sonntagmorgen. fahrrad und
kilimanjaro, die neue scheibe von superpitcher. beim suchen nach dem nollendorfplatz (zwischen den weltkriegen das mekka des schwulen berlin, isherwoods paradies), der einfach nicht auftauchen will, finde ich den alten st. matthäus-kirchhof, friedhof des bürgerlichen 19. jahrhunderts. ein schöner ort (das erklärt, zum teil wenigstens, den text am eingang, in dem es wunderbar zweideutig heißt: „the cementery soon enjoyed great popularity“.) es gibt asphaltierte hauptwege, aber keine angelegten wege zwischen den gräbern. man muss also über das gras gehen, das wie überall von sattem grün ist, dazu lang und glatt wie das fell eines tiers aus einer anderen zeit, so gigantisch groß, dass man es nicht mehr sieht. vereinzelt stehen holzbänke und stühle herum, die nicht so aussehen, als seien sie „öffentlich“. eher als hätte ein hinterbliebener sie mitgebracht, um ein weilchen bei seinem toten zu sitzen, und sie dann dagelassen, um sich die mühe zu sparen, sie erneut anzuschleppen, oder einfach vergessen. mit der zeit sind sie in den besitz der allgemeinheit übergegangen, für alle da. (und wenn das gerade das geheimnis der stadt wäre? es dahin gebracht zu haben, dass die zeit sich
gut verhält? dass sie nicht abnutzt, sondern veredelt und den dingen und ihrem gebrauch größere reinheit verleiht, dass sie beispielsweise vormals privaten besitz in allgemeingut überführt?) die brüderchen grimm sind nebeneinander begraben, seite an seite. ganz in der nähe zwei avantgardistische grabsteine, der eine mit einer an rodtschenko gemahnenden collage (und einem brahms-zitat), der andere eine abstrakte skulptur aus holz mit rechteckigem ausschnitt in der mitte.
schon wieder auf dem rückweg, mit einem morschen ast als spazierstock (die friedhöfe verwandeln mich in eine art komödien-tiresias), lausche ich dem text zum sagenhaften „black magic“, der spanisch ist. (ich habe gehört, dass superpitcher einmal während einer tournee in buenos aires eine affaire mit f. l. hatte; bestätigen konnte mir das keiner, aber ich kann schwören, dass ich auf keine andere romanze der letzten zehn jahre so neidisch war wie auf diese.) jemand haucht erotisch gestöhnte fetzen von latino-
pidgin: „magia negra/hechicera“. „respira hondo / cachondo“. „te conocí en catemaco / en la isla de los changos / te traje a colonia / a pasear en bicicleta“. und gegen ende das rezept für einen zaubertrank, um das mädchen aus veracruz herüberzuschaffen: „siete pelos de mico / escamas de trucha / una pizca de sales minerales / cuatro párpados de hormiga / dos gotas de limón“. seitlich von mir vollzieht ein junger typ vor einem grab eine art zeremoniell. ganz aufrecht steht er da, fährt ganz sanft mit den händen durch die luft, wie in einer extrem verlangsamten tai-chi-übung. ich schäme mich, ihm länger zuzuschauen. ein paar meter weiter bekomme ich feuchte augen. obwohl r. es mir seinerzeit auf ihre hellsichtige, stets liebevolle art vorgeworfen hatte, ist es das erste mal, dass es mich ernsthaft,
körperlich reut, meinen vater eingeäschert zu haben: nicht die möglichkeit zu haben, ein eigenes ritual zu erfinden, ein zwiegespräch mit dem, was von ihm geblieben wäre.
Übersetzung: Christian Hansen