Ich habe noch nie ein Reisetagebuch geschrieben. Ich werde keines schreiben. Blogs scheinen mir eine schreckliche Erfindung. In meinem Gepäck habe ich nur ein Buch, ein einziges Buch:
Über Deutschland von Madame de Staël. Mir fehlt mein Benjamin Constant. Ich frage mich, ob ich wohl Ulf Stolterfoht (nachfolgend Ulf genannt) ähnele. Auch ich möchte mich wie er in eine Wohnung einsperren und sie nicht mehr verlassen. Aber ich werde nicht in Bahía Blanca sein. Wie würde ich es drinnen aushalten, wo doch so viel Kunst, Literatur und Geschichte da draußen sind? Ich ähnele eher Carmen Ollé als Ulf. Mir kommen Bruchstücke ihres Gedichtbands
Noches de Adrenalina in den Sinn: „An der Gare du Nord schloss ich die Augen ganz fest. Nach einer langen Reise, die ich größtenteils mit der Kleinen auf dem Arm im Zugsessel sitzend verbracht hatte, sah ich Paris und den Eiffelturm im Nebel verschwunden. Was sind die Champs-Élysées und die Gioconda anderes als eine Menge Hausarbeit, die jungen Frauen aus der Dritten Welt aufgetragen wird? Teller waschen. Sterne schrubben.” Später bezeichnet sie sich selbst als eine „unterentwickelte Grüne”. Ich habe eine unendlich lange Liste von Dingen, die ich sehen möchte: das Spielzeugmuseum in Nürnberg, König Ludwigs Schlösser in Bayern, die zahlreichen Häuser Goethes, die Oper in Bayreuth, den ältesten Zoo der Welt in Leipzig, die Landschaft, in der sich Karoline von Günderrode das Leben nahm, den Hölderlinturm und nicht zu vergessen, Buchenwald, Dachau, der ewige Schatten, dieser Schandfleck, der größer wird und die grausame Seite der Kultur zu Tage fördert. Ich weiß nicht, warum ich an
Meine Lieder – Meine Träume (
The Sound of Music) denke. Blonde, rotblonde Jungen, die Gefahr laufen, jederzeit von der Gutherzigkeit in die nationalsozialistische Hymne abzudriften. Im Flugzeug wird durchgesagt, dass es in Stuttgart regnet. Wir setzen zur Landung an. Ich denke nochmals an Ulf. Und auch an Xavier de Maistre und sein
Die Reise um mein Zimmer.
Übersetzung: Christin Kleinhenz