s. leiht mir ein handy, das gleiche nokia für dummies, das zu benutzen ich – jahrelange sture handyverweigerung über bord werfend – vor wenigen wochen in buenos aires eingewilligt hatte. ich kaufe eine sim-karte (€ 19,90), warte ein paar stunden auf ihre aktivierung, kämpfe mit deutschen sätzen (nicht auszumachen, ob sie mich willkommen heißen oder abweisen). als schließlich alles in ordnung zu sein scheint und ich einen ersten anrufversuch starten will, lande ich im telefonspeicher von s. und entdecke den namen meines vaters: axel. bevor ich etwas denke, denkt es in mir abgründige gedanken: warum hat s. die nummer meines toten vaters und ich nicht? ich wähle, ein anrufbeantworter meldet sich, ich hinterlasse keine nachricht. mein vater soll sich wegen mir keine sorgen machen.
in allen supermärkten gibt es packungsgrößen für singles (anti-packungen sozusagen): eine einzelportion räucherlachs (zwei scheiben, € 3), ein mozzarella (€ 1,50). für eine person und eine mahlzeit. (alleinstehende leben von tag zu tag. zusammen zu leben dagegen verlangt planung im voraus. lebenszeitlich angepasste essgewohnheiten, je nachdem, ob man allein lebt oder nicht.) erst stimmt es mich froh. ein feines zeichen von zivilisiertheit. dann deprimiert es mich etwas.
dienstag. konzert der not applicable artists im finnland-zentrum in kreuzberg (€ 5). der klarinettist der gruppe ist zugleich der koch der suppe, die zusammen mit großen stücken brot in den pausen gratis verteilt wird. das alles findet im ersten stock statt, in einer vier mal acht meter großen wohnung. man fährt in einem aufzug mit schiebetür nach oben und landet direkt im veranstaltungsraum. flügel, schlagwerk, trommeln. zur musik, improvisierter musik, werden videos projiziert. alles nicht zur musik gehörige, ihr äußerliche, zufällige ist hörbarer und sagt mehr als die musik selbst: das knarren des klavierhockers, das einfallende licht, wenn der aufzug sich öffnet und neue besucher ausspuckt, die köpfe des publikums, die sich vor den lichtkegel des projektors schieben. alles ist „kontext“. der beste moment: eine pianistin spielt eine repetitive, dichte, notenreiche komposition, eine art stürmischer, romantischer philip glass, und beim spielen verrückt sie den hocker und sortiert sich vor dem abschnitt der klaviatur, dem sie sich in den nächsten minuten zu widmen gedenkt (was weniger an einen musiker als an einen klavierstimmer erinnert). derweil wirft b. waldbilder an die wand. zusätzlich zu dem eindruck, dass es einen „text“ gibt, wird ein piktorales pathos erzeugt, so etwas wie ein experimenteller turner. erleichterung, dass es inmitten von so viel kontextueller veranstaltung einen text gibt. beim gehen denke ich, dass die musik es von allen künsten heute am schwersten hat, konzentration, zugewandte und ungeteilte aufmerksamkeit zu wecken, und dass sie – wie das bild – immer mehr zu einer atmosphärischen qualität wird. anschließend essen wir bei einem mexikaner. ich bestelle papardelle (€ 9). um zwei uhr morgens fahre ich mit dem rad zurück, das mir s. geliehen hat, durchquere in unbeschreiblich euphorischer stimmung die stadt. liebend gern würde ich mich verirren, aber es gelingt mir nicht.
der die sprache nicht spricht, kann nicht anders, als sich über die sprache, die er nicht spricht, gedanken zu machen. zum beispiel irritiert ihn etwas, das er als eine gewisse koketterie registriert. warum muss man im deutschen so lange auf das verb warten?
seit er an der macht ist, verwechselt der bürgermeister von buenos aires regieren mit dem anlegen von verkehrsinseln in hauptverkehrsstraßen. sicher ein hobby, das er aus seiner kindheit herübergerettet hat, aus der zeit, als er mit spielzeugautos und tankstellen seinen spaß hatte, wozu sich heute erschwerend eine kitschverliebte, verquaste, über jeden zweifel erhabene einfalt gesellt. verkehrsinseln von macri erkennt man leicht: sie sind sinnlos, treten gerne gehäuft auf (wie durcheinandergewürfelte stücke pizza) und umzingeln geflissentlich verkehrsampeln (vermutlich um zu verhindern, dass die armen sie stehlen) oder einfach gleich die leere – kleine gehege, zu denen niemand zugang hat oder je haben wird.
als ich die lietzenburger straße entlanggehe, stoße ich auf etwas, das ich „verkehrsinsellektion für mauricio macri“ nenne.

Übersetzung: Christian Hansen



