, die voll ist mit lauter Jugendlichen mit roten Halstüchern, dessen Pioniersknoten zu einem perfekten Dreieck gebunden sind und die in Reih und Glied das Pionierswesen nachahmen. Die 1922 gegründete Organisation der Leninpioniere wäre dieses Jahr neunzig Jahre alt geworden, wenn man sie 1990 nicht genau wie die Jugendorganisation
Man feiert heute trotzdem ein bisschen. Menschen zwischen 30-50 Jahre alt betreten den Ausstellungssaal mit leuchtenden Augen, erzählen von ihrer Kindheit, probieren sich an der Trommel und demonstrieren inbrünstig den Pioniersgruß „Seid bereit - Immer bereit“. Nur einen kleinen Schuljungen juckt es nicht. Er verwechselt die Trompete mit einem Fernrohr, sucht den Raum damit nach nicht vorhandenen Sternen ab, um letztendlich von der Pioniersleiterin eines Besseren belehrt zu werden. Im benachbarten Saal kann man sich einen Einblick in das Leben der „Goldenen“ 60er Jahre in der Sowjetunion verschaffen. Ein junger Student dudelt auf seiner Gitarre vor der Kulisse einer echten Chruschtschowka-Wohnungseinrichtung „Wassja, stiljaga iz Moskvij“, während ich vor einer Collage mit Bildern und Dokumenten aus dem Jahre 1967 hängen bleibe.
In diesem Jahr wurde der Erinnerungskomplex mit der Mutter-Heimat-Statue auf dem Mamaew Hügel unter Beisein des ZK-Generalsekretärs Leonid Breschnew in Wolgograd eingeweiht. Das Problem dieser wie so vieler anderer Zeugnisse des Heimatkundemuseums: Sie haben weder eine angegebene Quelle, noch eine Beschreibung, ganz zu schweigen von einer reflektierten Bewertung. Und so stehe ich vor einem Bild, das Breschnew mit zwei anderen Herren zeigt und streite mich mit meiner Begleitung, ob der eine von ihnen nun der kahlköpfige Nikita Chruschtschow sei oder nicht, bis ein weiterer Besucher hinzukommt, der mir dann endlich auf die Sprünge hilft und sämtliche Personen auf den Bildern mit Namen versieht. „Podgornij, Kosygin, Kulischenko, Borodin. Ja, ich erinnere mich an 1967, damals war ich dreizehn.“ Wir plaudern ein bisschen und ich denke mir, dass die in meinen Augen minimale mit gar nicht vorhandene Beschreibung der Exponate doch auch etwas Gutes mit sich bringt. An sowjetischem Kinderspielzeug, Retrofahrrad und Gagarinjubel vorbei, gerate ich zunächst in einen Saal mit ausgestopften Tieren der Wolgograder Flora und Fauna und lande schließlich am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo eine ältere Dame mit hochgesteckten Dutt auf der Singer Nähmaschine fröhlich in die Pedale tritt: „Diese Maschine hat meine Mutter 1945 bekommen. Ich nähe bis heute auf dieser, “ und zeigt auf ihr pastellfarbenes Kostüm, das akkurat gesäumt ist. Cool, denke ich mir und will auch, dass Nadeschda Antoljewna für mich etwas auf der Singer näht. Mit dem Holzzeigestock erklärt sie, wie die Maschine funktioniert und was man alles beachten muss.
Wenige Meter weiter wird das traditionelle russische Tschaijepitje demonstriert und man schlürft Tee aus schicken Porzellantassen des frühen 20. Jahrhunderts. Weiter geht´s zu den Neandertalern nebenan, wo sich in einem weiteren Saal der Ausstellungsraum zum Großen Vaterländischen Krieg anschließt. Wehrmachtsuniformen betrachtend grölt mir Wyssozkijs Stimme „Rettet unsere Seelen“ ins Ohr. Als Soldaten verkleidete Schauspieler lassen einen kleinen Jungen mit der Gewehrsattrappe spielen.
Anlässlich des 20jährigen Bestehens der Wolgograder Eparchie der Russisch-orthodoxen Kirche wurde ein prachtvoller Saal zur Kirchengeschichte und –praktiken eingeweiht. Man kann neben Aktenbildern repressierter Priester aus den 30er Jahren auch Fotos von der feierlichen Teilnahme heutiger Geistlicher am Tag des Sieges sehen. Auf eine Erklärung muss man jedoch wie gewohnt verzichten. Schade, denn mich hätte schon interessiert, wie man die Beziehungen zwischen Kirche und Staat –damals wie heute- erklärt. Am Ausgang wieder angekommen, stelle ich fest, dass ich gut zwei Stunden im Museum verbracht habe. Das bunte Sammelsurium von Ausstellungsexponaten, das zeitlich gern mal springt, auslässt, zwecks irgendeiner Auskunft meistens schweigt und nicht immer zur Geschichte Wolgograds passt, ist nichtsdestotrotz einen Besuch wert. Es ist 22 Uhr, die Nacht ist über die Stadt gekommen und die leuchtenden Funken der Kunsthandwerkertruppe am Schmiedeamboss vor dem Museum geben meiner Museumsnacht einen netten Abschluss. Am Vorabend zum internationalen Tag des Museums hat das Wolgograder Heimatkundemuseum ganz sicher auf seine Vielfalt und Bedeutung aufmerksam gemacht.
Die Wolgograder Museen nutzen diesen Anlass, um eine Museumsnacht zu initiieren. Die laute Musik und die treibenden Massen locken mich ins Heimatkundemuseum. Zuerst lande ich in der frisch fertiggestellten Ausstellung „90 Jahre Pioniere“, die voll ist mit lauter Jugendlichen mit roten Halstüchern, dessen Pioniersknoten zu einem perfekten Dreieck gebunden sind und die in Reih und Glied das Pionierswesen nachahmen. Die 1922 gegründete Organisation der Leninpioniere wäre dieses Jahr neunzig Jahre alt geworden, wenn man sie 1990 nicht genau wie die Jugendorganisation
Freitag, 18. Mai 2012
Segel und Schiffe
In Kiel zu leben, heißt, am Meer zu leben – und am Meer zu leben, heißt, darin zu schwimmen. Oder es zu befahren. Ähnliche Schlüsse hat man auch an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gezogen. Und deswegen gibt es für all diejenigen, die lernen wollen, wie man sich auf dem Meer oder Ozean fortbewegt, das Segelzentrum.
Und das kann ich wirklich sehr empfehlen. Es befindet sich zwar nicht im Zentrum von Kiel, sondern im Vorort Schilksee, wo der größte Stadthafen für Yachten und Segelschiffe liegt. Der Ort an sich ist schon malerisch und ein idealer Ausgangspunkt für eine Fahrradtour an freien Tagen. Und vor allem ist der Segelsport eine ziemlich teure Angelegenheit – doch die Kurse im Segelzentrum sind eine erschwingliche Möglichkeit für Studierende, sich Basiswissen anzueignen. Denn schließlich weiß man nie, wann man das mal brauchen kann.

