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    <title>Pablo de Santis - Rayuela - {{!de}}Argentinisch-Deutsches Stadtschreiber-Projekt - Reisetagebuch {{--}} {{!es}}Proyecto argentino-alemán de escritores residentes - Documentando la vida diaria{{--}}</title>
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    <pubDate>Thu, 14 Oct 2010 10:44:59 GMT</pubDate>

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        <title>RSS: Pablo de Santis - Rayuela - {{!de}}Argentinisch-Deutsches Stadtschreiber-Projekt - Reisetagebuch {{--}} {{!es}}Proyecto argentino-alemán de escritores residentes - Documentando la vida diaria{{--}} - </title>
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    <title>Sonntag, 3. Oktober</title>
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
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    Die Sonne scheint. Alle Leute sind draußen und gehen spazieren. Die Straßencafés sind voll und vor der italienischen Eisdiele &lt;i&gt;La Perla&lt;/i&gt; stehen lange Schlangen. Auf dem Uferweg wimmelt es von Radfahrern, Joggern und einfachen Spanziergängern. Ich überquere den Fluss und schlage den Weg nach Westen ein. Als die Stadt schon hinter mir liegt, komme ich zu einem Industriebau, der aussieht wie ein Schloss.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:269 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild1.jpg&quot; title=&quot;© Pablo de Santis&quot; alt=&quot;© Pablo de Santis&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Ich gehe weiter, bis die Stadt ganz hinter mir liegt, oder zumindest der Teil auf dem zerknitterten Stadtplan, der in meiner Hosentasche steckt. Links von mir erhebt sich eine Mauer aus Bäumen und verdeckt den Fluss, zu meiner Rechten führt eine Autostraße entlang. Hier gibt es keine Fußgänger mehr, bloß Radfahrer. Ein Eichhörnchen rettet sich im letzten Moment, bevor ein gelbes Fahrrad ihm über den Schwanz fährt. Ich will es fotografieren, aber es huscht hinter diesen Baum:&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:270 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild2.jpg&quot; title=&quot;© Pablo de Santis&quot; alt=&quot;© Pablo de Santis&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Jeder Baum trägt eine Nummer auf einem kleinen grünen Schildchen, das mit Schrauben festgemacht ist. &lt;br /&gt;
Die Radfahrer nutzen die Gelegenheit, dass ich als einziger Spaziergänger unterwegs bin, und versuchen mich zu überfahren. Wahrscheinlich, so stelle ich mir vor, liegen schon ein paar unschuldige Fußgänger im Gebüsch, vielmehr deren Knochen. Die Einwohner von Frankfurt sind zu Fuß gehorsam und am Steuer gelassen, aber mit einem Lenker in der Hand sind sie zum Fürchten.&lt;br /&gt;
Als ich es leid bin ihnen auszuweichen, kehre ich wieder um.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Sun, 03 Oct 2010 22:37:00 +0200</pubDate>
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    <title>Samstag, 2. Oktober</title>
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
    <content:encoded>
    Ich überquere eine von den Brücken. Ich lehne mich über die Brüstung, um ins Wasser zu schauen. Ein Ausflugsboot kommt vorbei, mit einer Piratenflagge und jungen Leuten in orangefarbenen Rettungswesten, die winken. Ich winke zurück. Schiffen haftet etwas an, das zum Winken einlädt; niemand käme auf die Idee, einem Unbekannten aus einem Zug oder aus einer Stadtbahn zu winken. Und wir erwidern das Winken vom aus Schiff jedes Mal, als folgten wir einem alten Seefahrergesetz. &lt;br /&gt;
Neben mir, ein Rabe. Ich will ein Foto von ihm machen, aber er fliegt weg und lässt sich auf einem Brückenpfeiler nieder. In der Tasche an meiner Schulter sind ein deutsches Wörterbuch, ein Heft, ein Handy und ein Buch, mein Fotoapparat ist unter all diesen Dingen vergraben. Ich brauche so lange, dass mir nur ein ausgestopfter Rabe den Gefallen getan hätte zu warten. &lt;br /&gt;
Ein paar bunte Tretboote liegen im Wasser und erinnern mich an die Seen von Palermo. Ein Ruderboot stand damals für das Klassische; ein Tretboot (wie die auf dem Foto) für die Moderne. Als ich klein war, wusste ich, dass Ruderboote eine gute Sache waren, dass damit alles prima klappen würde, dass niemand nass würde oder ins Wasser fiele. Aber verlocken taten uns trotzdem die Tretboote, die Boote der Zukunft. Deshalb lehnten wir die herkömmlichen Boote ab. Die Menschen werden sogar des Guten überdrüssig, schrieb Somerset Maugham. &lt;br /&gt;
Die Boote entkommen mir nicht, im Gegensatz zu den Raben:&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:268 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;518&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/Bild_Blog7.jpg&quot; title=&quot;© Pablo de Santis&quot; alt=&quot;© Pablo de Santis&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Am anderen Ufer stoße ich auf den Flohmarkt, der jeden Samstag stattfindet. Die Stände erstrecken sich drei oder vier Straßenblocks weit. Wie immer überkommt einen an solchen Stätten aus der Entfernung die Ahnung von etwas Wertvollem, Seltenen oder Interessanten – es ist die Vielfalt, die uns anzieht. Doch kaum senken wir den Blick darauf, verschwindet die Begeisterung. Ein paar Bücher, Hausschuhe, alte Gabeln, Messer und Löffel, die zum Stückpreis von einem Euro verkauft werden, Berge von kaputten Armbanduhren, afrikanischer Ramsch … und dann kommt man auch schon zur „industriellen“ Abteilung: ein Stand mit an die vierzig unterschiedlichen Mischbatterien, eineinhalb Meter große Hubschrauber, die tatsächlich fliegen können (die Propeller sehen aus, als dienten sie zum Köpfen, und ich stelle mir vor, dass man in die Sahara reisen muss, um sie gefahrlos zum Einsatz zu bringen). Wie immer bei solchen Märkten, gibt es einen Kern von wenigen die Bezeichnung Flohmarkt rechtfertigenden Ständen, umgeben vom ausufernden China-Import.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends betrachte ich auf der Brücke die in den Fluss fallenden Lichter. Als ich die Schweizer Straße erreiche, gehe ich weiter und entferne mich vom Wasser. Es ist ein Viertel mit Kneipen und Keidergeschäften. Die Restaurants sind voll. Irgendwann biege ich in eine dunkle Straße ab. In einiger Entfernung sehe ich Lichter und gehe weiter, bis ich zum Südbahnhof komme, der kleiner und schlichter ist als der Hauptbahnhof. Straßenbahnen und Busse fahren hell erleuchtet, ruhig daran vorüber.&lt;br /&gt;
Ich gehe ziellos weiter, ohne zu wissen, wo ich bin. Schließlich drängt mich nichts. Eigentlich müsste mich mein fehlender Orientierungssinn leiten: Wenn ich glaube, ich ginge nach Westen, dann gehe ich nämlich nach Osten, und wenn ich glaube, ich ginge nach Norden, dann gehe ich nach Süden. Endlich sehe ich etwas Vertrautes: Die Hochhäuser führen mich zum Fluss. Ich sehe an den Fassaden in einigen Fenstern Licht brennen und frage mich, wer wohl um diese Uhrzeit noch dort ist. Reinigungskräfte, arbeitswütige Manager, nächtliche Spione. In einem dreigeschossigen Haus unweit von mir tritt eine Frau hinter einem weißen Vorhang ans Fenster und zündet sich eine Zigarette an. Bei Tag beachten wir die Fenster nicht, es gibt sie gar nicht; aber bei Nacht sind sie für uns was ganz anderes, als kämen wir aus einem Land, wo es nur Türen und Wände gibt, als sähen wie sie zum ersten Mal.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Sat, 02 Oct 2010 22:09:00 +0200</pubDate>
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    <title>Mittwoch, 29. September</title>
    <link>http://blog.goethe.de/rayuela/archives/164-Mittwoch,-29.-September.html</link>
    
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
    <content:encoded>
    Morgens sehe ich, dass jemand mit verlaufender schwarzer Farbe etwas auf die Fassade vom Krankenhaus an der Zeil gepinselt hat; zwei Angestellte sprühen ein Lösungsmittel darauf, um es zu entfernen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lina, die in Heidelberg studiert hat, nimmt mich mit zur Besichtigung dieser etwa 45 Bahnminuten entfernten Stadt. Im Ausland ist das Zugfahren immer eine Gaudi und die Welt ein Vergnügungspark; mit der Sarmiento-Bahn in den Westen des großen Buenos Aires zu fahren, ist etwas anderes. Nach unserer Ankunft nehmen wir die Bergbahn zum Schloss hinauf. Es ist die Jahreszeit des „Federweißen“, einem „neuen Wein“, der nur im September und Oktober ausgeschenkt wird. Angeblich hat er wenig Alkohol - in mein Glas müssen sich aber mehr Prozent gemogelt haben. Man isst dazu einen mit Zwiebeln belegten flachen Fladen, „Zwiebelkuchen“ genannt. Eine Engländerin fragt die Wirtin, ob das etwas ähnliches sei wie die Quiche Lorraine. Worauf ihr die Wirtin antwortet, die deutsche Variante sei viel besser.&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:241 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/PablodeSantis_zuBlog6.jpg&quot; title=&quot;© Pablo de Santis&quot; alt=&quot;© Pablo de Santis&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
Zurück in Frankfurt, gehe ich durch das Bahnhofsviertel, wo es wimmelt von Wettbuden, kleinen Speiselokalen, schmuddeligen Internet-Cafés. Die pralle Multikultur, wie immer in den umgebenden Straßen von Hauptbahnhöfen. An einem Kiosk gibt es Zeitungen in einem halben Dutzend Sprachen. Ich betrete eine Buchhandlung, die innen größer ist als auf den ersten Blick vermutet. Es gibt dort Unmengen von Büchern auf Spanisch. Die Inhaberin bedient mich in meiner Muttersprache. Ich entdecke Bücher von argentinischen Autoren, die sogar in Buenos Aires schwer zu kriegen sind, wie &lt;i&gt;El viaje de los siete demonios&lt;/i&gt;, von Manuel Mujica Laínez. Als ich mein Erstaunen zum Ausdruck bringe, dass sie so viele Titel von Mujica Laínez vorrätig hat, sagt sie: „Wo sind die denn? Gestern hat jemand danach gefragt und ich konnte sie nicht finden”. Sie hat so viele Bücher, dass sie sich schon gegenseitig zudecken. Schließlich kaufe ich &lt;i&gt;Plenilunio&lt;/i&gt;, einen Krimi von Antonio Muñoz Molina, nach dem ich seit einiger Zeit gefahndet habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/em&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Wed, 29 Sep 2010 22:23:00 +0200</pubDate>
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    <title>Dienstag, 28. September</title>
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
    <content:encoded>
    Es ist kalt und nieselt. Der Regen ist etwas, womit man auf Reisen nicht rechnet, als gäbe es ihn nur zu Hause, in der eigenen Stadt, im eigenen Viertel, als wäre er ein Phänomen von daheim. Mein ganzes Leben lang habe ich noch nie einen Regenschirm eingepackt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Frankfurt, oder jedenfalls in der Innenstadt, sieht man keine Supermärkte, weder große noch kleine. Ich weiß nicht, wo die Leute einkaufen. Es gibt auch keine chinesischen Läden, die bei uns die Rettung sind, wenn man abends um halb elf einen Liter Milch braucht oder Kaffee oder Wein. Im Tiefgeschoss von Karstadt habe ich heute den ersten Lebensmittelladen entdeckt, so was ähnliches wie ein Supermarkt. Sie verstecken ihn, damit niemand drauf kommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen ist es ganz üblich, auf der Straße zu essen, und viele Lokale stellen kleine Tische raus, wo man im Stehen essen kann. Das ist ein kultureller Unterschied, denn wir Argentinier würden keine Sekunde auf die Erwägung verwenden im Stehen zu essen, oder gar im Gehen! Um die Frühstückszeit oder nachmittags, wenn die Leute von der Arbeit kommen, hat eine Kette mit Namen BackWerk, viel Zulauf, ein Selbstbedienungslokal mit Kaffee, Kuchen und belegten Brötchen. Einmal trinke ich morgens dort einen Kaffee und esse dazu eins dieser großen Croissants, aber da bin ich der Einzige: Alle anderen nehmen mit Sesam bestreute Brötchen, dick belegt mit Aufschnitt und Salat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend gehe ich zu den Brücken. Ich habe inzwischen die Übersetzung des Verses aus der Odyssee gefunden, der auf Griechisch an einer der Brücken steht: „Jetzo schifft&#039; ich hier an; denn ich steure mit meinen Genossen über das dunkle Meer zu unverständlichen Völkern”. Athene sagt das, als sie Telemachos am Anfang des Gesangs rät, sich auf die Suche nach dem Vater zu machen, und ihm dazu in der Gestalt des reisenden Königs Mentes erscheint. Ich verstehe den Sinn dieses Satzes nicht, zumal der Main nur auf deutschem Boden fließt und nie zu „unverständlichen Völkern“ führt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den alten Brücken sind die Zwischenräume von Pfeiler zu Pfeiler ziemlich eng. Ich bewundere die Geschicklichkeit der Kapitäne von den riesigen Frachtschiffen (die wir in Argentinien „chatas”, platt, nennen würden), wenn sie genau die Lücke zwischen den Pfeilern treffen. Ich warte oben auf der Brücke, um den Führerstand zu sehen, und dann sehe ich den Kapitän, umgeben von Monitoren und allen möglichen Geräten. Trotz der Technik behält dieser Mann am Steuer des riesigen Frachters, der in der Nacht durch eine Brücke nach der anderen fährt, etwas bewunderungswürdiges.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert finde ich diese ökologischen Fahrradtaxis:&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;!-- s9ymdb:240 --&gt;&lt;img class=&quot;serendipity_image_center&quot; width=&quot;389&quot; height=&quot;292&quot;  src=&quot;http://blog.goethe.de/rayuela/uploads/PablodeSantis_zuBlog5.jpg&quot; title=&quot;© Pablo de Santis&quot; alt=&quot;© Pablo de Santis&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&amp;#160;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Tue, 28 Sep 2010 23:07:00 +0200</pubDate>
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    <title>Samstag, 25. September</title>
    <link>http://blog.goethe.de/rayuela/archives/154-Samstag,-25.-September.html</link>
    
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
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    Am besten gefällt mir in Frankfurt das Flussufer. Ich nehme mir vor, ein Stück daran entlang zu spazieren, kann aber der Versuchung nicht widerstehen, jedes Mal, wenn eine Brücke kommt, rüberzugehen. Auf einer der Brücken stehen genau in der Mitte ein paar Verse von Homer, auf Griechisch. Ich notiere sie in ein Heft. Später werde ich nachsehen, was es heißt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf einem Jahrmarkt kaufe ich eine deutsche Bratwurst. Es gibt Stände mit Backfisch, mit sehr dünnen Kartoffelpfannkuchen, mit Bier und Apfelwein, mit Broten und Käse. Die beeindruckende Vielfalt all der verschiedenen Pilze gestern auf dem Wochenmarkt fällt mir wieder ein. Manche sahen aus wie Meeresalgen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um vier Uhr nachmittags ertönen die Glocken am Kaiserdom St. Bartholomäus und läuten eine ganze Weile. Später kommt die Antwort von der Kirche auf der anderen Seite des Flusses. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe durch den Museumsbezirk am Südufer des Mains. Museen für Architektur, Film, angewandte Kunst, Anthropologie... Im Hintergrund sehe ich die Comic-Figuren El Eternauta und Mafalda und gehe über die Straße, weil ich wissen will, was es damit auf sich hat. Es ist das Museum für Kommunikation, dort ist zurzeit im ersten Stock eine Ausstellung mit argentinischen Comics, die ich mir in dem Genuss ansehe, fern von daheim etwas so Vertrautes zu betrachten. Anschließend besuche ich die Dauerausstellung im weitläufigen Untergeschoss. Einige Räume sind der deutschen Post gewidmet, den Briefmarken, dem Telefon… Ich entdecke Telefonmodelle, die mir völlig geläufig sind; hier schon zu Museumsstücken geworden. Ein paar Kinder sind ins Spiel mit diesen ungewöhnlichen Gegenständen aus der Vergangenheit vertieft. Dann komme ich in eine erstaunliche Abteilung mit Maschinen zum Dechiffrieren geheimer Nachrichten, ein Thema, das mich schon immer interessiert hat. Da steht sie, die berühmte Enigma, kaum größer als eine Schreibmaschine. Leider sind die Ausstellungstexte alle auf Deutsch. Um die Codes der Enigma zu knacken, hat Alan Turing eine Maschine mit Namen Bombe erfunden. Obwohl er in einer Welt des technischen Aufbruchs lebte, beschloss Turing zu sterben wie im Märchen: Er aß einen vergifteten Apfel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Museumscafé ist ruhig und hell; ich nehme Platz, um eine Flasche Eistee zu trinken (wie immer, wenn ich auf Reisen bin, weil es den in Argentinien nicht gibt) und &lt;i&gt;Pecado original&lt;/i&gt; (&lt;i&gt;Original Sin&lt;/i&gt;) von P. D. James zu lesen, eine Autorin, die mich nie enttäuscht hat. Diesmal wird das Verbrechen in einem ehemaligen Verlag verübt – die richtige Lektüre zur Einstimmung auf die Buchmesse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Sat, 25 Sep 2010 20:03:00 +0200</pubDate>
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    <title>Freitag, 24. September</title>
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
    <content:encoded>
    Seit ich in Frankfurt bin, habe ich nur einmal eine Hupe gehört. Ich frage mich, wie sie einen derart geordneten Verkehr hinbekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe in die Schirn Kunsthalle und schaue mir eine Art Brut-Ausstellung unter dem Titel „Weltenwandler - Die Kunst der Outsider“ an. Als erstes stoße ich auf die Zeichnungen von Henry Darger, die ich bereits 1993 im Nationalmuseum Zentrum der Künste Königin Sofía in Madrid entdeckte. Die Geschichte fasziniert mich seit jeher. Darger war Hausmeister in einem Gebäude in Chicago, lebte allein und nichts deutete darauf hin, dass er sich für Kunst interessierte. Als er 1973 (mit 81 Jahren) starb, fand man in seiner Wohnung 15.145 Blätter mit Manuskripten und Illustrationen, auf denen er die Geschichte eines endlosen Krieges zwischen ein paar Männern in Uniform und ein paar neun- bis zehnjährigen Mädchen erzählt. Jetzt, wo ich die Blätter noch einmal vor mir habe, sehe ich, dass es eigentlich eine Bildergeschichte ist, mit nebenstehenden Texten und Sprechblasen. Dargers Malereien erinnern an die Illustrationen von Kinderbüchern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Unschuld der Mädchen steht im krassen Gegensatz zur Gewalt der Szenen: Zerstückelungen, Erdrosselungen, Köpfungen. Dargers Geschichte ist die einer totalen Vereinsamung: Über ein halbes Jahrhundert lang hat er sich mit derselben Geschichte befasst, ohne je einem Menschen auch nur ein einziges seiner Blätter zu zeigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Restaurant mit dem Namen Thai Express bekomme ich eine riesige Krabbensuppe und einen sehr großen Schoppen Bier, den ich nicht schaffe. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe ins Historische Museum der Stadt. Der Star der Sammlung ist das Altstadtmodell der Brüder Hermann und Robert Treuner, das Frankfurt so zeigt, wie es im 19. Jahrhundert war. Da die Stadt 1944 bei den Bombenangriffen der Alliierten zerstört wurde, diente das Modell sicher als Vorlage für den Wiederaufbau: So erhob man es von seinem niederen Rang einer Kopie und Abbildung zum Original. Ein weiteres Modell aus den fünfziger Jahren zeigt die Stadt nach der Zerstörung; da war kein Stein mehr auf dem anderen. Diese Arbeit stand irgendwo vergessen in einer Hessischen Behörde, bis man sie in den achtziger Jahren wieder hervorholte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Fri, 24 Sep 2010 22:34:00 +0200</pubDate>
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    <title>Frankfurt − 22. September</title>
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
    <content:encoded>
    Das Literaturhaus ist ein majestätisches Gebäude, weiß und schmucklos. An der Treppe im Eingangsbereich steht ein Gedicht von Emily Dickinson an der Wand. Vitrinen mit signierten Büchern von Autoren, die im Haus gesprochen haben. An den Wänden viele Fotos von Schriftstellern. Darunter die Fotomontage der deutschen Fotografin Gisèle Freund von Bustos Domecq, aus den Gesichtern von Borges und Bioy Casares.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Mittagessen mit Lina und Maike Besuch im Heinrich Hoffmann Museum. Es ist ein kleines, 1977 gegründetes Museum mit unzähligen Stuwwelpeter-Fassungen. Ich lese, dass Hoffmann Psychiater war und Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankfurt eine große Klinik eröffnete. Sie wurde in den 20er Jahren abgerissen, heute gehört das Grundstück zum Campus der Universität. Was die Patienten des Dr. Hoffmann wohl zu den Texten ihres Arztes sagen würden? Das Museum wird von Schulklassen besucht und hat Räume, in denen gemalt und sich verkleidet werden kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier Probleme mit der Disziplin gibt: Wer unartig ist, erfährt schnell, wo es lang geht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/i&gt; 
    </content:encoded>

    <pubDate>Wed, 22 Sep 2010 19:21:00 +0200</pubDate>
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    <title>Frankfurt, 21. September</title>
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    <author>nospam@example.com (Pablo de Santis)</author>
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    Ich bekomme jedes Mal Kopfschmerzen, wenn ich fliege, diesmal nicht. Am Frankfurter Flughafen holen mich Lina und Maike vom Literaturhaus ab und bringen mich ins Hotel. Es ist warm und die Sonne scheint, ideal zum Gehen, was man auf Reisen schließlich tut. Reisen schenken uns diese sonderbare Erfahrung, unserer Routine und unseren Verpflichtungen zu entkommen: Deshalb sind sie immer so etwas wie eine Rückkehr in die Kindheit. &lt;br /&gt;
Als der Abend dämmert, gehe ich ohne festes Ziel spazieren. Auf dem Goetheplatz hört man Vogelgezwitscher. Aber nirgends ist ein Vogel zu sehen, als ob die Bäume selber zwitscherten.&lt;br /&gt;
Ganz in der Nähe entdecke ich ein Stuwwelpeter-Denkmal für Heinrich Hoffmann, „Pedrito el desgreñado“, wie er in den alten spanischen Übersetzungen hieß, oder auch „Pedro Melenas“. Mir begegnete er zum ersten Mal in einer abgegriffenen italienischen Ausgabe als „Pierino porcospino“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Oh che schiffo quel bambino!&lt;br /&gt;
È Pierino il Porcospino.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wusste gar nicht, dass Hoffmann aus Frankfurt stammt. Auf dem Stadtplan finde ich ein Heinrich Hoffmann Museum.&lt;br /&gt;
Der Struwwelpeter ist ein köstliches und ein schreckliches Buch. Es enthält 16 gereimte Geschichten, die in Sachen Pädagogik heute wohl kaum noch als „politisch korrekt“ durchgehen würden. Ein Mädchen, das die Katzen mit Streichhölzern quält, endet als lebende Fackel. Die Mitglieder einer Clique, die einen Schwarzen ärgern, werden in ein Riesentintenfass getunkt und kommen ganz und gar schwarz wieder heraus. Ein chronisch Appetitloser hungert sich zu Tode … und bekommt den allerletzten Teller Suppe aufs Grab gestellt. Am schrecklichsten ist der Bericht des Jungen, der sich nicht die Nägel schneiden lassen will. Bis ein Schneider kommt, eine riesige Schere schwingt und ihm die Nägel … mitsamt den Fingern abschneidet. Ich stelle mir vor, dass Freud, der dem anderen Hoffmann (E.T.A.) ein ganzes Essay widmete, auch ein paar Zeilen für Heinrich parat hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In meinem Buch &lt;i&gt;Los anticuarios&lt;/i&gt; kommt ein Exemplar von Pierino Porcospino vor; dieses abgegriffene Exemplar mit dem Exlibris auf der Titelseite führt den Protagonisten über den dunklen Lebensweg. Man soll nicht mit Zündhölzern spielen, man soll keine langen Fingernägel tragen, genauso wenig soll man die alten Besitzer verlorener Bücher suchen. Mein bescheidener Beitrag zur Welt der Moral. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Übersetzung: Elisabeth Müller&lt;/i&gt; 
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    <pubDate>Tue, 21 Sep 2010 22:29:00 +0200</pubDate>
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