jan und ich steigen in den wagen zu bergur, jón und dóri, ist eng auf der rückbank. bergur grinst: weiß nicht, sagt er, wenn ich in afghanistan unterwegs wär, ob ich dann einfach in irgendein auto steigen würde zu drei typen, die sagen, komm, wir fahren in die berge. zehn stunden wandertour.
ja, bergur, sage ich. aber ich kenne dich.
ein bisschen, er grinst.
fünf minuten später erzählt jón, der am steuer sitzt, dass er die route, die wir laufen wollen, schon mehrere male gewandert ist, er sagt, sie sei eigentlich nicht tödlich, eigentlich nur an drei stellen sei sie etwas brenzlig, ein paar mal hätte er schon sorge gehabt, aber bisher sei er ja immer durch gekommen. da dreht dóri sich um und erzählt von zwei wanderern, die irgendwo auf der strecke umgekommen sind, erschöpft, erfroren. was haben die drei eigentlich vor, frage ich mich? die deutschen touris austesten? ich hab schon an dem wahlabend mitbekommen, dass bergur, seit unserer tour durch deutschland, sehr gern die deutschen aufs korn nimmt, als geiziges, humorfreies, naturromantisch-kitschiges humangewölle. die drei machen aber mal so gar keine angst, wie sie hier in der karre sitzen, mit ihrer funktionskleidung, den geschmierten broten in ihren tuppa-boxen, bergur mit seinem blauen cap auf dem kopf.
wir fahren so ungefähr zum südlichsten punkt islands, zum skogarfoss, und von dort laufen wir zwischen den gletschern tindfjallajökull und eyjafjallajökull (ja! der berühmte!) am flussbett des krossá nach Þórsmörk, dem bergrücken, der in eine wirklich zauberhafte ebene übergeht, die wiederum übergeht in das flussbett des markarfljót. der trail führt also tatsächlich zwischen den beiden gletschern hindurch und entlang des von der letzten eruption (ja! die berühmte!) neu aufgeworfenen gipfels, vorbei an zig traumhaften regenbogenüberschimmerten wasserfällen, über eisflächen, zugefrorene flussbetten, lavafelder, grüne wiesen, ja sogar durch so etwas wie wälder. pfhh. kleine karte gefällig?

wirklich erstaunlich finde ich, dass hinter jeder biegung, hinter jeder erhöhung eine neue landschaft wartet. nach einer stunde wandern bin ich schon so voller eindrücke und bilder, dass die wasserfälle mit all ihrer pracht mich fast anfangen zu nerven, so vielfältig und schön und häufig sind sie. hier mal drei exemplare:



als uns der stelle nähern, an der der eyjafjallajökull sich vor zwei jahren produziert hat, dampft der boden. echt wahr: zwei jahre ist der ausbruch her, aber wenn man mit dem schuh eine kleine mulde gräbt und die hand hineinlegt - dann verbrennt man sich die pfoten!

unser trail ist nur von mitte juni bis august begehbar. an manchen stellen tatsächlich nicht ohne. wie ich hier so laufe, denke ich: wie wird das eigentlich eruiert? wer läuft da durch die gipfel und über die gletscher und sagt: diese woche geht noch oder, nee, so darf das nicht geöffnet sein? keine ahnung. ich will den job nicht machen.
es geht hoch und höher, den neuen gipfel begrüßen, den haben die drei ja bisher auch nur im fernsehen gesehen.
über das lavagestein zu laufen klingt, als würde man über ein feld aus cornflakes spazieren, weiter und immer weiter, und dann machen die drei isländischen reiseführer plötzlich ernst: wir kommen an eine stelle, an der sich der weg gabelt, es geht einmal einfach weiter, an einer, tja, schlucht entlang, man müsste sich an einer kette entlanghangeln, um auf das plateau dahinter zu gelangen. ODER: man kommt irgendwie den vereisten abhang runter. ich schätze, es geht drei-, vierhundert meter in die tiefe bei einem gefälle von, na, 30%. die jungs, mit ihren ganzen morbiden anspielungen auf der hinfahrt, fackeln nicht lange und stapfen vorsichtig den abhang runter. das problem ist, dass jan nur jogging- und keine wanderschuhe hat. wir stehen noch einen moment hier oben und überlegen, ob wir das wirklich machen sollen. das ist der abhang von oben: (sieht auf dem foto WIRKLICH nur halb so schlimm aus)

also gut, wir können ja schlecht die gruppe spalten. jan und ich setzen unsere füße auf den vereisten und mit aschekruste verzierten schnee und - rutschen sofort aus und fetzen auf dem arsch den abhang runter. im affenzahn über die eiskruste, über kleine steine, immer tiefer auf das geröll am ende des abhangs zu, ich schaffe es irgendwann im rutschen wieder auf die beine zu kommen, kann den schwung aber natürlich nicht bremsen, laufe, renne, rase ein paar schritte, überschlage mich dann, fliege hin, rutsche die letzten meter auf dem gesicht.
bergur hat das alles mal ganz entspannt mit der kamera festgehalten. sieht auch nicht so spektakulär aus, wie es sich angefühlt hat, aber ich habe eine nacht nur von abhängen, vom abstürzen, vom runterdüsen geträumt. jan und ich also komplett nass und dreckig und heilfroh, dass im grunde nichts passiert ist...
... als wir uns gerade wieder beruhigt haben, teilen uns die drei mit, dass sie die wegmarken hier unten nicht finden können und wir deshalb den abhang wieder raufkraxeln müssen. WHAT?! das alles umsonst? naja. hosen hinüber, leben riskiert, spaß gehabt. also wieder rauf und richtung Þórsmörk, wo es ungefähr so aussieht:

was haben wir eigentlich für ein abgefahrenes glück mit dem wetter. den ganzen tag keine wolke, kaum nebel (gut, oben auf den gletschern steigt immer etwas nebel aus dem eis auf), nur sonne, sonne, sonne. auch jetzt, bei unfassbar schönem licht, laufen wir richtung tal. immer wieder bleibt bergur stehen und gibt den zwischenstand deutschland-griechenland durch.
we survived eyjavjallajökull! dann warten bier, barbecue und zelt auf uns. und am nächsten morgen die abgefahrenste busfahrt meines lebens: mit einem offroad-bus durch das flussbett des markarfljót, circa anderthalb stunden für geschätzte 20 kilometer, wirklich DURCH den fluss. das bett ist an manchen stellen sicher einen halben kilometer breit, in dem sich im moment aber nur einige kleinere und größere arme schlängeln. ganz entspannt: mit dem bus durchs wasser. herrlich.
hier noch ein paar bilder vom weg und unterwegs sein:

Dirk Schwieger