-Gracias, sagt sie. Sie reisen diese Woche ab?
-Ja.
-Hat es Ihnen in Buenos Aires gefallen?
-Ich werde die endlosen Spaziergänge vermissen, die Cafés, die Gummibäume und Palmen in den Parks, die Männer auf dem Fußgängerstreifen, die mit Werbetafeln vor den wartenden Autos aufmarschieren.
-Haben sie diesen Schriftsteller getroffen, den Sie treffen wollten?
-César Aira? Ich hatte Angst, dass die Begegnung eine Enttäuschung für uns beide sein könnte. César liegt auf dem Sofa, die Beine ausgestreckt, und reibt die Fußknöchel aneinander. Er blickt von seinem Buch auf und starrt den Störenfried gequält an.
-Sie machen sich Sorgen um nichts. Bestimmt schätzt dieser Mensch andere Menschen. Freunde sitzen bei ihm herum und genießen es, bei ihm herumzusitzen und dann zu sagen, dass sie bei ihm herumgesessen sind.
-Am liebsten herumgesessen bin ich im Café 36 Billares, Avenida de Mayo. Einfacher Steinplattenboden, die untere Hälfte der Wand ist holzgetäfelt, die obere mit goldener Tapete bezogen, Movado-Uhr über der langgezogenen Bar, wundervolle Leuchter. Das Stammcafé von Federico García Lorca, drei Jahre bevor er ermordet wurde. Erschöpft und müde von der Straße kehrt man ein, trinkt ein Glas Wein und stellt sich vor, wie der Schwarzwald-Andalusier José Oliver melancholische Verse von García Lorca singt. Danach schließt man sich gestärkt und heiter einer der täglichen politischen Kundgebungen mit Trommeln und Pfeifen an, folgt dem Zug der Roten Sterne vorbei an Rodins durchtrainiertem „Denker“ bis vor den Kongress, und freut sich über die spontane Ausdehnung der Fußgängerzone. Ein Dutzend Polizisten begleitet die Demo von 2000 Leuten. Daheim ist das Verhältnis umgekehrt.
-Soll ich das hier entsorgen?
-Bitte nicht, Paula! Ich horte dieses Material, diese Dokumente des Alltags, die Flyer und die Kino- und Subte-Tickets, die mit Stichworten und halben Sätzen gefüllten Papierservietten und Zuckersäckchen aus dem Café...

-Es ist nur, weil diese Sachen hier überall herumliegen.
-Sehen Sie? Der Mitgliederausweis des Gimnasio, wo es einem auf der Flachbank durchs undichte Glasdach auf den Kopf regnet. Und hier, eine hastig gefertigte Erinnerungsskizze nach Antonio Bernis wundervollem Gemälde „Primeros Pasos“ im Museo de Bellas Artes. Oder hier, diese Kassenzettel für einen Maxihamburguesa in der Mexibar in Quilmes und eine Parrilla im Nuevo Bogota. Die schreibmaschinengetippte Quittung für den Kauf eines Buchs im vollgestopften Antiquariat Huemul. Der Handzettel mit dem Tanzstunden-Programm im armenischen Kulturzentrum, welcher Reisende würde diese Erinnerungen fortschmeißen wollen? „Er hat den Tango mit demoralisierender Leichtigkeit erlernt“, wird Perfil über den Writer-in-Residence schreiben, nachdem er abgereist ist.
-Genug geschwatzt.
-Bitte, Paula, lassen Sie mich den Abwasch machen. Und, was glauben Sie, wird Argentinien Weltmeister?
-Ach, Fußball. Irgendwo auf der Welt rennt immer irgendein Mann hinter einem Ball her.




