Rosalía Sánchez, Berlin-Korrespondentin von EL MUNDO, rezensiert auf äußerst tendenziöse Weise einen Artikel der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, um die Theorie zu bestätigen (oder zu erfinden), dass die Angst der Deutschen steige, von einer Lawine spanischer Einwanderer überrollt zu werden (Artikel in EL MUNDO: "Aumenta el rechazo y temor a la ‘avalancha’ de españoles en Alemania").
Die Frage, ob der wachsende Zustrom spanischer Immigranten auf deutscher Seite auf Ablehnung stoße, ist absolut legitim und in der heutigen Krise einer ernsthaften Erörterung würdig. Es ist aber weder legitim noch notwendig, dass eine Journalistin eine der größten deutschen Tageszeitungen absolut voreingenommen zitiert, um die (der Autorin wohl gefallende) These zu entwickeln, dass die Angst der Deutschen steige, von einer Lawine spanischer Einwanderer überrollt zu werden („Aumenta el rechazo y temor a la 'avalancha' de españoles en Alemania“) (
EL MUNDO, 19.11.2012).
Ich werde diesen Artikel nicht dazu verwenden, diesen Ansatz zu verwerfen, da dies mehr Zeit und Platz in Anspruch nehmen würde, als mir zur Verfügung steht; ich möchte aber denjenigen Leserinnen und Lesern, die nur Spanisch sprechen, aber nicht die Sprache Goethes oder besser gesagt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf deren Leitartikel Rosalía Sánchez ihren Beitrag aufbaut, zeigen, dass die in Berlin ansässige Journalistin zu ihren Schlussfolgerungen kommt, indem sie Sätze aus ihrem Zusammenhang reißt und sämtliche ihr nicht passende Argumente ignoriert, um in ihrem Artikel eine vermeintliche Abneigung zu konstruieren, obwohl der Artikel aus der FAZ genau das Gegenteil sagen wollte.
Sie werden wahrscheinlich denken, dass ich lüge, aber der von Frau Sánchez zitierte Artikel, mit dem sie ihre Theorie der Ablehnung gegenüber den Spaniern begründet, trägt den Titel: „Gut, dass wir Spanier haben“. Man könnte immer noch denken, dass dieser Titel ironisch gemeint sein soll oder einfach zynisch ist (dies dachte ich, nachdem ich zunächst nur den Artikel in EL MUNDO gelesen hatte), aber hierbei liegen wir falsch.
Sven Astheimer erläutert in seinem Artikel die bekannte These, dass zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in Deutschland gerade gut ausgebildete und arbeitswillige Spanier, Griechen und Portugiesen willkommen seien, die auf Grund der aktuellen Lage in ihren Herkunftsländern keine Perspektive sähen.
An dieser Stelle möchte ich den Vorspann des Artikels zitieren und dann zeigen, wie Sánchez ihn interpretiert:
„Motivierte Spanier lernen Deutsch für einen Arbeitsplatz - und zeigen Integrationswillen pur. Das ist gut für Deutschland. Denn die Arbeitslosen hier lassen sich nicht für jeden Job qualifizieren.“ (
FAZ, 18.11.2012)
Hier fällt es schon viel schwerer, dem Autor Ironie oder Zynismus zu unterstellen. Lassen Sie uns nun sehen, was die Journalisten von EL MUNDO hierzu schreibt:
„Ein Leitartikel in der renommierten FAZ äußerst außerdem folgende Kritik: „Überhaupt gibt es in Deutschland noch immer offiziell drei Millionen, alles in allem mehr als vier Millionen Arbeitslose.“ Der Autor fragt: „Haben also nicht jene Politiker recht, die fordern, zunächst müsse das Potential in Deutschland ausgeschöpft werden, bevor die Suche jenseits der Grenzen fortgesetzt werde?“ Er beantwortet seine Frage selbst: „Nein, sie haben nicht recht.“ Und als einzige Begründung lässt er den demografischen Wandel und die Tatsache gelten, dass auf Grund der Alterung der Bevölkerung bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts in Deutschland drei Millionen Fachkräfte weniger zur Verfügung stehen werden.“ (
EL MUNDO, 19.11.2012)
Ja und nein. Der Journalist sagt ganz eindeutig, dass jene Politiker, die dagegen sind, Spanier ins Land zu holen, nicht recht haben und fährt fort: „Denn das eine zu tun heißt nicht, das andere zu lassen.“ (
FAZ, 18.11.2012) Außerdem ist der demografische Wandel nicht „die einzige gültige Begründung“ (
EL MUNDO, 19.11.2012), die der Autor anführt. Im Vorspann sagt er, dass es ein Trugschluss sei, dass jeder Arbeitslose sich für jeden Job qualifizieren lasse.
