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    <title>María Sonia Cristoff - Rayuela - {{!de}}Argentinisch-Deutsches Stadtschreiber-Projekt - Reisetagebuch {{--}} {{!es}}Proyecto argentino-alemán de escritores residentes - Documentando la vida diaria{{--}}</title>
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    <pubDate>Wed, 10 Nov 2010 17:10:13 GMT</pubDate>

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        <title>RSS: María Sonia Cristoff - Rayuela - {{!de}}Argentinisch-Deutsches Stadtschreiber-Projekt - Reisetagebuch {{--}} {{!es}}Proyecto argentino-alemán de escritores residentes - Documentando la vida diaria{{--}} - </title>
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    <title>Auf Wiedersehen, Leipzig</title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    Ständig geschieht das, ob wir es im Vorhinein wissen oder nicht: Irgendwann kommt der letzte Tag. Heute heißt es für mich also aufstehen, meine Sachen packen – nicht bloß den kleinen Handkoffer, der mir in meinem provisorischen Alltag unersetzliche Dienste geleistet hat – und mehrere Züge nehmen, die mich, voraussichtlich um vier Uhr nachmittags, in Köln absetzen werden. Zum ersten Mal seit ich in diesem Hotel eine vorläufige Heimat gefunden habe, unterläuft den Leuten von der Rezeption ein Irrtum und sie wecken mich eine Stunde früher als vereinbart. Ich nehme es als eines der vielen guten Vorzeichen, die mir in dieser Stadt schon zugekommen sind, was sich später auch bestätigt: Obwohl ich eine Stunde mehr Zeit gehabt habe, komme ich gerade noch rechtzeitig beim Bahnhof an. Außerdem mit zweiundfünfzig Kilo Gewicht im Schlepptau. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich atme auf: Der Anzeigetafel nach hat mein Zug Verspätung, wieviel Verspätung genau wird allerdings nicht verraten. Ich schleppe mich mit meinem Gepäck zum Informationsschalter, um diesbezüglich Erkundigungen einzuziehen, in Frankfurt habe ich nämlich bloß zwölf Minuten Zeit zum Umsteigen. Als ich endlich an die Reihe komme (an den Schaltern sämtlicher Bahnhöfe in Deutschland musste ich mich anstellen, was mir unangenehm bekannt vorkam), stelle ich fest, dass auch die Frau auf der anderen Seite des Schalters zu den Leuten gehört, die &lt;i&gt;a little bit&lt;/i&gt; Englisch sprechen. Ihre zwei mit blauen Anzügen bekleideten Kolleginnen ebenfalls. Trotzdem versuche ich herauszufinden, was ich wissen möchte. Hartnäckig. Bis ich es mit Tränen in den Augen irgendwann aufgebe. Ich schultere erneut meine zweiundfünfzig Kilo und kehre zum Bahnsteig zurück, entschlossen, den nächsten halbwegs passenden Zug zu besteigen. Dass der, den ich eigentlich hätte nehmen sollen, inzwischen, wenn auch verspätet, nicht nur längst eingetroffen, sondern auch schon wieder weitergefahren ist, scheint mir klar.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:276 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/2_Trenes7.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Und so ist es auch: Der Zug ist weg, und damit auch mein Anschlusszug, beziehungsweise meine Anschlusszüge. Auch wenn mich das ärgert, wundert es mich nicht: Jedes Mal wenn ich von Leipzig aus für einen oder zwei Tage in eine andere Stadt fahren wollte, hatte ich Schwierigkeiten mit den Zügen. Wie aus heiterem Himmel, als hätte eine außer Kontrolle geratene Maschinerie es so verfügt, fuhren sie von einem anderen Bahnsteig ab, oder kamen zu spät, oder es hieß – kaum hatte man sich, mal mehr, mal weniger zufrieden mit der Nische, die man hatte aufstöbern können, um das Gepäck abzustellen, auf seinem reservierten Sitzplatz niedergelassen –, die Passagiere müssten sich in einen anderen Wagon begeben, mit der Folge, dass die betroffenen Passagiere sich wütend beschwerten. Wenn etwas dafür gesorgt hat, den Mythos von der deutschen Pünktlichkeit und Ordnungsliebe in meinen Augen zu zerstören, dann meine Zugreisen. Worüber ich andererseits sehr erleichtert bin, auch wenn es in diesem Fall zur Folge hatte, dass ich auf meiner Abschiedsreise von Leipzig aus immer wieder unter Aufbietung meiner letzten Kräfte zweiundfünfzig Kilo Gewicht eine Rolltreppe hinauf- und hinunterbefördern musste, bis ich schließlich in bedauernswertem Zustand und ohne auch nur eine Minute Zeit zu haben, um mich einzustimmen, an dem Ort eintraf, wo ich zusammen mit mehreren anderen Schriftstellern auf einem Podium Platz nehmen sollte.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:277 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/3_Trenes10.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Als wir Schriftsteller nach der Veranstaltung von unseren Gastgebern mit einer selten köstlichen Suppe bewirtet werden, erzähle ich einem deutschen Journalisten, der neben mir am Tisch sitzt, dass mein erster Zug Verspätung hatte, weil sich jemand davor warf. Ausgerechnet heute musste der sich zum Selbstmord entschließen, füge ich hinzu. Von wegen, das hätte genauso gut gestern passieren können, oder auch morgen, sagt der Journalist. Und erzählt mir von Robert Enke, dem Torwart der deutschen Fußballnationalmannschaft, der bereits für mehrere große Vereine Europas gespielt hatte, aber vor nicht einmal einem Jahr in der Nähe von Hannover sein Auto an einer Bahnstrecke abstellte, seine Brieftasche auf den Beifahrersitz legte, ausstieg und sich vor einen Zug warf. Aus naheliegenden Gründen berichteten alle Zeitungen darüber, anders als in den vielen tausenden ähnlichen Fällen. Angeblich würde eine vergleichbar ausführliche Berichterstattung so manchen zur Nachahmung verleiten, ja schlimmstenfalls eine ganze Selbstmordserie auslösen. Genau dieselbe Theorie hatte ich schon einmal in Las Heras zu hören bekommen, einem Ort in Patagonien, wo sich in den Jahren um den Jahrtausendbeginn sechsundzwanzig Jugendliche in erschreckend gleichmäßigen zeitlichen Abständen das Leben nahmen, im Schnitt etwa alle zwei Monate einer, und fast alle erhängten sich. Überrascht bin ich dennoch. Als ich der Sache damals in dem geisterhaften Ort nachging, um anschließend etwas darüber zu schreiben, hielt ich die Idee für ziemlich abwegig, so als könnte man bloß an einem so weit von allen Diskussionen über Kultur und Gesellschaft entfernten Ort auf derlei Vorstellungen verfallen, die typische Vogel-Strauß-Reaktion eines Dorfes eben, das, bevor es seinen gegenwärtigen Namen erhielt, tatsächlich „Straußenspur“ hieß. Trotz aller der Kultur geschuldeten Unterschiede verbindet uns jedoch offensichtlich die Neigung, Selbstmorde, wenn sie reihenweise auftreten, nicht als Vielzahl von Einzelschicksalen, sondern als Ausdruck einer gesellschaftlichen Erkrankung zu betrachten, der man etwas entgegenhalten muss. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Während meine Schriftstellerkollegen sich gleichzeitig über lauter verschiedene Dinge unterhalten, sage ich mir, dass ich etwas dafür gäbe, nicht in diesem Zug gesessen zu haben. Oder gar nicht aus Leipzig abgereist zu sein. Trost finde ich erst, als ich mich wieder der köstlichen Suppe zuwende und mir „Chili“ in Erinnerung rufe, einen Parson Jack Russell Terrier, der mir im Zug gegenüber saß. Nicht zum ersten Mal verlasse ich bedrückter Stimmung einen Ort, um mich unversehens in Gesellschaft eines Hundes wiederzufinden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich zu beschützen.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:275 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/1_Trenes1.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Mon, 27 Sep 2010 23:42:00 +0200</pubDate>
