Dreiteilungen hören sich immer gut an: Farbe, Pinsel und Eimer oder Sommer, Sonne und Strand (hier sogar mit Alliteration) oder auch Selbstverständnis, Moskau und ich – doch halt, letzteres klingt vielleicht gut, ist aber in der Umsetzung nicht so einfach wie die Sache mit der Farbe oder dem Sommer. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.
Vor über einer Woche wurde in Russland Ostern gefeiert. Leider habe ich die nächtliche Prozession verpasst, durfte aber trotzdem vom Osterbrot probieren. Dieses wird gewöhnlich am Samstag in die Kirche gebracht um es dort mit heiligem Wasser bespritzen zu lassen. Unser Osterbrot hatte kein heiliges Wasser – war trotzdem lecker. Gebacken hat es meine neue Gastomi – Fazit: ich bin raus aus dem Knast. Juhu! Doch was im Obscheschidje (meine eigens kreierte Schreibweise des Wortes) zu wenig mit mir gesprochen wurde, wird hier bei Irina nachgeholt. Bereits früh am Morgen kämpfe ich mir ein paar russische Brocken ab und wer weiß, wie meine Laune am frühen Morgen in Deutschland ist, der weiß dann auch, wie sich meine morgendliche russische Laune anfühlt ;o)
Aber zurück zur verpassten Osterprozession – die hab ich gestern nachgeholt. Unwissentlich (wie eigentlich alles was ich hier so anstelle) bin ich in einen riesigen Umzug der russisch-orthodoxen Kirche geraten, der zum Schutz der Heiligtümer und des heiligen Glaubens stattgefunden hat. Grund war der angeblich steigende Vandalismus in der Kirche – Pussy Riot ist hier das Schlagwort. Vielleicht sollte aber eher eine klare Trennlinie zwischen politischem Protest und Vandalismus gezogen werden, dann kann man auch in Ruhe an einem schönen Sonntag Nachmittag Windbeutel mit geiler Puddingfüllung in der Nähe der Erlöserkathedrale essen. Aber dies war nicht die einzige Menschenmasse an diesem Tag. Zwei Straßen weiter sind wir in einen ebenfalls riesigen Flashmob geraten, der die ganze Fußgängerzone der Innenstadt mit Seifenblasen gefüllt hat. Leider waren es zu viele Menschen, so dass die Seifenblasen ganz untergegangen sind – aus dem Dreamflash war wohl doch eher ein Trampelflash geworden!
Sonst habe ich noch einen wunderbaren Ausflug nach Vladimir und Suzdal gemacht und festgestellt, dass es sich in Vladimir bestimmt sehr schön wohnen lässt. Ich würde wirklich gerne Fotos zeigen, leider habe ich diese aber in meinem Übermut gelöscht...Aber google kann euch bestimmt mit netten Eindrücken versorgen. Auf dem Weg nach Vladimir hab ich erneut russische Straßen zu spüren bekommen und diese sind echt kein Highlight, vor allem nicht, wenn man in einem Lada Baujahr voriges Jahrhundert sitzt, dessen Gurte lediglich Attrappenfunktion besitzen und nur zum Wohlgefallen der Polizei umgelegt werden, die sich im Übrigen überhaupt nicht für Gurte interessiert (Mein neues Hobby ist jetzt auch bei rot über die Ampel zu gehen, wenn Polizisten zusehen. Das gibt so einen kleinen Kick, weil man ja doch ab- und an noch deutsche Erwartungen an die hiesigen Ordnungshüter hat ;o) ).
Des Weiteren hab ich am Wochenende mit unbekannten Aktivisten Blumensträuße gebunden und diese zum Schutze der Umwelt an Parkbesucher verkauft, habe angetrunkenen Omis und Opis beim Singen und Tanzen zugesehen, habe unterschiedliche Parkanlagen Moskaus erkundet, habe den verschiedensten Bands der Stadt beim Musizieren gelauscht und mich insgesamt am wunderbaren Wetter erfreut. Auch wenn es hier nicht so richtig frühlingsgrün wird, so ist es doch zumindest sehr warm und ich schwitze mich jetzt schon in der Metro kaputt (ich will nicht wissen, wie der Sommer wird).
Mir ist noch aufgefallen, dass Augenbrauenzupfen in der U-Bahn für andere Mitfahrende nicht sonderlich attraktiv anzusehen ist. Auch habe ich Angst, dass sich die männlichen Mitfahrer inspiriert fühlen ihre morgendliche Rasur im Untergrund abzuhalten. Jeder male sich doch bitte das Szenario aus, wenn die Metro um eine scharfe Kurve fährt oder plötzlich bremst – Klingenfallalarm! Doch vielleicht fehlt mir einfach nur das Verständnis dafür.
Weiter geht’s im skurrilen Alltag:
Ich habe in Moskau ein neues Hochzeitsformat entdeckt – Trashhochzeit mit Freibier für alle Parkbesuchenden. Dazu absolut schreckliche und schräge Livemusik und ein Hochzeitsfoto mit vielen grünen Flaschen. Vielleicht überlege ich mir das nochmal mit meinem Hippiekram... Worüber ich nicht länger nachdenken muss ist, ob ich diese ganzen gefüllten Brötchen hier mag: JA! Egal ob Brötchen gefüllt mit Kartoffelbrei, Brötchen gefüllt mit Sauerkraut oder Brötchen gefüllt mit Pilzgedöns...ich mag Füllung, denn mit lecker gefülltem Magen lebt es sich gleich sehr viel besser und besser fetzt!
Anarchie kommt dann später!
Montag, 23. April 2012
Anarchie als Überlebensstrategie
Mittwoch, 18. April 2012
Aktivismus in Aktion
DIY-Festival.wma
Am Anfang stand das Manifest – Moskau 2020. Der Plan: die verschiedensten Gebiete von Moskau neu zu strukturieren, den Verkehr zu entlasten und die Menschen zum Mitmachen anzuregen. Auf das Manifest folgt die Praxis – ganz nach dem pragmatischem Leitsatz „Delai Sam“ – „Mach es selbst“.
In diesen Tagen wird in Moskau viel diskutiert, ausgetauscht und angepackt. Dabei wird den Moskowitern unter Anleitung verschiedenster Initiativen gezeigt, wie sie ihr Leben in der Metropole komfortabler gestalten können. Daria Melissina, Mitorganisatorin des Festivals, erklärt:
„Es ist eine Woche mit Aktionen in der ganzen Stadt. Jeden Tag zeigen wir einem mobilen Kino Filme, die sich mit ökologischen und sozialen Themen befassen. Es wird aber auch Ausstellungen und Diskussionsrunden geben – alles zum Thema “ziviler Aktivismus“. Am 21. April ist der „Tag der Aktionen“. Alle Bürger können in den verschiedensten Bezirken der Stadt Bäume pflanzen, ihren sortierten Müll zu Sammelstellen bringen oder auch Parkanlagen aufräumen. Wir haben aber noch mehr Aktionen organisiert, an denen alle teilnehmen können.“
Bereits zum dritten Mal findet das „Do It Yourself“-Festival in Moskau statt. Eine große Mülltrennungsaktion war der Auftakt zum ersten Festival im Frühling 2011 - im Herbst desselben Jahres stand das Radfahren im Mittelpunkt. Doch hat sich schon was verändert?
„Es ist schwierig zu sagen. Wir wissen natürlich, wo wir Bäume und Sträucher gepflanzt haben. Auch sehen wir, dass es mehr Stationen für Mülltrennung gibt. Jedoch ist das Festival eher als Anstoß für verschiedene Projekte und Ideen zu sehen. Die Menschen haben nach dem Festival Zeit an ihren Projekten zu arbeiten. Auch können sie nach neuen Lösungen suchen. Es ist schön zu sehen, dass wir mit jeder Aktion mehr und mehr Teilnehmer erreichen. Am Anfang war es schwer die Menschen zu mobilisieren und wir mussten viel herumtelefonieren. Inzwischen gibt es aber immer mehr Leute, die Ideen und Projekte im Kopf haben und ich glaube nicht, dass dies nur an unserem Festival liegt.“
Dieses Jahr erhalten die Aktivisten auch erstmalig Unterstützung von der Regierung. Vladimir Fillipov, Abteilung für Jugend- und Familienpolitik, erklärt dabei die Rolle junger Menschen:
„Moskau ist die größte Stadt Europas und ein Viertel der Bewohner sind Jugendliche. Natürlich sind alle verschieden, aber viele von ihnen wollen die Lebensbedingungen in der Stadt verbessern – auf ihre eigene Art und Weise. Deswegen unterstützen wir solche Initiativen wie das „Delai Sam – Festival“. Wir wollen so viele Menschen wie möglich in die Problematik involvieren. Das wichtigste ist ein ökologisches Bewusstsein zu formen, besonders bei jungen Menschen. Diese sind viel flexibler in ihrer Lebensgestaltung und können nachhaltig zu einer Verbesserung beitragen.“
Das Festival geht noch bis Sonntag den 22. April – gefeiert wird aber bereits am Samstagabend. Zu Livemusik, Kino und Volksküche wird in den Sokolniki-Park geladen – aufgeräumt wird der Park natürlich vorher.
Daria Melissina träumt insgesamt von bis zu 5000 Teilnehmern - bis 2020 muss schließlich noch eine Menge geschafft werden.
Am Anfang stand das Manifest – Moskau 2020. Der Plan: die verschiedensten Gebiete von Moskau neu zu strukturieren, den Verkehr zu entlasten und die Menschen zum Mitmachen anzuregen. Auf das Manifest folgt die Praxis – ganz nach dem pragmatischem Leitsatz „Delai Sam“ – „Mach es selbst“.
In diesen Tagen wird in Moskau viel diskutiert, ausgetauscht und angepackt. Dabei wird den Moskowitern unter Anleitung verschiedenster Initiativen gezeigt, wie sie ihr Leben in der Metropole komfortabler gestalten können. Daria Melissina, Mitorganisatorin des Festivals, erklärt:
„Es ist eine Woche mit Aktionen in der ganzen Stadt. Jeden Tag zeigen wir einem mobilen Kino Filme, die sich mit ökologischen und sozialen Themen befassen. Es wird aber auch Ausstellungen und Diskussionsrunden geben – alles zum Thema “ziviler Aktivismus“. Am 21. April ist der „Tag der Aktionen“. Alle Bürger können in den verschiedensten Bezirken der Stadt Bäume pflanzen, ihren sortierten Müll zu Sammelstellen bringen oder auch Parkanlagen aufräumen. Wir haben aber noch mehr Aktionen organisiert, an denen alle teilnehmen können.“
Bereits zum dritten Mal findet das „Do It Yourself“-Festival in Moskau statt. Eine große Mülltrennungsaktion war der Auftakt zum ersten Festival im Frühling 2011 - im Herbst desselben Jahres stand das Radfahren im Mittelpunkt. Doch hat sich schon was verändert?
„Es ist schwierig zu sagen. Wir wissen natürlich, wo wir Bäume und Sträucher gepflanzt haben. Auch sehen wir, dass es mehr Stationen für Mülltrennung gibt. Jedoch ist das Festival eher als Anstoß für verschiedene Projekte und Ideen zu sehen. Die Menschen haben nach dem Festival Zeit an ihren Projekten zu arbeiten. Auch können sie nach neuen Lösungen suchen. Es ist schön zu sehen, dass wir mit jeder Aktion mehr und mehr Teilnehmer erreichen. Am Anfang war es schwer die Menschen zu mobilisieren und wir mussten viel herumtelefonieren. Inzwischen gibt es aber immer mehr Leute, die Ideen und Projekte im Kopf haben und ich glaube nicht, dass dies nur an unserem Festival liegt.“
Dieses Jahr erhalten die Aktivisten auch erstmalig Unterstützung von der Regierung. Vladimir Fillipov, Abteilung für Jugend- und Familienpolitik, erklärt dabei die Rolle junger Menschen:
„Moskau ist die größte Stadt Europas und ein Viertel der Bewohner sind Jugendliche. Natürlich sind alle verschieden, aber viele von ihnen wollen die Lebensbedingungen in der Stadt verbessern – auf ihre eigene Art und Weise. Deswegen unterstützen wir solche Initiativen wie das „Delai Sam – Festival“. Wir wollen so viele Menschen wie möglich in die Problematik involvieren. Das wichtigste ist ein ökologisches Bewusstsein zu formen, besonders bei jungen Menschen. Diese sind viel flexibler in ihrer Lebensgestaltung und können nachhaltig zu einer Verbesserung beitragen.“
Das Festival geht noch bis Sonntag den 22. April – gefeiert wird aber bereits am Samstagabend. Zu Livemusik, Kino und Volksküche wird in den Sokolniki-Park geladen – aufgeräumt wird der Park natürlich vorher.
