Julia Timoshenko ist seit August inhaftiert – mindestens seit diesem Zeitpunkt ist nicht nur die Ukraine gespalten. Auf der Hauptstraße Kiews, dem sogenannten Chreshczatyk, stehen sich Befürworter und Kontrahenten Timoshenkos gegenüber.
Ein ausgedehnter Spaziergang durch die Innenstadt Kiews wird dieser Tage zu einer politischen Grundsatzfrage. Oft wird man in der Innenstadt angesprochen: „Bist du für oder gegen Julia?“. Beinahe jeder Zaun und jede Hauswand ist mit ihrem Portrait beklebt, es wird gesungen und getanzt – fast kommt man sich vor wie auf einem Kindergeburtstag.
Das Pro-Timoshenko Lager (der selbsternannte „Julia-Block“) schreit „Lasst Julia frei“ und klebt Zettel auf mit den Worten „Wir sind bei dir Julia“ auf jede freie Wand. Ein großes Schild lässt jeden Spaziergänger erkennen, wie viele Tage Timoshenko jetzt schon in Haft ist. Darunter steht: „Sie ist nicht zerbrochen. Und du?“ Daneben hängt eine Heiligenikone. Hier wird nichts dem Zufall überlassen.
Auf Plastikstühlen sitzen die Befürworter Timoshenkos den ganzen Tag und verteilen Zeitungen. Seit letzter Woche werden Spaziergänger regelrecht dazu gedrängt, an einer Unterschriftenaktion teil zu nehmen. Mit Namen und Passnummer wird ein Dokument unterschrieben, das beim Europäischen Menschengerichtshof eingereicht werden soll.
„Janukovic – Hände weg von den Ukrainern!“ steht auf einem ihrer Plakate. Und an fast jedem Zelt steht unter dem Namen des Besitzers „…ist für Julia“. Timoshenko ist omnipräsent, auf Zeitungen, Stickern, Plakaten, Bildern – viele schreiben daneben, warum sie für Timoshenko sind. Auf einer kleinen Bühne umringt von einigen Zuschauern wird eine Rede gehalten. Durchhalten ist die Devise.
Die Gegner indes haben sich abgeschottet, sie stehen umringt von ihren schwarzen Banderolen, singen und schwenken Fahnen mit der Aufschrift „Es reicht!“. Ihre Mottos sind „Vor dem Gesetz sind alle gleich!“ und „Julia! Es ist Zeit Verantwortung für die Verbrechen an der Ukraine zu übernehmen!“. Sie wollen Timoshenko in Haft sehen und mehrmals erklärt ein Redner mit Mikrophon, dass sie den Vertrag mit Gasprom widerrechtlich und gegen die Interessen der Ukraine eingegangen sei. Nationallieder werden gesungen, Fahnen geschwenkt – die Timoshenko-Befürworter sollen einfach überbrüllt werden, so könnte man denken, wenn bereits zwei Straßen weiter das Getose zu hören ist.
Längst geht es nicht mehr nur um Timoshenko. Es geht um die Ukraine, den Nationalstolz und auch viele Parteien nutzen die Plattform, um die Werbetrommel zu rühren. Die Europapartei der Ukraine beispielsweise hat bei den Befürwortern ihr eigenes Zelt. Die Vaterlandspartei hat nicht nur eine eigene Webseite mit Timoshenko (http://byut.com.ua/) sondern ihren Namen auf viele Sticker gedruckt.
Die Fronten sind verhärtet. Zwischen beiden Lagern steht die Miliz und stellt sicher, dass es nicht zu Übergriffen kommt. Die Geschäfte und Straßenverkäufe indes müssen sich nicht nur jeden Tag die Gegenseitige Beschallung gefallen lassen, sondern auch mit Aufschriften „Wir arbeiten“ sicherstellen, dass sie ihre Kunden nicht verlieren, denn wer kann, wechselt die Straßenseite, um sich nicht dem ohrenbetäubenden Lärm und den vielen Zeitungsverteilern auszusetzen.
Mal sehen, wie es nach dem Urteil weiter geht - 7 Jahre Haft für Timoshenko, aber an dem Protest der beiden Parteien wird sich auch zukünftig nichts ändern.
Derweil sind wohl die Anhänger Timoshenkos auf den Chreshczatyk spaziert und haben den Verkehr blockiert. Die Miliz musste Ausschreitungen stoppen. Es ist noch lange kein Ende in Sicht...
Dienstag, 11. Oktober 2011
Julia wir sind mit dir - oder auch nicht
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Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk