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    <title>A Little Bit</title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    Zuletzt bin ich dann also doch nicht geflohen, anders als die Schüler, an die im „Zeitgeschichtlichen Forum“ erinnert wird – die machten sich ja eines Tages alle zusammen aus dem Staub und verschwanden gen Westen –, anders auch als B. Traven, der offenbar, nachdem er viele Jahre lang in Deutschland gelebt hatte, im mexikanischen Chiapas im Urwald untertauchte, und anders auch als Wakefield, selbst wenn der, wie Poes entwendeter Brief, sich sozusagen vor aller Augen versteckt hielt. Es gäbe noch viele Beispiele – aber hier bin ich also, immer noch in Leipzig und gerade damit beschäftigt, einen Handkoffer zu kaufen, weil ich erneut in eine andere Stadt reisen muss, um an einer Lesung oder Podiumsdiskussion teilzunehmen. Diesmal will ich alles richtig machen, denn der Koffer, den ich davor kaufte – in einer Art Alles-ein-Euro-Shop – verkraftete offensichtlich den Abschied von Leipzig nicht und ging gleich auf der Hinfahrt zu meiner letzten Veranstaltung, kaputt. &lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:272 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/1_InglesenEste8.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Wer diesmal kurz davor steht, alles hinzuschmeißen, bin ich: Seit mindestens vierzig Minuten liege ich mit einer Verkäuferin im Clinch, die, wie die meisten Bewohner dieser Stadt über fünfzig, nicht ein Wort Englisch spricht. Jemand – wahrscheinlich von einer staatlichen Behörde wie dem Erziehungsministerium oder dem für Kultur oder für Tourismus – muss diesen Leuten nach der Wiedervereinigung beigebracht haben, „&lt;i&gt;a little bit&lt;/i&gt;“ zu antworten, sobald sie gefragt werden, ob sie Englisch sprechen. Leider befolgen sie diese Anweisung, was die Verständigungsschwierigkeiten nur erhöht. Es war schon kompliziert genug, der Dame klar zu machen, dass ich nicht irgendeine Art von kleinem Koffer suche, selbiger sollte vielmehr darüberhinaus der Kategorie „Handgepäck“ entsprechen. Das Ende der Sackgasse und jeglicher Verständigung war jedoch erreicht, als es irgendwann darum ging, mir zu zeigen, wie der Code des Sicherheitsschlosses funktioniert. Auf halbem Wege hat die Frau etwas vergessen oder durcheinandergebracht, und nun stehen wir da, jede auf einer Seite der Verkaufstheke und zwischen uns wie ein Leichnam bei einer gerichtsmedizinischen Untersuchung der kleine Koffer, den die gute Frau zwar zubekommen hat; jetzt weiß sie allerdings nicht mehr, wie er aufgeht. Etwas, was genau weiß ich noch nicht, macht mich dabei zu ihrer Komplizin, vielleicht ist es der Kugelschreiber, den ich ihr geliehen habe, um die Sache entsprechend der – nur auf Deutsch verfassten – Bedienungsanweisung in Gang zu bringen, oder auch die drei Zahlen, die ich ihr mit den Fingern meiner Hand anzeigte, als spielten wir ein Ratespiel, bei dem man sich nur per Pantomime ausdrücken darf, wodurch sich die Zahlenfolge in meinen persönlichen Geheimcode verwandelt hat. Jedenfalls bin ich jetzt gewissermaßen so sehr in die Sache verstrickt, dass ich nicht auf der Stelle kehrtmachen und mit Türenknallen das Geschäft verlassen kann, nicht so ohne Weiteres, meine ich. Deshalb versuche ich es erneut, variiere mit allen mir zur Verfügung stehenden Ausdrucksmöglichkeiten die vielleicht zehn Wörter, die meiner Schätzung nach dem Inhalt des englischen &lt;i&gt;a little bit&lt;/i&gt; entsprechen sollten. Aber alles bleibt vergebens. Suchend lasse ich den Blick durch den großen Verkaufsraum schweifen und frage, aus Verzweiflung auf Spanisch, wie es sein kann, dass niemand in diesem vierstöckigen Gebäude, das bis unter die Decke mit Sachen vollgepackt ist, die man käuflich erwerben kann, Englisch spricht. &lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:273 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;519&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/2_InglsenEste3.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Die Frau ruft drei Kolleginnen herbei, sämtlich Altersgenossinnen und um nichts weniger verschlossen. Sie ziehen und zerren an dem Köfferchen, das schon bald mir gehören soll, als wollten sie an einem früheren Liebhaber Rache nehmen. Ich zögere jedoch, dem Koffer zur Seite zu springen, schließlich weiß ich ja gar nicht, ob er immer noch für mich bestimmt ist – indem ich ihn verteidige, mache ich mich jedenfalls noch mehr zur Komplizin, sage ich mir. Die erste Verkäuferin hat angefangen zu schwitzen, ihr Gesicht ist von einer überall gleichmäßig feuchten Schicht überzogen, als hätte sich in ihrem Inneren eine hochmoderne Sprinkleranlage in Gang gesetzt. Eine ihrer Kolleginnen verschwindet, um bald darauf mit einem Deutsch-Englischen Wörterbuch aus der entsprechenden Abteilung des Geschäftes zurückzukehren. Ich reiße es ihr aus den Händen wie ein Bettler, der, inmitten einer Schar halbverhungerter Schicksalsgenossen stehend, plötzlich einen Brotkrumen entdeckt hat. Aber auch das hilft nicht weiter. Es gelingt mir nicht, aus lauter einzelnen Wörtern einen deutschen Satz zu konstruieren, nicht einmal den allereinfachsten. Vielleicht liegt es auch nur an meiner Aussprache, die offensichtlich unüberbrückbar weit vom richtigen Klang entfernt ist. Da fällt mir ein, dass mein Zug morgen in aller Frühe abfährt, was mich nur noch mutloser macht. Da erscheint eine Kundin, die perfekt Englisch spricht, aber auch das hilft jetzt nicht mehr. Sie schafft es weder, den Koffer aufzubekommen, noch den Code zu knacken. Und ich erst recht nicht – selbst wenn die Bedienungsanweisung in argentinischem Spanisch verfasst wäre, wäre ich außerstande, sie zu verstehen. Da richtet die erste Verkäuferin plötzlich in einer genialen Wendung – das ist wirklich hohe Schauspielkunst – den Blick für einen kurzen Moment auf den Boden, hört ebenso schlagartig zu schwitzen auf, wie sie angefangen hatte, und sieht mich dann mit einem klassischen „Was-kann-ich-für-Sie-tun?“-Gesicht an. Ich stammele etwas in ich weiß selbst nicht mehr welcher Sprache, während das Wörterbuch weiterhin aufgeschlagen auf der Theke liegt. Ich klappe es zu und überlasse mich ihrer Führung, wie wahrscheinlich jeder Schauspielschüler, wenn er zum ersten Mal neben einem wirklich großen Darsteller, neben dem Leinwandidol seiner Kindertage, auf der Bühne steht. Sie spielt ihre Rolle dermaßen überzeugend, dass ich nicht einmal mehr die Kofferleiche auf der Theke zu sehen glaube, zumindest erscheint sie mir nicht mehr als das unverkäuflich-unbrauchbare Objekt, das das Scheitern unserer Begegnung bekundet. Dafür füge ich mich meinerseits in meine Rolle und verlasse schleppenden Schrittes den Ort, als hätte ich mich hier bloß einmal umsehen wollen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Draußen gehe ich mit dem gleichen schleppenden Schritt weiter – im Grunde genommen ist das eine meiner Lieblingsrollen. Dabei fällt mir ein, dass ein Stück von &lt;i&gt;Supertramp&lt;/i&gt;, von dem ich als Teenager, noch vor der Pubertät, begeistert war, &lt;i&gt;A little bit&lt;/i&gt; hieß, oder so ähnlich. Woraufhin ich wieder an langweilige Ferienabende denken muss, an denen ich mich damit beschäftigte, den Text dieses und anderer Stücke aufzuschreiben, so wie sie aus einem leiernden Kassettenrecorder kamen, der mir die Arbeit nicht unbedingt einfacher machte. Wie mir auch das Gespräch mit Annerose Heinich wieder einfällt, einer Englischlehrerin, die mir erzählt hat, mit welchen Tricks sie sich zur Zeit der kommunistischen Herrschaft Platten von den Beatles, Rolling Stones und anderen beschaffte, um sie zu überspielen und anschließend heimlich ihren Schülern vorzuführen. Zu ihrer großen Zufriedenheit war sie nie dabei erwischt worden. Es reichte schon, dass sie damit leben musste, als Aussätzige, Verräterin, ja mutmaßliche Spionin angesehen zu werden. Weil nur wenige sich vom Englischen so sehr angezogen gefühlt hätten, dass sie dafür derartige Verdächtigungen auf sich nahmen, habe vor dem Mauerfall auch kaum jemand in Ostdeutschland Englisch gelernt. Seit 1989 hätten sich die Dinge jedoch grundlegend verändert, Englisch sei inzwischen von der ersten Schulklasse an Pflichtfach. Wieder betrete ich ein Geschäft, wo es, wie man mir gesagt hat, brauchbare Handkoffer geben soll. Bevor ich den Mund öffne, überlege ich jedoch genau, ob die Verkäuferin, der ich mich schließlich nähere, wirklich erst in den neunziger Jahren in die Schule gekommen ist. &lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:274 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/3_InglsenEste.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Mon, 27 Sep 2010 22:37:00 +0200</pubDate>