Daria Melissina träumt insgesamt von bis zu 5000 Teilnehmern - bis 2020 muss schließlich noch eine Menge geschafft werden.
Dienstag, 17. April 2012
MIMUN 2012
Irgendwie hat es sich so ergeben, dass ich in letzter Zeit kaum noch in Uljanowsk anzutreffen war. Vor kurzem erst bin ich aus Moskau zurückgekommen, wo ich eine ganze Aprilwoche verbracht habe. Und zwar war ich auf dem Moskauer Internationalen UNO-Modell 2012. Klingt nach einer großen Sache, was? Und das war es auch. Mal ganz davon abgesehen, dass hier Studierende und Schüler aus der ganzen Welt zusammenkamen (und was für welche! Die engagiertesten Leute aus Russland, und weit über seine Grenzen hinaus). Daher hat diese Konferenz auch ihren internationalen Status.

Während des Modells war ich für die Generalversammlung eingeteilt, wo ich die Interessen der Dominikanischen Republik vertreten habe. Auf der Tagesordnung standen die globalen Klimaveränderungen. Wie ihr wisst, ist das in letzter Zeit ja eine ziemlich aktuelle Angelegenheit. Ich gebe ehrlich zu, dass ich in den ersten dreißig Minuten unserer Sitzung nur schlecht nachvollziehen konnte, worum es hier denn eigentlich geht. Von allen Seiten wurden Fragen an die Experten gestellt, Vorschläge zum Procedere gemacht, Erkundigungen zu persönlichen Privilegien eingeholt und dergleichen mehr. Alles, was die Teilnehmenden wirklich interessierte und beschäftigte, wurde auch gleich geklärt.
Als ich mich aber einmal reingefunden hatte, habe ich auch gleich begonnen, aktiv am Geschehen teilzunehmen. So hatten etwa die Delegationen während der ersten zwei Tage die Stellungnahmen ihrer Länder zur Tagesordnung und Lösungsvorschläge zu konkreten Problemen an die Weltengemeinschaft (und jetzt eben uns) geschickt. Im Laufe der folgenden Tage haben wir dann – zuerst zusammengefasst in unterschiedlichen Koalitionen und dann gemeinsam, mit vereinten Kräften – eine einheitliche Resolution ausgearbeitet. Ich sage gleich, dass es sehr viele Streitpunkte, Debatten und Diskussionen gab, so dass ich mich darüber gewundert habe, dass dem Präsidium von unserer Verbesserungsvorschlägen und Unterhaltungen nicht der Kopf geplatzt ist. Aber schlussendlich haben wir es doch geschafft! Wir haben eine gemeinsame Resolution erstellt, die, wie uns die Organisatoren versprochen haben, zur UNO nach Amerika geschickt wird. Am letzten Tag haben wir uns alle als Zeichen dessen, dass wir für eine saubere Umwelt und ein stabiles Klima sind, ein grünes Band um das Handgelenk gebunden.
Ganz kurz will ich auch vom Kulturprogramm des Modells erzählen: Es gab Exkursionen und Museumsbesuche, eine Disco und sogar einen Ball (ein für mich ganz unerwartetes Ereignis. Danke nochmals an die Organisatoren, dass sie uns vorgewarnt hatten). Ich will etwas ausführlicher vom Ball erzählen, denn schließlich war das doch die größte Veranstaltung dieser Art für mich (na ja, mit Ausnahme des Abschlussballs in der Schule). Alle Teilnehmenden kamen unglaublich aufgestylt dorthin, und, wie zu erwarten war, die Mädchen in Kleidern und die Jungs im Anzug. Ich habe es wirklich sehr bereut, dass ich nicht rechtzeitig gelernt habe, Walzer zu tanzen, aber das ist ja kein Beinbruch. Die Anwesenheit unserer Organisatorin rettete die ganze Situation. Sie erklärte uns sehr genau, was wir machen sollten („alle zusammen: Links-zwei-drei“), und deshalb hatten wir es auch bald drauf. Gegen Ende des Abends konnten wir von der Polonaise bis zur Polka alles tanzen.

Auf der feierlichen Abschlussveranstaltung hatten die Vertreter aller bestehenden Komitees ihren Auftritt. Sie berichteten von ihren Eindrücken zum Modell und bestimmten den Namen des besten Abgeordneten (also desjenigen, der am meisten beigetragen, seine Meinung ausgedrückt und sich aktiv an der Ausarbeitung der Resolution beteiligt hatte). Beste wurde die Delegation aus Lybien. Ich sage ganz ehrlich, dass ich mich nur schlecht an dieses Mädchen erinnern kann, aber ich denke mal, dass man mir das verzeihen könnte, denn schließlich hatten bei uns ja mehr als 160 Abgeordnete das Wort. Obwohl ich mir andererseits einen Auftritt ganz besonders gemerkt habe: Ein Mädchen war mit einer Wasserflasche in der einen und mit Vorschlägen für die Resolution in der anderen Hand auf die Bühne getreten und hatte verkündet, dass sie hier das Wasser in der Hand hat – in der einen echtes, und in der anderen die schriftlichen Formulierungen dazu. Damit rief sie uns auf, nicht für die bestehende Resolution zu stimmen. Ich gebe schon zu, dass das ein beeindruckender Auftritt war, doch an mehr kann ich mich nicht erinnern. Im Endeffekt haben ja die Abgeordneten selbst so abgestimmt, und demnach gehen meine herzlichsten Glückwünsche an die Delegation aus Lybien.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass das hier wirklich eine Veranstaltung größeren Maßstabs war. Und sie wurde nicht zum ersten Mal durchgeführt. Es war interessant, sich anzusehen, wie in so wichtigen Organen wie der UNO alles seinen Gang geht. Schließlich ist es gar nicht so einfach, auf dem Laufenden zu sein, was die zu diskutierenden Fragen angeht – und es ist nett, seine Gedanken formulieren zu können. Wobei man nicht vergessen darf, dass man im Namen des zu vertretenden Landes spricht und sich daher an solche Formulierungen wie „nicht ich, sondern wir, unsere Delegation“ u.s.w. zu halten. Während unserer Sitzung hat man uns in dieser Hinsicht oft ermahnt. Schließlich wurde ja davon ausgegangen, dass die Teilnehmenden des Modells potentielle Diplomaten von morgen sind. Insgesamt gesehen bin ich jedenfalls mit einer Menge positiver Gefühle und Eindrücke zurück nach Hause gekommen.

