Heute hielt Stuttgart eine Überraschung für mich bereit. Ich habe mit Joachim Kalka – einem Übersetzer für Englisch und, allem voran, einem äußerst gebildeten Mann, der, genau deshalb, bar jeglicher Arroganz ist – das Archiv von Marbach besucht. Dieses Archiv enthält gewissermaßen alle Manuskripte, Briefwechsel und „Reliquien“ (sic) der deutschen Schriftsteller vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Ich konnte dort die Locken und Socken von Friedrich Schiller, die Röntgenaufnahmen des Thorax von Hermann Hesse und verschiedene Schachspiele, Zeichnungen, Todesmasken und persönliche Gegenstände jeglicher Art betrachten.
Das Archiv, das wohl eher dem Inneren eines mit kleinen Neonröhren beleuchteten Computers ähnelt – so in etwa wie der Computer in Fassbinders Welt am Draht (1973)–, funktioniert wie ein interaktives Spiel. Am Eingang erhält der Besucher ein Netbook, mit dem er sich jedem Manuskript – nehmen wir einmal die erste Seite von Kafkas Der Prozess – nähert und die Informationen auswählt, die ihn interessieren, und den entsprechenden Links folgt: ähnliche Autoren, Wegbereiter im borges‘schen und sonstigen Sinn, „Kuriositäten“ über den Autor etc.
Das Archiv von Marbach umfasst vier Gebäude, die sich auf dem Berghang einer mittelalterlichen Burg befinden, die heute fast vor den Toren Stuttgarts liegt, wo übrigens einer der Dioskuren der deutschen Literatur geboren wurde: der bereits erwähnte Schiller (der andere ist natürlich Goethe). In diesen Gebäuden befinden sich die Bibliothek, die Wohnungen für Forscher, das Literaturmuseum und die geheimen Keller, wo ich neben der vollständigen Korrespondenz der Verleger von Suhrkamp und Insel auch durch die Regale der privaten Bibliothek von Paul Celan wandelte.
Jan Bürger, der für diese verborgenen Schätze zuständig ist, zeigte mir auch die Unterlagen, die seit den 60er Jahren die Einführung der lateinamerikanischen Literatur in Deutschland dokumentieren. Es war der Dichter und Übersetzer Hans Magnus Enzensberger, der – allem Anschein nach – bei Suhrkamp eine lateinamerikanische Serie förderte, übersetzte und sich erfolgreich für deren Veröffentlichung einsetzte. Die Serie begann tadellos mit Die schwarzen Boten von César Vallejo. Später wurden ebenso treffsicher Onetti, Cortázar, Rulfo, Bioy Casares und Octavio Paz hinzugefügt. Borges hat sich der Hanser Verlag unter den Nagel gerissen.
Als ich im Zug zurückfahre, denke ich, dass all diese Reliquiensammlungen, all diese Museen-Mausoleen – die die posthume Version der heutigen Autorenhäuser, Stipendien, Literaturpreise sind – nicht leugnen, dass das Schreiben wie die Unbilden des Wetters ist; im Gegenteil, sie bestätigen es, sie machen es noch deutlicher.
Übersetzung: Christin Kleinhenz