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    <title>Nach der Ausstellung </title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    Ich steige aus der Tram und gehe noch ein kleines Stück zu Fuß. Dabei drücke ich den Katalog der Fotoausstellung, die ich gerade gesehen habe, an meine Brust, ein wenig, um mich vor der Kälte zu schützen, aber auch, weil ich ihn schon so liebgewonnen habe. Ein Ausstellungsbesuch besteht für mich jedes Mal aus zwei streng voneinander getrennten Abschnitten – das Ganze hat einen durchaus moralischen Anstrich: zuerst das Opfer, dann die Belohnung. Im ersten Teil sehe ich mich jedes Mal gezwungen einen Ort aufzusuchen, der mir einigermaßen snobistisch vorkommt; dort treffe ich für gewöhnlich auf einen Haufen Leute, mit denen ich mich unterhalten muss beziehungsweise mit denen ich Unterhaltungen beginnen muss, die unweigerlich unterbrochen werden, weshalb ich zuletzt ebenso unweigerlich vollkommen erschöpft bin. Im zweiten Teil – falls das Glück mir wohlgesonnen und ein guter Ausstellungskatalog vorhanden ist – mache ich mich so bald wie möglich mit einem Exemplar des Katalogs unterm Arm davon und steuere eine Bar oder ein Café an, um ihn mir in Ruhe anzusehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eben das mache ich in diesem Augenblick im &lt;i&gt;Pilot&lt;/i&gt;, einer Bar, die mittlerweile zu den Orten gehört, mit deren Hilfe ich mir eine scheinbare Alltagsroutine schaffe – die natürlich bloß Übergangscharakter besitzt –, wenn ich eine Zeitlang außerhalb von Buenos Aires verbringe.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:260 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/1_MesaCafePilot2.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Ich komme wieder einmal aus einem dieser riesigen Gebäude – in Leipzig gibt es mehrere von der Sorte –, die lange Jahre Fabriken beherbergt haben, inzwischen jedoch in Räumlichkeiten verwandelt worden sind, in denen alle möglichen Künstler leben, arbeiten und ausstellen. Im vorliegenden Fall handelt es sich um das sogenannte „Tapetenwerk Langhammer“, das 1883 als solches gegründet wurde und zur Zeit des Kommunismus, als es verstaatlicht worden war, den Höhepunkt seines Ruhmes erlebte. 2007 wurde es von einer Architektin erworben, die den Ort seither unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Gesichtspunkte restauriert und damit in diesem Viertel, das einstweilen noch ziemlich am Rande des Geschehens liegt, für die Entstehung eines weiteren kulturellen Anziehungspunktes gesorgt hat. Dass so viele ehemalige Fabriken als Kunstzentren wiederauferstehen ruft allerdings auch eine gewisse Beunruhigung in mir hervor – wo befindet sich eigentlich heute die deutsche Industrie, und woher kommt das Geld, um all diese Kunstwerke zu erwerben? Aus dem deutschen Finanzzentrum Frankfurt? Aus dem traditionell wohlhabenden Hamburg? Oder nirgendwoher, wie die Leute aus dem Umkreis der Leipziger Kunstszene immer wieder sagen? „Hier gibt es kein Geld“, bekomme ich jedenfalls früher oder später bei fast jeder Unterhaltung in dieser Stadt zu hören.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bestelle eine Rhabarbertee und versenke mich in den Katalog von &lt;i&gt;F/STOP&lt;/i&gt;, eines internationalen Fotografie-Festivals, das seit vier Jahren in Leipzig stattfindet und sich – auch wegen der 170-jährigen Fotografie-Tradition, die die Stadt im nächsten Jahr feiern wird – vorgenommen hat, eines Tages eine der der Fotomesse im französischen Arles vergleichbare Bedeutung zu erlangen.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:261 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/2_FotografieFestival1.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass dem internationalen Charakter der Ausstellung explizit oder implizit eine so große Bedeutung zugemessen wird. &lt;i&gt;Im Verborgenen: 5 pm-5 am&lt;/i&gt; lautet das Thema des Festivals in diesem Jahr, das sich vorgenommen hat, zu untersuchen, was im Lauf der Stunden geschieht, während denen die Nacht beginnt, ihren Lauf nimmt und zu Ende geht, welche Wahrnehmungen in dieser Zeit gemacht werden können. Nach einer Weile stelle ich fest, dass bis auf die Fotoserie „Murder weapons“ von Simon Menner – der auf einer Berliner Polizeiwache die verschiedensten todbringenden Gegenstände zusammengesucht hat, um sie, ohne irgendwelche Spuren des Blutes oder der Gewalt oder der Lust, die sie erzeugt haben, vor einem nüchtern-kargen Hintergrund abzulichten, als handelte es sich um Schmuckstücke aus einem Juweliergeschäft –, dass abgesehen hiervon alle Fotos, die mir gefallen, von Frauen stammen. Etwa die von Grit Hachmeister, die Zeichnungen und Texte mit ihren unmöglich zu klassifizierenden Fotos zusammenstellt. Oder die von Nathalie Daoust, einer Kanadierin, die mehrere Monate lang Frauen befragt hat, die in einem der bekanntesten Bordelle Tokios arbeiten, das über eine Reihe von Zimmern für spezielle Kundenwünsche verfügt.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:262 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/3_FotografieFestival13.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Wie im Falle Hachmeisters bilden ihre Fotos eine Serie: Neben solchen, die die Prostituierten selbst in den Mittelunkt stellen, gibt es andere, in 3D, die die Sessel, Betten und sonstigen, nennen wir es Arbeitsvorrichtungen der Frauen zeigen, und des Weiteren das Formular, das die Kunden vor der Behandlung ausfüllen müssen, damit alle Beteiligten wissen, woran sie sind. Oder die von Maya Rochat und Claire Strand, die sehr subtil mit dem „animalischen Element“ arbeiten, das man auch mit der Nacht verbindet. Ich sehe hinaus und stelle fest, dass es dunkel wird. Nichts den hochtönenden Erfahrungen Vergleichbares, die ich in dem Katalog betrachte, erwartet mich heute Nacht. Während ich die Speisekarte studiere, um zu entscheiden, mit welchem Wein ich meine weitere Begutachtung der Fotos begleiten werde, wird mir jedoch klar, dass ich mein Programm um nichts in der Welt eintauschen würde. Und wie frustriert all die Leute sein müssen, die die Ausstellung ohne Katalog verlassen haben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Sat, 25 Sep 2010 22:45:00 +0200</pubDate>
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    <title>Gute Schule</title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    „Schreiben war eigentlich schon immer eine deutsche Krankheit“, sagt Claudius Nießen auf meine Frage, ob seiner Ansicht nach in den letzten Jahren womöglich ein bisschen sehr viel Literatur produziert worden ist. Unsere Unterhaltung findet im „Deutschen Literaturinstitut“ statt, der einzigen Schule für Schriftsteller in Deutschland und zugleich einer der bestangesehenen Europas.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:237 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild1_Literaturinstitut2.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
