ich gondele mit dem rad in der umgebung des amtssitzes von angela merkel herum, zwanzig meter vom haus der kulturen der welt entfernt. fahre hierhin und dorthin, halte an, schieße fotos. kein einziger polizist in sicht. viele kameras, gut, aber nichts verglichen mit denen, die legionen von touristen auf das gebäude richten, die zehn meter entfernt auf einem ausflugsdampfer die spree entlangschippern. mit etwas mühe entdecke ich zwei wachschutzleute auf einem balkon, die lachen und rauchen, als wären sie im urlaub.
am nachmittag desselben tages gehe ich ins kadewe, fahre hoch in den sechsten stock – abteilung lebensmittel und getränke, prachtvoll und glitzernd wie ein juweliergeschäft –, und als ich die enzyklopädische pasta-phalanx filme – jene art simplen, volksnahen, unzerstörbaren reichtums, für den ich eine echte schwäche habe, obwohl man die spaghetti-packungen nicht als das aufgereiht hat, was sie sind, goldbarren, sondern wie bücher im regal –, tritt mir eine angestellte entgegen und hält mir die hand vor die kamera: „filmen nur mit drehgenehmigung“.
nachts, auf dem rückweg ins literaturhaus. ich fahre mit dem rad auf dem bürgersteig der kleiststraße – einem breiten und um diese zeit fast menschenleeren bürgersteig –, und eine alte frau, die mir entgegenkommt, fährt aus ihrer vegetativen versunkenheit hoch und brüllt, außer sich, ich solle mit dem rad runter auf die straße, wie ein winziger, dem altenheim entsprungener hulk.
es gibt gigantische freiflächen an den zentralsten stellen der stadt, ganze komplexe urbanen gewebes, die verschwunden sind und an deren stelle neues zu setzen niemand gewillt scheint. kein fieberhaftes über den haufen werfen. kein wunsch, etwas zuzudecken oder zu vertuschen. eine gewisse konstatierende rohheit –
so ist es –, ungeschützt, an der der zahn der zeit nagen wird, ohne ihr form zu verleihen oder sie zu ästhetisieren; er wird sie höchstens liebenswert machen: zivilisieren.
zu den dingen, die mir am meisten gefallen und die dem von bürgermeister wowereit geprägten slogan
arm aber sexy, glaube ich, am meisten ehre machen, gehört die beleuchtung der stadt. sie ist spärlich, moderat, gedämpft – sogar an besonders spektakulären oder symbolträchtigen orten. als würde man sie rationieren. viertel wie kreuzberg haben anscheinend eine straßenbeleuchtung wie vor dreißig jahren. deprimierend? im gegenteil: die straße entlangzugehen, ist ein verstohlenes unterfangen: schatten, geflüster, das geräusch eines plötzlich heranrauschenden fahrrads, das aufflammen eines feuerzeugs. alles hat die erstickte exaltiertheit des klandestinen.
mit s. und c. im watergate, einem club für elektronische musik am spreeufer, der etwas neues versuchen will und einer veranstaltung der
klassik lounge des rbb-kulturradios raum gibt: ein konzert mit renaissance-musik, aufgeführt von einem vokalquintett aus leipzig. („die waren alle früher im leipziger thomanerchor“, erklärt c. später, und haben in der kirche gesungen, in der schon bach gespielt hat.) musik des 16. jahrhunderts: gastoldi, donato, arcadelt, des préz, banchieri, willaert. viele leute stehen schlange vor der tür von etwas, das große ähnlichkeit mit einer spelunke hat. der raum drinnen ist genial; zwei riesige fensterfronten mit blick auf den fluss und das gegenüberliegende ufer, an dem die letzte abendsonne klebt und den tanz der ersten künstlichen lichter eröffnet, die an einer wand riesiger gebäude knospen. innerhalb von zwanzig minuten ist der raum voll. ältere damen, fünfzigjährige, jugendliche, coole junge leute. die
bar tenders kommen nicht nach. die gleiche gestresste dynamik wie bei einer wilden house party, bloß mit weißweingläsern, saft, bionade, mineralwasser. das quintett trägt schwarz. abwechselnd erklären die mitglieder das jeweils nächste gesangsstück. sie sind amüsant, hart an der grenze zum „musik-kabarett”. der kontextuelle sprung (klassische musik in techno-umgebung) wird pädagogisch überspielt.
zum essen führen sie mich ins
ming dinasty – ein schickes, sehr verwestlichtes chinarestaurant am ufer des flusses, einen katzensprung von der chinesischen botschaft entfernt. auf jedem tisch steht eine rose, und in jeder rose, heißt es, steckt ein mikrophon, das alles mithört. jedes mal, wenn wir ein heikles thema anschneiden, nähern wir uns beim reden der rose. phantastisches essen.
graffiti-paradies. anfängliche sympathie. später abflauend – vor allem nach ein paar stunden im prenzlauer berg und nach einem besuch im großen bunker der berliner alternativszene, tacheles, einem von künstlern besetzten, seit jahren von der räumung bedrohten gebäude ohne einen einzigen quadratzentimeter freier wand. die graffiteure sind so fanatisch, dass sie bei der ersten feuchtigkeit die beschlagenen scheiben im obergeschoss der doppeldeckerbusse
taggen.
wasserhähne haben keine drehgriffe mehr. was es stattdessen gibt – ein einzelner, nach rechts (kalt) oder links (warm) schwenkender hebel –, scheint immer wie mit übereinandergeschlagenen beinen auf dem hahn zu thronen.
der die sprache nicht spricht, ist nicht stumm, sondern taub. gedacht, nachdem ich nachts ins zimmer zurückkehrte, die im garten rauchenden köche grüßte, dann dem schloss mit dem schlüssel zu leibe rückte – ich war nicht betrunken: auch hier gibt es wenig licht –, und nach sekundenlangem kampf merkte, dass der klang, der durch die luft flog und auf den ich aus taubheit nicht achtete, ein signal war, eine mir zugedachte großzügigkeit.
offen, wiederholte einer der köche und zeigte mir, dass die tür, die ich aufschließen wollte, gar nicht verschlossen war. beschämt (nicht wegen meiner schussligkeit: sondern weil ich nicht gleich zu empfangen vermocht hatte, was man mir gab), drehe ich mich kurz um, danke und flüchte die treppe hinauf, umweht von den resten einer in der küche verdunstenden brokkoli-wolke.
insularität des fremden. der die sprache nicht spricht, ist ein spion, ein schmuggler. sein leben entbehrt nicht der spannung. in welchem moment muss er unweigerlich gestehen, wer er ist? wann verraten, dass er die sprache nicht spricht?
Übersetzung: Christian Hansen