
Nach seinem erfolgreichen Romandebüt „Boxhagener Platz“ (2004), das in mehrere Sprachen übersetzt und 2010 verfilmt wurde, hat
Torsten Schulz nun einen weiteren – wenn man denn unbedingt eine Schublade aufmachen möchte – DDR-Roman geschrieben:
„Nilowsky“. Das Buch spielt im Ost-Berliner Niemandsland mit Kneipen, Malochern und einem Chemiewerk. Es geht um die ungleiche Freundschaft zwischen dem vierzehnjährigen Markus Bäcker und dem siebzehnjährigen Reiner Nilowsky. Nilowsky, der im Telegrammstil spricht, hält gerne Vorträge, in denen er schwer glaubliche Dinge mit optmistischem Trotz vorbringt. Gleich zu Beginn belehrt er seinen jüngeren Freund bezüglich der gesundheitsfördernden Wirkung des allgegenwärtigen Schwefelwasserstoffgestanks, die entstehe, wenn man den Schwefelwasserstoff unter dem Einsatz der ganzen Körperwärme tief einatme und in Wasser und Schwefeldioxid aufspalte: „Das ist gesund und gibt dir Kraft. Und riechen tut es dann auch nicht mehr“. Kraft braucht Nilowsky auch, denn er lebt mit seinem alkoholabhängigen Vater zusammen, der eine armselige Kneipe, das „Bahndamm-Eck“, betreibt und den Sohn regelmäßig verprügelt.
Markus Bäcker kommt dagegen aus sozialistisch wohlgeordneten Verhältnissen. Seine Eltern sind mit ihm vom Prenzlauer Berg an den Ost-Berliner Stadtrand gezogen, weil beide Arbeit im Chemiewerk fanden, die Mutter als Chefsekretärin und der Vater als leitender Angestellter, der sich mit den Problemen der internationalen Solidarität herumschlagen muss. Eine Gruppe von Mosambikanern soll im Chemiewerk arbeiten, doch ihr Arbeitsethos entspricht nicht dem Fünfjahresplan, was der Vater des Öfteren beklagt: „man muss aufpassen, dass sie nicht heimlich saufen oder rauchen und die Sicherheit gefährden“. Die in einer Baracke wohnenden Männer aus Mosambik verfügen durchaus über Qualitäten, die jedoch eher bei den älteren Damen der näheren Umgebung gut ankommen. Markus Bäcker ist anfangs wenig begeistert von dem Umzug, doch schon bald ist er von Nilowsky, vor dem er sich auch fürchtet, sowie dem skurrillen Vorstadt-Personal des Romans so fasziniert, dass er gar nicht mehr weg will. Aus der Freundschaft wird eine Dreiecksgeschichte, als Carola ins Spiel kommt. Nilowsky ist fest davon überzeugt, dass er Carola heiraten wird. Doch auch sein Freund verliebt sich in das Mädchen. Loyalitätskonflikte sind vorprogrammiert. Etwa in der Hälfte des Romans verkündet Markus Bäckers Vater, dass sie wieder in die Stadt zurückziehen, weil er in einer innovativeren Chemiefabrik Arbeit gefunden habe. Die Eltern glauben ihrem Sohn damit einen Gefallen zu tun, doch dieser fühlt sich verpflichtet Nilowsky, der mittlerweile als Brandstifter untergetaucht ist, mit Carola zusammenzubringen: „Ich beschloss, möglichst mein eigenes Leben zu führen, ganz gleich, wie meinen Eltern das gefiel. Und dazu gehörte auch, Nilowsky und Carola zusammenzubringen“. Während er sich in den kommenden Jahren zu einem Einser-Schüler und zum „Verantwortlichen für Solidaritätsmaßnahmen“ entwickelt, anschließend seinen Wehrdienst absolviert und sein Studium beginnt, lässt ihn seine Vergangenheit in Gestalt von Nilowsky und Carola nie los. Er steht im Bann der beiden und wartet wie auf Abruf auf deren Lebenszeichen, auch wenn das monate- oder auch jahrelang dauert. Am Ende verschwindet Nilowsky wieder und niemand weiß, wo er geblieben ist, doch in Markus Bäckers Gedankenwelt leben Nilowsky und seine verrückten Ideen fort. Ein schön schräges und trauriges Buch, das es auch als
Hörbuch gibt.
Heinz Strunk ist als melancholischer Humorist und Musiker bekannt (siehe auch:
„Telefonscherze und Multiorgasmen“). 2004 erschien sein stark autobiografisch gefärbtes, mittlerweile ebenfalls verfilmtes Buch „Fleisch ist mein Gemüse“, in dem eine Jugend im Zeichen der Akne beschrieben wird. Nun hat er mit
„Junge rettet Freund aus Teich“ ein weiteres autobiografisch geprägtes Buch veröffentlicht, in dem die Hauptfigur Mathias Halfpape heißt, so lautet auch Strunks bürgerlicher Name. Es führt zurück in den Hamburger Stadtteil Harburg der 1960er und 1970er Jahre. Die Handlung spielt in den Jahren 1966, 1970 und 1974 und Halfpape tritt als Sechs-, Zehn- und Vierzehnjähriger auf. Er wohnt mit seiner depressiv veranlagten Mutter bei seinen Großeltern. Strunk fasst den Inhalt seines neuesten Romans in der
SZ wie folgt zusammen: „Es geht darum, den Übergang von der Kindheit in die Pubertät als ein einziges Schrecknis zu erzählen, wobei die Besonderheit darin besteht, dass der Protagonist zu Beginn sechs Jahre alt ist und in der Sprache eines Sechsjährigen erzählt. Mit zehn Jahren spricht er anders. Und mit 14, am Ende des Buchs, wieder anders“.
Auch bei Strunk tauchen natürlich einige schräge Alltagsgestalten auf, wie etwa Frau Rusche, die „zerlöcherte Anziehsachen“ trägt und mit unzähligen Katzen zusammenlebt, oder der furchteinflößende französische Kindergärtner Monsieur Durand, der aus dem Mund riecht und in punkto Unfreundlichkeit nur noch von seiner Frau übertroffen wird. In den Text eingestreut ist auch der eine oder andere norddeutsche Begriff. So habe ich gelernt, was fünsch (= aufgebracht, erbost) und krüsch (= wählerisch im Essen) bedeuten. Strunks neues Buch ist nicht so lustig wie „Fleisch ist mein Gemüse“ und zwischendurch ist Einiges doch recht belanglos, aber so wollte Strunk die Geschichte wohl erzählen, denn gerade die Belanglosigkeit des Lebens ist ja das Schreckliche.
„Junge rettet Freund aus Teich“ ist auch als vom Autor gelesenes
Hörbuch erschienen und war für Bernhard Jugel vom Bayerischen Rundfunk am 8. März das
Hörbuch der Woche, weil es Strunk gelungen sei, „Momente der Scham, des Zwiespalts und der Trauer und Melancholie einzufangen“.