In den fünfziger Jahren gegründet, wurde diese Schriftstellerschule, laut Claudius Nießen, während der kommunistischen Zeit von zwei entgegen gesetzten Tendenzen beherrscht. Einerseits war sie eine Art Zufluchtsort, an dem man bestimmte persönliche Freiheiten ausleben konnte: Hier bestand die Möglichkeit, die Bücher europäischer Schriftsteller egal welcher Zeit und welcher literarischen oder politischen Richtung zu lesen. Andererseits sollte einem eine Auffassung von Kunst und Literatur eingetrichtert werden, die den ideologischen Vorgaben des Zentralkomitees entsprach. Letzteres war vielleicht der Hauptgrund dafür, dass das zuständige Ministerium Anfang der neunziger Jahre, also nach dem Mauerfall, beschloss, das Institut zu schließen, was jedoch einen überraschend hartnäckigen Widerstand auf Seiten der Studenten, Schriftsteller und einflussreicher Intellektueller hervorrief. Zum Glück gibt es eben doch immer wieder Leute, die sich die Mühe machen, über die Forderungen der jeweils aktuellen Moden hinaus zu denken. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So kam es, dass diese Schule für Schriftsteller weiterbestehen konnte, allerdings unter einem leicht veränderten Namen und nun als Teil der Universität Leipzig: Wer sich wissenschaftlich mit Literatur beschäftigen und das eines Tages vielleicht auch zu seinem Beruf machen will, kann dort, an der Leipziger Universität, Literaturwissenschaft studieren; wer schreiben will, für den gibt es das Literaturinstitut. Das trifft natürlich nicht auf alle angehenden Schriftsteller zu: In Deutschland gibt es, genau wie in Argentinien, auch Autoren, die alles Akademische strikt ablehnen. Ich habe mich schon immer gefragt, was bei dieser Ablehnung den Ausschlag gibt – liegt es an der romantischen Vorstellung, die schriftstellerische Begabung, dieses so hochempfindliche Etwas, könne durch den Kontakt mit der Theorie Schaden nehmen, oder auch am freien Strömen gehindert werden, wenn der dazugehörige Herr Schriftsteller das Whiskyglas einmal stehen lässt und sich von dem überholten Mythos verabschiedet, demzufolge ihm ausschließlich ein Platz am Rand der Gesellschaft zusteht? Oder geht es vor allem um das Ego einer Gruppe ausgewählter Großschriftsteller und Gralshüter der Literatur, die sich in ihrer Rolle als privilegierte Stimme der einzig wahren Literatur bedroht sehen? Vielleicht spielt beides mit hinein, vor allem aber scheint mir hier ein großes Missverständnis vorzuliegen. Eine Schriftstellerschule im guten Sinne funktioniert hauptsächlich als ein Ort des Austauschs und der Diskussion, während die ihr so leicht unterstellte Tendenz, die Literatur zähmen zu wollen, verglichen mit dem Druck, der von gewissen Literaturagenten und gewissen Verlegern ausgeübt wird, zweifellos fast vernachlässigt werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerald Ridder, der von Amsterdam nach Leipzig gezogen ist, um am Deutschen Literaturinstitut studieren zu können, unterstreicht, wie wichtig es für ihn war, seine teilweise jahrelang in der Schublade aufbewahrten Texte anderen zur Beurteilung vorlegen zu können – nicht nur den Lehrern des Institutes, sondern vor allem seinen Mitstudenten und Schriftstellerkollegen. Vielleicht schreibt er deswegen jetzt nicht besser, sagt er, da ist er sich nicht sicher, dafür hat er aber gelernt, besser zu lesen – nicht nur die Texte anderer, sondern auch die eigenen. Was doch schon mal gar nicht schlecht ist, sage ich mir, erst recht in Zeiten wie diesen, in denen so viele Leute wie wild drauflos publizieren, ohne vorher jemals ernsthaft gelesen zu haben, oder wenigstens begleitend zu anderen Büchern zu greifen. Gerald Ridder studiert aber nicht nur am Literaturinstitut, er ist auch einer der Herausgeber der &lt;em&gt;Tippgemeinschaft&lt;/em&gt;, einer seit 2002 jährlich erscheinenden Anthologie, die sich Claudius Nießen ausgedacht hat und unter deren zweideutigem Namen die jeweils besten Texte der Schüler des Literaturinstitutes veröffentlicht werden. Die &lt;em&gt;Tippgemeinschaft &lt;/em&gt;erscheint nur in einer Auflage von 800 Exemplaren, Ridder ist sich jedoch sicher, dass sie in die Hände derjenigen gelangen, für die sie bestimmt sind.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:238 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild2_EditorialesIndependientes1.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Die &lt;i&gt;Tippgemeinschaft&lt;/i&gt; ist nur ein Beispiel für die große Zahl unabhängiger Verlagsprojekte, die in den letzten zehn Jahren in Deutschland entstanden sind. Manchmal stecken – wie in Argentinien – hinter einem solchen Projekt nicht mehr als ein Computer und zwei Freunde, die mit einigen Titeln angefangen haben, um eines Tages festzustellen, dass die Jahre vergangen sind und sie einen Katalog vorzuweisen haben, dem es gelungen ist, den ursprünglichen literarischen Zielen ihrer Unternehmung die Treue zu halten, ohne sich deshalb dem Markt gegenüber taub und blind zu stellen. Die meisten dieser Projekte sind in Berlin angesiedelt oder ziehen irgendwann dorthin um; das gilt jedoch nicht für die beiden Verleger, mit denen ich mich anschließend unterhalte, André Hille und Sebastian Wolter, die ganz bewusst in Leipzig arbeiten, das bis in die vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die unbestrittene Verlagshauptstadt Deutschlands war. Beide sprechen auch davon, was man unternehmen kann, um Verlage wie die ihrigen, die nicht von selbst genügend Einkünfte erwirtschaften, am Leben zu erhalten. Die Dinge, die sie nennen – Lesungen, Schreibunterricht, Arbeiten für andere Medien –, können diese Einkünfte, wie mir scheint, aber nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen. Offensichtlich, sage ich mir, ist es heutzutage jedenfalls hilfreich, wenn man sich nicht allzu eindeutig festlegt. Der von Sebastian Wolter zusammen mit einem Partner, der von Dresden aus arbeitet, geleitete Verlag Voland &amp;amp; Quist hat bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse den begehrten Kurt Wolff Preis verliehen bekommen. Als Antwort auf die Frage, woher auf einmal so viele unabhängige Verlage kommen, zitiert Gunther Nickel, Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, Kurt Wolff selbst, der 1908, zunächst noch für den Rowohlt Verlag, in Leipzig die ersten Bücher herausbrachte und später, in seinem eigenen Verlag, als Erster Kafka veröffentlichte: „Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie zählen für uns nicht – nicht wahr?“ Verleger dieser zweiten Kategorie sind verantwortlich für die Unmengen von Möchtegernbestsellern, mit denen wir von allen Seiten zugeschüttet werden; die Ideen zu solchen Büchern entnehmen diese Leute der Tageszeitung, die sie sich beim Frühstück zu Gemüte führen. Die Verleger der ersten Kategorie stellen dagegen auch eine Art Erzieher dar – wie man sieht, ist durchaus nicht alles schlecht, was mit Schule zu tun hat.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:239 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild3_EditorialesIndependientes5.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Mon, 20 Sep 2010 23:09:00 +0200</pubDate>
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    <title>Rund um den Tisch </title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    Sobald ich ein Museum betrete, werde ich unaufmerksam, oder ich bin schon nach kurzer Zeit in Gedanken an einem ganz anderen Ort. Wenn ich nicht von vornherein draußen bleibe und den Leuten zusehe, die an mir vorbeigehen – das Leben auf der Straße übt auf mich die gleiche hypnotische Anziehungskraft aus wie ein Feuer, das ich ganz aus der Nähe betrachte –, bis schließlich mein jeweiliger Begleiter wieder heraus kommt, der überglücklich ist, das fragliche Museum besuchen zu können. In diesem Fall jedoch – es geht um das „Zeitgeschichtliche Forum“ – bin ich wirklich interessiert. Zum Einen, weil dieses Museum gewissermaßen als Erweiterung eines Archivs konzipiert wurde – eines Archivs mit Material, das mit allem zu tun hat, was in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg in dieser Gegend geschehen ist, also mit der sowjetischen Besatzung, der Entstehung der DDR und der Herausbildung von deren Unterdrückungsapparat, den Widerstandsbewegungen dagegen und schließlich dem Prozess der deutschen Wiedervereinigung –, und Archive ziehen mich, aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, mindestens so sehr in ihren Bann wie das Leben, das sich auf der Straße abspielt. Außerdem interessiert es mich, weil beide, Archiv wie Museum, auf Initiative von Uwe Schwabe gegründet worden sind. Dieser gehörte zu den wichtigsten Vertretern des Widerstands gegen den stalinistisch geprägten Kommunismus der DDR und er reist heute ständig durch die Länder des Ostens, um eine Antwort auf die Frage zu finden, die ihn schon seit langem beschäftigt: Wie schafft man es, ein diktatorisches Regime hinter sich zu lassen, ohne sich dafür die bunten Glasperlen des westlichen Neoliberalismus aufschwatzen zu lassen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Museum bewege ich mich inmitten von an die Wände projizierten Dokumentarfilmen, Uniformen, Fotos von Opfern, usw., kurz: inmitten von 3500 Ausstellungsstücken, und eines davon weckt zu meiner Überraschung unwiderstehlich meine Neugier: ein riesiger Tisch, in makellosem Zustand, drum herum sorgfältig aufgereiht eine größere Anzahl Stühle.