Während des Modells war ich für die Generalversammlung eingeteilt, wo ich die Interessen der Dominikanischen Republik vertreten habe. Auf der Tagesordnung standen die globalen Klimaveränderungen. Wie ihr wisst, ist das in letzter Zeit ja eine ziemlich aktuelle Angelegenheit. Ich gebe ehrlich zu, dass ich in den ersten dreißig Minuten unserer Sitzung nur schlecht nachvollziehen konnte, worum es hier denn eigentlich geht. Von allen Seiten wurden Fragen an die Experten gestellt, Vorschläge zum Procedere gemacht, Erkundigungen zu persönlichen Privilegien eingeholt und dergleichen mehr. Alles, was die Teilnehmenden wirklich interessierte und beschäftigte, wurde auch gleich geklärt.
Als ich mich aber einmal reingefunden hatte, habe ich auch gleich begonnen, aktiv am Geschehen teilzunehmen. So hatten etwa die Delegationen während der ersten zwei Tage die Stellungnahmen ihrer Länder zur Tagesordnung und Lösungsvorschläge zu konkreten Problemen an die Weltengemeinschaft (und jetzt eben uns) geschickt. Im Laufe der folgenden Tage haben wir dann – zuerst zusammengefasst in unterschiedlichen Koalitionen und dann gemeinsam, mit vereinten Kräften – eine einheitliche Resolution ausgearbeitet. Ich sage gleich, dass es sehr viele Streitpunkte, Debatten und Diskussionen gab, so dass ich mich darüber gewundert habe, dass dem Präsidium von unserer Verbesserungsvorschlägen und Unterhaltungen nicht der Kopf geplatzt ist. Aber schlussendlich haben wir es doch geschafft! Wir haben eine gemeinsame Resolution erstellt, die, wie uns die Organisatoren versprochen haben, zur UNO nach Amerika geschickt wird. Am letzten Tag haben wir uns alle als Zeichen dessen, dass wir für eine saubere Umwelt und ein stabiles Klima sind, ein grünes Band um das Handgelenk gebunden.
Ganz kurz will ich auch vom Kulturprogramm des Modells erzählen: Es gab Exkursionen und Museumsbesuche, eine Disco und sogar einen Ball (ein für mich ganz unerwartetes Ereignis. Danke nochmals an die Organisatoren, dass sie uns vorgewarnt hatten). Ich will etwas ausführlicher vom Ball erzählen, denn schließlich war das doch die größte Veranstaltung dieser Art für mich (na ja, mit Ausnahme des Abschlussballs in der Schule). Alle Teilnehmenden kamen unglaublich aufgestylt dorthin, und, wie zu erwarten war, die Mädchen in Kleidern und die Jungs im Anzug. Ich habe es wirklich sehr bereut, dass ich nicht rechtzeitig gelernt habe, Walzer zu tanzen, aber das ist ja kein Beinbruch. Die Anwesenheit unserer Organisatorin rettete die ganze Situation. Sie erklärte uns sehr genau, was wir machen sollten („alle zusammen: Links-zwei-drei“), und deshalb hatten wir es auch bald drauf. Gegen Ende des Abends konnten wir von der Polonaise bis zur Polka alles tanzen.

Auf der feierlichen Abschlussveranstaltung hatten die Vertreter aller bestehenden Komitees ihren Auftritt. Sie berichteten von ihren Eindrücken zum Modell und bestimmten den Namen des besten Abgeordneten (also desjenigen, der am meisten beigetragen, seine Meinung ausgedrückt und sich aktiv an der Ausarbeitung der Resolution beteiligt hatte). Beste wurde die Delegation aus Lybien. Ich sage ganz ehrlich, dass ich mich nur schlecht an dieses Mädchen erinnern kann, aber ich denke mal, dass man mir das verzeihen könnte, denn schließlich hatten bei uns ja mehr als 160 Abgeordnete das Wort. Obwohl ich mir andererseits einen Auftritt ganz besonders gemerkt habe: Ein Mädchen war mit einer Wasserflasche in der einen und mit Vorschlägen für die Resolution in der anderen Hand auf die Bühne getreten und hatte verkündet, dass sie hier das Wasser in der Hand hat – in der einen echtes, und in der anderen die schriftlichen Formulierungen dazu. Damit rief sie uns auf, nicht für die bestehende Resolution zu stimmen. Ich gebe schon zu, dass das ein beeindruckender Auftritt war, doch an mehr kann ich mich nicht erinnern. Im Endeffekt haben ja die Abgeordneten selbst so abgestimmt, und demnach gehen meine herzlichsten Glückwünsche an die Delegation aus Lybien.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass das hier wirklich eine Veranstaltung größeren Maßstabs war. Und sie wurde nicht zum ersten Mal durchgeführt. Es war interessant, sich anzusehen, wie in so wichtigen Organen wie der UNO alles seinen Gang geht. Schließlich ist es gar nicht so einfach, auf dem Laufenden zu sein, was die zu diskutierenden Fragen angeht – und es ist nett, seine Gedanken formulieren zu können. Wobei man nicht vergessen darf, dass man im Namen des zu vertretenden Landes spricht und sich daher an solche Formulierungen wie „nicht ich, sondern wir, unsere Delegation“ u.s.w. zu halten. Während unserer Sitzung hat man uns in dieser Hinsicht oft ermahnt. Schließlich wurde ja davon ausgegangen, dass die Teilnehmenden des Modells potentielle Diplomaten von morgen sind. Insgesamt gesehen bin ich jedenfalls mit einer Menge positiver Gefühle und Eindrücke zurück nach Hause gekommen.
Dienstag, 10. April 2012
Moskau Off-Topic
Ich habe geostert und mich wunderbar vor der Großstadt versteckt. Am Donnerstag bin ich mit dem Nachtzug in den Norden nach Welikij Nowgorod gefahren und habe Russland fernab von Metro und Metropole genossen. Doch beginnen wir bei der Hinreise. Der Zug – ein allseits beliebtes Vorbewegungsmittel in Russland, denn die Dimensionen von Zeit und Raum sind hier ein wenig anders. Ich sollte mir deshalb unbedingt meine deutsche Denkweise für Distanzen abgewöhnen, dann werden meine Bemerkungen wie „He, lass doch ein Auto mieten und an den Baikalsee fahren“ nicht mehr belächelt (der Baikalsee liegt 4500 km entfernt von hier und ein russisches Sprichwort besagt, dass es in Russland nur zwei Probleme gibt: Straßen und Idioten). Also sollte ich lieber zügig denken…
Im Zug nach Nowgorod: die erste Herausforderung lag schon im Beziehen des Bettes. Clevere Leute wissen zwischen Matratze und Zudeckbett zu unterscheiden – ich nicht. Deswegen wollte ich meine Matratze in die Bettwäsche eintüten und sie zum Zudecken benutzen, nur gab es irgendwie zwei Bettlacken, so dass ich leicht überfordert war. Ein kurzer Blick zu meiner Bettgegenüberschläferin zeigte mir aber, dass ich AUF der Matratze schlafen sollte und nicht unter ihr – logisch, irgendwie. Zu meiner Verteidigung muss ich jedoch sagen, dass die Matratze zusammengerollt und ein Kissen beinhaltend auf dem Zugbett lag, so dass eine Verwechselung Matratze-Decke durchaus möglich ist. Nach längerem hin- und her hab ich aber auch das hinbekommen und versuchte anschließend in einen acht Stunden Schlaf zu verfallen. Leider ist mein Zugschlafgen nicht so ausgeprägt und am Morgen überraschte mich mein Gesicht mit einem Anblick, den ich absolut nicht gutheißen konnte. Absolut verbeult bin ich schließlich um 6.15 Uhr aus dem Zug gefallen und habe gleich 10 Minuten später den „Guten Morgen Humor“ meiner russischen Mitmenschen zu spüren bekommen. Leider habe ich aber für Scherze am Morgen absolut nichts übrig, erst recht nicht wenn ich äußerlich Vitali Klitschko ähnele. Das hat der Witzbold dann auch schnell mitbekommen und hat mich auf die Frage nach dem Weg ins Zentrum einfach in die falsche Richtung geschickt (das fand er wahrscheinlich auch sehr komisch). Aber mit jedem gelaufenen Meter wuchs mein morgendlicher Tatendrang und so fragte ich mich bis zum Kreml durch. Bis Mittag um 12 Uhr hatte ich dann die ganze Stadt auch mindestens dreimal abgelaufen (die Geschäfte öffnen erst 10 Uhr und ich war ja schon seit dem Morgengrauen in der Kleinstadt, was also tun außer laufen?) und legte mich irgendwo auf einer Bank in der Sonne zum Schlafen. Nach einer kurzen Erholung ging es dann in die Schule zu Jan-Philipp (ihn hab ich eigentlich in Nowgorod besucht) und dort musste ich mit Entsetzen feststellen, dass es keine Klotüren auf den Schülertoiletten gibt. Aber ich sollte beginnen Andersartigkeiten nicht mehr zu hinterfragen, dann muss ich mich wenigstens auch nicht mehr darüber aufregen, dass die Waschmaschinen hier im Moskauer Gefängnis nachmittags halb vier nicht waschen (Der Grund für das Nicht-Funktionieren der Maschine liegt darin, dass ich die Sprache nicht verstehe. Dies wurde mir zumindest vorhin vorgeworfen, aber ich denke, dass ich hier mehr als nur die Sprache nicht verstehe, besonders nicht die Gründe für bestimmte Handlungsweisen). Zurück zu Nowgorod:
Nowgorod wird auch als die Heimat von Russland bezeichnet, denn immerhin ist es die älteste Stadt hier im Lande. Deswegen gibt es hier natürlich auch die älteste Straße und die sieht ungefähr so aus:

Doch nicht nur das hab ich in Nowgorod gelernt, sondern auch, dass man sich bei vielen Menschen zuhause fühlen kann. Ich habe bei einem wunderbaren jungen Ehepaar Couchsurfing gemacht und ein absolutes Gegenbeispiel für die Moskauer Kühle erhalten, die zumindest in der Öffentlichkeit herrscht. Ich wurde mit Gummibärchentüten überschüttet und die beiden haben mir als Ostergeschenk wunderbare Ohrringe gebastelt. Auch waren sie zu jedem Blödsinn bereit und haben ihre Eltern mit in meinen Monibesuch eingebunden, so dass wir ein persönliches Taxi überall hin hatten (ich kann die Straßenbedingungen einfach nur unterstreichen). Auch scheint Nowgorod mit seinen 200 000 Einwohnern eine sehr angenehme Größe zu besitzen. Mit Bussen, die mehr oder minder regelmäßig fahren, gelangt man schnell von A nach B und innerhalb von 15 Minuten ist auch die Wildnis/Pampa erreicht. Sehr herrlich, deswegen hier ein paar Fotos:






Nowgorod ist auch bekannt wegen seiner vielen Kirchen. Ich glaube, so viele Kuppeln habe ich noch nie in meinem Leben in so einer kleinen Stadt gesehen. Früher gab es angeblich doppelt soviel und ich denke, die Stadt hat nur aus Mönchen und Nonnen bestanden. Heute gibt es immerhin ein Kino ;o)
Zurück in Moskau: es regnet in Strömen und die Autoritäten spielen ihre Macht aus. Dass ich als des Russischen nicht wirklich mächtiger Mensch im Universitätschor singen möchte, hat den Wachtmenschen unheimlich erheitert und ihn natürlich dazu bewegt, mich NICHT in das Unigebäude zu lassen. Sowieso verstehe ich die Einlasspolitik der meisten Einrichtungen hier eher weniger und das eine universitäre Einrichtung ein Ort der Bildung für alle sein sollte, wird hier anscheinend auch anders gesehen.
