Saturday, 19. September 2009
Am Rande
Nach einem interessanten Vortrag entwickelt sich im Raum noch eine lebhafte Diskussion über die gehörten Inhalte. Person X im Publikum macht gegenüber der Vortragenden Y einen fachlichen Einwand. Daraufhin entwickelt sich folgendes kurzes Gespräch:
Vortragende Y: „Diesen Einwand kann ich verstehen, er bezieht sich auf die Kategorisierung, die X auch vornimmt ...“
Person X (unterbricht): „Ja, das bin ich.“
Vortragende Y (völlig überrascht): „Ach, das sind Sie?!“
Integrationskurse auch für Deutsche!
Mit ihrer Wortmeldung am Freitagabend, in der sie die Forderung „Integrationskurse für Deutsche“ formulierte, rief Inci Dirim auf dem Podium, das gerade diskutierte, wie Integrationskurse für MigrantInnen verbessert werden können, Schmunzeln und Kopfschütteln hervor.
Was ist eigentlich Integration?
Doch eigentliche hatte die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin mit ihrer bewusst provokant formulierten Forderung, den Finger in eine Wunde gelegt. Integration wird meist nur als Leistung betrachtet, die ZuwanderInnen zu erbringen haben. Dass Integration aber ein Prozess ist, der Offenheit und Bereitschaft zur Veränderung von beiden Seiten, also auch von den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft erfordert, wird selten gesehen.
Apropos Mehrheit: Im Jahr 2040, so hat der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg prognostiziert, wird es in Köln keine sprachliche Mehrheit mehr geben. Darauf verwies Inci Dirim zu Beginn ihres eigenen Vortrags am Samstag im Rahmen des Panels zur Bedeutung von Herkunftssprachen.. Spätestens damit wird der hergebrachte Integrationbegriff im Sinne von Anpassung ad absurdum geführt. Denn an was soll man sich dann bitte noch anpassen? Integration kann dann nur noch als ein Aufeinanderzubewegen aller gesellschaftlichen Gruppen verstanden werden.
Der bilinguale Hamburger Modellversuch
In ihrem eigenen Vortrag am Samstag stellte Dirim dann einen bilingualen Modellversuch an einer Hamburger Grundschule vor und präsentierte damit selbst einen Lösungsansatz, der Integrationskurse für Deutsche überflüssig machen könnte. Denn die monolingual deutschsprachigen Kinder, die in einer bilingualen Grundschule Türkisch oder eine andere Einwanderersprache lernen, selbst, wenn dies wie in Hamburg nur in Ansätzen gelingt, werden im Erwachsenenalter wahrscheinlich keinen Kurs in Interkulturalität mehr benötigen.

Inci Derim stellt den bilingualen Hamburger Modellversuch vor.
Foto: Petra Siewert
Foto: Petra Siewert
In Hamburg wurden bilinguale Klassen mit den Sprachpaaren Portugiesisch-Deutsch, Italienisch-Deutsch, Spanisch-Deutsch und Türkisch-Deutsch eingerichtet. In die türkisch-deutsche Klasse gingen monolingual deutschsprachige, monolingual türkischsprachige, bilingual deutsch-türkischsprachige Kinder und außerdem einige, in deren Elternhaus neben Deutsch noch eine andere Sprache gesprochen wird.
„Eine Person – eine Sprache“?
Die vielfältige Zusammensetzung der Klassen erforderte also muttersprachlichen Deutsch- und Türkischunterricht sowie Zweitsprachunterricht in beiden Sprachen. Eine Schwierigkeit war, dass eine Didaktik für Türkisch als Zweitsprache noch in den Kinderschuhen steckt und die Lehrkräfte hier viel ausprobieren und improvisieren mussten.
Der Unterricht sollte dem Prinzip der sogenannten Two-Way-Immersion folgen. Beide Sprachen sollten im Idealfall gleichrangige Unterrichtssprachen in allen Fächern sein und die Lehrkräfte im Unterricht möglichst konsequent bei einer Sprache bleiben. Dies sei aber gar nicht so leicht durchzusetzen gewesen, berichtete Dirim. Die türkischsprachigen LehrerInnen waren aus der Türkei nach Hamburg gekommen, sprachen aber auch Deutsch, meist weil sie selbst zweisprachig aufgewachsen waren. Und so machten sie häufiger von der deutschen Sprache Gebrauch, als erwünscht. Es zeigte sich, dass das Prinzip „Eine Person – eine Sprache“ nicht durchgehalten werden konnte. Bei den deutschsprachigen Lehrkräften erwies es sich sogar als Motivationsschub für die SchülerInnen, wenn sie sahen, dass auch ihrer LehrerInnen Türkisch konnten oder sich zumindest bemühten, es zu lernen.
„Wir dürfen kein Türkisch sprechen“
Befürchtungen, die bilinguale Erziehung in der Grundschule könnte die Kinder überfordern, haben die begleitenden Studien nicht bestätigt. Die sprachlichen Leistungen in Deutsch entsprachen den durchschnittlich zu erwartenden Leistungen dieser Altergruppe. Die Türkisch-Kenntnisse der Kinder, die ohne Vorkenntnisse im Türkischen begonnen hatten, waren nach vier Jahren Grundschule allerdings meist nur Grundkenntnisse, doch ein Fundament konnte gelegt werden, auf dem in der weiteren Schullaufbahn aufgebaut werden könnte. Inwieweit das geschieht ist wiederum eine offene Frage.
Wie groß die Vorbehalte auch unter Lehrenden gegenüber dem Gebrauch von Herkunftssprachen in der Schule immer noch sind, zeigt folgende Erfahrung von dem Inci Dirim erzählte. An der Schule, an der der Modellversuch stattfand, kam sie mit einer Schülerin aus einem türkischen Elternhaus ins Gespräch: Das Mädchen berichtete ihr, dass ihre Klassenlehrerin das Türkischsprechen in der Klasse verboten habe. Es wird wohl noch lange dauern, LehrerInnen und erst recht die Gesellschaft, davon zu überzeugen, dass der Gebrauch der Herkunftssprache und der Ausbau der Fähigkeiten dem Erlernen der deutschen Sprache nicht im Wege stehen. Die bilinguelen Klassen zeigen: Es geht beides!
Berlin - Die Stadt der vielen Sprachen
Die Stadtführung unter dem Motto „Sprachenvielfalt in Berlin“ macht mir eins deutlich: Wenn Goethe vor allem wegen seiner Kenntnisse in mehreren Sprachen als Weltbürger verstanden wurde, dann kann Berlin ohne Umschweife als Weltstadt bezeichnet werden.

Das Brandenburger Tor
Foto: Christoph Brammertz
Foto: Christoph Brammertz
Vor dem Brandenburger Tor schwappt unserer Gruppe schon das Stimmengewirr der Touristen in unterschiedlichen Sprachen entgegen, doch auch die Gebäude rund um den Pariser Platz erzählen ihre Geschichte in mehr als einer Sprache: Die französische, amerikanische und die russische Botschaft in Sichtweite, dann das Hotel Adlon mit seinen internationalen Gästen und das Europäische Haus (Sitz der Europäischen Kommission in Deutschland). Überall dort lässt sich Einsprachigkeit schlecht vorstellen, denn dort findet Austausch statt: zwischen Ländern und zwischen Sprachen.
Ein Stück weiter kommt man ins Gespräch über das Stelenfeld, dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Versteht man auch ohne Sprache? Oder spricht die Formgebung des Künstlers eine eigene Sprache? Eine, die nachdenkliche und explizite Sprache überflüssig macht? Sprachgewandt kann man wohl den Umgang der Berliner mit unterschiedlichen Fremdsprachen und Dialekten nennen, die in Wörtern wie dufte (jidisch), Fisimatenten (französisch) oder im Stadtnamen Berlin (slawisch) weiterleben.
Bei den Ministergärten kommt Melanie Hillmann, die unsere Gruppe begleitet, dann auf die Bildungspolitik und Förderung von Mehrsprachigkeit in den einzelnen Bundesländern zu sprechen. Wer hätte gedacht, dass es allein in Berlin etwa 75 bilinguale Kindertagesstätten gibt. Von Englisch über Türkisch bis zu Chinesisch wird schon den kleinsten Berlinern ordentlich was geboten.
Nur für die Fahrt in die Stadtviertel von Berlin, in denen Mehrsprachigkeit kein Begriff, sondern gelebte Realität ist, dafür hat die Zeit leider nicht gereicht. Dabei hätten wir dort wohl gut erleben können, was es heißt, in eine andere sprachliche Umgebung einzutauchen, in der man nicht jedes Wort versteht, ja vielleicht sogar gar keins. Und in der selbst die sonst so selten beachteten, oft schnell überflogenen Werbeschilder zu einer sprachlichen Herausforderung werden.
Sprachen ohne Grenzen – ein Motto, dass man sich zu Herzen nehmen sollte: Indem man die eigenen, begrenzten Fremdsprachenkenntnisse durch die vielen Sprachen der Stadt bereichert. Wir jedenfalls haben beim Abendessen gleich einen Anfang gemacht: Mit der Speisekarte auf Japanisch.
Wenn die Generalprobe zugleich Premiere ist
Kann ein Theaterstück funktionieren, das von den verschiedenen Akteuren nie gemeinsam geprobt wurde? Den Beweis, dass dies sogar sehr gut funktioniert, lieferten uns Kinder mit Migrationshintergrund aus den Städten Berlin, München und Hamburg, die sich noch nie zuvor getroffen hatten.

Die Kinder führen das Stück Der Wasserträger auf.
Foto: Petra Siewert
Foto: Petra Siewert
Die Kinder jeder Stadt brachten beim mehrsprachigwen Kindernachmittag am Freitag jeweils einen eigenen Teil in die Aufführung ein: Die Münchner Kinder lasen die Geschichte Der Wasserträger in sechs verschiedenen Sprachen vor, während die Kinder aus Hamburg die Geschichte in bezaubernden Kostümen pantomimisch umsetzten. Die szenenbegleitenden Bilder wurden von den Kindern aus Berlin gefertigt.
Die Hamburger Kinder spielten problemlos zu den fremdsprachigen Texten und sahen sich eher mit anderen Problemen konfrontiert, wie sie uns im Interview verrieten:
Außerdem verrieten uns die Kinder, welche Sprachen sie bereits beherrschen:
Und Michele erzählte dann noch, wo er welche Sprache spricht:
Zur Einstimmung und zum Ausklang dieser gelungenen Vorführung sangen Klein und Groß gemeinsam das Lied Pitsch, Platsch, das extra für diese Aufführung getextet worden war. Abschließend gibt es nur noch eins zu sagen: „Hummel, Hummel-Mors, Mors!“
Integrationskurse in Deutschland – es muss noch vieles besser werden
Zum Abschluss des ersten Tages in der Sektion „Sprache und Integration“ ging es auf dem Podium um die Qualität der Integrationskurse in Deutschland. Zu Gast waren die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John, die Mitglied der Bewertungskommission für Integrationskurse beim BAMF ist, Ali Mahdjoubi, Referent von Claudia Roth, Margret Rodi, die Integrationskurse leitet, Ljudmilla Baryshnikova und Ana Lobor, zwei erfolgreiche Absolventinnen von Integrationskursen, und Michaela Perlmann-Balme vom Goethe-Institut.
Von links nach rechts: Ali Mahdjoubi, Barbara John, Margret Rodi, Michaela Perlmann-Balme, Ljudmilla Baryshnikova, Ana Lobor und Moderatorin Grit Hofmann
Foto: Petra Siewert
Foto: Petra Siewert
Besser ausgebildet, schlechter bezahlt
Barabara John vetrat die Ansicht, dass es seit Einführung der Integrationskurse eine „Qualitätsexplosion“ bei der Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) gegeben habe. Die vorgeschriebene Qualifizierung der Lehrkräfte habe zu der paradoxen Situation geführt, dass DaZ im Erwachsenenbereich viel professioneller unterrichtet werde als in den Schulen. Wenn sie mit sprachlichen Defiziten bei Kindern konfrontiert werden, „wissen 90 Prozent der Lehrer in den Schulen nicht, was sie tun“, bemängelte John. DaZ-Didaktik müsse viel stärker als bisher Teil der Lehrerausbildung werden.
Ein weiteres Paradoxon, das die Diskussionsrunde einhellig verurteilte, ist der Umstand, dass die Lehrkräfte in den Integrationskursen in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind nur etwa ein Drittel von dem bekommen, was ihrer KollegInnen im Schuldienst verdienen. Dies führe dazu, dass gerade die am besten qualifizierten DaZ-Lehrkräfte zu besser zahlenden Sprachschulen oder gleich in andere Berufsfelder abwanderten.

Mahdjoubi und John waren trotz unterschiedlicher Parteizugehörigkeiten in vielen Punkten einer Meinung.
Foto: Petra Siewert
Foto: Petra Siewert
Die Politik müsse sich darüber klar werden, dass Investitionen in Sprachkurse für MigrantInnen Investitionen in Bildung und damit in die Zukunft des Landes seien, sagte Ali Mahdjoubi. Also müsse in die Integrationskurse, ebenso wie in viele andere Bereiche des Bildungssystems, viel mehr investiert werden. Von den KursteilnehmerInnen, da waren sich auch alle einig, dürften jedoch keine höheren Kursgebühren verlangt werden.
„Das Goethe-Institut ist unglaublich teuer“
Beim Thema Kursgebühren angelangt, kam die Runde auch auf die Kosten der Kurse für nachziehende EhegattInnen im Ausland zu sprechen. Ljudmilla Baryshnikova, erfolgreiche Teilnehmerin eines Integrationskurs in der Zentrale des Goethe-Instituts in München erzählte, wie sie mit dem Deutschlernen begonnen hat. In Kursen an der Universität und im Selbststudium in St. Petersburg habe sie sich Grundkenntnisse angeeignet, um dann die A1-Prüfung am Goethe-Institut abzulegen und zu ihrem Ehemann nach Deutschland ziehen zu dürfen. Beim Goethe-Institut hat sie keinen Kurs besucht. Denn „das Goethe-Institut in St. Petersburg in unglaublich teuer!“, rief sie empört.
„Mehr Grammatik!“
Über den Kurs in Deutschland äußerten sich beide Kursteilnehmerinnen sehr positiv: Die meisten Inhalte könne man im Alltag wirklich brauchen. Auf die Frage, was sie am Integrationskurs für verbesserungswürdig halte, antwortete Ljudmilla Baryshnikova, sie habe sich mehr Grammatik gewünscht. Ana Lobor fügte hinzu, dass etwa 30 Prozent der TeilnehmerInnen unmotiviert gewesen seien, was den Lernfortschritt aller behindert habe. Beide Kritikpunkte hängen wohl damit zusammen, dass die Kurse und das zugrundeliegende Rahmencurriculum eine Art „One size fits all“-Angebot sind, dass den Bedürfnissen sehr verschiedener Teilnehmergruppen gerecht werden muss. So wäre mehr Grammatikunterricht für die lernerfahrene Ljudmila vielleicht angemessen, würde andere TeilnemerInnen aber überfordern und in der Folge vielleicht noch stärker demotivieren.
Hauptsache, der Kurs wird voll
Das Problem der sehr inhomogenen Zusammensetzung vieler Integrationskurse kam immer wieder zur Sprache. Zwar ist das Angebot seit Einführung der Kurse deutlich differenziert worden. So gibt es spezielle Kurse für Frauen, für schnell und für langsam Lernende, außerdem die Möglichkeit das Standard-Angebot von 600 Unterrichtsstunden auf bis zu 1.200 Stunden auszudehnen – dies geschieht zum Beispiel bei AnalphabetInnen. Allerdings kommen all diese speziellen Angebote längst noch nicht flächendeckend zu Stande.
Viele Anbieter stecken, um ihre Kurse voll zu bekommen, auch TeilnehmerInnen in Kursen zusammen, die extrem unterschiedliche Vorkenntnisse und Bildungsbiographien mitbringen. So berichtete Rodi von einer 20-Jährigen Osteuropäerin, die Deutsch bereits in ihrer Heimat als dritte Fremdsprache gelernt habe, und einem 50-Jährigen Automechaniker aus dem Libanon, der so gerade eben lateinisch alphabetisiert gewesen sei. Die beiden saßen bei ihr im selben Kurs.

Das Publuikum beteiligte sich rege an der Diskussion.
Foto: Petra Siewert
Foto: Petra Siewert
Koordinierung auf regionaler Ebene
Die Kursanbieter stehen – angesichts der knappen öffentlichen Mittel, die sie für die Kurse bekommen – unter dem Druck, möglichst schnell möglichst viele Kurse vollzubekommen. Auch die Jobcenter und Arbeitsagenturen drängen auf zügigen Kursbeginn, um ihre „Kunden“ rasch unterzubringen. Eine Dame im Publikum, die selbst Integrationskurse für Frauen leitet, schlug vor, auf regionaler beziehungsweise lokaler Ebene Koordinierungsstellen einzurichten, die die Kursteilnehmer ihren Bedürfnissen entsprechend auf die verschiedenen spezialisierten Kursanbieter verteilt. Dann könnten die Anbieter statt jeden zu nehmen, KandidatInnen, die nicht in ihre Kurse passen, dieser Stelle zur Weitervermittlung melden, dafür würden im Gegenzug passende KursteilnehmerInnen zu ihnen geschickt. Klingt nach einer sehr guten Idee, hoffentlich hat das Podium gut zugehört.
Posted by Christoph Brammertz
in 18.09.2009, Freitag, Integration
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11:12
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