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:177 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;519&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild1_ZeitgeschichtlichesForum_zuBlog4.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Ich drehe mich um, ich habe das Gefühl, jemand kommt von hinten auf mich zu, aber da ist niemand, in diesem Teil des Museums bin ich ganz allein. Der Tisch steht auf einer Art Podest, was den – so zutreffenden wie willkürlichen – Eindruck hervorruft, er könne jederzeit umstürzen und einen unter sich begraben, wie das Klavier, das ein Prominenter in einem Werbespot für Kaffee – ich glaube, es ging um Kaffee –, den ich neulich gesehen habe, auf dem Kopf balanciert. Ich gehe an das eine Ende des Tisches, wo sich die dazugehörigen Erklärungstafeln befinden. Dort steht zu lesen, dass man sich am 8. August 1950 anlässlich des ersten Geburtstages der DDR um diesen Tisch versammelte und dabei, laut Protokoll des Treffens, unter anderem über die Chinareise des Genossen Erich Honecker, Einladungen seitens der Regierungen von Rumänien und Bulgarien und über Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Bergleute diskutierte. Meine Neugier, meine Unruhe rührt aber nicht daher – reden wir uns nichts ein, so weltumspannend ist das historische Einfühlungsvermögen nicht, und es ist auch keineswegs so, dass eine solche Begegnung mit den düstersten Bereichen des Kommunismus automatisch zur Schwarzweißmalerei verführt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie das, was der Anblick des Tisches in mir wachruft, ohnehin nichts Spontanes, Automatisches hat, vielmehr rührt es an eine dicke Schicht einander überlagernder und nachhaltig wirksamer Bilder. Es ist immer noch niemand außer mir im Raum, also nutze ich die Gelegenheit und projiziere an eine der Wände meine eigenen Erinnerungen. Die Bilderfolge, die mein inneres Auge ablaufen lässt, ruft eine tiefe Müdigkeit hervor: Da ist der – um nichts kleinere – Tisch, um den sich die Direktoren des Unternehmens versammelten, wo ich die anstrengendste Tätigkeit meines bisherigen Lebens ausübte. Die Protokolle, die in diesem Fall ich anzufertigen hatte. Die Mischung aus Demütigung, Langeweile und Neugier, die das Anfertigen dieser Protokolle in mir hervorrief. Der Tisch also als Instrument, das anzeigt, wie die Macht verteilt ist: Das Ende des vor mir befindlichen Tisches, an dem die schwarzen Telefone und eine kleine Bronzestatue stehen, die die Arbeit als heiligen Wert feiert – in der Beziehung gibt es zwischen Ost und West keinerlei Unterschied –, muss demzufolge der Bereich gewesen sein, wo sich an jenem achten August die Parteiführer Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht niedergelassen hatten. An jenem anderen Tisch, damals bei meiner früheren Arbeit, war jedoch um nichts weniger klar zu erkennen, welchem Ende die größte Machtansammlung zugeordnet war. Da fällt mir Ryszard Kapuściński ein, der Möbel im Allgemeinen, ganz besonders aber Tische nicht leiden konnte, und ich frage mich, ob diese Aversion etwas mit einer nomadischen Lebensweise zu tun haben könnte, oder zumindest mit einer wenig ortsgebundenen. Dann erinnere ich mich an die Familientische während meiner Kindheit, wo keine Gespräche, sondern Verhöre stattfanden. Darüber legt sich eine Stelle aus dem grandiosen Gedicht „Der Tisch“ von Carlos Drummond de Andrade, die mir jedes Mal die Widersinnigkeit vor Augen hält, dass ich mich nach einem Familienleben sehne, das ich nie gehabt habe. Welcher Gedanke sogleich von dem an die zahllosen Tische abgelöst wird, die mich in unmittelbarer Zukunft erwarten: all die Tische, an denen ich während meines Deutschlandaufenthaltes noch werde vorlesen und debattieren müssen. Plötzlich fühle ich ein Stechen in der rechten Gesichtshälfte, das mir ins Gedächtnis ruft, dass dort ein nervöser Herpes schlummert, den derartige Tische regelmäßig zum Ausbruch bringen. Im Geiste mache ich mir eine Notiz: „Aciclovir kaufen“, frage mich, wie ich habe vergessen können, eine Tube davon auf die Reise mitzunehmen beziehungsweise, wie Aciclovir wohl auf Deutsch heißen mag.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:178 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;311&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild2_zuBlog4_Post4AciclovirzuBlog4byLauraIsola.jpg&quot; title=&quot;© Laura Isola&quot; alt=&quot;© Laura Isola&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Ohne mich von der Stelle zu rühren, lasse ich den Blick daraufhin zu einem anderen Tisch im Raum wandern, einem Schultisch. So leer wie jetzt präsentierte dieser Tisch sich auch an einem Dezembermorgen des Jahres 1956, nachdem die Schüler einer Klasse, auf die monatelang Druck ausgeübt worden war, weil sie abweichende Meinungen äußerten, beschlossen hatten, dass der Zeitpunkt gekommen sei, sich mit unbekanntem Ziel aus dem Staub zu machen – eine verlockende Idee.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:179 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild3_ZeitgeschichtlichesForum6_zuBlog4.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Thu, 16 Sep 2010 19:11:00 +0200</pubDate>
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    <title>Zwenkau, 15. September – Die Stadt, die kommt</title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    Weiter geht meine Suche nach den Orten oder Phänomenen, an denen sich die Veränderungen, die Reibungen, die der Fall der Mauer mit sich gebracht hat, am besten ablesen lassen – hier, rund um Leipzig, die wichtigste Stadt in dem Gebiet, das früher der Osten war oder immer noch ist. Aus diesem Grund bin ich heute in Zwenkau, einem Ort etwa fünfzehn Kilometer von Leipzig, wo bis vor kurzem auf einem riesigen Gelände im Tagebau Braunkohle gefördert wurde. Eigentlich müsste ich sagen „sind wir heute in Zwenkau“, denn Kristin Wolter begleitet mich. Offiziell ist sie vom Leipziger Literaturhaus damit beauftragt, mir während meines einmonatigen Aufenthaltes worin auch immer behilflich zu sein, ich weiß aber, dass in Wirklichkeit das Schicksal gewollt hat, dass sie mir als wohltätiges Wesen zur Seite steht, hätte ich ohne sie – das kann ich nach mehr als einer Woche hier versichern – von Leipzig doch nichts anderes mitbekommen als Architektur und Kammermusik, und nur dafür unternehme ich sonst keine Reisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kleinen Straßen von Zwenkau, mit ihren Häusern, die erkennen lassen, wie das Leben sein muss, das sich zwischen ihren Wänden abspielt, sind menschenleer, als hielten die Leute bereits Mittagsschlaf, obwohl noch nicht einmal Mittag ist.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:154 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;519&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Swenkau1.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Meiner Lektüre einer Website habe ich entnommen – oder glaube ich, entnommen zu haben: Man weiß ja, wie weit man kommt, wenn man den Button „Automatische Übersetzung“ anklickt –, dass zwischen 1950 und 1990, also während der Zeit des Kommunismus, 40 Prozent der Einwohner den Ort verlassen haben. Trotzdem müssen irgendwo die 9000 Personen sein, die, wie ich ebenfalls gelesen habe, heute noch in Zwenkau wohnen. Nach zweistündigem Umherstreifen durch den Ort stelle ich fest: Sie sind in den Parks, Cafés, Bäckereien und Kindertagesstätten, und keine von ihnen scheint älter als neun Jahre zu sein.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:155 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Swenkau2.