Um in Moskau oder Russland nicht zu verzweifeln, hilft nur Humor und jetzt versteh ich auch, warum dieser bei den Menschen bereits am frühen Morgen beginnt.
Im Zug nach Nowgorod: die erste Herausforderung lag schon im Beziehen des Bettes. Clevere Leute wissen zwischen Matratze und Zudeckbett zu unterscheiden – ich nicht. Deswegen wollte ich meine Matratze in die Bettwäsche eintüten und sie zum Zudecken benutzen, nur gab es irgendwie zwei Bettlacken, so dass ich leicht überfordert war. Ein kurzer Blick zu meiner Bettgegenüberschläferin zeigte mir aber, dass ich AUF der Matratze schlafen sollte und nicht unter ihr – logisch, irgendwie. Zu meiner Verteidigung muss ich jedoch sagen, dass die Matratze zusammengerollt und ein Kissen beinhaltend auf dem Zugbett lag, so dass eine Verwechselung Matratze-Decke durchaus möglich ist. Nach längerem hin- und her hab ich aber auch das hinbekommen und versuchte anschließend in einen acht Stunden Schlaf zu verfallen. Leider ist mein Zugschlafgen nicht so ausgeprägt und am Morgen überraschte mich mein Gesicht mit einem Anblick, den ich absolut nicht gutheißen konnte. Absolut verbeult bin ich schließlich um 6.15 Uhr aus dem Zug gefallen und habe gleich 10 Minuten später den „Guten Morgen Humor“ meiner russischen Mitmenschen zu spüren bekommen. Leider habe ich aber für Scherze am Morgen absolut nichts übrig, erst recht nicht wenn ich äußerlich Vitali Klitschko ähnele. Das hat der Witzbold dann auch schnell mitbekommen und hat mich auf die Frage nach dem Weg ins Zentrum einfach in die falsche Richtung geschickt (das fand er wahrscheinlich auch sehr komisch). Aber mit jedem gelaufenen Meter wuchs mein morgendlicher Tatendrang und so fragte ich mich bis zum Kreml durch. Bis Mittag um 12 Uhr hatte ich dann die ganze Stadt auch mindestens dreimal abgelaufen (die Geschäfte öffnen erst 10 Uhr und ich war ja schon seit dem Morgengrauen in der Kleinstadt, was also tun außer laufen?) und legte mich irgendwo auf einer Bank in der Sonne zum Schlafen. Nach einer kurzen Erholung ging es dann in die Schule zu Jan-Philipp (ihn hab ich eigentlich in Nowgorod besucht) und dort musste ich mit Entsetzen feststellen, dass es keine Klotüren auf den Schülertoiletten gibt. Aber ich sollte beginnen Andersartigkeiten nicht mehr zu hinterfragen, dann muss ich mich wenigstens auch nicht mehr darüber aufregen, dass die Waschmaschinen hier im Moskauer Gefängnis nachmittags halb vier nicht waschen (Der Grund für das Nicht-Funktionieren der Maschine liegt darin, dass ich die Sprache nicht verstehe. Dies wurde mir zumindest vorhin vorgeworfen, aber ich denke, dass ich hier mehr als nur die Sprache nicht verstehe, besonders nicht die Gründe für bestimmte Handlungsweisen). Zurück zu Nowgorod:
Nowgorod wird auch als die Heimat von Russland bezeichnet, denn immerhin ist es die älteste Stadt hier im Lande. Deswegen gibt es hier natürlich auch die älteste Straße und die sieht ungefähr so aus:

Doch nicht nur das hab ich in Nowgorod gelernt, sondern auch, dass man sich bei vielen Menschen zuhause fühlen kann. Ich habe bei einem wunderbaren jungen Ehepaar Couchsurfing gemacht und ein absolutes Gegenbeispiel für die Moskauer Kühle erhalten, die zumindest in der Öffentlichkeit herrscht. Ich wurde mit Gummibärchentüten überschüttet und die beiden haben mir als Ostergeschenk wunderbare Ohrringe gebastelt. Auch waren sie zu jedem Blödsinn bereit und haben ihre Eltern mit in meinen Monibesuch eingebunden, so dass wir ein persönliches Taxi überall hin hatten (ich kann die Straßenbedingungen einfach nur unterstreichen). Auch scheint Nowgorod mit seinen 200 000 Einwohnern eine sehr angenehme Größe zu besitzen. Mit Bussen, die mehr oder minder regelmäßig fahren, gelangt man schnell von A nach B und innerhalb von 15 Minuten ist auch die Wildnis/Pampa erreicht. Sehr herrlich, deswegen hier ein paar Fotos:






Nowgorod ist auch bekannt wegen seiner vielen Kirchen. Ich glaube, so viele Kuppeln habe ich noch nie in meinem Leben in so einer kleinen Stadt gesehen. Früher gab es angeblich doppelt soviel und ich denke, die Stadt hat nur aus Mönchen und Nonnen bestanden. Heute gibt es immerhin ein Kino ;o)
Zurück in Moskau: es regnet in Strömen und die Autoritäten spielen ihre Macht aus. Dass ich als des Russischen nicht wirklich mächtiger Mensch im Universitätschor singen möchte, hat den Wachtmenschen unheimlich erheitert und ihn natürlich dazu bewegt, mich NICHT in das Unigebäude zu lassen. Sowieso verstehe ich die Einlasspolitik der meisten Einrichtungen hier eher weniger und das eine universitäre Einrichtung ein Ort der Bildung für alle sein sollte, wird hier anscheinend auch anders gesehen.
Um in Moskau oder Russland nicht zu verzweifeln, hilft nur Humor und jetzt versteh ich auch, warum dieser bei den Menschen bereits am frühen Morgen beginnt.
Acht Fakten, die man über Kiel wissen sollte
Kiel also. Eine Stadt, die sich leicht auf der Landkarte und ein bisschen schwerer im Touristenführer finden lässt. Auch wenn Kiel nicht zu den größten und bekanntesten Städten Deutschlands gehört, ist es auf seine eigene Weise attraktiv und hat noch ein paar Trümpfe in der Tasche. Um den Gegenstand meiner Betrachtung hier irgendwie vorzustellen, fange ich einfach mal mit den acht wichtigsten Fakten an, die man über die Stadt wissen sollte.
1. Kiel – das ist Norddeutschland. Bis 1864 hatte das Gebiet, in dem Kiel liegt – Schleswig-Holstein – noch zu Dänemark gehört, obwohl es hauptsächlich von Deutschen besiedelt gewesen war. Als Deutschland sich unter der Führung des „Eisernen Kanzlers“ vereinigte, wurde Kiel ausschließlich deutsch – obwohl mal auch heute noch auf den Straßen der Stadt viel häufiger schwedisch oder dänisch hören kann als irgendwelche südeuropäischen Sprachen. Die Deutschen hier sprechen ziemlich sauber und haben keinen stark ausgeprägten Dialekt, nur mischen sie manchmal ein paar Wörtchen oder Laute aus dem Plattdeutschen, einem alten Volksdialekt aus Norddeutschland, dazwischen.
2. Kiel ist die Hauptstadt eines Bundeslandes, nämlich des schon genannten Schleswig-Holsteins. Für russische Begriffe ist die Stadt nicht besonders groß – sie hat um die 240.000 Einwohner – doch für Deutschland ist sie durchaus keine kleine Stadt. Hier sind eine große Anzahl der administrativen Gebäude und -Dienste angesiedelt, und überhaupt liegt Kiel von seiner Bedeutung her immerhin in ganz Norddeutschland nach Hamburg und Bremen auf dem dritten Platz.
3. Kiel ist eine Hafenstadt. Sie liegt in einer gemütlichen Bucht an der Ostsee. Das Meer spürt man hier überall: Über dem Teich an der Universität kreisen die Möwen, die Souvenirläden sind voll mit Spielzeugsegelbooten, und durch das Fenster von Bussen, die ins Stadtzentrum fahren, sieht man fast immer die riesigen Liner der touristischen Schifffahrtsgesellschaft „Stena Line“. Übrigens kann man auf diesen Schiffen ganz einfach nach Oslo oder Stockholm fahren, und wenn man Glück hat, sogar für gar nicht viel Geld. Außerdem gibt es noch ganz wunderbare Sandstrände auf beiden Seiten der Bucht. Nur sind die eher für langsame, in tiefe Gedanken versunkene Spaziergänge geeignet, und nicht unbedingt dafür, im Hawai-Hemd auf der Luftmatratze rumzuliegen.
4. Das aufsehenerregendste Ereignis des Jahres hängt in Kiel ebenfalls mit dem Meer zusammen. Es ist die sogenannte „Kieler Woche“, die in der letzten Juniwoche stattfindet und deren Hauptattraktionen eine Segelregatta und die „Windjammer-Parade“ sind. In dieser Woche dreht die ansonsten ruhige Stadt einmal komplett durch, füllt sich mit Touristen und wirft alle möglichen Segelschiffe, Yachten und anderen Schwimmgeräte in solchen Mengen auf das Meer, dass man aus dem Staunen darüber, wo das alles im Winter versteckt gewesen sein soll, gar nicht mehr herauskommt. Ich schreibe auf jeden Fall im Juni noch mal was dazu und präsentiere euch diese Aktion.
5. Das Leben am Meer hat auch seine eher negativen Seiten. Na ja, was heißt negativ – es ist auf jeden Fall etwas für Liebhaber. Die Natur kennt kein schlechtes Wetter, sagt ein russisches Sprichwort, aber da kennt sie das Kieler Wetter nicht. Das Ganze bedeutet dann Folgendes: Das Wetter kann sich hier mehrmals am Tag ändern. Wolken, Wind, Sonne und Regen wechseln sich wie auf einem Karussell miteinander ab. Wegen der kühlen Meeresluft liegen die Temperaturen hier unter dem deutschen Mittelwert, und auf einen richtigen heißen, sonnigen Sommer kann man lange warten. Aber nun bekommt mal nicht gleich Angst. Eigentlich ist die Sache an sich gar nicht so schlimm – Sonnentage gibt es in ausreichender Anzahl, außerdem ist der Frühling hier einfach wunderschön und beginnt schon Mitte Februar, das Gras ist schon grün – was will man mehr!
6. Kiel ist zwar eine alte Stadt, doch es hatte erst im neunzehnten Jahrhundert angefangen, sich aktiv zu entwickeln. Im Kaiserreich und im Nationalsozialismus war Kiel der Hauptstützpunkt der Kriegsflotte. Deswegen hat es im Krieg sehr unter den Alliierten gelitten, die uns gegenüber freundlich eingestellt waren, den Deutschen aber nicht. So ist in Kiel fast keine alte Architektur erhalten geblieben.
7. In Kiel liegt eine der größten Universitäten Deutschlands. Sie ist natürlich nicht die älteste im Land, da liegt selbst Rostock noch weiter vorn, zählt aber dennoch 25.000 Studierende und übertrifft mit ihrem Ausbildungsangebot die Hochschulen in Hamburg, Lübeck und sogar Bremen. Ich denke, dass es keine Übertreibung ist, zu sagen, dass die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel die bedeutendste Uni in Norddeutschland ist. Und die Hauptsache ist, dass es dort im Unterschied zu Niedersachsen keine Studiengebühren gibt. Eine Reihe an Disziplinen, insbesondere alles, was mit der Erforschung der Meere und Ozeane zu tun hat, wird ohnehin nirgendwo sonst in diesem Umfang angeboten.
8. Durch seine Lage am Meer, und dann noch im flachen Norden der Bundesrepublik, ist Kiel einfach ein Paradies für Fahrradfahrer. Wie übrigens auch ganz Schleswig-Holstein. Es gibt praktisch keine Berge und Hügel (ich persönlich kenne in ganz Kiel höchstens zwei Hügelchen). Dafür gibt es hervorragende Fahrradwege und rücksichtsvolle Autofahrer. Wenn ihr also mal nach Kiel kommt, dann kauft euch gleich mutig ein Fahrrad – so ist es nicht nur angenehmer, sondern auch umweltfreundlicher und sportiver, sich fortzubewegen.
1. Kiel – das ist Norddeutschland. Bis 1864 hatte das Gebiet, in dem Kiel liegt – Schleswig-Holstein – noch zu Dänemark gehört, obwohl es hauptsächlich von Deutschen besiedelt gewesen war. Als Deutschland sich unter der Führung des „Eisernen Kanzlers“ vereinigte, wurde Kiel ausschließlich deutsch – obwohl mal auch heute noch auf den Straßen der Stadt viel häufiger schwedisch oder dänisch hören kann als irgendwelche südeuropäischen Sprachen. Die Deutschen hier sprechen ziemlich sauber und haben keinen stark ausgeprägten Dialekt, nur mischen sie manchmal ein paar Wörtchen oder Laute aus dem Plattdeutschen, einem alten Volksdialekt aus Norddeutschland, dazwischen.
2. Kiel ist die Hauptstadt eines Bundeslandes, nämlich des schon genannten Schleswig-Holsteins. Für russische Begriffe ist die Stadt nicht besonders groß – sie hat um die 240.000 Einwohner – doch für Deutschland ist sie durchaus keine kleine Stadt. Hier sind eine große Anzahl der administrativen Gebäude und -Dienste angesiedelt, und überhaupt liegt Kiel von seiner Bedeutung her immerhin in ganz Norddeutschland nach Hamburg und Bremen auf dem dritten Platz.
3. Kiel ist eine Hafenstadt. Sie liegt in einer gemütlichen Bucht an der Ostsee. Das Meer spürt man hier überall: Über dem Teich an der Universität kreisen die Möwen, die Souvenirläden sind voll mit Spielzeugsegelbooten, und durch das Fenster von Bussen, die ins Stadtzentrum fahren, sieht man fast immer die riesigen Liner der touristischen Schifffahrtsgesellschaft „Stena Line“. Übrigens kann man auf diesen Schiffen ganz einfach nach Oslo oder Stockholm fahren, und wenn man Glück hat, sogar für gar nicht viel Geld. Außerdem gibt es noch ganz wunderbare Sandstrände auf beiden Seiten der Bucht. Nur sind die eher für langsame, in tiefe Gedanken versunkene Spaziergänge geeignet, und nicht unbedingt dafür, im Hawai-Hemd auf der Luftmatratze rumzuliegen.
4. Das aufsehenerregendste Ereignis des Jahres hängt in Kiel ebenfalls mit dem Meer zusammen. Es ist die sogenannte „Kieler Woche“, die in der letzten Juniwoche stattfindet und deren Hauptattraktionen eine Segelregatta und die „Windjammer-Parade“ sind. In dieser Woche dreht die ansonsten ruhige Stadt einmal komplett durch, füllt sich mit Touristen und wirft alle möglichen Segelschiffe, Yachten und anderen Schwimmgeräte in solchen Mengen auf das Meer, dass man aus dem Staunen darüber, wo das alles im Winter versteckt gewesen sein soll, gar nicht mehr herauskommt. Ich schreibe auf jeden Fall im Juni noch mal was dazu und präsentiere euch diese Aktion.
5. Das Leben am Meer hat auch seine eher negativen Seiten. Na ja, was heißt negativ – es ist auf jeden Fall etwas für Liebhaber. Die Natur kennt kein schlechtes Wetter, sagt ein russisches Sprichwort, aber da kennt sie das Kieler Wetter nicht. Das Ganze bedeutet dann Folgendes: Das Wetter kann sich hier mehrmals am Tag ändern. Wolken, Wind, Sonne und Regen wechseln sich wie auf einem Karussell miteinander ab. Wegen der kühlen Meeresluft liegen die Temperaturen hier unter dem deutschen Mittelwert, und auf einen richtigen heißen, sonnigen Sommer kann man lange warten. Aber nun bekommt mal nicht gleich Angst. Eigentlich ist die Sache an sich gar nicht so schlimm – Sonnentage gibt es in ausreichender Anzahl, außerdem ist der Frühling hier einfach wunderschön und beginnt schon Mitte Februar, das Gras ist schon grün – was will man mehr!
6. Kiel ist zwar eine alte Stadt, doch es hatte erst im neunzehnten Jahrhundert angefangen, sich aktiv zu entwickeln. Im Kaiserreich und im Nationalsozialismus war Kiel der Hauptstützpunkt der Kriegsflotte. Deswegen hat es im Krieg sehr unter den Alliierten gelitten, die uns gegenüber freundlich eingestellt waren, den Deutschen aber nicht. So ist in Kiel fast keine alte Architektur erhalten geblieben.
7. In Kiel liegt eine der größten Universitäten Deutschlands. Sie ist natürlich nicht die älteste im Land, da liegt selbst Rostock noch weiter vorn, zählt aber dennoch 25.000 Studierende und übertrifft mit ihrem Ausbildungsangebot die Hochschulen in Hamburg, Lübeck und sogar Bremen. Ich denke, dass es keine Übertreibung ist, zu sagen, dass die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel die bedeutendste Uni in Norddeutschland ist. Und die Hauptsache ist, dass es dort im Unterschied zu Niedersachsen keine Studiengebühren gibt. Eine Reihe an Disziplinen, insbesondere alles, was mit der Erforschung der Meere und Ozeane zu tun hat, wird ohnehin nirgendwo sonst in diesem Umfang angeboten.
8. Durch seine Lage am Meer, und dann noch im flachen Norden der Bundesrepublik, ist Kiel einfach ein Paradies für Fahrradfahrer. Wie übrigens auch ganz Schleswig-Holstein. Es gibt praktisch keine Berge und Hügel (ich persönlich kenne in ganz Kiel höchstens zwei Hügelchen). Dafür gibt es hervorragende Fahrradwege und rücksichtsvolle Autofahrer. Wenn ihr also mal nach Kiel kommt, dann kauft euch gleich mutig ein Fahrrad – so ist es nicht nur angenehmer, sondern auch umweltfreundlicher und sportiver, sich fortzubewegen.
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Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk

