als ich 2010 zum ersten mal hier war, hatte ich den auftrag, für die ZEIT einen artikel über die reise zu schreiben. er ist dann leider nie veröffentlicht worden, weil in der redaktion irgendwas falsch gelaufen ist und zeitgleich ein anderer autor den selben auftrag hatte. naja. deshalb jetzt hier:
Bruce Willis in Island
Wenn Island 2011 als Ehrengast zur Frankfurter Buchmesse kommt, dann hat es für die europäische Literatur einen großen, noch weitgehend ungehobenen Schatz im Gepäck – die Sagas. Zeit also, sich schon einmal auf den Weg zu machen. Im Jeep durch das lichtüberflutete und aschebedeckte Island, ein Roadtrip in die Welt der Sagas, zu ihren Schauplätzen.
Island ist gar nicht so klein, ein Drittel der Fläche von Deutschland etwa. Wenn man wenig Zeit hat und trotzdem viel sehen möchte, sollte man mit dem Auto fahren, Züge gibt es auf Island nämlich keine, nicht mal Straßenbahnen, es würde sich wohl auch nicht lohnen bei insgesamt nur gut 300 000 Einwohnern. Also quetschen wir unsere vierzehn Beine in einen Jeep und fahren los. Ein straffes Programm vor uns: In fünf Tagen vom Westen über die Südküste hoch in die Berge im Osten, gute tausend Kilometer Fahrt, dabei immer die Sagas im Kopf und vor Augen: Wir wollen begreifen, was sie für dieses Land bedeuten, was sie überhaupt bedeuten, wir wollen die Kulissen dieser großen Geschichten besuchen, wollen sehen, riechen, anfassen, wollen Fragen stellen. Wir, das sind sechs Autoren, drei Deutsche und drei Isländische, und Stella aus Reykjavik, die uns fährt und führt.
Wir starten in Reykjavik, fahren erst nördlich, Richtung Borgarfjord, wo die Egils-Saga spielt. Bevor es losgeht, machen wir allerdings erstmal Zwischenstopp: Im Elternhaus von Halldór Halldórsson, den wir immer nur „Dori“ nennen. Literaturgeschichte live: Doris Mutter ist die Tochter von Halldór Laxness, erfahren wir, er ist sein Enkel und aufgewachsen in Gljúfrasteinn, das für ein halbes Jahrhundert das Zuhause und die Arbeitsstätte des Nobelpreisschriftstellers war. Heute ist das Haus ein Museum, mit Internetseite und Multimediaführung in fünf Sprachen. Wir sitzen zweihundert Meter entfernt im Garten von Doris Eltern, trinken Limonade, gucken einem Hundewelpen beim Stöckerschleppen zu. Ob das nicht komisch sei, in einem Museum aufzuwachsen, frage ich Dori. Er zuckt die Schultern. „Als es vor fünf Jahren eröffnet wurde, hab ich da gearbeitet – das war komisch! Aber es ist sowieso komisch, der Enkel von Halldór Laxness zu sein – weißt du, du stellst dich auf eine Bühne und rappst – als Enkel von Halldór Laxness! Stand-Up-Comedian als Enkel von Halldór Laxness? Nachts besoffen im Taxi als Enkel von Halldór Laxness? Ständig frage ich mich: Dori, was machst du hier?“
Er grinst mich an und zeigt mit der Limonade in Richtung des Gestrüpps hinter dem Haus seiner Eltern. „Lasst uns rüber gehen!“ Quer durch die Büsche, die Dori beharrlich „Wald“ nennt. „Wald?“ frage ich und Stella sagt: „Was tust du, wenn du dich in einem isländischen Wald verlaufen hast?“ Sie antwortet selber: „Aufstehen!“ Wälder gibt es nicht auf Island, höchstens ein paar beieinander stehende Bäume. Ansonsten aber gibt es jede denkbare landschaftliche Sehenswürdigkeit. Geysire, dampfende Thermalquellen, Lavawüsten, Gletscherzungen, die direkt in den Ozean reichen, Hügel, Seen, Flüsse, Fjorde, absurde Gesteinsformationen und Gebirgsketten, die anmuten wie direkt aus der Pixar-Trickstube, wie eine Tolkien-Kulisse. „Ist euch eigentlich klar, in was für einem wunderschönen Land ihr hier lebt, nehmt ihr diese Schönheit noch wahr?“, frage ich. Bergur, Ugla und Dori, unsere drei isländischen Kollegen und Mitfahrer zucken die Schultern. „Ich würde 70 Prozent der Schönheit gegen 5 Grad höhere Temperaturen tauschen“, sagt Ugla. Bergur nickt und sagt: „Oder gegen neue Turnschuhe.“
