
Wer diesmal kurz davor steht, alles hinzuschmeißen, bin ich: Seit mindestens vierzig Minuten liege ich mit einer Verkäuferin im Clinch, die, wie die meisten Bewohner dieser Stadt über fünfzig, nicht ein Wort Englisch spricht. Jemand – wahrscheinlich von einer staatlichen Behörde wie dem Erziehungsministerium oder dem für Kultur oder für Tourismus – muss diesen Leuten nach der Wiedervereinigung beigebracht haben, „a little bit“ zu antworten, sobald sie gefragt werden, ob sie Englisch sprechen. Leider befolgen sie diese Anweisung, was die Verständigungsschwierigkeiten nur erhöht. Es war schon kompliziert genug, der Dame klar zu machen, dass ich nicht irgendeine Art von kleinem Koffer suche, selbiger sollte vielmehr darüberhinaus der Kategorie „Handgepäck“ entsprechen. Das Ende der Sackgasse und jeglicher Verständigung war jedoch erreicht, als es irgendwann darum ging, mir zu zeigen, wie der Code des Sicherheitsschlosses funktioniert. Auf halbem Wege hat die Frau etwas vergessen oder durcheinandergebracht, und nun stehen wir da, jede auf einer Seite der Verkaufstheke und zwischen uns wie ein Leichnam bei einer gerichtsmedizinischen Untersuchung der kleine Koffer, den die gute Frau zwar zubekommen hat; jetzt weiß sie allerdings nicht mehr, wie er aufgeht. Etwas, was genau weiß ich noch nicht, macht mich dabei zu ihrer Komplizin, vielleicht ist es der Kugelschreiber, den ich ihr geliehen habe, um die Sache entsprechend der – nur auf Deutsch verfassten – Bedienungsanweisung in Gang zu bringen, oder auch die drei Zahlen, die ich ihr mit den Fingern meiner Hand anzeigte, als spielten wir ein Ratespiel, bei dem man sich nur per Pantomime ausdrücken darf, wodurch sich die Zahlenfolge in meinen persönlichen Geheimcode verwandelt hat. Jedenfalls bin ich jetzt gewissermaßen so sehr in die Sache verstrickt, dass ich nicht auf der Stelle kehrtmachen und mit Türenknallen das Geschäft verlassen kann, nicht so ohne Weiteres, meine ich. Deshalb versuche ich es erneut, variiere mit allen mir zur Verfügung stehenden Ausdrucksmöglichkeiten die vielleicht zehn Wörter, die meiner Schätzung nach dem Inhalt des englischen a little bit entsprechen sollten. Aber alles bleibt vergebens. Suchend lasse ich den Blick durch den großen Verkaufsraum schweifen und frage, aus Verzweiflung auf Spanisch, wie es sein kann, dass niemand in diesem vierstöckigen Gebäude, das bis unter die Decke mit Sachen vollgepackt ist, die man käuflich erwerben kann, Englisch spricht.

Die Frau ruft drei Kolleginnen herbei, sämtlich Altersgenossinnen und um nichts weniger verschlossen. Sie ziehen und zerren an dem Köfferchen, das schon bald mir gehören soll, als wollten sie an einem früheren Liebhaber Rache nehmen. Ich zögere jedoch, dem Koffer zur Seite zu springen, schließlich weiß ich ja gar nicht, ob er immer noch für mich bestimmt ist – indem ich ihn verteidige, mache ich mich jedenfalls noch mehr zur Komplizin, sage ich mir. Die erste Verkäuferin hat angefangen zu schwitzen, ihr Gesicht ist von einer überall gleichmäßig feuchten Schicht überzogen, als hätte sich in ihrem Inneren eine hochmoderne Sprinkleranlage in Gang gesetzt. Eine ihrer Kolleginnen verschwindet, um bald darauf mit einem Deutsch-Englischen Wörterbuch aus der entsprechenden Abteilung des Geschäftes zurückzukehren. Ich reiße es ihr aus den Händen wie ein Bettler, der, inmitten einer Schar halbverhungerter Schicksalsgenossen stehend, plötzlich einen Brotkrumen entdeckt hat. Aber auch das hilft nicht weiter. Es gelingt mir nicht, aus lauter einzelnen Wörtern einen deutschen Satz zu konstruieren, nicht einmal den allereinfachsten. Vielleicht liegt es auch nur an meiner Aussprache, die offensichtlich unüberbrückbar weit vom richtigen Klang entfernt ist. Da fällt mir ein, dass mein Zug morgen in aller Frühe abfährt, was mich nur noch mutloser macht. Da erscheint eine Kundin, die perfekt Englisch spricht, aber auch das hilft jetzt nicht mehr. Sie schafft es weder, den Koffer aufzubekommen, noch den Code zu knacken. Und ich erst recht nicht – selbst wenn die Bedienungsanweisung in argentinischem Spanisch verfasst wäre, wäre ich außerstande, sie zu verstehen. Da richtet die erste Verkäuferin plötzlich in einer genialen Wendung – das ist wirklich hohe Schauspielkunst – den Blick für einen kurzen Moment auf den Boden, hört ebenso schlagartig zu schwitzen auf, wie sie angefangen hatte, und sieht mich dann mit einem klassischen „Was-kann-ich-für-Sie-tun?“-Gesicht an. Ich stammele etwas in ich weiß selbst nicht mehr welcher Sprache, während das Wörterbuch weiterhin aufgeschlagen auf der Theke liegt. Ich klappe es zu und überlasse mich ihrer Führung, wie wahrscheinlich jeder Schauspielschüler, wenn er zum ersten Mal neben einem wirklich großen Darsteller, neben dem Leinwandidol seiner Kindertage, auf der Bühne steht. Sie spielt ihre Rolle dermaßen überzeugend, dass ich nicht einmal mehr die Kofferleiche auf der Theke zu sehen glaube, zumindest erscheint sie mir nicht mehr als das unverkäuflich-unbrauchbare Objekt, das das Scheitern unserer Begegnung bekundet. Dafür füge ich mich meinerseits in meine Rolle und verlasse schleppenden Schrittes den Ort, als hätte ich mich hier bloß einmal umsehen wollen.
Draußen gehe ich mit dem gleichen schleppenden Schritt weiter – im Grunde genommen ist das eine meiner Lieblingsrollen. Dabei fällt mir ein, dass ein Stück von Supertramp, von dem ich als Teenager, noch vor der Pubertät, begeistert war, A little bit hieß, oder so ähnlich. Woraufhin ich wieder an langweilige Ferienabende denken muss, an denen ich mich damit beschäftigte, den Text dieses und anderer Stücke aufzuschreiben, so wie sie aus einem leiernden Kassettenrecorder kamen, der mir die Arbeit nicht unbedingt einfacher machte. Wie mir auch das Gespräch mit Annerose Heinich wieder einfällt, einer Englischlehrerin, die mir erzählt hat, mit welchen Tricks sie sich zur Zeit der kommunistischen Herrschaft Platten von den Beatles, Rolling Stones und anderen beschaffte, um sie zu überspielen und anschließend heimlich ihren Schülern vorzuführen. Zu ihrer großen Zufriedenheit war sie nie dabei erwischt worden. Es reichte schon, dass sie damit leben musste, als Aussätzige, Verräterin, ja mutmaßliche Spionin angesehen zu werden. Weil nur wenige sich vom Englischen so sehr angezogen gefühlt hätten, dass sie dafür derartige Verdächtigungen auf sich nahmen, habe vor dem Mauerfall auch kaum jemand in Ostdeutschland Englisch gelernt. Seit 1989 hätten sich die Dinge jedoch grundlegend verändert, Englisch sei inzwischen von der ersten Schulklasse an Pflichtfach. Wieder betrete ich ein Geschäft, wo es, wie man mir gesagt hat, brauchbare Handkoffer geben soll. Bevor ich den Mund öffne, überlege ich jedoch genau, ob die Verkäuferin, der ich mich schließlich nähere, wirklich erst in den neunziger Jahren in die Schule gekommen ist.

Übersetzung: Peter Kultzen