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Ich sehe durchs Fenster einer dieser Tagesstätten, um herauszufinden, ob die Stimmen tatsächlich von Kindern stammen – nicht, dass es sich hier um eine Inszenierung der Stadtverwaltung handelt, einen Spezialeffekt, der einen die schlimmen Zeiten der Kohleförderung vergessen lassen und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft wecken soll. Es sind aber tatsächlich Kinder vorhanden. In riesigen Mengen. Da kommt mir plötzlich der Gedanke, es könnte jemand angesichts der Tatsache, dass dieser Ort, der bereits im Mittelalter existierte, dabei war sich zu entvölkern – sechs umliegende Dörfer hatte man, um die unter Häusern und Höfen lagernde Kohle abzubauen, zudem bereits buchstäblich von der Landkarte getilgt –, es könnte also seinerzeit angesichts all dessen irgendjemand befruchtete Eizellen in Spezialbehältern im Erdboden deponiert haben, die so programmiert waren, dass sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufspringen und das Städtchen mit Kindern überschwemmen sollten – ich weiß selbst nicht, weshalb ich an diesem Ort hinter allem und jedem irgendwelche Manipulationen wittere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine alte zahnlose Frau mit schwarzen Strümpfen, die an ihren von dicken Venen umgebenen Knien enden, führt einen Cockerspaniel mit hängendem Unterkiefer spazieren. Eine andere steht mit aufgestützten Ellbogen am Gartentor und sieht uns beim Vorbeigehen zu wie einst die Nachbarinnen meiner Großmutter in einem kleinen Dorf im Süden der Provinz Buenos Aires. Dabei drehen sich nur langsam die Augen in ihren Höhlen, von der einen Seite zur anderen, der Rest des Gesichts bleibt unbeweglich, wie bei einer dieser Figuren vom Christus-der-alles-sieht, die zu anderer Zeit so beliebt waren. Eine dritte Frau begleitet einen Mann in Hochwasserhosen, der ein leeres Wägelchen hinter sich herzieht und einen irgendwie hilflosen Eindruck macht. Sie waren das also, sage ich mir, die Frauen - wie in einem Roman von Ira Levin haben sie gemeinsam ausgeheckt, was aus diesem Ort künftig werden soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stimmt aber nicht, das war jemand anderes: Am 30. September 1999 verließ die letzte Fuhre Kohle das Abbaugebiet; seither arbeitet man auf gemeinsame Initiative der deutschen Regierung und privater Investoren an der Neugründung der Stadt in Gestalt eines Touristenortes mit eigenem See.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:156 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;519&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Swenkau3.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
2007 begann man mithilfe eines ausgetüftelten Systems die ehemaligen Fördergruben in das Bett eines Sees – des künftigen Zwenkauer Sees – zu verwandeln, der sich in drei Jahren, wenn alles fertig ist, über eine Fläche von rund zehn Quadratkilometern erstrecken soll. Hier sollen die Leute dann ihre Wochenenden mit Baden und diversen Arten von Wassersport verbringen. Aber nicht nur das: In einem hochmodern gestylten Häuschen gegenüber dem Eingang eines kürzlich eröffneten Museums – welches zugunsten einer halb technizistischen, halb autistischen Erzählung die ungeheuren Möglichkeiten verschenkt, die in diesem Thema stecken: eine Bergbautätigkeit, die sich über fast achtzig Jahre erstreckte und zudem die Zeit sowohl der NS-Herrschaft wie auch des Kommunismus umfasste –, in diesem Informationskiosk also fordert man die Besucher schon jetzt dazu auf, Seegrundstücke zu erwerben, um später Eigenheime darauf zu errichten. Zu sehen sind dort auch virtuelle Bilder der verschiedenen Haustypen, die dereinst dort stehen sollen, samt privater Anlegestelle, wo man in der Sonne sitzen kann, und Kindern, die mit ihren Rädern an den dann wieder aufgeforsteten Wäldern entlang fahren. In Anlehnung an das Motto des Leipziger Kunstgeländes „Spinnerei“, wo ich vor ein paar Tagen war – &lt;i&gt;From Cotton to Culture&lt;/i&gt; –, könnte dieses Projekt sich ohne weiteres mit dem Spruch &lt;i&gt;From Coal to Leisure&lt;/i&gt; präsentieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorgesehen ist in jedem Fall, dass die Leute in diesen Häusern nicht nur die Wochenenden verbringen, sondern irgendwann ihren Wohnsitz ganz hierher verlegen, dass sie also in Leipzig arbeiten und nach der Arbeit mit ihren schnellen Autos in ihre Häuser am See zurückkehren, oder auch, wenn in drei Jahren der entsprechende Verbindungskanal fertiggestellt ist, mit einem flotten Motorboot. Vor mir sehe ich schon die typischen Jungfamilien aus einer Gated Community, von denen man, wenn sie ganz aus der Nähe fotografiert worden sind, kaum sagen kann, ob die Aufnahme in einem Vorort von Miami, Leipzig oder Buenos Aires entstanden ist. Mir ist klar, dass die Ausbeutung – von Mensch und Erdboden –, die einst genau hier, wo ich jetzt stehe, stattgefunden hat, schrecklich gewesen sein muss, und ich kann auch nachvollziehen, wie gut dieses Projekt für die Erhaltung der Artenvielfalt ist – trotzdem läuft es mir bei der Vorstellung kalt den Rücken hinunter, eines Tages könnte ich wieder einmal nach Leipzig kommen und bei einem neuerlichen Ausflug nach Zwenkau plötzlich das Gefühl haben, ich sei in der Privatstadt &lt;i&gt;Nordelta&lt;/i&gt; bei Buenos Aires gelandet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Wed, 15 Sep 2010 22:54:00 +0200</pubDate>
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    <title>Mutationen einer Fabrik </title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    Dicke Paare auf Fahrrädern kommen vorbei, ganze Familien auf Rädern, oder Leute, die so schnell gehen, dass ich nur einen verwischten Eindruck von ihnen habe - oder wenigstens hinterher auf dem Foto hätte. Nein, das hilft mir nicht weiter. Gleich betrete ich einen coolen Ort, da soll das Foto nicht weniger cool sein. Es dauert nicht lange, und ein schlankes Mädchen in einem schwarzen Kleid kommt vorbei und lässt sich auf meine Bitte ein, ihr Fahrrad neben sich her schiebend an mir vorbei zu gehen, damit ich die menschliche Figur und die Geschwindigkeit habe, die ich für mein Foto brauche. So, jetzt kann ich endlich hineingehen, in die „Spinnerei“, eine ehemalige Baumwollspinnerei, im 19. Jahrhundert die größte Europas und heute, nach jahrzehntelangem Leerstand, ein Ort, an dem sich Kunstgalerien, Filmproduktionen, Wohnungen, Architekturbüros, Musiker, Bildhauer, Maler und Designer niedergelassen haben. Heute ist allerdings nicht irgendein Tag: Ich habe das Glück, dass während meines Leipzigaufenthaltes der „Große Herbstrundgang der Spinnerei-Galerien“ stattfindet, eine vergleichbare Gelegenheit, alle vor Ort vertretenen Galerien an ein und demselben Tag aufsuchen zu können, gibt es nur zweimal pro Jahr. Diese Galerien – sogar eine mexikanische ist darunter – haben den Ort zu einem der unbestrittenen Zentren der gegenwärtigen Produktion auf dem Gebiet der visuellen Künste gemacht.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:120 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/MSC_Spinnerei1_zuBlog2.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Glück habe ich auch, weil es heute nicht regnet. Im Gegenteil, bei strahlendem Sonnenschein schlendere ich über das gigantische Areal, von einer Ausstellung zur nächsten. Im ehemaligen Dampfturbinenhaus der einstigen Fabrikstadt ist heute eine bekannte Galerie, im ehemaligen Betriebskindergarten noch eine, und immer so weiter. &lt;i&gt;From Cotton to Culture&lt;/i&gt; lautet das Motto der „Spinnerei“, ein Kulturbegriff, der für meinen Geschmack ein wenig zu kurz greift. Ob das eine Reaktion auf Jahrzehnte kommunistischer Ästhetik ist, frage ich mich, die imstande war, die Gestalt des Arbeiters und der körperlichen Arbeit auf selbst für Helden der Arbeit schwer erträgliche Weise zu überhöhen? Will man sich heute davon lossagen, indem man die Behauptung aufstellt, Kultur sei bloß die Kunst, die in Galerien zu sehen ist? Wie auch immer, jedenfalls präsentiert sich auf diese Weise eine Institution, die aus einer Handvoll Künstlern hervorgegangen ist, die sich seit Anfang der neunziger Jahre – also gleich nach der Wiedervereinigung – zunächst noch ohne festen Plan, nach und nach in diesen Räumlichkeiten niederließen, und die inzwischen von einer Investmentgesellschaft und einer Geschäftsführung getragen wird, die viele der Initiativen, die hier stattfinden, plant und unterstützt. In zahlreichen der ausgestellten Kunstwerke wehren sich deren Schöpfer allerdings gegen die Vorstellung von einer autonomen Kunst, die im geschützten Bezirk ihrer