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    <title>Christoph Simon - Rayuela - {{!de}}Argentinisch-Deutsches Stadtschreiber-Projekt - Reisetagebuch {{--}} {{!es}}Proyecto argentino-alemán de escritores residentes - Documentando la vida diaria{{--}}</title>
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    <pubDate>Mon, 19 Jul 2010 13:01:54 GMT</pubDate>

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        <title>RSS: Christoph Simon - Rayuela - {{!de}}Argentinisch-Deutsches Stadtschreiber-Projekt - Reisetagebuch {{--}} {{!es}}Proyecto argentino-alemán de escritores residentes - Documentando la vida diaria{{--}} - </title>
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    <title>Dokumente des Alltags</title>
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
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    Dienstag um neun kommt zum letzten Mal die bolivianische Putzfrau, Paula, also bin ich um sieben auf den Beinen, um aufzuräumen und vorzuputzen. Ich kontrolliere das Waschbecken auf Zahnpastaspuren, die Dusche auf Haare im Abfluss. So reinlich bin ich daheim nicht, auch nicht, wenn die Gefährtin oder die Lektorin zu Besuch kommt. Aber mit Paula ist es anders. Ich will nicht, dass südamerikanische Frauen denken, europäische Männer könnten keine Ordnung halten. (Was europäische Frauen über den Ordnungssinn europäischer Männer denken – es ist zu spät, dies beeinflussen zu wollen.) Ich stelle Paula einen kleinen Imbiss aus Schweizer Schokolade und Gebäck und Mineralwasser hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Gracias, sagt sie. Sie reisen diese Woche ab?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Ja.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Hat es Ihnen in Buenos Aires gefallen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Ich werde die endlosen Spaziergänge vermissen, die Cafés, die Gummibäume und Palmen in den Parks, die Männer auf dem Fußgängerstreifen, die mit Werbetafeln vor den wartenden Autos aufmarschieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Haben sie diesen Schriftsteller getroffen, den Sie treffen wollten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-César Aira? Ich hatte Angst, dass die Begegnung eine Enttäuschung für uns beide sein könnte. César liegt auf dem Sofa, die Beine ausgestreckt, und reibt die Fußknöchel aneinander. Er blickt von seinem Buch auf und starrt den Störenfried gequält an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Sie machen sich Sorgen um nichts. Bestimmt schätzt dieser Mensch andere Menschen. Freunde sitzen bei ihm herum und genießen es, bei ihm herumzusitzen und dann zu sagen, dass sie bei ihm herumgesessen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Am liebsten herumgesessen bin ich im Café 36 Billares, Avenida de Mayo. Einfacher Steinplattenboden, die untere Hälfte der Wand ist holzgetäfelt, die obere mit goldener Tapete bezogen, Movado-Uhr über der langgezogenen Bar, wundervolle Leuchter. Das Stammcafé von Federico García Lorca, drei Jahre bevor er ermordet wurde. Erschöpft und müde von der Straße kehrt man ein, trinkt ein Glas Wein und stellt sich vor, wie der Schwarzwald-Andalusier José Oliver melancholische Verse von García Lorca singt. Danach schließt man sich gestärkt und heiter einer der täglichen politischen Kundgebungen mit Trommeln und Pfeifen an, folgt dem Zug der Roten Sterne vorbei an Rodins durchtrainiertem „Denker“ bis vor den Kongress, und freut sich über die spontane Ausdehnung der Fußgängerzone. Ein Dutzend Polizisten begleitet die Demo von 2000 Leuten. Daheim ist das Verhältnis umgekehrt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Soll ich das hier entsorgen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Bitte nicht, Paula! Ich horte dieses Material, diese Dokumente des Alltags, die Flyer und die Kino- und Subte-Tickets, die mit Stichworten und halben Sätzen gefüllten Papierservietten und Zuckersäckchen aus dem Café...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:2 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;395&quot; height=&quot;272&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/CafeTortoni_Zeichnung_ChristophSimon_Bildunterschrift_CafeTortoniAv.deMayo825.jpg&quot;  alt=&quot;Wartezimmer Praxis Médico di Gennaro, Arenales 1483&quot; title=&quot;Wartezimmer Praxis Médico di Gennaro, Arenales 1483&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Es ist nur, weil diese Sachen hier überall herumliegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Sehen Sie? Der Mitgliederausweis des Gimnasio, wo es einem auf der Flachbank durchs undichte Glasdach auf den Kopf regnet. Und hier, eine hastig gefertigte Erinnerungsskizze nach Antonio Bernis wundervollem Gemälde „Primeros Pasos“ im Museo de Bellas Artes. Oder hier, diese Kassenzettel für einen Maxihamburguesa in der Mexibar in Quilmes und eine Parrilla im Nuevo Bogota. Die schreibmaschinengetippte Quittung für den Kauf eines Buchs im vollgestopften Antiquariat Huemul. Der Handzettel mit dem Tanzstunden-Programm im armenischen Kulturzentrum, welcher Reisende würde diese Erinnerungen fortschmeißen wollen? „Er hat den Tango mit demoralisierender Leichtigkeit erlernt“, wird Perfil über den Writer-in-Residence schreiben, nachdem er abgereist ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Genug geschwatzt.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Bitte, Paula, lassen Sie mich den Abwasch machen. Und, was glauben Sie, wird Argentinien Weltmeister?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
-Ach, Fußball. Irgendwo auf der Welt rennt immer irgendein Mann hinter einem Ball her. 
    </content:encoded>

    <pubDate>Tue, 01 Jun 2010 21:34:00 +0200</pubDate>
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    <title>Sehnsucht nach Buenos Aires</title>
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
    <content:encoded>
    Ach, Puerto de Nuestra Señora Santa María del Buen Aire – Stadt der zahllosen Unterwäscheläden,  Stadt der Librerías und Farmacias und Pinturerías! Du hasst Hundert-Peso-Scheine, aber am Geldautomaten gibst du einem erbarmungslos nichts Kleineres. Die Mütter deiner Kinder treffen sich auf Spielplätzen und warten vor den Toren der Colegios; die Väter sieht man die ganze Woche nicht, am Samstag aber holen sie die Buben vor dem Trainingsgelände der Boca Juniors ab. Deine Eisenbahndirektoren und Rinderzüchter und Schulgründer und Vizepräsidenten und Kriegsminister liegen in marmornen Mausoleen in Recoleta und alle waren sie vorbildliche Bürger, deine Juans und Marias, die wilden Blumen und die Unkräuter, liegen in La Chacarita, auf jeden Namen möchte man einen Reim verfassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum stehen deine Schilder „cruce peligroso“ nicht an gefährlichen Kreuzungen, warum stehen deine „cruce peligroso“- Schilder an Kreuzungen, die infolge Bohrarbeiten für den Verkehr gesperrt sind? Wieso darf ich keine Bücher in den Lesesaal deiner Nationalbibliothek mitnehmen? Was soll ich deiner Meinung nach in einem Lesesaal tun? Buenos Aires, plagt dich nie das schlechte Gewissen, wenn die Cartoneras nachts die Kinder zur Arbeit mitbringen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Fußabdrücke deiner einstmals berühmten Fußballspieler vor der Bombonera ... Die kühle Entschlossenheit der Männer im Microcentro, es auf Erden zu etwas zu bringen und nicht erst im Himmel ... Die eingezäunte Plaza Miserere – die Liebespaare müssen sich gegenseitig helfen, wenn sie nachts über den Zaun steigen. Deine Fähren nach Colonia, die man nutzt, um Waren aller Art zollfrei einzuführen, und zwar in Mengen, welche die des persönlichen Gebrauchs bei weitem übersteigen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist Fleisch die einzige Nahrung würdig eines Mannes? Weshalb treibt im Supermarkt niemand die Kassiererin zur Eile an? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Medienkonferenzen der Selección darf man ungeschnitten senden und Politik pausenlos diskutieren. Nimmt Maradona die richtigen mit nach Südafrika? Haben Frauen ein Recht auf Abtreibung – in ein paar Jahren wird uns diese Diskussion seltsam vorkommen, aber hier und jetzt ist dies sehr umstritten, sogar unter Frauen, nicht wahr? &lt;br /&gt;
Dreihundert Meter Fahrradweg in San Telmo, durch eine Betonrampe von der Straße getrennt ... Die Prostituierten in Constitución frieren sich die nackten Beine ab, ein Mann uriniert am lichterhellen Tag an einen Baum ... Die fliegenden Händler in der Subte, mit unverkäuflichem Plastikramsch beladen ... Die Mütter der Verschwundenen auf der Plaza de Mayo und Malvinas-Veteranen auf der Avenida 9 de Julio, an ihre Toten gemahnend ... &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, ruheloses Buenos Aires – du Traum der Solidarität und Wirklichkeit des Jeder-rettet-sich-selbst. Wer zahlt nicht drauf? Geht die Rechnung für irgendjemanden auf? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dir verliere ich mich wie in einer mathematischen Ungleichung. Deine Gerüche, dein Getümmel, die Asymmetrien von Cuadra zu Cuadra – wenn ich längst wieder im menschenleeren, harmonischen Zuhause bin, werde ich mit Federico García Lorca sagen können, dass es eine Sehnsucht nach deinen Gegensätzen gibt, die mich nie loslassen wird und von der ich mich nicht befreien möchte, „denn für meinen Geist wird sie gut und fruchtbar sein.“ 
    </content:encoded>

    <pubDate>Fri, 28 May 2010 19:00:00 +0200</pubDate>
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    <title>«¿Cómo se dice?»</title>
    <link>http://blog.goethe.de/rayuela/archives/6-Como-se-dice.html</link>
    
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
    <content:encoded>
    Auf der Buchmesse, draußen in Palermo, präsentiert Carla del Ponte ihr Buch „La caza. Yo y los criminales de guerra“. Carla del Ponte ist die Schweizer Botschafterin in Argentinien und die frühere Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Draußen feiern Trommelwirbel und Piccoloflöten die argentinische Mai-Revolution vor 200 Jahren, während del Ponte über die Rolle des Vatikans beim Verstecken kroatischer Kriegsverbrecher spricht und sich von neuem über Milosevics Bluthochdruckprobleme ärgert. Sie tut dies in einem charmanten Gemisch aus Italienisch und Spanisch, mit dem sie sich leicht in die Herzen der Zuhörer spielt. „Cómo se dice?“, fragt die Botschafterin, und das versammelte Podium und zwanzig Stimmen aus dem Publikum stehen ihr gern und hilfreich beim Übersetzen bei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Auftritt, der mich ermutigt, die Botschafterlaufbahn einzuschlagen. Ich spreche fließend Englisch, kann mir also eine Botschafterstelle in Großbritannien oder in den USA abschminken. Hingegen für alle anderen Schweizer Vertretungen in der Welt habe ich noch alle Chancen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angeregt von den Schauergeschichten, die mir von Ariel Magnus erzählt worden sind, treibe ich mich nachts in Boca herum und verfolge harmlose Jugendliche, weil ich hoffe, eine Bandenschlacht zu sehen, zu der es nicht kommt.&lt;br /&gt;
 
    </content:encoded>

    <pubDate>Tue, 25 May 2010 11:56:00 +0200</pubDate>
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    <title>Einmal um den Block – Mikrogeschichten aus meinem Viertel</title>
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
    <content:encoded>
    Einmal um den Block – Mikrogeschichten aus meinem Viertel. Zeit: Freitag, 20:30. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juncal 2400-2500. Die Portera Elena stellt den Müll hinaus und tritt in eine Senke (in der sich wöchentlich ein Dutzend Menschen den Fuß verstauchen), verliert das Gleichgewicht und strauchelt. Wobei sie glücklicherweise vom Passanten Alejandro aufgefangen wird, der sich dabei den Rücken zerrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juncal 2541, sechster Stock. Es ist blanker Zufall, dass Juan Diego auf diese Aufwärm-Party in seinem Wohnhaus gerät, weil er im Lift die falsche Etagennummer gedrückt hat und im sechsten statt im vierten Stock gelandet ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dietética (Müsli ohne Zuckerzusatz, Quinoa und Bio-Linsen) wird Cynthia morgen von ihrem Mann eins aufs Dach kriegen, weil sie heute bei den Rabatten ihren Ermessensspielraum überschritten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anchorena 1732, Eingang. „Hola“, ruft Esteban in die Gegensprechanlage, er ist außer Atem. Lucia ist sich jetzt sicher, dass er sie liebt – weil er gerannt ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Casa Rafael (Ferretería, Bazar, Electricidad, Iluminación, Limpieza, Sanitarios, Pintura) schiebt Lolita ihre Einkäufe zur Seite und kniet sich hin, um die Flasche Badreiniger aufzuheben, die wegen ihrer tango-esken Körperdrehung aus dem Regal gefallen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Estilista Nicoll, Herrenhaarschnitt für 23 Peso. Joaquin hat schon die erste kirchliche Trauung nicht gemocht, Coiffeurin Analía kann sich also vorstellen, was für Überredungskünste sie wird anwenden müssen, um ihn dazu zu bringen, das Ehegelöbnis mit ihr zu wiederholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anchorena 1766, siebter Stock. Heute Abend beginnt Jorge die Diät, deshalb sitzt er mit einem Zwieback auf dem Sofa und beißt winzig kleine Stückchen mit den Schneidezähnen ab, wobei er die Wangen so einsaugt, als ob er schon abgenommen hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Federico starrt in die starren Gesichter im Schaufenster der Kunstgalerie Centoira, während er wartet, bis sein Hündchen das Geschäft auf dem Bürgersteig erledigt hat, als ob ihn dies gar nichts anginge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Künstler Randy aus Florida entschließt sich, nicht weiter an seinem umfangreichen Werk „starrende Gesichter“ zu arbeiten und stattdessen in Miami einen Minikiosco zu eröffnen, um näher bei seinen Eltern zu leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mariano versetzt dem Stamm des einzigen Baums in der French 2600-2700 einen derart heftigen Tritt, dass ihm die Tränen in die Augen steigen. (Grund der Wut: Mariano hört unablässig Stimmen, die ihn ärgern.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laprida 1956, zweiter Stock. Als Gonzalo am Morgen das Haus verließ, saß Daniela aufrecht im Bett, die umschlungenen Knie an die Brust gepresst. Und als er jetzt zurückkehrt, findet er sie in derselben Position vor, als habe sie sich den ganzen Tag nicht bewegt. Er hat keine Ahnung, ob sie sich im Verlauf des Tages angezogen und weder ausgezogen hat oder ob sie ihre Schlafsachen einfach anließ. Die abgestandene Luft im Schlafzimmer lässt eher auf letzteres schließen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Residencia Masella lehnt Rentner Socrates das Angebot von der Bürohilfe Clara ab, sie am Wochenende nach Montevideo zu begleiten. Frauen hat er längst aufgegeben. Seine Meinung ist klar: Nein danke, wirklich nicht, in meinem Alter kann ich meine Hüllen allein ausziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ricki hat einfach Schwein heute: In der bewachten Estación ist noch ein Parkplatz frei. Im Italclean nimmt seine Anzüge diese hübsche Frau vom letzten Mal entgegen. Seine Mutter in der Residencia Masella erkennt ihn wieder. Und im Dietética in der Juncal gibt man ihm auf die glutenfreien Spaghetti einfach so 10 Prozent Rabatt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laprida 1956, vierter Stock. Bis jetzt hat Gabriel den Tag ohne größere Pannen überstanden. Papa ist nicht in Wut geraten und Mama hat nicht geweint. Bis zum Moment, wo er unabsichtlich die Einstellungen des Satellitenempfängers verstellen wird, geht es ihm gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rodolfo trinkt einen Tee an der Bar im Como en Casa, umgeben von alten Saufkumpanen. Eine der bedrückenden Begleiterscheinungen der Nüchternheit ist, denkt Rodolfo, dass man sich ihren Quatsch nicht nur anhört, sondern sich am nächsten Tag auch dran erinnern wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Feuerwehrmänner Martin, Sebastian, Enrique und Ricardo im Feuerwehrdepot wissen aus dem Gedächtnis heraus und ohne zu zögern die Geburtstage all ihrer Kinder (total elf) und sie erinnern sich bei jedem an das Geburtsgewicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor der Iglesia Evangélica Bautista bremst Pablo ab, bekreuzigt sich und betet: „Gesegnet sei alles, was lebt. Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Kinder der Erde, seid gesegnet um eurer Leben willen, ihr seid die Freude der Welt.“ Dann fährt er weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Mund spürt Lehrer Humberto auf dem Heimweg vom Colegio Rio de la Plata plötzlich den Kaugummi, den er zwischen Gaumen und Zunge vergessen hat, und der inzwischen bis zum Ekel geschmacklos ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jedem Menschen gehört eine Geschichte, denkt der Writer-in-Residence im Cambalache (Pizza, Empanadas), ich habe also immer etwas, worüber ich schreiben kann. Ein kleines Mädchen, vielleicht vierjährig, spielt an seinem Tisch mit den Zuckersäckchen und Papierservietten, ruhig und im sicheren Wissen, dass beide Eltern ganz in der Nähe über es wachen. 
