Einmal um den Block – Mikrogeschichten aus meinem Viertel. Zeit: Freitag, 20:30.
Juncal 2400-2500. Die Portera Elena stellt den Müll hinaus und tritt in eine Senke (in der sich wöchentlich ein Dutzend Menschen den Fuß verstauchen), verliert das Gleichgewicht und strauchelt. Wobei sie glücklicherweise vom Passanten Alejandro aufgefangen wird, der sich dabei den Rücken zerrt.
Juncal 2541, sechster Stock. Es ist blanker Zufall, dass Juan Diego auf diese Aufwärm-Party in seinem Wohnhaus gerät, weil er im Lift die falsche Etagennummer gedrückt hat und im sechsten statt im vierten Stock gelandet ist.
Im Dietética (Müsli ohne Zuckerzusatz, Quinoa und Bio-Linsen) wird Cynthia morgen von ihrem Mann eins aufs Dach kriegen, weil sie heute bei den Rabatten ihren Ermessensspielraum überschritten hat.
Anchorena 1732, Eingang. „Hola“, ruft Esteban in die Gegensprechanlage, er ist außer Atem. Lucia ist sich jetzt sicher, dass er sie liebt – weil er gerannt ist.
In der Casa Rafael (Ferretería, Bazar, Electricidad, Iluminación, Limpieza, Sanitarios, Pintura) schiebt Lolita ihre Einkäufe zur Seite und kniet sich hin, um die Flasche Badreiniger aufzuheben, die wegen ihrer tango-esken Körperdrehung aus dem Regal gefallen ist.
Estilista Nicoll, Herrenhaarschnitt für 23 Peso. Joaquin hat schon die erste kirchliche Trauung nicht gemocht, Coiffeurin Analía kann sich also vorstellen, was für Überredungskünste sie wird anwenden müssen, um ihn dazu zu bringen, das Ehegelöbnis mit ihr zu wiederholen.
Anchorena 1766, siebter Stock. Heute Abend beginnt Jorge die Diät, deshalb sitzt er mit einem Zwieback auf dem Sofa und beißt winzig kleine Stückchen mit den Schneidezähnen ab, wobei er die Wangen so einsaugt, als ob er schon abgenommen hätte.
Federico starrt in die starren Gesichter im Schaufenster der Kunstgalerie Centoira, während er wartet, bis sein Hündchen das Geschäft auf dem Bürgersteig erledigt hat, als ob ihn dies gar nichts anginge.
Der Künstler Randy aus Florida entschließt sich, nicht weiter an seinem umfangreichen Werk „starrende Gesichter“ zu arbeiten und stattdessen in Miami einen Minikiosco zu eröffnen, um näher bei seinen Eltern zu leben.
Mariano versetzt dem Stamm des einzigen Baums in der French 2600-2700 einen derart heftigen Tritt, dass ihm die Tränen in die Augen steigen. (Grund der Wut: Mariano hört unablässig Stimmen, die ihn ärgern.)
Laprida 1956, zweiter Stock. Als Gonzalo am Morgen das Haus verließ, saß Daniela aufrecht im Bett, die umschlungenen Knie an die Brust gepresst. Und als er jetzt zurückkehrt, findet er sie in derselben Position vor, als habe sie sich den ganzen Tag nicht bewegt. Er hat keine Ahnung, ob sie sich im Verlauf des Tages angezogen und weder ausgezogen hat oder ob sie ihre Schlafsachen einfach anließ. Die abgestandene Luft im Schlafzimmer lässt eher auf letzteres schließen.
In der Residencia Masella lehnt Rentner Socrates das Angebot von der Bürohilfe Clara ab, sie am Wochenende nach Montevideo zu begleiten. Frauen hat er längst aufgegeben. Seine Meinung ist klar: Nein danke, wirklich nicht, in meinem Alter kann ich meine Hüllen allein ausziehen.
Ricki hat einfach Schwein heute: In der bewachten Estación ist noch ein Parkplatz frei. Im Italclean nimmt seine Anzüge diese hübsche Frau vom letzten Mal entgegen. Seine Mutter in der Residencia Masella erkennt ihn wieder. Und im Dietética in der Juncal gibt man ihm auf die glutenfreien Spaghetti einfach so 10 Prozent Rabatt.
Laprida 1956, vierter Stock. Bis jetzt hat Gabriel den Tag ohne größere Pannen überstanden. Papa ist nicht in Wut geraten und Mama hat nicht geweint. Bis zum Moment, wo er unabsichtlich die Einstellungen des Satellitenempfängers verstellen wird, geht es ihm gut.
Rodolfo trinkt einen Tee an der Bar im Como en Casa, umgeben von alten Saufkumpanen. Eine der bedrückenden Begleiterscheinungen der Nüchternheit ist, denkt Rodolfo, dass man sich ihren Quatsch nicht nur anhört, sondern sich am nächsten Tag auch dran erinnern wird.
Die Feuerwehrmänner Martin, Sebastian, Enrique und Ricardo im Feuerwehrdepot wissen aus dem Gedächtnis heraus und ohne zu zögern die Geburtstage all ihrer Kinder (total elf) und sie erinnern sich bei jedem an das Geburtsgewicht.
Vor der Iglesia Evangélica Bautista bremst Pablo ab, bekreuzigt sich und betet: „Gesegnet sei alles, was lebt. Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Kinder der Erde, seid gesegnet um eurer Leben willen, ihr seid die Freude der Welt.“ Dann fährt er weiter.
In seinem Mund spürt Lehrer Humberto auf dem Heimweg vom Colegio Rio de la Plata plötzlich den Kaugummi, den er zwischen Gaumen und Zunge vergessen hat, und der inzwischen bis zum Ekel geschmacklos ist.
Zu jedem Menschen gehört eine Geschichte, denkt der Writer-in-Residence im Cambalache (Pizza, Empanadas), ich habe also immer etwas, worüber ich schreiben kann. Ein kleines Mädchen, vielleicht vierjährig, spielt an seinem Tisch mit den Zuckersäckchen und Papierservietten, ruhig und im sicheren Wissen, dass beide Eltern ganz in der Nähe über es wachen.
21-05-10
Einmal um den Block – Mikrogeschichten aus meinem Viertel
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks



