Wie ist das Leben in einem Asylbewerberheim? Die Vorgaben sind klar. In der Bayerischen Asyldurchführungsverordnung heißt es zum Beispiel: „Die Unterbringungen von Flüchtlingen soll ihre Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern“. Auch Sachsen-Anhalt, das so genannte „Land der Frühaufsteher“, hat den Ruf, in Flüchtlingsfragen besonders restriktiv zu sein.
Paula Bulling hat sich in den vergangenen Jahren mit der Flüchtlingspolitik in Ostdeutschland auseinandergesetzt und in etlichen Gesprächen und Begegnungen mit Asylbewerbern u.a. in Halle, Halberstadt und Möhlau (Wittenberg) deren Lebensbedingungen dokumentiert. In sieben Kapiteln erzählt sie in ihrem Comic-Debüt
„Im Land der Frühaufsteher“ vom Leben in Asylbewerberheimen, alltäglichem Rassismus und dem Tod eines Flüchtlings. Auch ihre eigene Rolle als weiße Künstlerin, die in den Asylbewerberheimen nur „zu Besuch“ ist, hinterfragt sie. Ihre Subjektivität und die Begrenztheit ihres Comics sind ihr bewusst: „Was man nicht zeichnen kann, ist die Permanenz, Tag für Tag wieder an diesem Ort aufzuwachen. Es gibt Leute, die zehn, 15 Jahre oder länger in so einem Heim ausharren müssen. Als Besucherin bleibt man zwangsläufig an der Oberfläche“ (
Interview mit jetzt.de). Nichtsdestotrotz gibt Bulling den porträtierten Asylbewerbern mit ihrer Comic-Collage eine Plattform, auf der sie, die sich ansonsten kaum Gehör verschaffen können, zu Wort kommen. Bullings Stil ist sehr skizzenhaft und experimentell, insofern wird ihr Debüt im Nischenmarkt Graphic Novel vermutlich nur eine Nische in der Nische bleiben; Bulling dazu in dem jetzt.de-Interview: „Das Buch hat keine Mainstream-Comicästhetik, das stimmt. Das macht den potenziellen Markt dafür vermutlich auch kleiner, ja. Aber man kann sich nicht dazu zwingen, sich allzu sehr von dem zu entfernen, wer man ist“.
Paula Bulling wurde 1986 in Berlin geboren und studierte an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Keramik und Illustration. Ab 2008 studierte sie Kommunikationsdesign bei Georg Barber, der unter dem Künstlernamen ATAK bekannt ist. Sie lebte 2002/03 in Ecuador und hat seitdem viele Reisen in Südamerika, dem Nahen Osten und den USA unternommen. Heute lebt sie in Berlin. Derzeit nimmt sie an dem Austauschprogramm
„Comic-Transfer“ des Goethe-Instituts teil und zeichnet in Paris ihre Eindrücke auf. Mehr Illustrationen zu sehen gibt es auf
Bullings Website.
Aufgenommen: Jul 20, 09:58