
Das Spiel „Rayuela“ heißt auf Deutsch „Himmel und Hölle“ und hat viele Felder, auf die man springen muss. Warum überspringt man nicht einfach alle? Italien war im Übrigen immer Teil des deutschen Traums und ich wollte die Premiere von „En la medida de las cosas“ sehen, einer Pocket-Oper (wie es im Programm der Biennale hieß) für Sopran, vier Instrumente mit Live-Video, deren Libretto auf zwei Gedichten von Arte y Fuga basiert.

Nach meiner Rückkehr verbrachte ich einen herrlichen Nachmittag mit dem Dichter Ulf Stolterfoht. Ulf hat mir das Haus gezeigt, in dem er geboren wurde, und mich anschließend zum Essen in eine bayerische Kneipe eingeladen, wo ich ein eigenartiges Linsengericht mit Wurst, Nudeln und Schweinespeck aß, während die Chefin des Gasthofs am Nebentisch mit ihrer Familie Karten spielte.
Ulf und ich haben über Poesie gesprochen, über Hölderlin, über Bahía Blanca, über Stuttgart und Berlin, und danach sind wir wie durch Zufall auf ein Thema gestoßen, das mich sehr interessierte. Damit man den Zusammenhang versteht, muss ich erklären, dass die Erzählerin an einer Stelle von La Anunciación (Die Ankündigung) sagt: „Gestern hat Ulrike Meinhof sich das Leben genommen, die deutsche Rebellin, die Pfeife geraucht hat, erinnerst du dich?“ Ulf hat mir erzählt, dass Ulrike Meinhof von hier war. Er erzählte mir auch, dass sie nicht nur Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), sondern auch eine bekannte Schriftstellerin war, die mit dem Publizisten Klaus Röhl (Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Konkret) verheiratet war, und dass er sich sehr gut an ihren „Selbstmord“ erinnert, der mit dem „Selbstmord“ von vier weiteren politischen Gefangenen im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim, das sich ebenfalls in Stuttgart befindet, zusammenfiel. Jean-Paul Sartre hatte das Gefängnis übrigens kurz zuvor besucht und die menschenunwürdigen Bedingungen angeprangert, unter denen die Häftlinge dort gefangen gehalten wurden.
Unser Gespräch war äußerst interessant, weil Ulf mich über den Hintergrund der Rebellenorganisation informierte. Er hat mir erzählt, dass viele der RAF-Mitglieder der ersten Generation – knapp 30 Personen – aus der Oberklasse und/oder aus pietistischen Familien kamen, d. h. evangelisch-lutherischen Familien, die eine individuelle religiöse Praxis vertraten, die, ausgehend von heterodoxen Ursprüngen im 17. Jahrhundert, schließlich in einer moralistischen und konservativen Haltung mündete. Es fiel mir nicht schwer zu verstehen, dass Ulf deshalb von einer komplexen Rebellion sprach und damit andeutete, dass die Kinder in der Auflehnung ebenfalls eine Art des Gehorsams gefunden hatten. Ich wiederum habe Ulf von Trelew nahe Bahía Blanca erzählt. Merkwürdigerweise gab es auch ein Massaker politischer Häftlinge in Argentinien, das mehr oder weniger zur selben Zeit zu einem exponentiellen Wachstum der bewaffneten Organisationen führte.
Der Rest des Tages verlief belanglos. Es genügt, an dieser Stelle zu erzählen, dass ich auf einem so genannten „Bierfest” – einer Art süddeutschem Thanksgiving – gelandet bin.

Das Fest dauert ganze zwei Wochen. Um 11 Uhr werden in einer Art religiöser Zeremonie die Tore riesiger Zelte geöffnet, in denen sich lange Holztische reihen, und man beginnt zu trinken. Das Fest beginnt, sobald man dort ist, und nachdem man sich zwei XXL-Krüge Bier eingeflößt hat, kann es sein, dass man Lust bekommt, auf den Tisch zu steigen und zu singen, wobei man von einem Bein auf das andere wankt wie ein Bär. In meinem ganzen Leben habe ich nur ein Fest gesehen, das diesem ähnlich war. Das war in einem Ort in Texas namens Cowboys Red River – nur dass die Texaner auf einer ovalen Tanzfläche tanzten und zumindest eine gewisse Grazie hatten. Hier sind die vier imposanten Zelte von einem riesigen Rummelplatz umgeben. Wie man sieht, hat das „tiefste Deutschland“ unterschiedliche Gesichter – alle gleichermaßen schaurig. Es erübrigt sich an dieser Stelle zu erläutern, dass jedes Land seine eigenen tiefsten Gefilde hat und dass ich nicht weiß, was ich mit dieser Erkenntnis anfangen soll.
Übersetzung: Christin Kleinhenz



