Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und knusprig gebackenem Brot zieht durch die Räume, leuchtend-gelber Orangensaft steht bereit, in der Mitte des Tisches thronen zwei Gläser cremiger Nussnugatcreme und kerniges Müsli mit getrockneten Früchten wartet darauf, mit Milch übergossen zu werden: Für einen kurzen Augenblick fühle ich mich nach Deutschland zurückversetzt, an einen freien, sonnigen Vormittag, kurz vor einem gemütlichen Brunch mit der Familie.
Doch noch bin ich in Chicago. Es ist Freitagmorgen, mittlerweile halb 10 und ich bin im Goethe-Institut (GI), zusammen mit Kollegen, sechs High-School Schülern und deren Betreuern von der Medieninitiative Free Spirit Media (
freespiritmedia.org), Katie und Chad. Trotz Sommerferien lernen Daisha, Dominique, Rosie, Johnny, Tim und Katrina fleißig, sich vorzustellen, den Gesprächspartner nach dessen Alter zu fragen oder sich nach der Uhrzeit zu erkundigen. Denn zehn Tage nach unserem Treffen sind die Jugendlichen bereits im Rahmen eines Austauschprojekts in Hamburg, einer der Partnerstädte Chicagos.
In der Hansestadt treffen sie auf deutsche Gymnasiasten, die von TIDE, dem Hamburger Bürger- und Ausbildungskanal, betreut werden. Nachdem jede Jugendgruppe bereits eigene Filmprojekte ausgeführt hat, werden die Chicagoer und Hamburger gemeinsam eine Dokumentation über „classism“ drehen. Auf dieses siebentägige Abenteuer wollen Eugene Sampson und Sade Akkoek (beide GI) die Amerikaner sprachlich und kulturell bestmöglich vorbereiten.
Um etwas über fremde Kulturen zu erfahren, führt ein Weg über die traditionelle Küche: Finden es Deutsche gewöhnungsbedürftig, schon frühmorgens gebratenen Speck, Erdnussbutter oder Pancakes serviert zu bekommen, ist Nutella hier ein Fremdwort: „Schokoladencreme? Zum Frühstück?“ Rosie sieht mich ungläubig an: „Ich dachte, die Deutschen ernähren sich so gesund.“ Höchste Zeit also, die Teenager darauf einzustimmen, wie sich in Hamburg nicht nur die Menschen und die Umgebung vom gewohnten Umfeld in Chicago unterscheiden, sondern auch die Essgewohnheiten. Dank der Austrian Bakery gibt es selbst hier saftiges Sonnenblumenkernbrot und knuspriges Ciabatta. Außerdem finden ein deutscher Schokoladenhersteller und das Müsli mit schwäbischem Akzent auch in der Metropole im Mittleren Westen einen Absatzmarkt – da ist ein German Breakfast schon fast vollständig. Und die Hauptsache: Den Teenagern schmeckt's.
Zwar sind Rosie, Johnny, Dominique, Katrina, Tim und Daisha auf die Spezialitäten – insbesondere Fisch – und Sehenswürdigkeiten der Stadt an der Elbe gespannt:„Endlich erleben wir selbst, was es bedeutet, in Deutschland zu sein“, sind sie sich einig. „Wir wissen, dass es eine einmalige Chance für uns ist“, fügt Johnny hinzu. Doch vor der siebentägigen Reise ist ihnen trotzdem etwas mulmig: „Wir sind noch nie geflogen – und dann sitzen wir gleich neun Stunden im Flugzeug.“ Doch sie fühlen sich sicher, da sich Katie, Chad und Eugene nicht nur um banale Dinge, wie die Krankenversicherung, angemessene Kleidung und internationale Pässe, kümmern. Die drei Vertrauten begleiten die Kinder auch auf ihrem Trip.
Das Highlight des Frühstücks: Ein Skype-Date mit den Hamburgern. „Damit ihr auch glaubt, dass es sie wirklich gibt“, lacht Eugene. Die Kids stehen lachend und euphorisch vor dem Bildschirm des Laptops und tauschen sich das erste Mal nicht per E-Mail mit den Deutschen aus. Überrascht beobachtet Sade, dass ihre Schüler die gerade gelernten deutschen Ausdrücke anwenden.
Als sich die Schüler mit Katie und Chad verabschieden, wissen sie noch nicht, dass sie elf Tage später im deutschen Fernsehen zu sehen sein werden: Ihr Besuch beim Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz wird vom NDR aufgegriffen (
youtube.com ).
Seit Sonntag sind sie wieder in Chicago. Ich bin gespannt, wie sie die Partnerstadt ihrer Heimat – trotz Regen – erlebt haben, wie sie das Thema „classism“ filmisch darstellen und was sie bei den Deutschen am meisten überrascht hat. Ich freue mich, die engagierte Gruppe bald wiederzusehen. Diesmal vielleicht bei Kaffee und Kuchen…
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