Wieso glaube ich, dass der Lift schneller kommt, wenn ich mehrere Male auf den Knopf drücke?
Sich die Lunge aus dem Leib hustend zieht sich der Writer-in-Residence in sein Departamento zurück, zieht die Vorhänge zu, stellt den Computer ab, und hätte er einen Wellensittich zur Gesellschaft, würde er ihn mittels einer über den Käfig geworfenen Decke ruhig stellen. Ich bin also krank, lungenkrank, und meine beiden Töchter, die mir Chips, Zwiebelumschläge und Honigmilch herschleppen könnten, sind am anderen Ende der Welt. Von wegen Erkältung! Wenn ich erst im Hospital Alemán mit dem Tod ringe, wird es mir noch sehr leid tun, mich tagelang nachlässig als Allerweltserkälteten behandelt zu haben.
Ich leide tapfer wie ein Held. Wäre ich zu Hause, verböte ich den Kindern streng – so streng, wie das in den vorvorletzten Atemzügen zu schaffen ist – irgend etwas an ihrem Alltag zu ändern, etwa leiser zu spielen, auf dem Sofa herum zu springen, Märchenkassetten zu hören. Ich würde nicht losbrüllen, falls die trällernde Gefährtin versehentlich die Tür ins Schloss fallen ließe und zu laut mit René und Urs im Garten plauderte.
Meine Familie und ich, wir wohnen aus liebe-erhaltenden Gründen nicht zusammen, und doch kann ich mir schwer vorstellen, die Lungenentzündung allein in meinem Zimmer an der Brückfeldstraße auszukurieren. Ein heroisch leidender Mann bleibt mit seiner Krankheit ungern allein. Er teilt sein Martyrium gern mit mitfühlenden Wesen – mitfühlenderen Wesen als dies nicht existierende Wellensittiche sind.
Im Wartezimmer von Doktor Fernando di Gennaro stehen drei dekorative Aschenbecher und ein Mobiliar, das an ein kleines, aber edles Antiquitätengeschäft gemahnt. An den Wänden zwei alte Familienporträts, viktorianische Jagdszene, in der Ecke eine Vase mit frischen Blumen. Was hätte Agatha Christie daraus gemacht – eine Leiche im breiten Sessel zwischen Grammwaage und den in Leder gebundenen pharmazeutischen Lexika, die aus der Zeit stammen, als die Leute noch Predigten lasen. Hereinbrechendes Licht, wenn am Morgen die Arztgehilfin die Vorhänge zurückschlägt und die Jungfer Maria Ester Noemi Amodeo tot im Sessel findet.
Den Diplomen an den Wänden nach teilt Doktor Fernando die Praxis mit seinem Vater, und wie wohl viele, die in die Fußstapfen ihrer Väter treten, arbeitet er nun pausenlos, um sich selber mögen zu dürfen und den Respekt seiner Familie annehmen zu können: im Hospital Alemán, an der Uni, in der Praxis ... Fernando ist zweiunddreißigjährig und hat zwei Kinder.
„Bleibt Ihnen Zeit für die Kinder, Ihre Frau?“
Der Médico lacht matt.
Morgens um drei, wenn ich wegen dem Husten nicht schlafen kann, schaue ich mir Fotos meiner Kinder und der Gefährtin an, und da ich ein sentimentaler Esel bin, schenke ich mir ein Glas Wein ein und proste ihnen zu.
20-05-10
Im Wartezimmer von Doktor Fernando di Gennaro
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks



