Wir holen Sie am Flughafen ab und bringen Sie zum Hotel, habe ich immer wieder zu mir gesagt, wie ein Mantra, während der endlosen Flugstunden von Buenos Aires nach Leipzig, eingesperrt in der Mitte der Sitzreihe und gequält von dem Gedanken an all das, was ich unerledigt zu Hause zurückgelassen hatte. Wir holen Sie am Flughafen ab und bringen Sie zum Hotel, während mein linker Sitznachbar sich immer wieder wie wild an irgendeiner – nie derselben – Stelle seines Körpers zu kratzen begann, während ich mich verstohlen an den Armstützen vorbei quetschte, um meine Zelle zu verlassen, ohne deswegen meinen anderen Sitznachbarn ansprechen zu müssen, einen Italiener, dessen Redefreude nicht zu meinem Bedürfnis nach Schweigen passte, wir holen Sie am Flughafen ab und bringen Sie zum Hotel, während ich auf Nudeln herumkaute, die so wenig al dente waren, dass man sie mühelos auch ohne Zähne hätte essen können, während ich gegen die Übelkeit ankämpfte, die jedes Mal in mir aufstieg, sobald der Germane auf dem Sitz hinter mir, dessen Körper offensichtlich daran gewöhnt war, regelmäßig Freistil zu ringen, nicht jedoch, anschließend freiwillig unter die Dusche zu gehen, auch nur die geringste Bewegung machte. Was mich so beruhigte, war allerdings nicht der Satz insgesamt, sondern ein ganz bestimmtes Wort, das darin vorkam, „Hotel“, auch wenn mir klar war, dass das nicht sein konnte, bestimmt war das nur einer dieser typischen Fehler, die man begeht, wenn man eine Fremdsprache spricht, manchmal verwechselt man ganz einfach zwei Wörter. In der E-Mail, die die Frau mir geschickt hatte, stand „Hotel“, da war ich mir sicher, aber offensichtlich im Sinne von „Unterkunft“, denn bei dem Ort, an dem ich vier Wochen lang in Leipzig untergebracht wäre, handelte es sich bestimmt um ein Wohnheim, das seinerseits Teil einer staatlichen Kultureinrichtung war, und dessen äußere Erscheinung würde mir unaufhörlich die vier Jahrzehnte ins Gedächtnis rufen, die die Stadt sich im Einflussbereich der Sowjetunion befunden hatte. Es handelte sich um eine Verwechslung, ganz bestimmt, für den Moment erfüllte sie jedoch ihren Zweck und half mir den Flug zu überstehen.
Und doch sitze ich jetzt hier und schreibe, von einem Hotel aus – genauer gesagt, einem Hotelzimmer mit drei Fenstern, die auf einen Park gehen, und einem Schreibtisch, auf dem nicht nur Platz für meinen Laptop und diverse Gegenstände ist, die ich in meiner Nähe haben muss, wenn ich schreiben will – obgleich ihr tatsächlicher Nutzen sich nur schwer benennen lässt –, sondern auch für die groteske Menge von Büchern, die ich aus Buenos Aires mitgenommen habe.
Als ich am ersten Morgen nach meiner Ankunft mit einem elektrischen Wasserkocher vom Supermarkt zurück kam, fühlte ich mich hier bereits endgültig zu Hause. Soll heißen: Ich hatte das idealisierte Gefühl, zu Hause zu sein, wie es einem ein Hotel, so unpersönlich es sich auch präsentieren mag, nun einmal vermittelt, ein Hotel mit allem, was dazugehört, nicht bloß das Zimmer, in dem man sich solch mehr oder weniger romantischen Vorstellungen hingibt. Wenn ich während dieser ersten Tage morgens zum Frühstücken hinunter gehe, liegen das Obst und das Brot schon fertig geschnitten bereit, sorgfältig, ja liebevoll, wie mir scheinen will. Anschließend kehre ich in mein Zimmer zurück und lese oder schreibe all die Bücher und Texte, die ich während der letzten Monate in Buenos Aires so gerne gelesen oder geschrieben hätte, was aber im Strudel all der Verpflichtungen völlig unterging, die sich, wie noch nie, meiner sonst nahezu unfehlbaren Fähigkeit widersetzten, die Dinge zu erledigen, indem ich sie auf die lange Bank schiebe. Gegen drei oder vier Uhr am Nachmittag drehe ich dann die eine oder andere Runde, aber ohne mich allzu weit vom Hotel zu entfernen – vorrangig geht es darum, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich bin noch nicht soweit, dass ich mich hingebungsvoll in den Stadtplan oder das Straßenbahnnetz vertiefen könnte. Ich treibe mich eigentlich bloß ein wenig herum, allerdings stets im Bewusstsein, dass ich das mir inzwischen vertraut erscheinende Gebiet, dessen Grenzen durch das in seinem Zentrum befindliche Hotel bestimmt werden, dabei nicht verlasse. Doch auch so bin ich bei meinen Streifzügen bereits auf ein Museum, eine Kirche und zwei Lokale gestoßen, die auf der Liste der unbedingt besuchenswerten Örtlichkeiten stehen, die während der letzten Monate fast ohne mein Zutun entstanden ist. Ich lasse sie aber vorläufig links liegen, dafür ist später noch Zeit genug, sage ich mir, jetzt werde ich erst einmal zu Hause erwartet, wohin ich am frühen Abend zurückkehre, ganz wie ein guter Familienvater von einst.
Ausgerechnet dann tut sich jedoch aus irgendeinem Grund jedes Mal eine schier endlose Reihe von Fragen auf, die mit der Organisation meines Alltags hier zu tun haben und die, soweit ich sehe, nur von den Leuten an der Rezeption gelöst werden können. Ich habe schon wegen aller möglichen Dinge dort angerufen oder bin direkt hinunter gegangen, um mich zu erkundigen – etwa, weshalb der Anrufbeantworter meines Zimmertelefons nur Deutsch spricht, oder wo ich Kopfhörer kaufen kann, um mein Skype-Programm zu benutzen, wie ich an eine Schere oder sonst etwas Scharfkantiges gelangen kann, um meine neuen Skype-Kopfhörer aus ihrer Verpackung zu befreien, die zwar aussieht, als wäre sie aus Plastik, in Wirklichkeit scheint es sich jedoch um Metall zu handeln, oder wo dieselbe Schere oder meinetwegen auch eine andere ist, um das Preisschild von dem Regenschirm zu entfernen, den ich mir heute Nachmittag bei einem meiner ziellosen Streifzüge kaufen musste, weil es zu regnen anfing, wieso hier alle Filme im Fernsehen synchronisiert sind, was man dagegen unternehmen kann, was man tun kann, um sich damit abzufinden, dass man nichts dagegen unternehmen kann, wo man Telefonkarten bekommt, da sonst mein gesamter Tagessatz nur für Anrufe vom Hotelzimmer aus draufgeht, wie man den Mädchen, die für das Frühstück zuständig sind, verständlich machen kann, dass ich aus einem mir selbst unbekannten Grund nicht auf der Gästeliste stehe, aber trotzdem wie alle anderen auch Anspruch aufs Frühstück habe, weshalb einem bei einem deutschen Frühstück zusätzlich alles, was zu einem Mittag- und Abendessen gehört, aufgetischt wird, nachmittäglicher Kaffee und Kuchen eingeschlossen, wer mir den Unterschied zwischen einem Hüftsteak und einem Straußensteak erklären kann, bevor ich den Room Service anrufe, wie die anderen Hotelgäste es ihrer Meinung nach finden, dass ich das im Untergeschoss gelegene Schwimmbecken mit Hydromassage-Einrichtung nur mit Badeanzug benutze, da ich zwar verstehe, dass den anderen unbekleidetes Beisammensein noch aus der Zeit des Kommunismus vertraut ist, bei mir jedoch das Praktizieren von Freikörperkultur im Rahmen eines Schwimmbeckens von doch recht begrenzten Ausmaßen eher Unwohlsein bewirkt als die Entspannung, die ich bräuchte, um endlich den Jetlag und die Folgen übermäßigen Arbeitens in Buenos Aires abzustreifen. Bereits nach wenigen Tagen stelle ich jedenfalls fest, dass die Leute von der Rezeption, sobald ich mich der Empfangstheke nähere, sich plötzlich inmitten komplizierter Rechenvorgänge befinden, die keinesfalls unterbrochen werden dürfen, oder unverzüglich Anrufe entgegennehmen, die nicht eine Sekunde warten können, oder plötzlich auf der Suche nach einem Bleistift, der soeben zu Boden gefallen und wer weiß wohin gerollt ist, unter der Theke verschwinden. Schade. Dabei wünschte ich mir im Grunde doch, es ginge mir wie V. S. Naipaul auf seiner ersten Indienreise (
An Area of Darkness): Die Angestellten seines Hotels erkennen in ihm sogleich einen engen Verbündeten und nehmen ihn, statt ihn wie einen Gast zu behandeln, umgehend in ihren Stamm auf.
Abends sehe ich fern. Während der ersten Tage ist das einzige Mittel gegen meine Hilflosigkeit, angesichts der ohne jegliche Untertitel in deutscher Synchronisation gezeigten Filme, die Übertragung der US Open. Selbstverständlich verstehe ich kein Wort von dem, was die Kommentatoren sagen; andererseits bin ich froh, mir nicht die so überflüssigen wie melancholischen Betrachtungen eines José Luis Clerc dazu anhören zu müssen. Bald stelle ich allerdings fest, dass es mir kaum weniger unangenehm ist, wenn die hiesigen Kommentatoren, sobald das Spiel an Spannung zunimmt, anfangen, lauter und schneller zu sprechen – zu viel Begeisterung, sage ich mir, tut der deutschen Sprache offenbar nicht gut. Ich gehe mehrere der insgesamt sieben Kanäle durch, die Nachrichten auf Englisch oder Französisch bringen. Sarkozy will die Erhöhung des Renteneintrittsalters unbedingt durchsetzen, sagt ein französischer Gewerkschaftsführer, der aussieht wie ein Professor einer École des Hautes Études. Anders als bei uns scheint in diesem Fall der dicke Bauch, hinter dem der Mann sich verschanzt, keine Garantie dafür zu bieten, dass wir es mit einem überzeugten Vertreter von Gewerkschaftsinteressen zu tun haben. Bis auf eine Szene, in der eine Uma Thurman ganz wie in
Kill Bill dem neuesten Alfa Romeo-Modell entsteigt, beweisen dagegen die Werbespots, dass Überdeutlichkeit und der zwanghafte Drang, dem Zuschauer alles bis ins letzte Detail verständlich zu machen, sich mittlerweile offensichtlich nahezu weltweit der Werbung bemächtigt haben. Kein Wunder, schließlich ist die Werbung die Lieblingsspielwiese all der Leute, die um jeden Preis die Vorstellung durchsetzen wollen, es gebe tatsächlich so etwas wie das globale Dorf. Davon abgesehen sind die Pausen zwischen den Werbeblöcken denkbar kurz. So dauert es nicht lange und ich gebe erschöpft auf und lege mich ins Bett, was mir wiederum hilft, den Jetlag loszuwerden und mich der hiesigen Uhrzeit anzupassen.
Und das ist schließlich erst einmal das Wichtigste, auch wenn verschiedene E-Mails und Anrufe, die seit dem dritten Tag meines Lebens in diesem Leipziger Hotel bei mir eintreffen, mich mehr oder weniger behutsam daran erinnern, dass ich hier bin, um mit dem Leben dieser Stadt in Berührung zu kommen und mich schriftlich darüber zu äußern. Da fällt mir eine Geschichte aus Bruce Chatwins Buch
Traumpfade ein: Sie spielt im 19. Jahrhundert, ein Afrikaforscher muss eines Tages feststellen, dass seine einheimischen Träger sich nicht von der Stelle rühren, sie haben sich auf dem Boden niedergelassen und machen keinerlei Anstalten, weiter zu gehen. Mithilfe seines Dolmetschers erfährt der Mann, dass die Leute der Ansicht sind, es gehe zu schnell, sie müssten erst einmal abwarten, bis ihre Seelen sie eingeholt hätten. Auch ich brauche ein paar Tage Abgeschiedenheit im Hotel, damit sich einige Dinge setzen können. Damit meine ich natürlich nicht die Seele – vielmehr die Fähigkeit, mit anderen in Verbindung zu treten, die Neugier, auch die nötige Offenheit und Einfühlungsgabe, die einem auf einer guten Reise zuteil werden.
Übersetzung: Peter Kultzen