Als wir nach dem kleinen Schlenker in Borgarnes ankommen, geht es dann sofort mitten hinein in die Welt der Sagas: Am frühen Nachmittag erreichen wir das Settlement-Center, das eine Ausstellung über die Egils-Saga zeigt, die im 13. Jahrhundert geschrieben wurde. Erzählt wird, wie Skalla-Grímur im 10. Jahrhundert mit seinen Männern aus Norwegen fliehen muss, weil er sich dem König nicht unterwerfen will. Er ist einer der Siedler, die das unbewohnte Island im zehnten Jahrhundert in Besitz nehmen. Hier also haben sie sich niedergelassen, im Borgarfjörður-Gebiet. Im Zentrum der Saga steht Skalla-Grímmurs Sohn Egil. Ein wilder, wütender, mordender, leidenschaftlich liebender und sehr poetischer Charakter. Der Saga nach begeht Egil mit sieben Jahren seinen ersten Mord, nach einer Art Eishockey-Spiel schlägt er einem Kontrahenten mit einer Axt den Kopf ein. Mit zwölf Jahren tötet er zu, zweiten Mal, offenbar eine raue Zeit. Egil ist Bauer, aber er will ein Wikinger sein und setzt schließlich durch, dass er mit seinem Bruder Þórólfur zur See fährt. Beide lieben dieselbe Frau, ihre Ziehschwester Ásgerður. Erst heiratet Þórólfur sie, und als er bei einer Schlacht in England stirbt, nimmt Egil sie zur Frau. Nach unzähligen Schlachten in ganz Nordeuropa verbringt Egil seinen Lebensabend, voller Schmerz und Trauer über den Tod zweier seiner Söhne, bei seiner Pflegetochter Þórdís. Interessanterweise rettet dem Bauernwikinger, dem mordenden Choleriker Egil gleich zwei Mal die Poesie das Leben: Einmal, als er in norwegischer Haft ist und es ihm gelingt, trotz widriger Umstände ein so gewaltiges Poem zu schreiben, dass der norwegische König, dessen Sohn er immerhin getötet hat, ihm die Freiheit schenkt. Und ein zweites Mal, als er vor Kummer über den Verlust seiner Söhne in Depressionen versinkt und sich zu Tode hungern will, dann aber wieder ein Gedicht schreibt, das es ihm ermöglicht den Schmerz abzustreifen und den Weg zurück ins Leben zu finden.
Die isländischen Sagas (nicht zu verwechseln übrigens mit der etymologisch verwandten „Sage“, der Volksdichtung) sind, so unterschiedlich ihre konkrete Form auch sein mag, erzählende Prosa, genealogisch oder biografisch angelegte Geschichtsschreibung. Sie erzählen von Männern und Frauen, häufig Bauern, den ersten Siedlern und ihren Nachkommen mit all ihren alltäglichen Konflikten und Hoffnungen. Die Sagas, scheint es, sollen kommenden Generationen soziale Orientierung geben: dem Einzelnen mitteilen, wer er ist, von wem er abstammt und zu wem er gehört. Die Geschichten liefern die sozialen, geografischen, historischen, rechtlichen und politischen Koordinaten. Es sind sachliche, fast naturalistische Texte mit oft tragischem Ausgang und ohne fantastische Elemente. „Stories like in Hollywood“, grinst Dori, „a lot of action, a lot of tragedy, always a bit too much, but not completely unrealistic – like a Bruce-Willis-Movie!“
Frühe Vorläufer des Romans, die Island zu dem Land mit der wahrscheinlich bestdokumentierten Siedlungsgeschichte der Welt machen.
Auf nach Reykholt, wo Snorri Sturluson (1179-1241) lebte, arbeitete und ermordet wurde. Snorri war ein wichtiger Politiker und Dichter, Verfasser der Snorra-Edda, einem Handbuch für Skalden, die nordischen Dichter, das Snorri vermutlich schrieb, um zu verhindern, dass im Zuge der Christianisierung die altnordischen Mythen verloren gehen. Er gilt übrigens auch als Verfasser der Egils-Saga.
In Reykholt treffen wir Oskar Gudmundsson, Autor einer umfangreichen Snorri-Biografie. Er führt uns durch das kleine Dorf, zeigt uns die historischen Orte, das wohlerhaltene kleine Warmwasser-Becken, die Überreste der Landstraße, der Stadtmauern, des Kirchenschiffs. Oskars graues Haar flattert fröhlich im Wind, er blinzelt gegen die Sonne, die noch immer taghell scheint, auch wenn es schon gegen Mitternacht geht, als wir das Dorf erkunden. Er sagt, es erstaune ihn, wie wenig Eingang die Sagas bisher in die europäische Literatur und ins Kino gefunden hätten, wo doch die Themen so ergiebig und modern seien.
Ich erzähle Oskar von meiner Mutter, der ich als vielleicht Zehnjähriger stolz erzählte, ich wüsste nun, wie ich meinen Sohn nennen würde, wenn ich denn später einen haben sollte: Rune nämlich, wie der norwegische Fußballer Rune Bratseth, der damals bei Werder Bremen spielte. Meine Mutter schüttelte nur streng den Kopf, ein unmöglicher Name sei das. Er erinnere sie an germanische Runen und das wiederum an die Nazis. Und ich sage zu Oskar, dass genau hier mein Wissen und meine Auseinandersetzung mit der Materie endete. Zumindest in Deutschland sind das schließlich immer noch die Assoziationen: Wir hören von nordischer Mythologie und denken an Arier, Hitler, an großblondblauäugig, an Wagner, SS und Hakenkreuz. Oskar schüttelt sanft den Kopf: „Die Nazis haben unsere Kulturgeschichte missbraucht, sie haben alles an sich gerissen, was ihnen genutzt hat, haben es sich einverleibt und benutzt, um zu beweisen, dass sie Kultur und Geschichte haben. Deshalb, zu Unrecht, hat man dieses große, spannende Werk von den Lehrplänen gestrichen. Und wir müssen es uns zurück erobern.“
Zehn Jahre hat Oskar an seiner Snorri-Biografie geschrieben. Er ist ihretwegen nach Reykholt gezogen, ein Zweihundert-Seelen-Dorf, in dem im Sommer viele Japaner zu Gast sind. Sie kommen nicht, um auf Snorris Spuren zu wandeln oder das Warmwasser-Becken zu besichtigen, in dem schon Snorri sein Bad nahm. Sondern um sich verwöhnen zu lassen, im Wellness-Hotel mit heißen Thermen und Massageliegen. „Die Sagas sind ein großer Schatz für die europäische Literatur und er ist noch nicht gehoben. Die jungen Schriftsteller werden von ihnen profitieren können. Jeder Autor rezipiert, rezitiert, verarbeitet andere Literatur.“ Oskar sieht mich mit durchdringendem Blick an, „Der Spätkapitalismus, diese Ära der Gier, ist möglicherweise am Ende in Europa. Es wird ein Umbruch kommen und solche Zeiten sind immer Zeiten der Rückbesinnung auf Klassisches und auf gemeinsame Wurzeln. Für Nordeuropa können die Sagas eine wichtige Rolle spielen.“
Vielleicht, denke ich, zeigt sich hier der besondere isländische Pragmatismus, ein scheinbar unverwüstlicher Optimismus – in der Krise das Neue, den Umbruch sehen zu können, sich zu freuen, nicht in Schockstarre zu verfallen. Björn, einer der Mitorganisatoren unseres Trips, ein junger Deutscher, der seit einem Jahr in Reykjavik wohnt, antwortet auf meine Frage nach dem Umgang der Isländer mit der Krise, die hier ja besonders heftig gewütet hat, die Leute hier würden sie sehr locker nehmen, mit Humor. Er beschreibt die Isländer als Macher, die nicht lange planen und überlegen, sondern eine Idee haben und sofort loslegen. Auch die Bauern, die ihre Höfe wegen der Aschewolke zurücklassen mussten, schreien nicht nach staatlicher Hilfe, sie zucken die Schultern und warten ab, freuen sich teils gar auf die fruchtbare Asche auf ihren Böden. Auch Bergur ist ein gutes Beispiel: Im Laufe unserer Reise erfahre ich, was er alles macht: Er hat Jura studiert, als Anwalt gearbeitet, war zumindest in Island ein Popstar, schreibt Theaterstücke, Poetry, ist als Stand-Up-Comedian unterwegs und außerdem Vater einer kleinen Tochter, das alles mit 28. Als ich ihn frage, warum er so viele Felder bestellt, zuckt er die Schultern und grinst: „Das machen wir hier alle so. In Island gibt es kein Spezialistentum. Wir sind zu wenige, als dass hier jeder nur eine Sache machen könnte. Ausgenommen Ärzte vielleicht.“
Die Nacht ist hell, wie alle isländischen Nächte zwischen Mai und September, und kurz für uns, früh am Morgen reisen wir Richtung Süden. Unser erstes Ziel ist der Þingvellir-Nationalpark. Umgeben von vier aktiven Vulkansystemen, angrenzend an den größten Binnensee Islands, den Þingvallavatn, durchströmt vom Fluss Öxará liegt die Schlucht Almannagjá, deren imposante Felsspalten und Risse das Auseinanderdriften der amerikanischen und europäischen tektonischen Platten sichtbar machen. Hier wurde ab dem Ende der Landnahmezeit um 930 alljährlich rund um die Sommersonnenwende die traditionelle gesetzgebende Versammlung Alþing abgehalten. Nach denen im antiken Griechenland war diese Versammlung aller freien und volljährigen Männer eines der ältesten Parlamente der Welt. Hier wurden Rechtsstreitigkeiten behandelt, Urteile gefällt und jedes Jahr der gesamte Gesetzestext öffentlich rezitiert. Auch Egil und später Snorri nahmen am Alþing teil, als Goden, Vertreter je eines der sechsunddreißig Godentümer. Goden konnten abgesetzt werden und auch Frauen konnten das Amt übernehmen. Das alles klingt erstaunlich fortschrittlich – ähnlich wie später der Bildungsauftrag der christlichen Priester, die nicht wie im sonstigen Europa ihre Bildung, ihr Wissen für sich behielten und als Machtinstrument gebrauchten. Auf Island unterrichteten die Priester in ihren Gemeinden Lesen und Schreiben. Was auch dazu führte, dass die Isländer in allen Winkeln des Landes ihre für lange Zeit nahezu einzigen Bücher lesen konnten: die Sagas.
Etwa bis Anfang des letzten Jahrhunderts war Island nur mit großem Aufwand zu erreichen, war weitgehend isoliert in seiner Abseitslage. Wenig Handel, wenig Austausch, wenig Migration. Im 20. Jahrhundert dann kamen dann industrielle Revolution, Schiffe mit Motoren, Telefon und Reichtum, vielleicht kam alles ein paar Jahre oder Jahrzehnte später als auf dem Festland, aber es kam. Und heute gibt es das Internet, gibt es Gleichzeitigkeit, gibt es die Krise. Heute ist Frankfurt-Reykjavik ein komfortabler dreieinhalb-Stunden-Flug.
In der Sprache aber zeigt sie sich noch, die lange Zeit der Isolation: Das Isländische ist die skandinavische Sprache, die sich in den vergangenen Jahrhunderten am wenigsten verändert hat. Sie ist dem Altnordischen, wie es um 1300 gesprochen wurde, so ähnlich, dass die Sagas in ihrer ursprünglichen Form für einen Isländer auch heute noch ohne größere Probleme lesbar und verständlich sind.
Vielleicht ist auch das ein Grund für die erstaunliche Präsenz der alten Geschichten im isländischen Alltag. Schon auf dem Hinflug nach Reykjavik fällt mir der zollfreie „Saga-Shop“ ins Auge. In den Fluren der Hotels, in denen wir unterkommen, hängen plastikgerahmte Egils, als Bauer, Wikinger oder trauernder Vater, oder Njál in seinem brennenden Haus,. In den Buchhandlungen gibt es Saga-Comics für die Kleinen, immer wieder werden uns beiläufig verwendete Zitate aus dieser oder jener Saga bröckelig ins Englische übersetzt. Wir sind nicht unbeeindruckt, als wir gegen Nachmittag auf die Südküste treffen und vor dem wunderschönen Seljalandsfoss von unseren drei isländischen Kollegen eine spontane Kurz-Performance der Njáls-Saga geboten bekommen. „550 Seiten in drei Minuten!“ verkünden sie stolz und erzählen plastisch von Njàl, der, müde vom Kampf, irgendwann beschließt, sich einfach schlafen zu legen – in seinem brennenden Haus. Hinter ihnen stürzt sich der Fluss Seljalandsá 66 Meter tief in die Überschwemmungsebene des Markarfljót, in den er kurz darauf mündet. Spektakulär. Ich kann Gunnar Hámundarson verstehen, der in der Saga nach blutigen Auseinandersetzungen für drei Jahre von Island verbannt wird und schon auf dem Weg ist, die Insel zu verlassen, am Seljalandsfoss aber so sehr von der Schönheit seines Landes ergriffen ist, dass er bleiben muss – obwohl er sein Leben damit auf Spiel setzt.
Auf dem Weg über die Südküste nach Hali im Osten nähern wir uns dem Vulkan. Eyjafjallajökull. Wir machen Halt an einer Tankstelle, essen und schlittern über die aschebeckten Fliesen wie über zugefrorene Pfützen. Aus dem fahrenden Wagen durch das kleine Fenster sieht der Vulkan unspektakulär aus. Seit Tagen gibt es keine Aktivität, irgendwo in Südeuropa tanzt die Asche noch mit dem Flugverkehr. „Macht Fotos, näher kommen wir nicht ran“, sagt Bergur, wir knipsen ein bisschen – und dann fahren wir plötzlich doch mitten hinein: in eine massive Aschewolke. Sie steht schwer und undurchdringlich vor uns, umgibt uns von allen Seiten wie ein geschlossener Raum. In unserem Jeep sind wir Kurztouristen in einer Naturkatastrophe. Vierzig Minuten lang ist es, als würden wir mit einer Gondel durch Cormac McCarthys „The Road“ gezogen. Unsere Scheiben beschlagen von unserem Atem, mal kann man was erkennen in ein paar Meter Entfernung, einen Strommast, die Umrisse eines verlassenen Hofs, mal sieht man gar nichts und plötzlich taucht ein Licht nur einige zig Zentimeter vor uns aus der leblosen Dunkelheit, vereinzelter Gegenverkehr.
Wie andere isolierte und plötzlich an die Moderne angeschlossene Inselvölker müssen auch die Isländer balancieren zwischen Tradition und Fortschritt. Ein Tänzchen, das den Isländern leicht zu fallen scheint. Manchmal aber kann man sie dann doch balancieren sehen:
Das Hotel, in dem wir heute Nacht schlafen, ist ein Bauernhof mit zwei modernen Kästen voller Gästezimmer zwischen Ziegenweiden. Und ein Museum ist es auch. Und ein Restaurant oder ein Café oder beides. Die Gebäude liegen wie hingewürfelt auf der Landzunge zwischen Klippe und offener See, umgeben von Gletschern, die von den Bergen hinab direkt ins Wasser reichen. Oder: den Ozean küssen, wie sie hier sagen.
Das Hauptgebäude liegt mit dem Rücken zur Straße, die Außenwand ist als überdimensionales Bücherregal gestaltet, Plastikbuchrücken an Plastikbuchrücken. „Ein bisschen geschmacklos“, sagt Stella, als sie in die Einfahrt biegt. Es ist ein winziges, aber durch und durch modernes Museum über den Schriftsteller Þórbergur Þórðarson, der mit seinem autobiographisch geprägten Werk einen neuen Stil in Islands Literatur prägte. Anhand seiner Biografie, die man in Nachbildungen seiner Wohnräume durchschreitet, wird fühlbar, wie das Leben in Island zwischen 1920 und 1970 ausgesehen hat, in Reykjavik und vor allem auf dem Land. Hier, auf den Höfen zwischen den Gletscherzungen, die bis in die 60er Jahre nur zu Fuß oder Pferd erreicht werden konnten. Dann erst hat man eine Straße gebaut, die den Osten mit dem Westen verbindet, die Straße, auf der wir unterwegs sind. Die Frau, die das Museum leitet und den Bauernhof und das Hotel, erzählt, dass es damals einen Tag Marsch bedeutete, um nur zum nächsten Hof zu gelangen, zwei Kilometer Luftlinie, auf Trampelpfaden durchs Gebirge, über Eis. Als sie 1983 mitten in der Nacht ihren jüngsten Sohn bekam, konnte sie das ihrem Mann erst am nächsten Morgen erzählen, als die Telefonleitung um neun Uhr öffnete. „Das ist keine dreißig Jahre her“, sagt sie. „Jetzt haben wir W-LAN.“
Sie lächelt und sieht auf den Boden, „Manchmal habe ich Angst, dass wir viel von dem vergessen, was lange Zeit unser Leben hier war. Dass wir unser Wissen über die Natur und unsere Verbindung mit ihr aufgeben. Weil das alles so schnell geht.“ Vielleicht hat sie deshalb ein Museum auf ihrem Ziegenhof installiert, hat ihn an die Welt angeschlossen, an den Tourismus. Sie sei erleichtert, sagt sie, dass Þórbergur Þórðarson die alten Zeiten dokumentiert hat. „Wir sind glücklich über diese Bücher!“ Und vielleicht dank der Buchmessen-Gastschaft bewegt sich nun auch Þórðarson in Richtung Gegenwart, sein Übersetzer wohnt gerade auf dem Hof, also im Hotel, um die Gegend zu sehen, von der Þórðarson schreibt. Um Worte zu finden, Entsprechungen. „Wir wissen nur so viel über uns, weil wir so viel über uns aufgeschrieben haben, wie in damals in den Sagas“, sagt die Frau, als sie uns zu dem offenen Buffet in ihrem hellen Restaurant führt. Vielleicht lässt sich mit so viel Geschichte ganz gut balancieren.

Dirk Schwieger