Institutionen und nach nur für sie geltenden Regeln abgehoben ein Eigenleben führt. Der bekannteste/auffälligste/medienwirksamste/provokativste dieser Künstler ist Jonathan Meese, ein aus irgendeinem Grund in Tokio geborener vierzig Jahre alter Deutscher, der heute in Galerien aller wichtigen Städte der Welt ausstellt. Vor kurzem präsentierte er in der Londoner Tate Gallery eine Performance, die offenbar für einigen Skandal gesorgt hat; warum, ist nicht so recht zu erkennen. Meese trägt häufig eine Art Cowboy-Hut, auf dem in großen Buchstaben ADOLF steht, macht den Hitler-Gruß, trägt Sportkleidung ausschließlich einer Marke und vollführt darüber hinaus noch eine ganze Reihe von Dingen, die mir unglaublich langweilig und effekthascherisch vorkommen. Andererseits finde ich ihn aber auch anziehend und interessant: Er definiert sich selbst als „Kulturexorzist“ und Aktivisten gegen die „Diktatur der Kunst“, der dafür sorgt, dass die Macht sich nicht mehr in der Hand der Künstler oder der Museen, sondern in der der Kunst selbst, als autonomem Wesen, befindet. Die dennoch unter seinem Namen – in diesem Fall neben dem von Herbert Volkmann - präsentierten Werke, die in HALLE 14, also der für nicht kommerzielle Zwecke reservierten Ausstellungshalle zu sehen sind, finde ich aber schon weniger interessant, so geht es mir allerdings mit den meisten Konzept-Künstlern. Der Hund mit dem gestreiften Fell, der zu einer Frau gehört, die sich intensiv mit einem dieser Werke, dem &lt;i&gt;Night of the Pawn-Manifest&lt;/i&gt;, beschäftigt, scheint meiner Meinung zu sein: Er sieht einfach woanders hin, als sage er sich, mit Manifesten hat die Avantgarde uns inzwischen mehr als reichlich versorgt.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:121 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;519&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/MSC_Spinnerei2_zuBlog2.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Die Leute bringen ihre Hunde, Kinder und Fahrräder in die Ausstellung mit. Wer, so wie ich, nicht selbstständig auf zwei Rädern hierher kommt, sondern für die Strecke von Leipzig Hauptbahnhof bis Plagwitz den Zug nehmen muss, bezahlt für einen mitgeführten Hund denselben Preis wie für ein Kind – so las ich es zumindest, als ich meine Fahrkarte kaufte. Da frage ich mich doch, warum man eigentlich in Buenos Aires mit einem Hund nicht einmal eine Eisenwarenhandlung betreten darf? Welcher Vorstellung von Hygiene oder Zivilisiertheit will man dort damit wohl genügen? Aber ich will gar nicht erst damit anfangen, Vergleiche anzustellen, eine Verlockung, die besteht, seit sich zum ersten Mal jemand auf eine Reise gemacht hat, um später mit irgendwelchen Aufzeichnungen von dort zurück zu kehren (oder sie direkt von unterwegs zu übermitteln, so wie ich auf dieser Reise beziehungsweise so wie jeder Korrespondent heutzutage). Als ich am späten Nachmittag jedoch auf einem Plastikstuhl sitze und eine Thüringer Rostbratwurst verzehre, hat der Grillgeruch auf mich die Wirkung einer Proustschen Madeleine, und bei jedem Bissen muss ich unweigerlich an eine der &lt;i&gt;Company Towns&lt;/i&gt; denken, die einst während des Ölbooms in Patagonien hochgezogen wurden, von denen aber heute, nach Abwicklung der staatlichen argentinischen Ölgesellschaft YPF und den darauf folgenden wilden Privatisierungen, so gut wie nichts mehr übrig ist. Die gleiche Art bunt zusammengewürfelter Gebäude, mit der gleichen Art von Spuren früheren Wohlstands. Nur dass dort kein neuer Wohlstand an die Stelle des alten getreten ist und die Hunde, die sich auf der Straße aneinander drängen, um sich gegenseitig vor dem Wind zu schützen, für gewöhnlich darauf verzichten, sich über den Zustand der Gegenwartskunst zu äußern.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:122 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/MSC_Spinnerei3_zuBlog2.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
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    <pubDate>Sun, 12 Sep 2010 22:53:00 +0200</pubDate>
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    <title>Aus dem Hotel – Leipzig, 7.-9. September</title>
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    <author>nospam@example.com (María Sonia Cristoff)</author>
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    Wir holen Sie am Flughafen ab und bringen Sie zum Hotel, habe ich immer wieder zu mir gesagt, wie ein Mantra, während der endlosen Flugstunden von Buenos Aires nach Leipzig, eingesperrt in der Mitte der Sitzreihe und gequält von dem Gedanken an all das, was ich unerledigt zu Hause zurückgelassen hatte. Wir holen Sie am Flughafen ab und bringen Sie zum Hotel, während mein linker Sitznachbar sich immer wieder wie wild an irgendeiner – nie derselben – Stelle seines Körpers zu kratzen begann, während ich mich verstohlen an den Armstützen vorbei quetschte, um meine Zelle zu verlassen, ohne deswegen meinen anderen Sitznachbarn ansprechen zu müssen, einen Italiener, dessen Redefreude nicht zu meinem Bedürfnis nach Schweigen passte, wir holen Sie am Flughafen ab und bringen Sie zum Hotel, während ich auf Nudeln herumkaute, die so wenig al dente waren, dass man sie mühelos auch ohne Zähne hätte essen können, während ich gegen die Übelkeit ankämpfte, die jedes Mal in mir aufstieg, sobald der Germane auf dem Sitz hinter mir, dessen Körper offensichtlich daran gewöhnt war, regelmäßig Freistil zu ringen, nicht jedoch, anschließend freiwillig unter die Dusche zu gehen, auch nur die geringste Bewegung machte. Was mich so beruhigte, war allerdings nicht der Satz insgesamt, sondern ein ganz bestimmtes Wort, das darin vorkam, „Hotel“, auch wenn mir klar war, dass das nicht sein konnte, bestimmt war das nur einer dieser typischen Fehler, die man begeht, wenn man eine Fremdsprache spricht, manchmal verwechselt man ganz einfach zwei Wörter. In der E-Mail, die die Frau mir geschickt hatte, stand „Hotel“, da war ich mir sicher, aber offensichtlich im Sinne von „Unterkunft“, denn bei dem Ort, an dem ich vier Wochen lang in Leipzig untergebracht wäre, handelte es sich bestimmt um ein Wohnheim, das seinerseits Teil einer staatlichen Kultureinrichtung war, und dessen äußere Erscheinung würde mir unaufhörlich die vier Jahrzehnte ins Gedächtnis rufen, die die Stadt sich im Einflussbereich der Sowjetunion befunden hatte. Es handelte sich um eine Verwechslung, ganz bestimmt, für den Moment erfüllte sie jedoch ihren Zweck und half mir den Flug zu überstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch sitze ich jetzt hier und schreibe, von einem Hotel aus – genauer gesagt, einem Hotelzimmer mit drei Fenstern, die auf einen Park gehen, und einem Schreibtisch, auf dem nicht nur Platz für meinen Laptop und diverse Gegenstände ist, die ich in meiner Nähe haben muss, wenn ich schreiben will – obgleich ihr tatsächlicher Nutzen sich nur schwer benennen lässt –, sondern auch für die groteske Menge von Büchern, die ich aus Buenos Aires mitgenommen habe.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:102 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_left&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/MSC_DesdeHotel1_zu-Blog1.