Aber jetzt kommt der Teil, der mich am meisten beunruhigt hat. Zitat von Frau Sánchez:
„Der Journalist, der diesen Artikel geschrieben hat, heißt Sven Asthheimer [sic], er ist Wirtschaftsredakteur der FAZ. Er schlägt vor, dass es für die deutsche Wirtschaft besser sei, dass Unternehmen statt in die Ausbildung und Sprachkenntnisse ausländischer Fachkräfte besser für deutsche Jugendliche Anreize schaffen und in ihre Weiterbildung investieren sollten. Gleichzeitig empfiehlt er, den Zugang für hoch qualifizierte Arbeitnehmer und Personen zu beschränken, die gut Deutsch sprechen.“ (
EL MUNDO, 19.11.2012)
Dieser „Vorschlag“ ist weder dem zitierten noch den drei vorhergehenden Artikeln des Autors zu diesem Thema zu entnehmen.
GANZ IM GEGENTEIL! Ich frage mich, ob die Journalistin böse Absichten verfolgt oder ob sie einfach des Deutschen nicht mächtig ist. Sven Astheimer befürwortet deutlich eine liberalere Einwanderungspolitik, damit Bürger aus der ganzen Welt, nicht nur aus EU-Staaten, nach Deutschland kommen können. In Bezug auf Spanier, Portugiesen und Griechen sagt er, dass die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Europäischen Union zu deren Grundgedanken gehöre. Er führt das Beispiel polnischer Emigranten an, die vor einigen Jahren zum Wirtschaftswachstum in Irland und Großbritannien beigetragen hätten.
Sánchez lässt Astheimer in Ruhe und geht zu einer vom STERN veröffentlichten Umfrage über, die besagt, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen die Ankunft von ausländischen Fachkräften begrüße und dass es nur 3 % stören würde, mit einem Einwanderer zusammenzuarbeiten.
Dann liefert sie eine Information, die NICHT aus dem STERN stammt: „Was die Deutschen jedoch wirklich beunruhigt, ist nicht die Zahl der in ihrem Land arbeitenden Spanier, sondern dass es Spanier gibt, deren Arbeitsverhältnisse illegal und nicht dokumentiert sind.“ (
EL MUNDO, 19.11.2012)"
In Anbetracht der Schwere der Anschuldigung wäre es nicht verkehrt, eine Quelle anzuführen. Und wenn es sich nur um ihre eigene Wahrnehmung handelt, hätte sie dies auch besser kenntlich machen können.
Der Artikel endet mit den Worten, dass deutsche Unternehmen immer noch „euphorisch spanische Fachkräfte anstellen, wobei der Fokus auf hoch qualifiziertem Personal und Auszubildenden liegt.“ (
EL MUNDO, 19.11.2012)
Ich frage mich, woher denn die erwähnte höhere Ablehnung stammt – wohl aus den Köpfen einiger Journalisten. Meiner Meinung nach ist EL MUNDO verpflichtet, den Sachverhalt klarzustellen.
Alfredo Tarre
Escritor y cineasta. Colaborador de varios blogs tanto en Alemania como en España.