Juan, der im Verkauf arbeitet, ist mein Sitznachbar. Ja, er fahre täglich Bus, was in Punkto Nervenverschleiß an manchen Tagen einem Einsatz als Kampfflieger entspreche. Der Busfahrer rast in wildem Tempo durch die engen Calles. Nur ein einziges Mal bremst er, weil ein uniformiertes Kind vom Bürgersteig springt. Von Juan erfahre ich, dass ein Busfahrer sonst nur an einer Haltestelle bremse oder, wenn er einem Freund am Steuer eines anderen Busses begegne. Dann blieben beide Busse mitten auf der Straße stehen, die Fahrer kurbeln die Fenster herunter und schütteln sich schwatzend die Hände. Es stört sie dabei nicht, dass sie in den Verkehrsadern von Buenos Aires eine Thrombose verursachen und alle Autos wie verrückt hupen.
Jeder Passagier hat seine eigene Methode, um im unbarmherzigen Verkehr das seelische Gleichgewicht zu halten. Juan atmet tief, aber kaum hörbar aus, wenn sich der Bus in Unfall, Mord und Totschlag zu verwickeln droht. Eine Dame scheint zu beten, vielleicht hofft sie, die Gebenedeite werde sie für heute verschonen. Andere stecken sich iPods in die Ohren und blicken fatalistisch auf ihre Knie. Nur wenige haben die Nerven, die Telefonate des Tages zu erledigen. Mir kommt es vor, als segelte ich unter Deck eines Sklavenschiffes ums Kap Hoorn.
Der Bus hält, gibt Passagiere ab, nimmt neue Passagiere auf, für ein paar Sekunden ruht die Welt ... Schon ist der Bus im Begriff loszufahren. Der in diesem Moment zur Haltestelle schreitende Herr wirft den Kopf zurück und beginnt mit den Füßen eilende Bewegungen auszuführen; er macht ein schalkhaftes Sprünglein und beginnt zu traben, lächelt dabei, als tue er dies nur zu seinem Vergnügen. Dann hält er plötzlich seine Aktenmappe fest vor die Brust und beginnt aus Leibeskräften zu rennen. Der Busfahrer, der auf diesen Augenblick nur gewartet hat, fährt jetzt mit voller Geschwindigkeit los. Der ihm nachjagende Herr vollführt einige verzweifelte Sprünge, während wir uns rücksichtslos entfernen. Jetzt kommt der rennende Herr zur Einsicht, dass er uns nicht mehr einholen wird, seine Schwungkraft bricht jäh zusammen, noch einige matte Sprünge, dann bleibt er stehen. Seine Handbewegung ist universell und besagt: „Rutsch mir den Buckel runter, Dreckskiste, ich warte auf einen anderen und besseren Bus, als du es bist.“
Da mich der Bus vor dem Hospital Alemán in die Freiheit entlässt, denke ich, könne ich meine ethnologischen Erkundungen noch ein wenig fortsetzen und während der Beschaffung hustenstillender Säfte die argentinische medizinische Grundversorgung aus nächster Nähe betrachten. Obschon ich mich rühme, meine Prioritäten zu kennen und das Wesentliche vom Nebensächlichen unterscheiden zu können, muss ich mir eingestehen, dass mich, ehrlich gesagt, mein Dauerhusten beunruhigt.
Das Hospital Alemán ist ein Bau, der beinahe einen ganzen Block einnimmt. An der Kasse von Laura Gonzales bezahle ich 124 Pesos und erhalte eine Nummer, die mich zu einer Untersuchung in einem der 33 Sprechzimmer berechtigt. Patienten warten auf den Aufruf ihrer Nummer in gereihten Schalensitzen, die mit weichen Plastikkissen bezogen und im Rücken gefedert sind. Im offenen Innenhof sprudelt Wasser und bewässert formvollendete Farne und Regenwaldbäume. Jetzt, wo ich auf die Sprechstunde warte, verschlechtert sich mein Zustand, worüber ich froh bin, denn nichts ist peinlicher, als von einem Arzt als Weichling betrachtet zu werden.

„Husten Sie in die Armbeuge.“
„Klar, Entschuldigung.“
Der Arzt mit dem beneidenswerten Namen Alejandro Fabian Irastorza hört meine Lunge ab und schickt mich ins Untergeschoss, wo ich Mariela Deregibus weitere 175 Pesos aushändige, um von Leonardo dreimal radioaktiv bestrahlt zu werden. Nachdem sich herausgestellt hat, dass ich eine veritable Lungenentzündung nach Südamerika eingeschleppt habe, bin ich – wie der Chinese Lito in Ariel Magnus’ Roman „Ein Chinese auf dem Fahrrad“, wenn man ihm die Wahrheit ins Gesicht sagt – deprimiert.
Aus purem Trotz spaziere ich noch eine Weile Keime verbreitend durch die Stadt. Passiere das Colón und den Obelisk – die beiden Wahrzeichen, die ich kaum eines Blickes würdige, da ich zu sehr eingenommen bin von zwei Glasscheibe-Trägern, die eine haustürgroße Scheibe im Rush-Hour-Getümmel auf der Avenida 9 de Julio heil über fünf Fußgängerstreifen bis zum Eingang einer Versicherungsagentur tragen. Ich bin nicht der einzige, der ihnen lachend gratuliert.
Verkehrszählung: Auf hundertzehn Fahrzeuge kommen zweiundvierzig Taxis und sechs Fahrräder. Von den sechs Fahrrädern haben zwei Gangschaltung, vier sind Eingänger. Noch nirgends habe ich ein Autofahrverbotsschild gesehen, aber bereits zwei Fahrradfahrverbote.



