In Deutschland ärgert man sich über Graffitis! Auf Zügen, Mauern, Brücken ... alles was irgendwie erreichbar ist, wird bunter gestaltet. Oft kann man aber auch zwischen Schmiererei und Kunst nicht unterscheiden. Auch in Chicago kommen diese Hauswand-Tätowierungen vor. Der hispanische Einfluss ist hier sehr deutlich, denn überall wo sich mexikanische oder andere mittelamerikanische Neighborhoods gebildet haben, ist das Straßenbild von bunten Kunstwerken geprägt. Zwar kommen Graffitis auch in anderen Neighborhoods vor, doch werden sie dort nicht als Kunst wertgeschätzt, sondern, wie bei uns, als Schmierereien oder Bandensymbole abgetan.
Das bekannteste Beispiel für diese positive Kunst an Hauswänden in Chicago ist Pilsen. An fast jeder Ecke findet man katholische Heilige, kann historische Ereignisse bestaunen oder Sprüche lesen, die den Zusammenhalt der Leute beschwören. Die sogenannten „Murals“ sind in so bunten Farben bemalt, dass man sich in Mexiko wähnt. Gelb, grün, blau, weiß, schwarz, gold, alle werden verwendet, um die Dramatik der Aussage der Murals zu unterstreichen.
Mal lächelt eine Virgen de Guadaloupe von der Hauswand, mal erfährt man über die unglaublichen Details der Gemälde mehr über die indigene Geschichte Mexikos und oft strahlen hoffnungsvolle Botschaften auf Passanten und Anwohner herab.
Doch wer gestaltet diese Murals? Nicht etwa Künstler, die tausende Dollar verlangen—nein, meist sind diese Arbeiten durch Community-Projekte, lediglich unter Aufsicht von Künstlern, entstanden. Das heißt, dass so gut wie alle Murals über viele Wochen oder sogar Monate von Jugendlichen der jeweiligen Neighborhoods gemalt wurden.
Wenn man also regelmäßig an einer solchen Hauswand vorbei fährt, kann man das langsame Wachstum beobachten: Zuerst wird die Wand in Weiß grundiert, dann folgen Linie für Linie die Umrisse, die schließlich mit Farbe ausgefüllt werden. Zum Schluss erwecken die Projektteilnehmer ihre Werke mit vielen, vielen Details zum Leben. Ein fertiges Mural wird dann mit einem Fest befeiert.
Diese mexikanische Kunstart ist nur eine von zahlreichen hispanischen Dingen, die ihren Weg in den amerikanischen Alltag gefunden haben und ihn, meiner Meinung nach, bunter und spannender machen!
Zugleich muss ich aber gestehen, dass mich selbst in Deutschland die Graffiti-"Kunst" nur selten abstößt. Natürlich, stupide Verschandelung durch Tags, teilweise im Rahmen sinnloser Zerstörungswut, lehne ich selbstverständlich ab. Doch entdecke ich immer wieder farbenfrohe Bilder, der der Großstadt ein wenig Leben einhauchen.