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    <pubDate>Fri, 21 May 2010 20:49:00 +0200</pubDate>
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    <title>Im Wartezimmer von Doktor Fernando di Gennaro</title>
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
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    Wieso glaube ich, dass der Lift schneller kommt, wenn ich mehrere Male auf den Knopf drücke? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sich die Lunge aus dem Leib hustend zieht sich der Writer-in-Residence in sein Departamento zurück, zieht die Vorhänge zu, stellt den Computer ab, und hätte er einen Wellensittich zur Gesellschaft, würde er ihn mittels einer über den Käfig geworfenen Decke ruhig stellen. Ich bin also krank, lungenkrank, und meine beiden Töchter, die mir Chips, Zwiebelumschläge und Honigmilch herschleppen könnten, sind am anderen Ende der Welt. Von wegen Erkältung! Wenn ich erst im Hospital Alemán mit dem Tod ringe, wird es mir noch sehr leid tun, mich tagelang nachlässig als Allerweltserkälteten behandelt zu haben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich leide tapfer wie ein Held. Wäre ich zu Hause, verböte ich den Kindern streng – so streng, wie das in den vorvorletzten Atemzügen zu schaffen ist – irgend etwas an ihrem Alltag zu ändern, etwa leiser zu spielen, auf dem Sofa herum zu springen, Märchenkassetten zu hören. Ich würde nicht losbrüllen, falls die trällernde Gefährtin versehentlich die Tür ins Schloss fallen ließe und zu laut mit René und Urs im Garten plauderte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Familie und ich, wir wohnen aus liebe-erhaltenden Gründen nicht zusammen, und doch kann ich mir schwer vorstellen, die Lungenentzündung allein in meinem Zimmer an der Brückfeldstraße auszukurieren. Ein heroisch leidender Mann bleibt mit seiner Krankheit ungern allein. Er teilt sein Martyrium gern mit mitfühlenden Wesen – mitfühlenderen Wesen als dies nicht existierende Wellensittiche sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Wartezimmer von Doktor Fernando di Gennaro stehen drei dekorative Aschenbecher und ein Mobiliar, das an ein kleines, aber edles Antiquitätengeschäft gemahnt. An den Wänden zwei alte Familienporträts, viktorianische Jagdszene, in der Ecke eine Vase mit frischen Blumen. Was hätte Agatha Christie daraus gemacht – eine Leiche im breiten Sessel zwischen Grammwaage und den in Leder gebundenen pharmazeutischen Lexika, die aus der Zeit stammen, als die Leute noch Predigten lasen. Hereinbrechendes Licht, wenn am Morgen die Arztgehilfin die Vorhänge zurückschlägt und die Jungfer Maria Ester Noemi Amodeo tot im Sessel findet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Diplomen an den Wänden nach teilt Doktor Fernando die Praxis mit seinem Vater, und wie wohl viele, die in die Fußstapfen ihrer Väter treten, arbeitet er nun pausenlos, um sich selber mögen zu dürfen und den Respekt seiner Familie annehmen zu können: im Hospital Alemán, an der Uni, in der Praxis ... Fernando ist zweiunddreißigjährig und hat zwei Kinder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Bleibt Ihnen Zeit für die Kinder, Ihre Frau?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Médico lacht matt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Morgens um drei, wenn ich wegen dem Husten nicht schlafen kann, schaue ich mir Fotos meiner Kinder und der Gefährtin an, und da ich ein sentimentaler Esel bin, schenke ich mir ein Glas Wein ein und proste ihnen zu. 
    </content:encoded>

    <pubDate>Thu, 20 May 2010 12:46:00 +0200</pubDate>
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    <title>Die Fantasie ist eine angenehme Einrichtung</title>
    <link>http://blog.goethe.de/rayuela/archives/3-Die-Fantasie-ist-eine-angenehme-Einrichtung.html</link>
    
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
    <content:encoded>
    Aber wenn man nicht dachte, womit sollte man dann seine Zeit füllen?&lt;br /&gt;
César Aira, &lt;em&gt;Varamo&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Argentinien ist das Gastland an der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt. Dies bedeutet, dass außergewöhnliche argentinische Autorinnen und Autoren wie Martin Kohan, Ariel Magnus, Claudia Piñeiro, Samanta Schweblin, Washington Cucurto und – allen voran – César Aira zum Teil erstmals auf Deutsch publiziert und eine breite Resonanz zwischen Zürich, Wien, Berlin und Hamburg erfahren werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Schriftsteller César Aira berichten die Klappentexte seiner Bücher knapp: Nació en Coronel Pringles en febrero de 1949. Desde 1967 reside en Buenos Aires. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
C’est tout.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da mich immer auch der Mensch hinter einem Buch interessiert, würde ich gern mehr über den Autor des hinreißenden Buchs „Varamo“ in Erfahrung bringen. Anekdoten, Charakteristisches ... Aber ich weiß: Schriftsteller sind meist farblose Wesen, haben selten mehr zu bieten als eine innere Biographie, es sei denn, sie jagten in Indien Elefanten oder griffen in den politischen Tageskampf ein, als Propheten oder als Repräsentanten der intellektuellen Elite, wie die politischen Autoren der Vergangenheit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was darf man also wissen von César Aira? Wer ist er, wie lebt er? Er empfängt selten Besucher und geht kaum aus ... Jeden Mittwoch nimmt er in der Bar an der Ecke einen Cognac und spielt ein paar Stunden Schach mit den Honoratioren von Flores...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 23. Februar 2009 gab César Aira anlässlich seines sechzigsten Geburtstages ein intimes Bankett für achtzehn Personen im Campo dei Fiori, Ecke Venezuela y San José. Als er am Ende der Veranstaltung die Rechnung verlangte, verbeugte sich der Oberkellner und sagte: „Señor, wir bedauern, die Rechnung ist verloren gegangen.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen César Aira läßt man nicht zahlen. Weder im Campo Dei Fiori in Buenos Aires noch im Hotel Waldorf-Astoria in New York, wo er ein Appartement hat, noch beim Couturier Dessés in Paris, der ihm jährlich zwei Anzüge zur Verfügung stellt, nur damit er diese bei Lesungen und Preisverleihungen trage. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tausende von Fröschen hält Aira in den Kellern seiner Villa, darunter sind viele, die keinen Vater haben. Seit Jahren beschäftigen Aira Versuche zur sogenannten Parthenogenese – der jungfräulichen Zeugung, wobei weibliche Tiere ohne jede andere Intervention als die der Kälte befruchtet werden und sich fortpflanzen. Hunderte Male hat Aira mit der Parthenogenese, die zum ersten Mal im Jahr 1910 dem französischen Biologen Eugène Bataillon gelang, reüssiert – bei Fröschen und letztlich auch bei Kaninchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur spekulativ und im Rahmen seiner literarischen Arbeit denkt Aira an die menschliche Parthenogenese, bei der stets wieder nur weibliche Geschöpfe das Licht der Welt erblicken würden. „Wo begriffen wird, was es heißt, dass das männliche Element nicht mehr unerlässlich ist zur Fortpflanzung“, wird er mir sagen, wenn wir uns endlich treffen, „dort stellt sich eine tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses von Mann und Frau ein.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zahlreiche Frauen haben ihm bereits geschrieben, mit der Bereitschaft, sich ihm für Experimente der Parthenogenese zur Verfügung zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Fantasie ist eine angenehme Einrichtung. Sie gehorcht jeder Laune und tut genau, was du willst. Jeder von uns kann zur Fantasie Zuflucht nehmen, wann immer es ihm beliebt.&lt;br /&gt;
 
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    <pubDate>Tue, 18 May 2010 18:41:00 +0200</pubDate>
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    <title>Das ruhelose Buenos Aires</title>
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
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    Ein Writer-in-Residence darf keine Gefahren scheuen. Er hat die Pflicht, sich über seinen Aufenthaltsort ein Bild zu machen, einerlei, ob er dabei mit heiler Haut davon kommt oder nicht. Deshalb gibt’s für diesen Job auch eine Risikoentschädigung von 2500 Euro und eine erholsame Wohnung in einem beschaulichen Viertel. Nachdem ich mir dies noch einmal vor Augen gehalten habe, stürze ich mich in eines der wagemutigsten Abenteuer, das man in Buenos Aires erleben kann: Busfahren. Ich reihe mich ein in die Schlange Einheimischer an der Bushaltestelle und folge ihnen in ein Vehikel, das auf seine essentiellen Bestandteile reduziert ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juan, der im Verkauf arbeitet, ist mein Sitznachbar. Ja, er fahre täglich Bus, was in Punkto Nervenverschleiß an manchen Tagen einem Einsatz als Kampfflieger entspreche. Der Busfahrer rast in wildem Tempo durch die engen Calles. Nur ein einziges Mal bremst er, weil ein uniformiertes Kind vom Bürgersteig springt. Von Juan erfahre ich, dass ein Busfahrer sonst nur an einer Haltestelle bremse oder, wenn er einem Freund am Steuer eines anderen Busses begegne. Dann blieben beide Busse mitten auf der Straße stehen, die Fahrer kurbeln die Fenster herunter und schütteln sich schwatzend die Hände. Es stört sie dabei nicht, dass sie in den Verkehrsadern von Buenos Aires eine Thrombose verursachen und alle Autos wie verrückt hupen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeder Passagier hat seine eigene Methode, um im unbarmherzigen Verkehr das seelische Gleichgewicht zu halten. Juan atmet tief, aber kaum hörbar aus, wenn sich der Bus in Unfall, Mord und Totschlag zu verwickeln droht. Eine Dame scheint zu beten, vielleicht hofft sie, die Gebenedeite werde sie für heute verschonen. Andere stecken sich iPods in die Ohren und blicken fatalistisch auf ihre Knie. Nur wenige haben die Nerven, die Telefonate des Tages zu erledigen. Mir kommt es vor, als segelte ich unter Deck eines Sklavenschiffes ums Kap Hoorn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bus hält, gibt Passagiere ab, nimmt neue Passagiere auf, für ein paar Sekunden ruht die Welt ... Schon ist der Bus im Begriff loszufahren. Der in diesem Moment zur Haltestelle schreitende Herr wirft den Kopf zurück und beginnt mit den Füßen eilende Bewegungen auszuführen; er macht ein schalkhaftes Sprünglein und beginnt zu traben,  lächelt dabei, als tue er dies nur zu seinem Vergnügen. Dann hält er plötzlich seine Aktenmappe fest vor die Brust und beginnt aus Leibeskräften zu rennen. Der Busfahrer, der auf diesen Augenblick nur gewartet hat, fährt jetzt mit voller Geschwindigkeit los. Der ihm nachjagende Herr vollführt einige verzweifelte Sprünge, während wir uns rücksichtslos entfernen. Jetzt kommt der rennende Herr zur Einsicht, dass er uns nicht mehr einholen wird, seine Schwungkraft bricht jäh zusammen, noch einige matte Sprünge, dann bleibt er stehen. Seine Handbewegung ist universell und besagt: „Rutsch mir den Buckel runter, Dreckskiste, ich warte auf einen anderen und besseren Bus, als du es bist.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da mich der Bus vor dem Hospital Alemán in die Freiheit entlässt, denke ich, könne ich meine ethnologischen Erkundungen noch ein wenig fortsetzen und während der Beschaffung hustenstillender Säfte die argentinische medizinische Grundversorgung aus nächster Nähe betrachten. Obschon ich mich rühme, meine Prioritäten zu kennen und das Wesentliche vom Nebensächlichen unterscheiden zu können, muss ich mir eingestehen, dass mich, ehrlich gesagt, mein Dauerhusten beunruhigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Hospital Alemán ist ein Bau, der beinahe einen ganzen Block einnimmt. An der Kasse von Laura Gonzales bezahle ich 124 Pesos und erhalte eine Nummer, die mich zu einer Untersuchung in einem der 33 Sprechzimmer berechtigt. Patienten warten auf den Aufruf ihrer Nummer in gereihten Schalensitzen, die mit weichen Plastikkissen bezogen und im Rücken gefedert sind. Im offenen Innenhof sprudelt Wasser und bewässert formvollendete Farne und Regenwaldbäume. Jetzt, wo ich auf die Sprechstunde warte, verschlechtert sich mein Zustand, worüber ich froh bin, denn nichts ist peinlicher, als von einem Arzt als Weichling betrachtet zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:1 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;395&quot; height=&quot;281&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/christoph_simon_1_praxis.jpg&quot;  alt=&quot;Cafe Tortoni, Av. de Mayo 825&quot; title=&quot;Cafe Tortoni, Av. de Mayo 825&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Husten Sie in die Armbeuge.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Klar, Entschuldigung.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Arzt mit dem beneidenswerten Namen Alejandro Fabian Irastorza hört meine Lunge ab und schickt mich ins Untergeschoss, wo ich Mariela Deregibus weitere 175 Pesos aushändige, um von Leonardo dreimal radioaktiv bestrahlt zu werden. Nachdem sich herausgestellt hat, dass ich eine veritable Lungenentzündung nach Südamerika eingeschleppt habe, bin ich – wie der Chinese Lito in Ariel Magnus’ Roman „Ein Chinese auf dem Fahrrad“, wenn man ihm die Wahrheit ins Gesicht sagt – deprimiert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus purem Trotz spaziere ich noch eine Weile Keime verbreitend durch die Stadt. Passiere das Colón und den Obelisk – die beiden Wahrzeichen, die ich kaum eines Blickes würdige, da ich zu sehr eingenommen bin von zwei Glasscheibe-Trägern, die eine haustürgroße Scheibe im Rush-Hour-Getümmel auf der Avenida 9 de Julio heil über fünf Fußgängerstreifen bis zum Eingang einer Versicherungsagentur tragen. Ich bin nicht der einzige, der ihnen lachend gratuliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verkehrszählung: Auf hundertzehn Fahrzeuge kommen zweiundvierzig Taxis und sechs Fahrräder. Von den sechs Fahrrädern haben zwei Gangschaltung, vier sind Eingänger. Noch nirgends habe ich ein Autofahrverbotsschild gesehen, aber bereits zwei Fahrradfahrverbote. 
