
Während des Modells war ich für die Generalversammlung eingeteilt, wo ich die Interessen der Dominikanischen Republik vertreten habe. Auf der Tagesordnung standen die globalen Klimaveränderungen. Wie ihr wisst, ist das in letzter Zeit ja eine ziemlich aktuelle Angelegenheit. Ich gebe ehrlich zu, dass ich in den ersten dreißig Minuten unserer Sitzung nur schlecht nachvollziehen konnte, worum es hier denn eigentlich geht. Von allen Seiten wurden Fragen an die Experten gestellt, Vorschläge zum Procedere gemacht, Erkundigungen zu persönlichen Privilegien eingeholt und dergleichen mehr. Alles, was die Teilnehmenden wirklich interessierte und beschäftigte, wurde auch gleich geklärt.
Als ich mich aber einmal reingefunden hatte, habe ich auch gleich begonnen, aktiv am Geschehen teilzunehmen. So hatten etwa die Delegationen während der ersten zwei Tage die Stellungnahmen ihrer Länder zur Tagesordnung und Lösungsvorschläge zu konkreten Problemen an die Weltengemeinschaft (und jetzt eben uns) geschickt. Im Laufe der folgenden Tage haben wir dann – zuerst zusammengefasst in unterschiedlichen Koalitionen und dann gemeinsam, mit vereinten Kräften – eine einheitliche Resolution ausgearbeitet. Ich sage gleich, dass es sehr viele Streitpunkte, Debatten und Diskussionen gab, so dass ich mich darüber gewundert habe, dass dem Präsidium von unserer Verbesserungsvorschlägen und Unterhaltungen nicht der Kopf geplatzt ist. Aber schlussendlich haben wir es doch geschafft! Wir haben eine gemeinsame Resolution erstellt, die, wie uns die Organisatoren versprochen haben, zur UNO nach Amerika geschickt wird. Am letzten Tag haben wir uns alle als Zeichen dessen, dass wir für eine saubere Umwelt und ein stabiles Klima sind, ein grünes Band um das Handgelenk gebunden.
Ganz kurz will ich auch vom Kulturprogramm des Modells erzählen: Es gab Exkursionen und Museumsbesuche, eine Disco und sogar einen Ball (ein für mich ganz unerwartetes Ereignis. Danke nochmals an die Organisatoren, dass sie uns vorgewarnt hatten). Ich will etwas ausführlicher vom Ball erzählen, denn schließlich war das doch die größte Veranstaltung dieser Art für mich (na ja, mit Ausnahme des Abschlussballs in der Schule). Alle Teilnehmenden kamen unglaublich aufgestylt dorthin, und, wie zu erwarten war, die Mädchen in Kleidern und die Jungs im Anzug. Ich habe es wirklich sehr bereut, dass ich nicht rechtzeitig gelernt habe, Walzer zu tanzen, aber das ist ja kein Beinbruch. Die Anwesenheit unserer Organisatorin rettete die ganze Situation. Sie erklärte uns sehr genau, was wir machen sollten („alle zusammen: Links-zwei-drei“), und deshalb hatten wir es auch bald drauf. Gegen Ende des Abends konnten wir von der Polonaise bis zur Polka alles tanzen.

Auf der feierlichen Abschlussveranstaltung hatten die Vertreter aller bestehenden Komitees ihren Auftritt. Sie berichteten von ihren Eindrücken zum Modell und bestimmten den Namen des besten Abgeordneten (also desjenigen, der am meisten beigetragen, seine Meinung ausgedrückt und sich aktiv an der Ausarbeitung der Resolution beteiligt hatte). Beste wurde die Delegation aus Lybien. Ich sage ganz ehrlich, dass ich mich nur schlecht an dieses Mädchen erinnern kann, aber ich denke mal, dass man mir das verzeihen könnte, denn schließlich hatten bei uns ja mehr als 160 Abgeordnete das Wort. Obwohl ich mir andererseits einen Auftritt ganz besonders gemerkt habe: Ein Mädchen war mit einer Wasserflasche in der einen und mit Vorschlägen für die Resolution in der anderen Hand auf die Bühne getreten und hatte verkündet, dass sie hier das Wasser in der Hand hat – in der einen echtes, und in der anderen die schriftlichen Formulierungen dazu. Damit rief sie uns auf, nicht für die bestehende Resolution zu stimmen. Ich gebe schon zu, dass das ein beeindruckender Auftritt war, doch an mehr kann ich mich nicht erinnern. Im Endeffekt haben ja die Abgeordneten selbst so abgestimmt, und demnach gehen meine herzlichsten Glückwünsche an die Delegation aus Lybien.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass das hier wirklich eine Veranstaltung größeren Maßstabs war. Und sie wurde nicht zum ersten Mal durchgeführt. Es war interessant, sich anzusehen, wie in so wichtigen Organen wie der UNO alles seinen Gang geht. Schließlich ist es gar nicht so einfach, auf dem Laufenden zu sein, was die zu diskutierenden Fragen angeht – und es ist nett, seine Gedanken formulieren zu können. Wobei man nicht vergessen darf, dass man im Namen des zu vertretenden Landes spricht und sich daher an solche Formulierungen wie „nicht ich, sondern wir, unsere Delegation“ u.s.w. zu halten. Während unserer Sitzung hat man uns in dieser Hinsicht oft ermahnt. Schließlich wurde ja davon ausgegangen, dass die Teilnehmenden des Modells potentielle Diplomaten von morgen sind. Insgesamt gesehen bin ich jedenfalls mit einer Menge positiver Gefühle und Eindrücke zurück nach Hause gekommen.
Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk

