Ich überquere eine von den Brücken. Ich lehne mich über die Brüstung, um ins Wasser zu schauen. Ein Ausflugsboot kommt vorbei, mit einer Piratenflagge und jungen Leuten in orangefarbenen Rettungswesten, die winken. Ich winke zurück. Schiffen haftet etwas an, das zum Winken einlädt; niemand käme auf die Idee, einem Unbekannten aus einem Zug oder aus einer Stadtbahn zu winken. Und wir erwidern das Winken vom aus Schiff jedes Mal, als folgten wir einem alten Seefahrergesetz.
Neben mir, ein Rabe. Ich will ein Foto von ihm machen, aber er fliegt weg und lässt sich auf einem Brückenpfeiler nieder. In der Tasche an meiner Schulter sind ein deutsches Wörterbuch, ein Heft, ein Handy und ein Buch, mein Fotoapparat ist unter all diesen Dingen vergraben. Ich brauche so lange, dass mir nur ein ausgestopfter Rabe den Gefallen getan hätte zu warten.
Ein paar bunte Tretboote liegen im Wasser und erinnern mich an die Seen von Palermo. Ein Ruderboot stand damals für das Klassische; ein Tretboot (wie die auf dem Foto) für die Moderne. Als ich klein war, wusste ich, dass Ruderboote eine gute Sache waren, dass damit alles prima klappen würde, dass niemand nass würde oder ins Wasser fiele. Aber verlocken taten uns trotzdem die Tretboote, die Boote der Zukunft. Deshalb lehnten wir die herkömmlichen Boote ab. Die Menschen werden sogar des Guten überdrüssig, schrieb Somerset Maugham.
Die Boote entkommen mir nicht, im Gegensatz zu den Raben:
Am anderen Ufer stoße ich auf den Flohmarkt, der jeden Samstag stattfindet. Die Stände erstrecken sich drei oder vier Straßenblocks weit. Wie immer überkommt einen an solchen Stätten aus der Entfernung die Ahnung von etwas Wertvollem, Seltenen oder Interessanten – es ist die Vielfalt, die uns anzieht. Doch kaum senken wir den Blick darauf, verschwindet die Begeisterung. Ein paar Bücher, Hausschuhe, alte Gabeln, Messer und Löffel, die zum Stückpreis von einem Euro verkauft werden, Berge von kaputten Armbanduhren, afrikanischer Ramsch … und dann kommt man auch schon zur „industriellen“ Abteilung: ein Stand mit an die vierzig unterschiedlichen Mischbatterien, eineinhalb Meter große Hubschrauber, die tatsächlich fliegen können (die Propeller sehen aus, als dienten sie zum Köpfen, und ich stelle mir vor, dass man in die Sahara reisen muss, um sie gefahrlos zum Einsatz zu bringen). Wie immer bei solchen Märkten, gibt es einen Kern von wenigen die Bezeichnung Flohmarkt rechtfertigenden Ständen, umgeben vom ausufernden China-Import.
Abends betrachte ich auf der Brücke die in den Fluss fallenden Lichter. Als ich die Schweizer Straße erreiche, gehe ich weiter und entferne mich vom Wasser. Es ist ein Viertel mit Kneipen und Keidergeschäften. Die Restaurants sind voll. Irgendwann biege ich in eine dunkle Straße ab. In einiger Entfernung sehe ich Lichter und gehe weiter, bis ich zum Südbahnhof komme, der kleiner und schlichter ist als der Hauptbahnhof. Straßenbahnen und Busse fahren hell erleuchtet, ruhig daran vorüber.
Ich gehe ziellos weiter, ohne zu wissen, wo ich bin. Schließlich drängt mich nichts. Eigentlich müsste mich mein fehlender Orientierungssinn leiten: Wenn ich glaube, ich ginge nach Westen, dann gehe ich nämlich nach Osten, und wenn ich glaube, ich ginge nach Norden, dann gehe ich nach Süden. Endlich sehe ich etwas Vertrautes: Die Hochhäuser führen mich zum Fluss. Ich sehe an den Fassaden in einigen Fenstern Licht brennen und frage mich, wer wohl um diese Uhrzeit noch dort ist. Reinigungskräfte, arbeitswütige Manager, nächtliche Spione. In einem dreigeschossigen Haus unweit von mir tritt eine Frau hinter einem weißen Vorhang ans Fenster und zündet sich eine Zigarette an. Bei Tag beachten wir die Fenster nicht, es gibt sie gar nicht; aber bei Nacht sind sie für uns was ganz anderes, als kämen wir aus einem Land, wo es nur Türen und Wände gibt, als sähen wie sie zum ersten Mal.
Übersetzung: Elisabeth Müller