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    <pubDate>Fri, 07 May 2010 17:02:00 +0200</pubDate>
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    <title>«Do you know César Aira?»</title>
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    <author>nospam@example.com (Christoph Simon)</author>
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    Aber konnte man wirklich alles aufzeichnen, was man tat?&lt;br /&gt;
César Aira, &lt;em&gt;Varamo&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gustavo, der mich auf Geheiß der Schweizer Botschaft vom Flughafen abholt, ist seit dreiundzwanzig Jahren Taxichauffeur, und ebenso lange scheint die Frontscheibe seines ansonsten makellosen Renaults nicht mehr gewaschen worden zu sein. Buenos Aires präsentiert sich mir durch den dreifachen Schleier schlaf-verklebter Kontaktlinsen, der salzverkrusteten Windschutzscheibe und des öffentlichen Nebels – starke Farben an Lastwagen und Weltformatplakaten geben mir Anhaltspunkte zu Existenz und Position der Außenwelt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kürzlich habe er beim Waschen seines Taxis hinter dem Fahrersitz ein Perlenarmband gefunden, berichtet Gustavo vergnügt, nachdem die Formalitäten erledigt sind (Sprachwahl, Herkunft, Aufgaben am Zielort). Er hielt das Armband für künstlichen Schmuck und gab es einer fünfjährigen Enkelin als Spielzeug. Ein paar Tage später habe ein Freund der Familie behauptet, das Armband sei echt. Sein Sohn sei in eine große Aufregung geraten und wollte es einem Juwelier zeigen, aber er, Gustavo, habe darauf bestanden, das Armband, egal welchen Wert es besitze, der Enkelin zurückzugeben, die tagein, tagaus damit spiele. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass uns alle Fahrzeuge überholen, hat damit zu tun, dass wir als einzige die 80 km/h Geschwindigkeitsbegrenzung beachten. Nach dem Passieren der Autobahn-Zahlstelle fährt Gustavo freihändig, bis die Geldscheine sorgfältig längsgefaltet im Geldbeutel versorgt sind. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zu erledigenden Aufgaben eines Writers-in-Residence in Buenos Aires sollten sich nach Ratschlag meines Chauffeurs auf drei Dinge beschränken: Den Tango erlernen, sich in der Wissenschaft des Fußballs weiterbilden und Dulce de Leche genießen. Vielleicht sind diese drei Branchen die einzigen, in denen Argentinier heute noch mit großer Empfindlichkeit auf ihre Vorherrschaft bedacht sind. Dass England die bessere Marine stellt, scheint wenigstens Gustavo gleichgültig; dass die jungen Argentinier, die ich im Flugzeug getroffen habe, lieber mit Iberia als mit Aerolineas Argentinas fliegen, nimmt er gelassen zur Kenntnis. Habe ich jedoch die Vermessenheit einzuwerfen, ob denn nicht momentan Afrika die interessanteren Fußballer stellte als Argentinien, ob nicht möglicherweise in Belgien ebenso suggestive Süßspeisen kreiert würden, und ob nicht Paris die heimliche Tango-Hauptstadt der Welt sei, regt sich sofort und energisch das nationale Ehrgefühl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Do you know César Aira?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Quién? No.“ &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fahren wir an einer Kirche vorbei, bekreuzigt sich Gustavo. Auf der halbstündigen Fahrt vom Flughafen bis zur Ecke Juncal y Anchorena geschieht dies fünfmal. Um herauszufinden, wie fromm Gustavo im Vergleich zu seinen Berufsgenossen ist, nehme ich mir vor, möglichst bald vor einer Kirche Aufstellung zu nehmen und das Gebaren der hiesigen Taxifahrer zu beobachten. Erst aber lädt mich Gustavo vor meinem Departamento ab; wir wünschen uns gegenseitig viele ergiebige Begegnungen für die Dauer unserer restlichen Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim ersten großen Einkauf im Disco Supermarkt (WC-Papier, Kaffee, Dulce de Leche) stellt sich mir die Frage, warum sowohl auf der Nordhalbkugel wie auf der Südhalbkugel die Einkaufswägelchen so konstruiert sind, dass jeweils ein Rad stur in eine völlig andere Richtung läuft als die drei übrigen. 
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    <pubDate>Tue, 04 May 2010 16:31:00 +0200</pubDate>
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