Thursday, 9. February 2012
Vom Marsch durch einige Wolgograder Kulturinstitutionen
Oh Gott, denke ich und schaue völlig entmutigt auf die fünf Briefe, die ich persönlich mit oder ohne vorherigen Anruf bei der Gorki-Bezirksbibliothek, dem universitären Gästehaus, der Bezirksverwaltung des zentralnij rajons, der Kunsthochschule Serebrjakow und der Wolgograder Philharmonie abzuliefern habe. Aber gut, wenn man so Schriftverkehr po-russki betreibt, dann will ich mich auf die Socken machen. Auf die warmen Wollsocken, wohl bemerkt. Bei Minusgraden geht es auf zur ersten Station. „Ihren Ausweis bitte,“ grummelt der Pförtner vor sich hin. „Deutschland?!“ schaut er sich ungläubig meinen Pass an und verwickelt mich prompt in ein Gespräch darüber, dass er vor 30 Jahren auch mal Deutsch gelernt hätte, aber nichts mehr könne, denn ihm würde die Praxis fehlen, und sein Bruder und überhaupt und so…. Irgendwie entkomme ich ihm und lasse mich von einem Büro ans nächste verweisen. Am Ende habe ich aber einen Eingangsstempel mit entsprechender Telefonnummer, die ich doch bitte in etwa zwei Tage anzurufen habe. Na bitte, geht doch.
Zweite Station: Gorki-Bezirksbibliothek. Von der stellvertretenden Direktorin habe ich die Handynummer. Was für ein Glück, denke ich, dann habe ich den Brief Nummer zwei auch gleich abgeliefert. Elena Aleksandrowna sammelt mich bei der Fernsehen schauenden Pförtnerin persönlich ein. Als ich in ihr Büro komme, kocht das Teewasser bereits, ein Berg Kekse ist aufgetischt und ein Schälchen Honig vom Dorf gibt es auch im Angebot. So schnell soll ich auch die Bibliothek nicht verlassen. Nach einer Weile mache ich mich mit der gerade frisch abgestempelten zweiten Kopie dann doch wieder auf den Weg. Draußen liegt dicker Schnee, ein eisiger Wind pfeift und die Kälte kribbelt mir fürchterlich in der Nase. Auf zur Philharmonie, wo die Sache ausnahmslos flink verläuft: die Frau Pförtnerin winkt mich durch, im Sekretariat gibt es einen kleinen Schnack, einen schicken Stempel und viele Grüße an meine Chefin. 10 Minuten später stapfe ich auch schon wieder durch das Wolgograder Stadtzentrum, überquere den Leninprospekt, um in die uliza Mira zur Kunsthochschule Serebrjakow abzubiegen. „Nee, im Rektorat ist niemand mehr, aber Sie können mir den Brief ja geben. Ich reiche ihn dann morgen weiter,“ bietet der dortige Pförtner seine Kurierdienste an. „Nein,“ sage ich ganz entschlossen und kralle mich an meinen Papieren fest,“ ich brauche doch einen Eingangsstempel auf der Kopie!“ „Ja, dann müssen Sie morgen ab 8 Uhr wieder kommen,“ antwortet der Mann im fortgeschrittenen Alter gleichgültig. Das gleiche sollte mir auch einige Zeit später beim Gästehaus der Universität passieren. So muss ich meine Auslieferungsaktion für diesen Tag einstellen und gönne mir auf drei erfolgreich verteilte und abgestempelte Dokumente eine heiße Schokolade im Café um die Ecke. Drei von fünf Briefen, murmel ich vor mich hin, ist keine schlechte Ausbeute für zwei Stunden bei einer Gesamtlänge von zwei Kilometern Fußweg.
Am kommenden Tag habe ich dann auch die restlichen Pförtner, Sekretärinnen und Hausmeister kennen gelernt und kehre schließlich stolz mit den gestempelten und mit Eingangsnummern versehenen Kopien in meine Kulturagentur zurück. „Molodez Anjuta, das waren jetzt die Anfragen. Nächste Woche müssen dann die genauen Absprachen an die Projektpartner raus und dann die Verträge,“ lobt mich meine Kollegin. Auf meine Frage, ob man das nicht auch auf andere Weise den entsprechenden Einrichtungen zustellen könnte, ernte ich nur schiefe Blicke. Na gut, eigentlich hat sie ja recht. Es geht auch nichts über persönlichen Kontakt, wo es von heißem Tee, aktuellen Nachrichten aus aller Welt in der Pförtnerwache bis hin zu den neuesten Infos von der Sekretärin alles gibt….
Monday, 6. February 2012
Heute: Dorfblog aus Mesen (Мезень)
Letzte Woche wurde ich zu einem Seminar in die Stadt Mesen (Мезень) eingeladen, eine 4000-Seelen-Gemeinde an der Grenze zur Tundra welche nur mit Sondererlaubnis besucht werden darf.
Den Mesenern wurde anno dazumal ihr Hafen vom Zar geschlossen, weil sie norwegische Spinnräder und andere Importgüter unverzollt nach Nordsibirien schmuggelten und alle Mahnungen des Zaren aus St. Petersburg ignorierten.
Man kann die Stadt nur im Winter und im Sommer mit dem Auto besuchen, während des Frühjahrs und im Herbst ist die Stadt nur mit dem Flugzeug erreichbar. Wir fuhren 7 Stunden auf einer Eispiste (Simnik) und überquerten dabei vier zugefrorene Flüsse.

