Im Halbschlaf steht man an den Gleisen des Hamburger Bahnhofes. Schon um kurz vor 6 sind die ersten aufgestanden, um nach Berlin aufzubrechen. Zeit für ein richtiges Frühstück gibt es nicht, denn schon um 7 Uhr verlassen wir das Motel One und brechen auf in die Hauptstadt.
Der Name Berlin allein ist meist schon genug, um mich mit Sehnsucht zu erfüllen. Vor allem dieses trashige, dieses urbane Feeling der Straßen hat es mir angetan. Es ist die Stadt, in der Graffiti zum geheiligten Fresko erkoren wird, in der Dadaismus dem Leben einen Sinn gibt, in der tagsüber die Anzugträger und in der Nacht die Straßenkinder den Ton angeben. Die Stadt, die so indie ist, so tolerant, so alles in einem, dass die Szene sich nahtlos mit der Klasse der alten Schule verbindet. So wirkte Berlin auf mich, als ich es letztes Jahr besucht habe.
Berlin an einem sonnigen Nachmittag.
Aus dem Zugfenster kann man auf graffitibeschmierte Wände, Beton und Strommasten blicken. Vielleicht ist es nur das triste Fastregenwetter, aber irgendwie wirkt Berlin grauer, als ich es in Erinnerung habe. Unser Hotel an der U-Bahnstation Moritzplatz, ein weiteres Motel One, ist kleiner als sein Hamburger Gegenentwurf; die Zimmer sind genauso hübsch, wenn nicht gar hübscher; doch die nähere Umgebung erinnert einen an einsame Wintertage und verlassene Kunstparks. Trotzdem schimmert dieser Berliner Untergrund, den ich so sehr bewundere, subtil durch alle Ritzen und Fugen der Häuser. Kleine, bunte Läden, winzige Kunstwerke auf Straßenlaternenstickern, versteckte Restaurants voller ausländischer Köstlichkeiten – Berlin ist immer noch Berlin, auch an einem ergrauten Oktobernachmittag.
Kurz nach unserer Ankunft besuchen wir die Gemeinschaftsschule Rütli im Herzen Berlin-Neuköllns. 2006 war sie durch einen Hilferuf der verzweifelten Lehrerschaft kurz das Zentrum der deutschen Medienaufmerksamkeit geworden; die Hauptschule wurde zum Symbol einer gescheiterten Integration, Neukölln zum Problemviertel aller Problemviertel stilisiert. Fünf Jahre nach dem Brandbrief statten wir der Schulleiterin, Cordula Heckmann, einen Besuch ab.
Schulleiterin des Campus Rütli, Cordula Heckmann.
Die Straße, an der die jetzige Gemeinschaftsschule (aus der alten Hauptschule, einer Realschule und einer Grundschule als Pilotprojekt konstruiert) liegt, empfängt uns mit zwei gigantischen und fast schon alptraumhaft bizarren Kröten, welche die Mündung der Straße schmücken. Zirkustiere, Clowns und bunte Spielplatzburgen verschönern den Rütli-Bezirk. Der Anblick von zwei Security-Leuten, die vor der Schule patrollieren, beunruhigt mich noch mehr. Doch das Gespräch mit Frau Heckmann schafft Klarheit. Die Wachmänner dienen lediglich der Abwehr von Eindringlingen; auch sonst wird schnell klar, dass das weit verbreitete Bild der von Kriminalität, Gewalt und Drogenhandel geprägten Horrorschule eine komplette Überzeichnung der Wahrheit ist. Das neue Projekt „Gemeinschaftsschule“ hat zu einer Verbesserung der Umstände in allen Bereichen geführt, und auch vorher, so Frau Heckmann, sei die Rütli-Schule nicht schlimmer gewesen als viele andere Schulen in ganz Deutschland. Sie führt uns herum im zu einem großen Teil von Schülern verschönerten Gebäude; tatsächlich sucht man Kokslinien und Blutspuren vergeblich: Es ist eine Schule wie jede andere auch. Den vielen Immigrantenkindern, die kein Deutsch sprechen (und dazu 90% der Schülerschaft ausmachen), wird durch Sozialpädagogen und weitere Helfer geholfen. Getreu dem Motto „Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren“ bemüht sich der Campus Rütli (CR²) um eine individuelle Förderung aller Schüler und Schülerinnen – mit Erfolg.
Wir verlassen Rütli, mit der allgegenwärtigen U-Bahn kommt man wieder zum Hotel. Abends treffen wir uns, um gemeinsam nach einem Restaurant zu suchen. Die Wahl fällt auf ein kleines vietnamesisches Restaurant unweit der Bahnstationen Görlitzer Bahnhof und Kottbusser Tor. Es ist das erste Mal, das sich die kulinarische Begeisterung, vor allem auf Seiten der Italiener, in Grenzen hält; Nudeln mit Curryhühnchen sind halt doch ein wenig gewöhnungsbedürftig für Leute aus dem Land der Pasta. Nach einem kurzen Besuch des sündhaft teuren Hard Rock Cafés lassen wir den Abend an der Hotelbar ausklingen.
Auch bei einer Journalistenreise müssen Päuschen mal sein.
Der nächste Tag beginnt mit einer organisierten Rundführung. Angela (nicht Merkel) präsentiert Berlin von seiner schönsten und auch überraschendsten Seite. Wussten sie, dass Berlin achtmal so groß wie Paris ist? Sogar größer als New York? Oder, dass die russische Botschaft auf extra importiertem russischem Boden gebaut wurde? Nach einem finalen Gang durch das Brandenburger Tor (sonst wäre man auch nicht in Berlin gewesen) verabschieden wir uns von der großartigen Stadtführerin, um übergroße Röstis mit Lachs verspeisen zu gehen.
Postkarten von Berlin.
Inzwischen hat sich eine Demogruppe im Osten des Tores versammelt. Mit großen Plakaten, wehenden Flaggen und wütenden Rufen wird gegen die Hinrichtungen im Irak protestiert, mit Erfolg: Eine große Menschentraube sammelt sich vor den gut zwanzig Demonstranten. Doch unsere Gruppe muss aufbrechen; der Flug geht um 18 Uhr, und wir müssen noch die Koffer abholen.
Zurück im Nirgendwo, mitten in Berlin, nehmen wir unser Gepäck und steigen in die U-Bahn. Die anschließende Busfahrt vom Alex bis zum Flughafen Schönefeld führt uns eine scheinbare Ewigkeit lang durch die stillen Straßen der Stadt; ein Nebeneffekt der riesigen Fläche für nur drei Millionen Einwohner. Der schon fast etwas schmuddelig wirkende Flughafen ist das letzte Stück deutschen Bodens, das wir auf dieser Reise betreten werden; der Flieger bringt uns in zwei Stunden nach Rom, wo die recht rasche (wenn auch recht brutale und kofferschädliche) Ausgabe der Gepäckstücke alle überrascht. Die Nacht legt sich über die ewige Stadt, und im Licht der Laternen können wir das Kolosseum sehen. Endlich kommen wir im zwischen engen Gassen gelegenen Hotel an. Auch hier herrscht um die Uhrzeit größtenteils Stille, und eine dampfende Pizza mit Zucchiniblüten ist der Retter des Abends. Die Station Berlin ist nun abgeschlossene Sache. Unsere Hauptstadt wirkt vielleicht nicht so geordnet und edel wie die Zentren Hamburgs (von der Reeperbahn mal abgesehen), doch Berlin fasziniert durch eine andere Schönheit. Diese Stadt verbindet Regierung mit Widerstand, Bürokratie mit anarchischer Street Art, sie schlägt Brücken zwischen jugendlicher Kreativität und altdeutscher Tradition. Es ist die Stadt der Subkultur und der Regierung, man schließt Geschäftsverträge bei Pommes und Currywurst ab, man sprüht kritische Graffitis auf die alten Gemäuer des Sozialismus. Eine Stadt, in der nicht nur Ost und West aufeinandertreffen, sondern auch das Obere und das Untere, die Schöne und das Biest, die Büronadel und der bunte Heuhaufen.
Ich bin gespannt, was Rom zu bieten hat.
Die gesamte Reisegruppe (zum Sehen des gesamten Bildes bitte in einem neuen Fenster öffnen).