Wenn man von vorne anfangen will, dann wohl damit, dass die Neueinsteiger nicht auf großen Yachten lernen, sondern auf deren „kleinen Brüdern“: Auf sogenannten Jollen, Segelschiffen mit einer Länge von fünf Metern und mit zwei Segeln – Groß und Fock. Wir lernen alles im Laufe der praktischen Übungen, und natürlich lässt einen auch niemand sofort auf die fast offene Ostsee rausfahren. Aber es gibt eben auch keine einzelnen, langweiligen Theorieeinheiten. In den ersten zwei Stunden lernt man gleich die Basissachen – nämlich, wie man Seeknoten bindet. Und von denen gibt es in etwa so viele, wie Yachten am Anleger von Schilksee. Aber das kommt dann schon alles mit der Übung!

Man kann zu zweit oder zu dritt auf den Jollen fahren, und umkippen kann man damit übrigens auch, denn sie liegen nicht besonders tief im Wasser. Aber so einfach passiert das nicht, und Angst muss man auch keine davor haben – obwohl natürlich ein Bad im zehn Grad kalten Wasser keinen besonderen Optimismus hervorruft. Aber ich musste damit noch keine Bekanntschaft machen.
Der erste Kurs geht über zehn Wochen, einmal pro Woche und jeweils vier Stunden. Dann kann man es im Sommer schon schaffen, das zweite Modell abzuschließen, eine kleine Prüfung ablegen, einen „Führerschein“ für das Wasser bekommen und damit das Recht haben, sich an den Wochenenden Boote auszuleihen. Die Ostsee kann man mit einer Jolle zwar nicht überqueren, aber in der Bucht mit dem Wind herumzuschippern, ist auch schon mal viel wert. Und für alle Fälle hat die Universität auch Yachten für acht Leute, mit denen man immerhin schon Dänemark umsegeln kann; insofern weiß man, worauf man hinarbeitet.

Außerdem kommt es mir noch so vor, dass die Leute, die Segelsport betreiben, von Natur aus ruhige, freundliche, geduldige und kontaktfreudige Wesen sind. Schließlich kann man auch gar nicht anders sein, wenn man bei einer langen Tour auf einer Yacht mit, sagen wir, 12 Metern Länge ein paar Tage lang zusammenhängt, oder sich auch wochenlang konstruktiv mit anderen Leuten arrangieren und mit ihnen zusammenarbeiten muss. Unser Lehrer Ulrich ist genau so ein Typ. Und übrigens findet er, dass von all den Orten, an denen er schon unterrichtet hat, die Ostsee der geeignetste Ort ist, um das Segeln zu lernen. Der Wind ist ziemlich gleichmäßig, und es gibt keinen hohen Wellengang und keine starken Stürme. Da wäre es doch eine Sünde, diese Möglichkeit verstreichen zu lassen.
Und das kann ich wirklich sehr empfehlen. Es befindet sich zwar nicht im Zentrum von Kiel, sondern im Vorort Schilksee, wo der größte Stadthafen für Yachten und Segelschiffe liegt. Der Ort an sich ist schon malerisch und ein idealer Ausgangspunkt für eine Fahrradtour an freien Tagen. Und vor allem ist der Segelsport eine ziemlich teure Angelegenheit – doch die Kurse im Segelzentrum sind eine erschwingliche Möglichkeit für Studierende, sich Basiswissen anzueignen. Denn schließlich weiß man nie, wann man das mal brauchen kann.
Wenn man von vorne anfangen will, dann wohl damit, dass die Neueinsteiger nicht auf großen Yachten lernen, sondern auf deren „kleinen Brüdern“: Auf sogenannten Jollen, Segelschiffen mit einer Länge von fünf Metern und mit zwei Segeln – Groß und Fock. Wir lernen alles im Laufe der praktischen Übungen, und natürlich lässt einen auch niemand sofort auf die fast offene Ostsee rausfahren. Aber es gibt eben auch keine einzelnen, langweiligen Theorieeinheiten. In den ersten zwei Stunden lernt man gleich die Basissachen – nämlich, wie man Seeknoten bindet. Und von denen gibt es in etwa so viele, wie Yachten am Anleger von Schilksee. Aber das kommt dann schon alles mit der Übung!
Man kann zu zweit oder zu dritt auf den Jollen fahren, und umkippen kann man damit übrigens auch, denn sie liegen nicht besonders tief im Wasser. Aber so einfach passiert das nicht, und Angst muss man auch keine davor haben – obwohl natürlich ein Bad im zehn Grad kalten Wasser keinen besonderen Optimismus hervorruft. Aber ich musste damit noch keine Bekanntschaft machen.
Der erste Kurs geht über zehn Wochen, einmal pro Woche und jeweils vier Stunden. Dann kann man es im Sommer schon schaffen, das zweite Modell abzuschließen, eine kleine Prüfung ablegen, einen „Führerschein“ für das Wasser bekommen und damit das Recht haben, sich an den Wochenenden Boote auszuleihen. Die Ostsee kann man mit einer Jolle zwar nicht überqueren, aber in der Bucht mit dem Wind herumzuschippern, ist auch schon mal viel wert. Und für alle Fälle hat die Universität auch Yachten für acht Leute, mit denen man immerhin schon Dänemark umsegeln kann; insofern weiß man, worauf man hinarbeitet.
Außerdem kommt es mir noch so vor, dass die Leute, die Segelsport betreiben, von Natur aus ruhige, freundliche, geduldige und kontaktfreudige Wesen sind. Schließlich kann man auch gar nicht anders sein, wenn man bei einer langen Tour auf einer Yacht mit, sagen wir, 12 Metern Länge ein paar Tage lang zusammenhängt, oder sich auch wochenlang konstruktiv mit anderen Leuten arrangieren und mit ihnen zusammenarbeiten muss. Unser Lehrer Ulrich ist genau so ein Typ. Und übrigens findet er, dass von all den Orten, an denen er schon unterrichtet hat, die Ostsee der geeignetste Ort ist, um das Segeln zu lernen. Der Wind ist ziemlich gleichmäßig, und es gibt keinen hohen Wellengang und keine starken Stürme. Da wäre es doch eine Sünde, diese Möglichkeit verstreichen zu lassen.
Sonntag, 6. Mai 2012
Zu Besuch in Magnitogorsk
Ganz im Süden der Tscheljabinsker Oblast, fünf Stunden mit dem Bus von Tscheljabinsk entfernt und inmitten einer weiten Steppenlandschaft, liegt Magnitogorsk, eine Stadt, die bekannt ist für ihre Stahlproduktion. Man hatte mir den Ort als graue Industriestadt beschrieben, mit der am stärksten belasteten Luft in der ganzen Region und zuweilen orangefarbenem Schnee im Winter.
Als ich kürzlich von der Staatlichen Pädagogischen Universität in Magnitogorsk eingeladen wurde, den Studierenden dort zwei deutsche Filme zu zeigen, konnte ich mir ein eigenes Bild von der Stadt machen. Hier ein paar Eindrücke meiner Reise.

Auf seiner fünfstündigen Fahrt zwischen Tscheljabinsk und Magnitogorsk macht der Überland-Bus seine einzige Pause bezeichnenderweise am Rastplatz „Stepnoe“. Ringsum Steppe, soweit das Auge reicht.

Kurz vor Magnitogorsk: Hinter den Hügeln steigt der Dunst der Fabrikschornsteine auf.

Geteilt durch den Fluss Ural liegt die Stadt auf zwei Kontinenten. Als touristische Attraktion verkauft sie das allerdings nicht.

Die Stahlfabriken auf der asiatischen Seite des Flusses Ural. Wer hier arbeitet und sich den hohen körperlichen und gesundheitlichen Belastungen aussetzt, hat einen sehr angesehenen Beruf und wird entsprechend gut bezahlt:

Im zweiten Weltkrieg war Magnitogorsk einer der wichtigsten Zulieferer der sowjetischen Rüstungsindustrie. Die Statue des Schmiedes der dem Soldaten das Schwert für die Front übergibt, erinnert daran.

Weiter Himmel, hügelige Landschaft und entspannte Menschen. Der Schnee ist übrigens genauso weiß oder dreckig, wie in anderen Großstädten auch.

Ein Betonzelt erinnert an die ersten Siedler, die die Stadt 1929 mitten in der Steppe gründeten.
Здания на улице Строителей были построены немецкими военнопленными.
Die Gebäude in der Uliza Stroitelej wurden von deutschen Kriegsgefangenen gebaut.



Hausbesuch: Die Brüder Farid und Amir Timergasin sind Schmiede in dem kleinen Magnitogorsker Vorort Agapovka. Ihre Wohnung ist voll mit Eisenskulpturen, die sie gemeinsam entworfen und gebaut haben, wie das Lesepult mit Uhu…

Oder der Drache mit integrierter Lampenkonstruktion …

Amir bleibt nicht mehr lange in Magnitogorsk. Er will sein Glück als Kunstschmied in Moskau versuchen. Wenn es nicht klappt, werden es eben erstmal wieder eiserne Hoftore für neureiche Hausbesitzer.
Der Vergnügungspark im Zentrum der Stadt ist noch im Winterschlaf. Falls sich doch jemand hierher verirrt, wird er vor der Geisterbahn großformatig von einer Versicherungsgesellschaft angeworben. "Wir sind immer bei Ihnen."


Trotz trüben Wetters macht der Gemüsesamen-Verkäufer guten Umsatz. Und wenn die Tomaten in ein paar Wochen groß genug zum Einpflanzen auf der Datscha sind...

... wird niemand zu Thomas Anders gehen.

Diese Stadt hat mich tatsächlich manchmal ganz schön zum Husten gebracht. Aber auch zum Staunen, über schöne alte Häuser zum Beispiel, darüber, in welch kurzer Zeit sich Magnitogorsk entwickelt und vergrößert hat, ohne zugebaut und dunkel zu sein. Über die herzlichen Menschen und das lebendige Wesen dieser Stadt unter dem Rußschleier, über die weite Landschaft in der sie liegt. Ich komme wieder.
Als ich kürzlich von der Staatlichen Pädagogischen Universität in Magnitogorsk eingeladen wurde, den Studierenden dort zwei deutsche Filme zu zeigen, konnte ich mir ein eigenes Bild von der Stadt machen. Hier ein paar Eindrücke meiner Reise.

Auf seiner fünfstündigen Fahrt zwischen Tscheljabinsk und Magnitogorsk macht der Überland-Bus seine einzige Pause bezeichnenderweise am Rastplatz „Stepnoe“. Ringsum Steppe, soweit das Auge reicht.

