Und das war es jetzt?
Ja, das war es jetzt.
18-09-10
Poca cosa
Blick in den Park: Die auf und aus ihren Stämmen heraus lebenden Palmwedel wiegen sich im Wind wie Weichkorallen in der See.
Der Himmel ist blau auf argentinische Weise.
Auf dem Campus die Erkenntnis eines unbekannten Sprayers: UNIVERSIDAD = INTELIGENCIA CONTROLADA.
In den Stadtbussen fordern Aufschriften, während der Fahrt weder zu rauchen noch zu sabbern.
Demonstranten fordern zu Recht: NO ASISTENCIALISMO!
Es ist streng verboten, Patagonien Obst zu bringen.
Die kurzzeitige Zirkulation lokalen Leitungswassers im Blut tut weder gut noch nicht gut. Das Blut selbst gibt es auch hier in medium, durch oder roh.
Alles hat seine Logik: der Strickwarenladen mit Strickkursangebot neben einer Kirche. Der Weinladen gegenüber einem Hospital. Der Laden für Mischpulte und Megafone. Der Telenovela-Muzak in der Cripta Jesuítica in der Mittelstadt.
Eine der Leistungen der Stadt ist es, weniger hügelig zu erscheinen, als sie ist.
Von dem, was man zum Beispiel im Gropius-Bau an Eintritt bezahlt, könnte man hier fünfzehnmal ins Museo Caraffa gehen.
Es ist das großartigste Córdoba des Landes.
Der Himmel ist blau auf argentinische Weise.
Auf dem Campus die Erkenntnis eines unbekannten Sprayers: UNIVERSIDAD = INTELIGENCIA CONTROLADA.
In den Stadtbussen fordern Aufschriften, während der Fahrt weder zu rauchen noch zu sabbern.
Demonstranten fordern zu Recht: NO ASISTENCIALISMO!
Es ist streng verboten, Patagonien Obst zu bringen.
Die kurzzeitige Zirkulation lokalen Leitungswassers im Blut tut weder gut noch nicht gut. Das Blut selbst gibt es auch hier in medium, durch oder roh.
Alles hat seine Logik: der Strickwarenladen mit Strickkursangebot neben einer Kirche. Der Weinladen gegenüber einem Hospital. Der Laden für Mischpulte und Megafone. Der Telenovela-Muzak in der Cripta Jesuítica in der Mittelstadt.
Eine der Leistungen der Stadt ist es, weniger hügelig zu erscheinen, als sie ist.
Von dem, was man zum Beispiel im Gropius-Bau an Eintritt bezahlt, könnte man hier fünfzehnmal ins Museo Caraffa gehen.
Es ist das großartigste Córdoba des Landes.
Samstage sind Hügel der Entspannung

16-09-10
Córdoba, Microciudad
Geliebte,
wenn wir ein Modell von Córdoba hätten, könntest du deine Handfläche auf die Plaza España legen, ihre Rotunde warm und schattig füllen, und deine Finger in die Straßen strecken, die von dort aus strahlenförmig zu Verkehrsadern werden. Dein kleiner Finger könnte Estrada heißen, dein noch nicht verheirateter Ringfinger könnte die Larrañaga sein, der Mittelfinger die Avenida Hipólito Yrigoyen. Dein Fingernagel läge dann neben meinem Lieblingscafé, in dem der Kellner schwarz trägt, wenn ich komme, und weiß, wenn ich nicht dort bin. Das Café, das du übersetzt hast als »Schreckschaube« und »Vettel«. Und von dem wir wissen, dass der Name von »Epiphanias« kommt. Du könntest an der Scheibe kratzen.
Doch müsstest du darauf achten, dass sich alle Ciudadanos und Ciudadandos gerade in ihren Miniaturapartments, -läden und -instituten befänden. Bis auf die vorderen Häuser, die von den Fingern leicht zerquetscht würden.
Wir könnten die beiden Zypressen unweit des Patio Olmos auszupfen und uns einen zyprischen Schnurrbart basteln. Wir könnten die Lunge der Stadt mit dem Weihrauchduft aus den Alveolen der Kirchen beatmen. Wir könnten das stillgelegte Riesenrad, das im Zoo steht, als Glücksrad benutzen. Oder seine Kabinen wie einen Adventskalender füllen: für ein ganz privates Rosch ha-Schana.
Auch über dem Modell der Stadt schiene die Sonne: »Ra« – ganz sicher schiene sie aber auch »yuela«. Ein Paradies für Cartoneros wäre diese Pappmaché-Stadt. Und im Flussbett flösse reinstes Modellwasser, querstadtein eine klare Schlinge aus liquidem Blau.
So wäre es, Geliebte. Wir würden den Parque Sarmiento aufforsten mit grünen Flusen und auf Streichhölzer geknotetem verfilztem Garn. Und die Hauptstraßen dürften endlich Cortázar oder Borges heißen oder Carlos ›La Mona‹ Jiménez, Alfonsina Storni, Adolfo Cambiaso. In diesem speziellen Córdoba auch Astor Piazzolla.
Es ist ein Samstagsmodell. Von Fusselbäumen bestandene Alleen leuchteten rosa wie blühende Jacarandas: jeder einzelne Baum eine winzige Hochzeit.
Und in die Baulücken setzten wir bunte Häuser aus den vom Mercado de San Telmo mitgebrachten Streichholzschachteln.
Und für die im Grunde guten, moskitogroßen Geister, die mit der Bitte um Almosen bedruckte Zellstofffetzchen auf die angedeuteten Tische der Modellcafés legen, streuten wir Münzen aus, geprägt vom Banco Micronal de Argentina.
wenn wir ein Modell von Córdoba hätten, könntest du deine Handfläche auf die Plaza España legen, ihre Rotunde warm und schattig füllen, und deine Finger in die Straßen strecken, die von dort aus strahlenförmig zu Verkehrsadern werden. Dein kleiner Finger könnte Estrada heißen, dein noch nicht verheirateter Ringfinger könnte die Larrañaga sein, der Mittelfinger die Avenida Hipólito Yrigoyen. Dein Fingernagel läge dann neben meinem Lieblingscafé, in dem der Kellner schwarz trägt, wenn ich komme, und weiß, wenn ich nicht dort bin. Das Café, das du übersetzt hast als »Schreckschaube« und »Vettel«. Und von dem wir wissen, dass der Name von »Epiphanias« kommt. Du könntest an der Scheibe kratzen.
Doch müsstest du darauf achten, dass sich alle Ciudadanos und Ciudadandos gerade in ihren Miniaturapartments, -läden und -instituten befänden. Bis auf die vorderen Häuser, die von den Fingern leicht zerquetscht würden.
Wir könnten die beiden Zypressen unweit des Patio Olmos auszupfen und uns einen zyprischen Schnurrbart basteln. Wir könnten die Lunge der Stadt mit dem Weihrauchduft aus den Alveolen der Kirchen beatmen. Wir könnten das stillgelegte Riesenrad, das im Zoo steht, als Glücksrad benutzen. Oder seine Kabinen wie einen Adventskalender füllen: für ein ganz privates Rosch ha-Schana.
Auch über dem Modell der Stadt schiene die Sonne: »Ra« – ganz sicher schiene sie aber auch »yuela«. Ein Paradies für Cartoneros wäre diese Pappmaché-Stadt. Und im Flussbett flösse reinstes Modellwasser, querstadtein eine klare Schlinge aus liquidem Blau.
So wäre es, Geliebte. Wir würden den Parque Sarmiento aufforsten mit grünen Flusen und auf Streichhölzer geknotetem verfilztem Garn. Und die Hauptstraßen dürften endlich Cortázar oder Borges heißen oder Carlos ›La Mona‹ Jiménez, Alfonsina Storni, Adolfo Cambiaso. In diesem speziellen Córdoba auch Astor Piazzolla.
Es ist ein Samstagsmodell. Von Fusselbäumen bestandene Alleen leuchteten rosa wie blühende Jacarandas: jeder einzelne Baum eine winzige Hochzeit.
Und in die Baulücken setzten wir bunte Häuser aus den vom Mercado de San Telmo mitgebrachten Streichholzschachteln.
Und für die im Grunde guten, moskitogroßen Geister, die mit der Bitte um Almosen bedruckte Zellstofffetzchen auf die angedeuteten Tische der Modellcafés legen, streuten wir Münzen aus, geprägt vom Banco Micronal de Argentina.
Die Piraten von der San Lorenzo
15-09-10
Die Vögel
Sie kommen immer wieder.
Das Badezimmer, eine Nasszelle, hat ein kleines Fenster – hoch wie ein Schülerlineal und ebenso breit. Die Scheibe tritt von der Fassade zurück, bildet einen – langweiliger Architekt – quadratischen Alkoven. Ihr Glas ist nur für das Licht transparent, aber das tut nichts zur Sache. Sie lässt sich in zwei Stufen vorklappen. Darauf kommt es an.
Denn sie kommen immer wieder.
Jeden Tag, und an jedem Tag oft, landen ein oder zwei Tauben auf dem Sims. Meist eine, meist zwei. Von der schönen Taubenart hier in der Stadt. Es gibt auch eine hässliche, unzumutbare, vergessenswerte. Die – sagen wir, wie es ist – vom Stamme Kain.
Sie landen und lassen sich nieder – ich öffne das Fenster, schiebe sie weg – inmitten eines unermüdlich angeschleppten Gewirrs aus kleinen Zweigen, trockenen Sprossachsen. Ich klappe sie vom Sims, solange es hell ist. Meist reicht Stufe eins.
Nicht lang und wieder sind Zweige da. Und eine Taube oder mehrere, maximal aber zwei. Ich liebe sie, ich schiebe sie mit der Scheibe in die Luft. Sie wollen ein Nest.
Und so kommen sie immer wieder.
Sie wollen ein Etwas, verbunden mit einem Nest. Ein dutzend dürrer Zweige auf Beton. Kommen wieder, als gäbe es weder mich noch die mobilisierende Scheibe.
Tag für Tag. Taube um Taube.
Was überdeutlich macht: Die Taube, die Noah einen Ölzweig brachte, brachte kein Zeichen. Sie wollte einfach nur nisten.
Das Badezimmer, eine Nasszelle, hat ein kleines Fenster – hoch wie ein Schülerlineal und ebenso breit. Die Scheibe tritt von der Fassade zurück, bildet einen – langweiliger Architekt – quadratischen Alkoven. Ihr Glas ist nur für das Licht transparent, aber das tut nichts zur Sache. Sie lässt sich in zwei Stufen vorklappen. Darauf kommt es an.
Denn sie kommen immer wieder.
Jeden Tag, und an jedem Tag oft, landen ein oder zwei Tauben auf dem Sims. Meist eine, meist zwei. Von der schönen Taubenart hier in der Stadt. Es gibt auch eine hässliche, unzumutbare, vergessenswerte. Die – sagen wir, wie es ist – vom Stamme Kain.
Sie landen und lassen sich nieder – ich öffne das Fenster, schiebe sie weg – inmitten eines unermüdlich angeschleppten Gewirrs aus kleinen Zweigen, trockenen Sprossachsen. Ich klappe sie vom Sims, solange es hell ist. Meist reicht Stufe eins.
Nicht lang und wieder sind Zweige da. Und eine Taube oder mehrere, maximal aber zwei. Ich liebe sie, ich schiebe sie mit der Scheibe in die Luft. Sie wollen ein Nest.
Und so kommen sie immer wieder.
Sie wollen ein Etwas, verbunden mit einem Nest. Ein dutzend dürrer Zweige auf Beton. Kommen wieder, als gäbe es weder mich noch die mobilisierende Scheibe.
Tag für Tag. Taube um Taube.
Was überdeutlich macht: Die Taube, die Noah einen Ölzweig brachte, brachte kein Zeichen. Sie wollte einfach nur nisten.
14-09-10
Vermischtes. Und Entwirrtes.
Nachts dringen Geräusche aus dem Park, wie von Grillenhunden, zikadischen Fledermäusen.
Die Fingerspitzen der Frauen an den Kassen der Supermärkte sind schwarz. Schwarz vom Blau des Bartolomé Mitre. Schwarz vom Braun des Manuel Belgrano. Vom Grün des José de San Martín. Dem Rot des Juan Manuel de Rosas. Schwarz vom Violett des Julio Argentino Roca.
Feuchte Tücher liegen neben den Kassen. Um die Finger anzufeuchten, die den Kunden die Einkaufstüten öffnen.
»Höhepunkt« heißt im argentinischen Deutsch »Spitzpunkt«.
Die Fahrt in einem städtischen Bus bezahlt man per Guthabenkarte oder mit einer speziellen Münze, dem cospel. Man erhält sie an Kiosken. Eingeschweißt wie ein Sammlerstück. Jungfräulich fällt sie in des Busfahrers Hand.
Es ist nicht ohne weiteres zu verstehen, dass so viele hier Hunde besitzen, wo doch die Stadt, ein Hundewald, vor Hunden wimmelt. Warum haben sie nicht zum Beispiel Ozelote? Ich hätte sicher ein Vikunja. Als kleinen privaten Polizeipaarhufer für unterwegs.
An der Plaza San Martín hat sich ein Kleinunternehmer den Beruf eines Taxi-Heranwinkers geschaffen.
Die Fassade des Museo Obispo Fray Juan Antonio de San Alberto: gefärbt wie eine brasilianische Papaya. Das rötliche Orange der reifen Frucht, das Gelb der Schale.
Ich mag die Avenida Maipú, die sich im Zentrum zu einem Korridor mit sechs oder sieben Fahrspuren weitet. Sie erinnert mich nicht nur ihrer durchschnittlichen Schönheit wegen an die 9th Avenue in Midtown New York. Hier aber gibt es in den entsprechenden Läden keine Freiheitsstatuen en miniature, sondern bleiche Engel aus Alabaster. Ich bin mir sicher, sie sind mindestens sechsspurig sakral.
Eine Freiheit dieser Stadt: dass sie großflächig frei ist von aufgehübschten Orten für nur einige wenige.
Die meisten der fliegenden Händler verkaufen Strümpfe. Die Nachfrage muss groß sein. Angeboten werden auch Süßigkeiten, Papiertaschentücher und Kugelschreiber. Was man im urbanen Dschungel zum Überleben braucht.
Nennen sich Hotels »Waldorf« oder »Ritz«, bedeutet das rein gar nichts.
Die Fingerspitzen der Frauen an den Kassen der Supermärkte sind schwarz. Schwarz vom Blau des Bartolomé Mitre. Schwarz vom Braun des Manuel Belgrano. Vom Grün des José de San Martín. Dem Rot des Juan Manuel de Rosas. Schwarz vom Violett des Julio Argentino Roca.
Feuchte Tücher liegen neben den Kassen. Um die Finger anzufeuchten, die den Kunden die Einkaufstüten öffnen.
»Höhepunkt« heißt im argentinischen Deutsch »Spitzpunkt«.
Die Fahrt in einem städtischen Bus bezahlt man per Guthabenkarte oder mit einer speziellen Münze, dem cospel. Man erhält sie an Kiosken. Eingeschweißt wie ein Sammlerstück. Jungfräulich fällt sie in des Busfahrers Hand.
Es ist nicht ohne weiteres zu verstehen, dass so viele hier Hunde besitzen, wo doch die Stadt, ein Hundewald, vor Hunden wimmelt. Warum haben sie nicht zum Beispiel Ozelote? Ich hätte sicher ein Vikunja. Als kleinen privaten Polizeipaarhufer für unterwegs.
An der Plaza San Martín hat sich ein Kleinunternehmer den Beruf eines Taxi-Heranwinkers geschaffen.
Die Fassade des Museo Obispo Fray Juan Antonio de San Alberto: gefärbt wie eine brasilianische Papaya. Das rötliche Orange der reifen Frucht, das Gelb der Schale.
Ich mag die Avenida Maipú, die sich im Zentrum zu einem Korridor mit sechs oder sieben Fahrspuren weitet. Sie erinnert mich nicht nur ihrer durchschnittlichen Schönheit wegen an die 9th Avenue in Midtown New York. Hier aber gibt es in den entsprechenden Läden keine Freiheitsstatuen en miniature, sondern bleiche Engel aus Alabaster. Ich bin mir sicher, sie sind mindestens sechsspurig sakral.
Eine Freiheit dieser Stadt: dass sie großflächig frei ist von aufgehübschten Orten für nur einige wenige.
Die meisten der fliegenden Händler verkaufen Strümpfe. Die Nachfrage muss groß sein. Angeboten werden auch Süßigkeiten, Papiertaschentücher und Kugelschreiber. Was man im urbanen Dschungel zum Überleben braucht.
Nennen sich Hotels »Waldorf« oder »Ritz«, bedeutet das rein gar nichts.
Graffito auf dem Campus der Universidad Nacional

Der Kampf geht weiter.
13-09-10
Straße mit Aussicht
Man kennt diese romantischen Orte aus Filmen vor allem amerikanischer Provenienz: Eine Stadt, die in einem Tal oder unterhalb eines ausschweifenden Hangs liegt … und bei oder nach Anbruch der Dunkelheit fährt man als Liebespaar oder ersehnter Beziehungskontext mit einem zwar Automobil genannten, jedoch mit Händen und Füßen (möglichst lässig) zu steuernden Vehikel diesen Hang hinauf, auf der Viale Mulholland Drive … und lässt den Wagen an einem aussichtsoptimalen Punkt ausrollen … und irgendetwas flimmert, die Lichter vielleicht oder der Horizont oder die Luft über der Motorhaube oder die Härchen auf den Armen … vibrante Anzeichen von Vorzeichen der erhofften rasanten Zeichenuneindeutigkeit … während unten, in den Hang hineingewogt, Hollywood liegt oder Swjatogorsk.
Auch Córdoba hat sich einen solchen Aussichtspunkt verfügt: Fast zwangsläufig im facettenreichen Parque Sarmiento gelegen, legt sich eine von Durchgangsverkehrfunktion enthobene Straße am nördlichen Parkrand zu einer kleinen Besinnlichkeitsschlinge. Direkt über dem Zoo, von dem herauf die Aromen des Besonderen günstigenfalls die Gerüche der Einsamkeit überlagern, bekränzt von einem Betonzaun aus einstigem Weiß und einer Art Zitronensoufflégelb. Die mögliche Romantik hat hier freien Blick auf eine vor allem domizilige Stadt, die in wenigen Kilometern still an Felder stößt. Man schaut auf die zurückgebaute Molino Minetti und das stillgelegte, von mir innig gemochte blaugraue Riesenrad … das wie ein Spielzeug scheint, von dem das Kind in der Stadt einfach nicht lassen kann.
Auch Córdoba hat sich einen solchen Aussichtspunkt verfügt: Fast zwangsläufig im facettenreichen Parque Sarmiento gelegen, legt sich eine von Durchgangsverkehrfunktion enthobene Straße am nördlichen Parkrand zu einer kleinen Besinnlichkeitsschlinge. Direkt über dem Zoo, von dem herauf die Aromen des Besonderen günstigenfalls die Gerüche der Einsamkeit überlagern, bekränzt von einem Betonzaun aus einstigem Weiß und einer Art Zitronensoufflégelb. Die mögliche Romantik hat hier freien Blick auf eine vor allem domizilige Stadt, die in wenigen Kilometern still an Felder stößt. Man schaut auf die zurückgebaute Molino Minetti und das stillgelegte, von mir innig gemochte blaugraue Riesenrad … das wie ein Spielzeug scheint, von dem das Kind in der Stadt einfach nicht lassen kann.
11-09-10
Estancia Jesuítica de Alta Gracia

Ausflug ohne Ich
Auf den Sohlen von Schuhen die nach dem Dichter und politischen Idioten Leopoldo Lugones benannte Straße hinunter zum Terminal der Colectivos und Micros laufen. Etwas gefragt werden, etwas antworten, etwas warten, etwas schauen. Dann einsteigen in den weißen und blauen, aber nicht blau-weißen Bus der Sierras de Calamuchita, dem Fahrer 5,75 Pesos geben. Mit dem Fahrschein in der Hand in einen Sitz fallen, dessen Lehne sich von selbst nach hinten neigt. Sich dem Süßigkeitenverkäufer verwehren, durch die Scheibe blicken. Während der beginnenden Fahrt den Weg beobachten und das, woraus er besteht. Viertel um Viertel sehen, das Areal der Mehrgeschosser verlassen und eintreten in Gegenden der Zweigeschossigkeit. Gewerbezonen, Obsthändler, Läden für Gegenstände. Die Stadt durchfahren und Vorstädte und Vorvorstädte und denken: Nachstädte und Nebenstädte und Scheinstadt. Und dann vorbeifahren an Dürrefeldern, in der Ferne die Sierra Chica. Erinnerungen an Österreich und die Schweiz. Und Siedlungen sehen, die hinter Bäumen und sich selbst verschwinden. Keine Rinder, vereinzelt Pferde, am Straßenrand ein ehemaliger Hund. Und gegenwärtige Plastikfetzen, verteilt auf den von Stoppeln hellbraunen Feldern. Die mischlingshundfarbenen Berge. Die lupenreine Villa Miseria am Stadtrand des Ziels, Alta Gracia. Entsprechende Gefühle. In die Stadt eintreten mit reduzierter Geschwindigkeit, Fahrt durch eine Ladenstraße, die abzweigenden Straßen nur auf den ersten hundert Metern asphaltiert. Die Schale der Stadt sehen, aber noch nicht ihre Frucht. Mit dem sich leerenden Bus den Hang hinauf fahren, den Anfang der Berge. Und nach dem Ausharren aussteigen, da sie jetzt zu sehen ist, die Gesuchte, die Frucht: die angenehm proportionierte Estancia Jesuítica. In diese hineingehen jetzt, in ihr Rosa und Weiß und Grau.
10-09-10
Córdoba
Einer Triade gleich liegen an der von der Plaza España abgehenden Avenida Poeta Lugones und dem Boulevard Chacabuco drei Museen nebeneinander. Das Museo de Ciencias Naturales, das in seiner Architektur an das Winterquartier eines russischen Zirkus erinnert, daneben das Emilio Caraffa, dessen klassischer lehmfarbener Bau durch lange Riegel aus weißen Mauern und hellen opaken Wänden erweitert wurde, und – jenseits der Plaza, von der stattliche neun Straßen abgehen – der mondäne grünflächenumsäumte Palacio Ferreyra, in dem das Museo Superior de Bellas Artes Evita beheimatet ist (und als Reminiszenz an ein leider stillgelegtes Café einen Raum voller Tische und Stühle). Hier drei Ansichten des Museo Provincial de Bellas Artes Emilio Caraffa, an dem mein Weg fast täglich vorüberführt. Der permanente Eisbär stammt von Roberto Juan Viola, die Stahlangelegenheit von Claudio Gómez.




09-09-10
Weiß und Schatten
Ein Ort angenehmer Klandestinenz ist der erste Innenhof des Cabildo de Córdoba – einem der architektonischen Großsiegel im Zentrum der Stadt. Der Hof, der vielleicht 30 x 30 Meter misst, wird zur Hälfte bespielt vom Café »Novecento«, dessen Innenraum unbedingt zu den stilvolleren Interieuren hiesiger Gastronomie zählt.
Der Patio ist zweischenklig auf zwei Etagen von Arkaden gesäumt, im Obergeschoss gebildet aus runden, nicht zu opulent kapitellierten Säulen, die den Blick auf die von hölzernen Querbalken linierte Lehmziegeldecke der Arkade lenken.
Am Boden, auf Terrakottafliesen, stehen Olivenbäumchen, verschiedene Bronzen, historische oder historisierende Metallbecken bepflanzt mit Storchschnabelgewächsen in violetter Blüte. Das Mobiliar erinnert an deutsche Eiscafés oder Mokkabars vor einem Vierteljahrhundert. Stühle aus verschnörkeltem weiß lackiertem Metall. Der Betrachter ist schwarz gekleidet, das Gebäude weiß wie die Togen der Oberschicht des Römischen Reichs.
Der Patio ist zweischenklig auf zwei Etagen von Arkaden gesäumt, im Obergeschoss gebildet aus runden, nicht zu opulent kapitellierten Säulen, die den Blick auf die von hölzernen Querbalken linierte Lehmziegeldecke der Arkade lenken.
Am Boden, auf Terrakottafliesen, stehen Olivenbäumchen, verschiedene Bronzen, historische oder historisierende Metallbecken bepflanzt mit Storchschnabelgewächsen in violetter Blüte. Das Mobiliar erinnert an deutsche Eiscafés oder Mokkabars vor einem Vierteljahrhundert. Stühle aus verschnörkeltem weiß lackiertem Metall. Der Betrachter ist schwarz gekleidet, das Gebäude weiß wie die Togen der Oberschicht des Römischen Reichs.
Erinnerung an die Verschwundenen der Diktatur
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