Vor einigen Jahren zog ich nach Patagonien um, als ich gerade einen Roman über Lärm zu Ende schrieb. Es war seltsam, die letzten Kapitel aus der Perspektive eines neurotischen Städters anzugehen, der nun von der kaum weniger als perfekten Stille der Berge umgeben war. Wie zu erwarten war, beeinflusste die Entdeckung der Existenz dieses Paradieses für die Ohren mein Schreiben, und ich bin sicher, das Buch wäre anders ausgegangen, wenn ich es in der Stadt geschrieben hätte.
Nun gut, in Fortführung dessen, was man schon als eine Tradition oder gar als Vorgehensweise ansehen könnte, bin ich jetzt ins reichste Land der Welt gekommen, als ich gerade einen Roman zu Ende schreibe, der im Armenviertel Villa 31 in Buenos Aires spielt. Schlimmer noch: Ich bin in die Stadt dieses Landes gekommen, in der es keine Armen gibt. Man läuft durch die Straßen und trifft keine einzigen Bettler, sieht keine einzige Dose, nicht einmal ein handgeschriebenes Schild mit der üblichen Bitte an jede beliebige Großstadt, vor allem, wenn jedes Kleidungsstück der Passanten einen Mindestlohn wert ist.
Diese Armut an Armen gibt zu denken. Mich zumindest ließ sie denken, dass die - ebenfalls unsichtbare - Polizei sie wohl aus den Gegenden verjagt, wo sie hätten betteln können. Aber nein. „So richtig Arme gibt es nicht“, sagte mir der Mann von der Touristeninformation am Hauptbahnhof, als ich ihn fragte, wo man sie versteckt hielte. „Und die Ausländer, wo sind die? Welche Gegend empfehlen Sie mir nachts lieber zu meiden?“, ich war fast verstört. „Ausländer gibt es überall, und in Zürich ist es nirgendwo unsicher.“
Zum Glück haute mich, als ich aus der Information kam, ein Schwarzer um Geld an. „Du bist der erste sogenannte Christ, der sich nicht wegdreht, wenn er mich sieht“, sagte er zu mir. „Ich nenne mich nicht Christ“, stellte ich klar. Er quatschte mich fünf Minuten lang in hervorragendem Deutsch voll und erzählte mir, er sei pleite, weil er Bekannten ausgeholfen habe, und brauche jetzt nur was, um keine Ahnung wohin zu reisen („Ich möchte nicht schwarzfahren“, erklärte mir der Schwarze, vielleicht in dem Glauben, seine Zivilisiertheit könne mich rühren, denn was die Klamotten anging, war er besser gekleidet als ich). Dass er mir das Geld am Montag, wenn er seinen Lohn erhielte, zurückzahlen würde, war der Gipfel der Zivilisiertheit. Inzwischen bereue ich, ihm nichts gegeben zu haben, und sei es auch nur, um ihn am Montag zu suchen und bestätigt zu finden, dass er nicht da ist.
Das war der einzige sagen wir mal Arme, den ich bis dato gesehen habe. Der, und einer auf einem Foto in der Mappe, die der Ehrenamtliche einer NGO einem Passanten auf der Bahnhofstraße zeigte, um ihn zu überzeugen, für die Sache zu spenden.
Der Mangel an Armen ist so verzweifelnd, dass es just dieser Tage eine Ausstellung gibt, die sie sichtbar machen möchte. Durch Interviews mit Sozialhilfeempfängern und ein paar interaktiven Spielen (du gibst an, wie viele ihr zuhause seid und bekommst gesagt, wie viel du kriegen würdest, wenn du keinen Job hättest, dann klickst du alles an, was du normalerweise machst, und kapierst so, dass es nicht mal für die Hälfte reichen würde), dadurch sollen sich die Schweizer bewusst werden, dass das Geld schlecht verteilt ist. Mir fällt dazu ein, dass es nur jemandem in einem so hoch kulturalisierten Land einfallen kann, durch „Vermuseumslichung“ denen das Problem nahezubringen, die es nicht sehen wollen.
Während wir auf die neue Zweigroschenoper zum Thema warten, kam gerade dieser Tage dieser Dokumentarfilm im Fernsehen, des anscheinend bekannten Pino Aschwanden (nein, Aschwanden heißt nicht Solanas). Von Anfang an erklärt Pinos Stimme aus dem Off, dass wir keine „Elends“-Geschichten sehen werden, und defininiert als arm jemanden, der noch nie einen Sonnenuntergang über dem Meer gesehen hat oder lange nicht mehr auswärts essen oder mit den Kindern im Zoo war. Ich muss nicht extra sagen, dass die porträtierten Familien nicht nur jede Familie in der Villa 31 vor Neid erblassen lassen würden - die ihrerseits Familien anderer Armenviertel vor Neid erblassen lassen -, sondern auch viele Mittelschichtfamilien.
Mehr oder minder darum ging es in der Kritik im Tagesanzeiger, und sie verdiente sich ziemlich viele negative Kommentare unten auf der Seite. Für viele ist Armut wirklich ein Problem, auch wenn niemand verhungert oder nicht mehr zur Schule geht oder keine medizinische Versorgung hat. Andere stimmen nüchtern zu, dass man nicht von Armut sprechen kann, solange die Grundbedürfnisse gedeckt sind, selbst wenn sie im Vergleich mit dem Besitzer von Nestlé (ich wusste gar nicht, dass das ein Schweizer Unternehmen ist) nicht so gut gestellt sind.
Es muss seltsam sein, in einem Land zu leben, in dem die einzigen Armen sich auf Fotos in Mappen von NGOs befinden oder in den halbgeschriebenen Büchern, die südamerikanische Autoren mitbringen. Ich erinnere mich, dass Carla del Ponte bei dem Abendessen, zu dem sie uns in ihrer argentinischen Residenz einlud, sagte, für sie sei ihr Aufenthalt in Argentinien wie Urlaub von der Welt. „Denn Argentinien liegt außerhalb der Welt, nicht wahr?“, suchte sie unsere Zustimmung, sie sprach dabei ohne mehr Hochmut als den, den man ganz natürlich entwickelt, wenn man im Zentrum der Welt lebt (und in ihrem Fall an den großen Themen der Welt teilhat). In dem Moment war ich einer Meinung mit ihr, denn dieses Gefühl hatte ich stets, wenn ich im Ausland lebte. Doch wo ich nun hier bin und mir überlege, dass auf der Welt die meisten Leute arm sind, frage ich mich, ob nicht die Schweiz das Land ist, das außerhalb der Welt liegt. Im Paradies, so man denn will, ein zu künstliches für meinen Geschmack, jedoch außerhalb der irdischen Realität. Diese Front, an der man in Argentinien nicht neutral sein kann, die man auch nicht ignorieren kann, selbst wenn man nicht in einem Armenviertel lebt.
Vielleicht ist für mich das Leben in dieser Stadt deshalb so wie in den Bergen, wo die Außenwelt einen nicht betrifft. Sie ist da für den, der sie suchen möchte, doch sie wird dich nie suchen kommen. Eine kaum freundlichere, kaum weniger grausame Gleichgültigkeit als die, die ich von der patagonischen Natur zu erwarten lernte.
Übersetzung: Silke Kleemann