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:103 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_left&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;519&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/MSC_DesdeHotel2_zu-Blog-1.jpg&quot; title=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; alt=&quot;© María Sonia Cristoff&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Als ich am ersten Morgen nach meiner Ankunft mit einem elektrischen Wasserkocher vom Supermarkt zurück kam, fühlte ich mich hier bereits endgültig zu Hause. Soll heißen: Ich hatte das idealisierte Gefühl, zu Hause zu sein, wie es einem ein Hotel, so unpersönlich es sich auch präsentieren mag, nun einmal vermittelt, ein Hotel mit allem, was dazugehört, nicht bloß das Zimmer, in dem man sich solch mehr oder weniger romantischen Vorstellungen hingibt. Wenn ich während dieser ersten Tage morgens zum Frühstücken hinunter gehe, liegen das Obst und das Brot schon fertig geschnitten bereit, sorgfältig, ja liebevoll, wie mir scheinen will. Anschließend kehre ich in mein Zimmer zurück und lese oder schreibe all die Bücher und Texte, die ich während der letzten Monate in Buenos Aires so gerne gelesen oder geschrieben hätte, was aber im Strudel all der Verpflichtungen völlig unterging, die sich, wie noch nie, meiner sonst nahezu unfehlbaren Fähigkeit widersetzten, die Dinge zu erledigen, indem ich sie auf die lange Bank schiebe. Gegen drei oder vier Uhr am Nachmittag drehe ich dann die eine oder andere Runde, aber ohne mich allzu weit vom Hotel zu entfernen – vorrangig geht es darum, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich bin noch nicht soweit, dass ich mich hingebungsvoll in den Stadtplan oder das Straßenbahnnetz vertiefen könnte. Ich treibe mich eigentlich bloß ein wenig herum, allerdings stets im Bewusstsein, dass ich das mir inzwischen vertraut erscheinende Gebiet, dessen Grenzen durch das in seinem Zentrum befindliche Hotel bestimmt werden, dabei nicht verlasse. Doch auch so bin ich bei meinen Streifzügen bereits auf ein Museum, eine Kirche und zwei Lokale gestoßen, die auf der Liste der unbedingt besuchenswerten Örtlichkeiten stehen, die während der letzten Monate fast ohne mein Zutun entstanden ist. Ich lasse sie aber vorläufig links liegen, dafür ist später noch Zeit genug, sage ich mir, jetzt werde ich erst einmal zu Hause erwartet, wohin ich am frühen Abend zurückkehre, ganz wie ein guter Familienvater von einst.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ausgerechnet dann tut sich jedoch aus irgendeinem Grund jedes Mal eine schier endlose Reihe von Fragen auf, die mit der Organisation meines Alltags hier zu tun haben und die, soweit ich sehe, nur von den Leuten an der Rezeption gelöst werden können. Ich habe schon wegen aller möglichen Dinge dort angerufen oder bin direkt hinunter gegangen, um mich zu erkundigen – etwa, weshalb der Anrufbeantworter meines Zimmertelefons nur Deutsch spricht, oder wo ich Kopfhörer kaufen kann, um mein Skype-Programm zu benutzen, wie ich an eine Schere oder sonst etwas Scharfkantiges gelangen kann, um meine neuen Skype-Kopfhörer aus ihrer Verpackung zu befreien, die zwar aussieht, als wäre sie aus Plastik, in Wirklichkeit scheint es sich jedoch um Metall zu handeln, oder wo dieselbe Schere oder meinetwegen auch eine andere ist, um das Preisschild von dem Regenschirm zu entfernen, den ich mir heute Nachmittag bei einem meiner ziellosen Streifzüge kaufen musste, weil es zu regnen anfing, wieso hier alle Filme im Fernsehen synchronisiert sind, was man dagegen unternehmen kann, was man tun kann, um sich damit abzufinden, dass man nichts dagegen unternehmen kann, wo man Telefonkarten bekommt, da sonst mein gesamter Tagessatz nur für Anrufe vom Hotelzimmer aus draufgeht, wie man den Mädchen, die für das Frühstück zuständig sind, verständlich machen kann, dass ich aus einem mir selbst unbekannten Grund nicht auf der Gästeliste stehe, aber trotzdem wie alle anderen auch Anspruch aufs Frühstück habe, weshalb einem bei einem deutschen Frühstück zusätzlich alles, was zu einem Mittag- und Abendessen gehört, aufgetischt wird, nachmittäglicher Kaffee und Kuchen eingeschlossen, wer mir den Unterschied zwischen einem Hüftsteak und einem Straußensteak erklären kann, bevor ich den Room Service anrufe, wie die anderen Hotelgäste es ihrer Meinung nach finden, dass ich das im Untergeschoss gelegene Schwimmbecken mit Hydromassage-Einrichtung nur mit Badeanzug benutze, da ich zwar verstehe, dass den anderen unbekleidetes Beisammensein noch aus der Zeit des Kommunismus vertraut ist, bei mir jedoch das Praktizieren von Freikörperkultur im Rahmen eines Schwimmbeckens von doch recht begrenzten Ausmaßen eher Unwohlsein bewirkt als die Entspannung, die ich bräuchte, um endlich den Jetlag und die Folgen übermäßigen Arbeitens in Buenos Aires abzustreifen. Bereits nach wenigen Tagen stelle ich jedenfalls fest, dass die Leute von der Rezeption, sobald ich mich der Empfangstheke nähere, sich plötzlich inmitten komplizierter Rechenvorgänge befinden, die keinesfalls unterbrochen werden dürfen, oder unverzüglich Anrufe entgegennehmen, die nicht eine Sekunde warten können, oder plötzlich auf der Suche nach einem Bleistift, der soeben zu Boden gefallen und wer weiß wohin gerollt ist, unter der Theke verschwinden. Schade. Dabei wünschte ich mir im Grunde doch, es ginge mir wie V. S. Naipaul auf seiner ersten Indienreise (&lt;i&gt;An Area of Darkness&lt;/i&gt;): Die Angestellten seines Hotels erkennen in ihm sogleich einen engen Verbündeten und nehmen ihn, statt ihn wie einen Gast zu behandeln, umgehend in ihren Stamm auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends sehe ich fern. Während der ersten Tage ist das einzige Mittel gegen meine Hilflosigkeit, angesichts der ohne jegliche Untertitel in deutscher Synchronisation gezeigten Filme, die Übertragung der US Open. Selbstverständlich verstehe ich kein Wort von dem, was die Kommentatoren sagen; andererseits bin ich froh, mir nicht die so überflüssigen wie melancholischen Betrachtungen eines José Luis Clerc dazu anhören zu müssen. Bald stelle ich allerdings fest, dass es mir kaum weniger unangenehm ist, wenn die hiesigen Kommentatoren, sobald das Spiel an Spannung zunimmt, anfangen, lauter und schneller zu sprechen – zu viel Begeisterung, sage ich mir, tut der deutschen Sprache offenbar nicht gut. Ich gehe mehrere der insgesamt sieben Kanäle durch, die Nachrichten auf Englisch oder Französisch bringen. Sarkozy will die Erhöhung des Renteneintrittsalters unbedingt durchsetzen, sagt ein französischer Gewerkschaftsführer, der aussieht wie ein Professor einer École des Hautes Études. Anders als bei uns scheint in diesem Fall der dicke Bauch, hinter dem der Mann sich verschanzt, keine Garantie dafür zu bieten, dass wir es mit einem überzeugten Vertreter von Gewerkschaftsinteressen zu tun haben. Bis auf eine Szene, in der eine Uma Thurman ganz wie in &lt;i&gt;Kill Bill&lt;/i&gt; dem neuesten Alfa Romeo-Modell entsteigt, beweisen dagegen die Werbespots, dass Überdeutlichkeit und der zwanghafte Drang, dem Zuschauer alles bis ins letzte Detail verständlich zu machen, sich mittlerweile offensichtlich nahezu weltweit der Werbung bemächtigt haben. Kein Wunder, schließlich ist die Werbung die Lieblingsspielwiese all der Leute, die um jeden Preis die Vorstellung durchsetzen wollen, es gebe tatsächlich so etwas wie das globale Dorf. Davon abgesehen sind die Pausen zwischen den Werbeblöcken denkbar kurz. So dauert es nicht lange und ich gebe erschöpft auf und lege mich ins Bett, was mir wiederum hilft, den Jetlag loszuwerden und mich der hiesigen Uhrzeit anzupassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das ist schließlich erst einmal das Wichtigste, auch wenn verschiedene E-Mails und Anrufe, die seit dem dritten Tag meines Lebens in diesem Leipziger Hotel bei mir eintreffen, mich mehr oder weniger behutsam daran erinnern, dass ich hier bin, um mit dem Leben dieser Stadt in Berührung zu kommen und mich schriftlich darüber zu äußern. Da fällt mir eine Geschichte aus Bruce Chatwins Buch &lt;i&gt;Traumpfade&lt;/i&gt; ein: Sie spielt im 19. Jahrhundert, ein Afrikaforscher muss eines Tages feststellen, dass seine einheimischen Träger sich nicht von der Stelle rühren, sie haben sich auf dem Boden niedergelassen und machen keinerlei Anstalten, weiter zu gehen. Mithilfe seines Dolmetschers erfährt der Mann, dass die Leute der Ansicht sind, es gehe zu schnell, sie müssten erst einmal abwarten, bis ihre Seelen sie eingeholt hätten. Auch ich brauche ein paar Tage Abgeschiedenheit im Hotel, damit sich einige Dinge setzen können. Damit meine ich natürlich nicht die Seele – vielmehr die Fähigkeit, mit anderen in Verbindung zu treten, die Neugier, auch die nötige Offenheit und Einfühlungsgabe, die einem auf einer guten Reise zuteil werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Peter Kultzen&lt;/i&gt; 
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    <pubDate>Thu, 09 Sep 2010 18:55:00 +0200</pubDate>
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