Nun einige Beobachtungen und Eindrücke von meiner Reise in das „echte Russland“:
- es wird trotz eisiger Kälte viel geraucht im Norden, auch bei -38° stehen alle brav vor den Rasthäusern, geraucht wird selbstverständlich Marke „Arktika“

- die Herrenmode wird von Jacken aus Armeebeständen und Fellmützen bestimmt
- ein Sonnenaufgang dauert mehrere Stunden
- man kann sich sicher sein dass es richtig kalt ist, wenn die Russen die Motoren der Autos und LKWs nicht mehr abstellen

- man ist in der russischen Provinz angekommen, wenn Menschen Valenki, also Filzstiefel ohne Sohle tragen (sehen aus wie Riesensocken...)
- die vielen mit Holz beladenen Lastwagen sind unheimlich schnell unterwegs, wenn sie ihre Fuhre im Sägewerk abgeliefert haben
- es ist wunderbar still in den eingeschneiten Dörfern

- Schiebetüren von russischen Kleintransportern muss man sehr vorsichtig öffnen und schließen, sonst fallen sie einem auf den Fuß
- das traditionelle russische Bauernhaus ist bis auf einen Raum gänzlich ungeheizt
- der Ofen eines traditionellen russischen Bauernhauses ist ungefähr so groß wie die Garage für einen Kleinwagen
- Rentierfleisch ist sehr schmackhaft, Kaffee aus einem Samowar ist auch sehr lecker

Zum Schluss noch ein recht bezeichnender Dialog zwischen einer Regionalmanagerin der Sberbank, einer Studentin und einem LKW-Fahrer.
9.45 morgens, Pause in einer Raststätte, draußen 35° unter Null. Die Damen haben Salat bestellt. Mit Blick auf den Nachbartisch sagt die Regionalmanagerin zur mitreisenden Studentin:
- Bei der Kälte hätten wir besser auch 100 Gramm Wodka und eine warme Suppe bestellt.
Der LKW-Fahrer am Nachbartisch hebt seinen Plastikbecher und meint nur:
- 200 Gramm.

Saturday, 4. February 2012
Kleiner Rückblick: Weihnachten in Tscheljabinsk
Bevor ich das Foyer des großen Saals der Philharmonie betrete, muss ich eine kurze Schockstarre überwinden. Der Raum ist voll mit tausenden kleinen Menschen, die alle laut um einander rum wuseln, drängeln, schubsen, kreischen, lachen, Nase bohren, Zopf-Enden um Zeigefinger drillern, blinkende Leuchtstäbe wedeln und große Augen machen. Manche Mädchen in Prinzessinnenkleidchen und mit goldenen Schleifen im Haar, die Jungs mit Pullundern über gebügelten Hemden. Verteilt irgendwo dazwischen stehen die dazugehörigen Klassenlehrerinnen, wie Badende, den Oberkörper über Wasser und die Arme ausgebreitet, mit konzentriertem Blick die wogende Oberfläche absuchend.
Dann kommt Snegurotschka, die Nichte des Weihnachtsmanns, in ihrem hellblauen Samtkleid die große Treppe am Ende des Foyers herunter und begrüßt zusammen mit ihren Freunden Schneemann und Drache die Kinder. Die brüllen eine geballtes „Sdravst-vui-tje!“ zurück, Kaspertheater ist nichts dagegen.
Als der Weihnachtsmann dazu kommt, bemerken alle mit Schreck, dass der Tannenbaum noch nicht erleuchtet ist. Weil das nur über Stromübertragung geht, müssen sich alle Kinder an den Händen halten und eine Leitung bilden. Beim dritten gemeinsamen Ruf „Tanne, brenn!“ gehen die Lichter an und wir singen gemeinsam „В лесу родилась ёлочка“ (im Wald wurde eine Tanne geboren) – ich kann immerhin die erste Strophe.
Dann endlich wird die Tür zum großen Saal geöffnet und jeder sucht sich kletternd und schlängelnd seinen Platz in einer der Reihen. Drei Jungs in der Reihe vor mir präsentieren sich stolz ihre gekauften Chipstüten und Coladosen. Ein Mädchen mit pfirsichfarbenem Kleid und Lametta im Haar fotografiert sich mit ihrer Digitalkamera. Dann wird es dunkel im Saal und die Musik setzt ein.
Wir begleiten Snegurotschka und den Weihnachtsmann alias Väterchen Frost auf ihrer Reise rund um die Erde und unterstützen sie bei ihren Abenteuern. Auf der Station in Frankreich beschwert sich der dortige König darüber, dass er nichts Ordentliches anzuziehen hat. Als Geschenk des Weihnachtsmanns werden von hinten riesige Stoffballen ins Publikum geworfen und nach vorne weitergegeben – hoch engagierte Kämpfe zwischen den Zuschauern um die herunterhängenden Fetzen verzögern die Übergabe ein wenig. In Afrika fehlt den Eingeborenen im Baströckchen Wasser für die Weihnachtspalme, die nach erfolgreichem Regentanz durchs Publikum wieder zu wachsen beginnt. Und als den Mexikanern die Knaller fürs Silvester-Feuerwerk fehlen, müssen die Kinder mit zeitgemäßen Mitteln aushelfen. Snegurotschka zählt bis drei. Dann gehen 800 Mobiltelefone an. Das Fest ist gerettet.
Während auf der Bühne noch das große Finale gefeiert wird, stellen sich schon die ersten Lehrerinnen mit ihren Klassen an die Ausgänge. Wenn gleich das Licht angeht, muss es schnell gehen: Erinnerungs-Klassenfoto vorm Weihnachtsbaum im Foyer, sich gemeinsam zur Garderobe im Keller vorkämpfen, die Jackenberge abholen, Handschuhe und Schals verlieren und wiederfinden, Freunde verlieren und wiederfinden, Lackschuhe aus, Filzstiefel an, Mütze auf, Jacke zu. Draußen wartet schon der Busfahrer.

Wednesday, 1. February 2012
"Baustelle" - eine deutsch-russische Tanzkooperation
Das Motiv, welches der choreographischen Arbeit zugrunde liegt, ist die Kettenreaktion. Zufit beschäftigen in ihren Stücken meistens die Grenzen des Menschen, der immer limitiert, immer gebremst durch jemand oder etwas ist, niemals wirklich frei. Der Einzelne kann ohne die Gruppe nicht funktionieren und mit seinem Handeln wirkt er widerrum auf die Gruppe ein. Auf Aktion erfolgt Reaktion, Verbundenheit kehrt sich in Abhängigkeit, man folgt und wird verfolgt, die einzelnen Mitglieder manipulieren sich körperlich und emotional. Die Kettenreaktion von Emotionen, Bewegungen, Impulsen und Abhängigkeiten, die zwischen den Mitgliedern der Gruppe wirken ist die Basis der Interaktion zwischen dem Einzelnen und der Gruppe. Wann stösst die Gruppe an ihre Grenzen?

©Vladimir Lupovskoy
Das Motiv der Kettenreaktion lässt sich gleichermaßen auf die Entstehungsgeschichte der Kooperation übertragen. Denn kennengelernt haben sich Zufit und Pantera 2010 im Rahmen des EUNIC Projektes „intradans“, welches sieben russische Tanzkompagnien mit europäischen Choreographen zu gemeinsamer Stückentwicklung zusammenführte - Zufit assisitierte damals Christoph Winkler und Pantera arbeiteten zusammen mit der dänischen Choreographin Lotte Sigh. Die damalige Choreographie rief bei der Aufführung in Kazan gemischte Reaktionen hervor. Ein Teil des Publikums verliess den Saal vorzeitig, da sie mit diesem Verständnis von Tanz wenig anfangen konnten. Klassischer Tanz ist in Russland zwar weit verbreitet und hoch angesehen, das zeitgenössische Pendant hat vor allem in den Regionen einen kleineren Publikumskreis.

©Vladimir Lupovskoy
Premiere des Stückes am 11. und 12. Februar 2012 im Kamala-Theater Kazan
Die Ausbildung der Mitglieder von Pantera wiederum sind ganz vielfältig, einige haben eine Sportkarriere bereits hinter sich, was wohl als das lokale Kolorit der Kompagnie bezeichnet werden kann in einer Stadt, die dem Sport so verpflichtet ist wie Kazan. Diese Vielfalt in der Körpersprache und -verwendung ist einer der Aspekte, mit denen die Choreographin erst umgehen lernen muss. In der Arbeit in Deutschland sei viel eher eine gemeinsame Basis aus aktuellen Techniken, Methoden und Stilen vorhanden. Die unterschiedlichen tänzerischen Hintergründe und Erfahrungen der fünf Tänzerinnen in ein Ganzes zu bringen ist das Herausfordernde an der Arbeit hier, wenn bspw. die Balletausbildung die Bewegungen einer Tänzerin stets nach oben drängt oder die Körpersprache des Kollektivs sehr auf das Repräsentative der Bewegungen ausgerichtet ist, Zufit hingegen aber interessiert an den kleinen, subtilen Bewegungen. „Dann muss man sich eben umstellen“, sagt sie, im positiven Sinne des Wortes. Wie auch in der Kommunikation, denn die Arbeit mit einer Übersetzerin ist eine zusätzliche Hürde, da jeder Übersetzung eine Interpretation innewohnt. Als Tänzer hat man aber gelernt, sich über seinen Körper zu artikulieren und so geht die Arbeit langsam in die direkte Kommunikation über und die wichtigsten russischen Worte hat Zufit nach der ersten Woche auch bereits gelernt.
Am Tag der Aufführung wird bis zuletzt geprobt, einige Bewegungsabläufe entstanden in den letzten Stunden vor der Aufführung. Ein studentisches Publikum und zahlreiche Pressevertreter sind gekommen, es folgt eine lebhafte Diskussion. „Warum fünf Frauen und keine männlichen Tänzer?“, ist eine der Fragen, die den Saal beschäftigt. Gerne hätte auch Zufit mit einer gemischten Gruppe gearbeitet, in der Vorauswahl gab es jedoch nur einen männlichen Tänzer. Nur wenig früher hatten zwei männliche Mitglieder die Kompagnie verlassen, da sich die Funktion des Familienversorgers und die Arbeit als professioneller Tänzer kaum vereinen lassen

© Vladimir Lupovskoy