Kurz vor Magnitogorsk: Hinter den Hügeln steigt der Dunst der Fabrikschornsteine auf.

Geteilt durch den Fluss Ural liegt die Stadt auf zwei Kontinenten. Als touristische Attraktion verkauft sie das allerdings nicht.

Die Stahlfabriken auf der asiatischen Seite des Flusses Ural. Wer hier arbeitet und sich den hohen körperlichen und gesundheitlichen Belastungen aussetzt, hat einen sehr angesehenen Beruf und wird entsprechend gut bezahlt:

Im zweiten Weltkrieg war Magnitogorsk einer der wichtigsten Zulieferer der sowjetischen Rüstungsindustrie. Die Statue des Schmiedes der dem Soldaten das Schwert für die Front übergibt, erinnert daran.

Weiter Himmel, hügelige Landschaft und entspannte Menschen. Der Schnee ist übrigens genauso weiß oder dreckig, wie in anderen Großstädten auch.

Ein Betonzelt erinnert an die ersten Siedler, die die Stadt 1929 mitten in der Steppe gründeten.
Здания на улице Строителей были построены немецкими военнопленными.
Die Gebäude in der Uliza Stroitelej wurden von deutschen Kriegsgefangenen gebaut.



Hausbesuch: Die Brüder Farid und Amir Timergasin sind Schmiede in dem kleinen Magnitogorsker Vorort Agapovka. Ihre Wohnung ist voll mit Eisenskulpturen, die sie gemeinsam entworfen und gebaut haben, wie das Lesepult mit Uhu…

Oder der Drache mit integrierter Lampenkonstruktion …

Amir bleibt nicht mehr lange in Magnitogorsk. Er will sein Glück als Kunstschmied in Moskau versuchen. Wenn es nicht klappt, werden es eben erstmal wieder eiserne Hoftore für neureiche Hausbesitzer.
Der Vergnügungspark im Zentrum der Stadt ist noch im Winterschlaf. Falls sich doch jemand hierher verirrt, wird er vor der Geisterbahn großformatig von einer Versicherungsgesellschaft angeworben. "Wir sind immer bei Ihnen."


Trotz trüben Wetters macht der Gemüsesamen-Verkäufer guten Umsatz. Und wenn die Tomaten in ein paar Wochen groß genug zum Einpflanzen auf der Datscha sind...

... wird niemand zu Thomas Anders gehen.

Diese Stadt hat mich tatsächlich manchmal ganz schön zum Husten gebracht. Aber auch zum Staunen, über schöne alte Häuser zum Beispiel, darüber, in welch kurzer Zeit sich Magnitogorsk entwickelt und vergrößert hat, ohne zugebaut und dunkel zu sein. Über die herzlichen Menschen und das lebendige Wesen dieser Stadt unter dem Rußschleier, über die weite Landschaft in der sie liegt. Ich komme wieder.
Freitag, 4. Mai 2012
Die Rückkehr aus Russlands Süden

Archangelsk: Man ist gerüstet
Trotz des Titels fange ich jetzt erst mal mit der Abreise aus dem russischen Nordwesten an. Keine Sorge, kein Etikettenschwindel – es wird auch über die Rückkehr zu lesen sein. Also, Abfahrt nach Wolgograd vor ca. zwei Wochen, Mitte April. Archangelsk – eine einzige Eisplatte. Es liegt noch sehr viel Schnee, die Sonne scheint aber bereits kräftig. Der geschmolzene Schnee verwandelt sich nachts in unglaublich glatte, unheimlich große Eisplatten. Ich komme des Öfteren ins Schlingern und wundere mich, wie rüstige und vor allem weniger rüstige Pensionäre diese Wetterperiode ohne Knochenbrüche überstehen.

Eisglätte mit Tauben
Aber zurück zum Thema. Also, raus aus der winterlich-glatten Archangelsker Misere, ab nach Wolgograd. Eine Email im Computer, die leichte Kleidung für das warme Wetter empfiehlt. Gesagt, gepackt. Ich nehme also nur den normalen Wintermantel und eine Übergangsjacke mit. Am stalinbarocken Flughafen von Wolgograd trifft mich dann auch fast der Schlag: es hat gefühlt über 30°.

Flughafen Wolgograd
Wolgograd ist dufte, eine interessante Stadt, die sich unendlich am Wolgaufer entlangzieht (über 100km). Die Wolga ist tiefblau, die Landschaft schon sehr steppenhaft und außerdem ist Frühsommer. Wunderbar. Im Laufe der Woche bleibt ein wenig Zeit für die Sehenswürdigkeiten. Kurzum, trotz viel Arbeit amüsiert man sich.

Die blaue Wolga und Wolgograd
Was sich aber irgendwie eigenartig anfühlt, denn die Geschichte der Stadt lässt sich zumindest für Neuankömmlinge nicht so selbstverständlich hinnehmen. Dafür ist das Thema Krieg auch viel zu sehr in der Stadtarchitektur und im Stadtmarketing verankert: Wo in Berlin Bären, in München komische Löwenfiguren und in Ulm Spatzen herumstehen (wohl als Identifikationsfiguren für Einheimische und vor allem für Touristen zum Posieren), stehen in Wolgograd allerorten Panzergeschütztürme auf Steinsäulen. Zusammen mit viel anderem ausrangierten Kriegsgerät und einer hinreichend monumentalen Nachkriegsarchitektur bleibt die Schlacht um Stalingrad präsent.

Ehrenhalle Unterhalb der großen Statue Rodina Mat
Das war also Wolgograd.
Bei meiner Rückkehr nach Archangelsk empfing mich ein vorsichtig beginnender Frühling, vereinzelte Schneehäufchen erinnerten noch an den langen Winter. Hier beginne ich auch endlich, Euch den Grund für meinen Blogeintrag zu eröffnen.

Archangelsk: Es ist vereinzelt mit Sperrmüll zu rechnen
Ich fühlte mich nämlich ein bisschen wie Schliemann beim Entdecken von Troja: Unter der schmelzenden Schneedecke (--> „Archangelsker Eisplatte“) kommt der angesammelte Zivilisationsmüll eines halben Jahres zum Vorschein. Sofas, halbe Waschbecken, sehr viele Toilettenschüsseln, Flaschen, Plastik mannigfaltiger Provenienz und Zigarettenstummel.

Der Kippenberg
Abschließen möchte ich heute mit einem Kompliment an die Archangelsker Stadtreinigung, bzw. die Damen und Herren vom Gebäudemanagement: All dieser herrliche Zivilisationsmüll verschwand, zumindest im Zentrum, innerhalb weniger Tage nach der Schneeschmelze. Überall fein gerechte Grasflecken, gefegte Schlaglöcher und ausgeastete Gebüsche. Das Ergebnis harter Arbeit wird in Form von schwarzen Plastikmüllsäcken noch mehrere Tage auf den Grünflächen ausgestellt.

The Müll himself
Anstelle eines müden Kalauers à la BSR („We kehr for you“-Slogan aus den 90ern) oder öden Stadtmöbeln lieber temporäre Installationen mit schwarzen Plastiksäcken. Nicht nur die wichtige Arbeit einer Stadtreinigung wird demonstriert, nein auch an die Vergänglichkeit des Seins und die Nebenwirkungen der modernen Zivilisation wird denkwürdig erinnert. Bei eindrucksvollen Performances wurden in den letzten Tagen die Installationen von Hand verladen. Verladen auf sehr urige, in sowjetischen Planungsbüros erdachte Lastwagen. Da soll keiner sagen, zeitgenössische Kunst sei in Archangelsk nicht im öffentlichen Raum angekommen!

Die Verlade-Performance
Und weil Bilder gucken super ist und Texte lesen nich so (mit dem Bilder machen und Texte schreiben verhält es sich ähnlich...), gibt es hier noch ein paar Fotos aus Archangelsk und Wolgograd. Bis zum nächsten Mal...

Wolgograd: Das Panoramamuseum zur Schlacht um Stalingrad

Wolgograd: Palmen am Flughafen

Wolgograd: Es muss auch gefeiert werden.

Wolgograd: Kriegsvitrine in der Hotellobby

Wolgograd: Im Panoramamuseum

Wolgograd: In der Turbasa

Wolgograd: Zugreisende

Wolgograd: Frühling, während in Archangelsk noch Schneestürme toben.

Wolgograder Geheimtipp: Ins Planetarium gehen, wo es neben vielen tollen Kosmossachen aus den 50ern ein Stalinportrait in Mosaik gibt. Alles in einem perfekt konservierten Gebäude, in dem sich seit mindestens 25 nichts verändert hat. Eine Zeitreise in die Sowjetunion...
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Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk

