Den Mai-Feiertagen verdankt man als Bewohner Russlands einen angenehmen Nebeneffekt. Am Samstag nach Lenins Geburtstag (23. April) wird aufgeräumt - das hatte er sich wohl zu seinen Lebzeiten so gewünscht, damit am Tag der Arbeit (1. Mai) alles sauber ist. Parkbänke werden gestrichen - meist direkt über die abbröckelnde Farbe vom Vorjahr drüber. In den Parks wird das Laub zusammengekehrt - akkurat zwei Meter links und rechts der Wege. Und auf die Straßen werden Linien gemalt - kurzzeitig erkennt man, wie viele Spuren so mancher Prospekt in Novosibirsk eigentlich hat.
Am 1. Mai gehen die Kommunisten auf die Straße. In Novosibirsk demonstrieren sie traditionell auf dem Leninplatz, wo dieses Jahr aber zufällig ein Staffellauf stattfand. So mussten die Rentner mit ihren roten Plakaten in den benachbarten Oktober-Stadtbezirk umziehen.
Aber am 9. Mai ging es dann wieder nach alten Sitten zu - seit vergangenem Jahr zeigt Russland seine Stärke und lässt die Panzerparaden neu auferstehen. Typisch russisch war die Organisation der Proben in Novosibirsk: Mittwoch von 17 bis 21 Uhr, also genau in der Hauptverkehrszeit, wurde das gesamte Zentrum abgesperrt, damit im Zentrum die Kadetten das Aufstellen in Reih und Glied üben konnten. In der Stadt lief nichts mehr - einige Bekannte ließen sogar ihr Auto stehen und gingen zu Fuß nach Hause. Und was schlussfolgerten die Verantwortlichen aus diesem Chaos? Die Generalprobe fand am Donnerstag statt - wiederum mitten in der Hauptverkehrszeit.
Darf man eigentlich die Frage stellen, wie Russlands Armee jemals einen Krieg gewinnen will, wenn sie nicht einmal Paraden auf dem Kasernenhof üben kann?
Bereits Ende Mai gibt es dann auf den Märkten die ersten Radieschen zu kaufen. Und jeder Sibirier schwärmt von den leckeren Tomaten, die man teilweise jedoch schon grün erntet, weil sie sonst von Dieben gestohlen werden könnten.


