
Skandalös: Hier liegt Müll auf der Straße. Selbst der kleine Kehrwagen ist wohl beleidigt, wenn er durch dieses Viertel fährt, ist er es doch gewohnt, schon von sich aus saubere Straßen zu säubern.

Skandalös II: Hier sieht man auch Wände, die nicht einheitlich gestrichen und sogar mit Graffiti verschandelt sind.

Hier gibt es Thai-Restaurants, Afro-Shops, junge Eltern mit ihren coolen Kiddies, Verkäufer verbotener Substanzen (Josh?, Josh?, bieten sie dir an), CD-Läden, Bars und Cafés. Es gibt coole Läden, wie diesen minimalistischen hier, der nur vier Artikel verkauft (oder so lautet die Werbung, doch eigentlich verkaufen sie von jedem Objekt mehrere Arten, womit die Idee, dass man nicht so viel Auswahl hat, ein wenig verloren geht; die Produkte, den Verkäufern zufolge alles Gebrauchsgegenstände für das tägliche Leben - und ich bin einverstanden mit dem Glas, vielleicht, und selbst wenn man ein Handy hat, mit dem Wecker, aber Bürste und Schuhcreme? Kommen wirklich die Banker zum Kaufen her? -; die Produkte, da war ich gerade, werden zwei Wochen lang verkauft, dann schließt der Laden für einen Monat und eröffnet mit vier neuen Produkten neu, wieder für zwei Wochen), oder ein Schuhladen, in dem ein berühmter Schauspieler bedient (das besagen die Zeitungsausschnitte, die im Fenster hängen, für mich sieht er nur wie ein Großmaul mit Schuhgesicht aus). Da ist auch diese alte Kaserne, jetzt der Sitz von Theatern, Ateliers, Produktionsfirmen, verschiedenen Gesellschaften und sogar einer Milonga. Und die Bäckerei Happy, 365 Tage im Jahr 24 Stunden am Tag geöffnet.
Alles ist freundlicher in diesem Teil der Stadt, wenn die Preise auch ziemlich verboten bleiben. (Man sagte mir, billig seien hier, nicht in diesem Viertel, sondern in der Schweiz, neben Lindt-Schokolade - die anderen Marken nicht unbedingt - Whisky und Parfüm. Mir scheint bemerkenswert, dass dies zwei Produkte sind, von denen ich mein Lebtag nicht mehr als eine Flasche konsumiert habe, den Whisky bei meinem ersten Besäufnis - seither kann ich ihn nichtmal mehr riechen - und das Parfüm bekam ich zu meiner Bar Mitzwa geschenkt, es muss immer noch halbvoll irgendwo rumstehen.)
An der Langstraße sind die Sex-Shops, die Bordelle und die Prostituierten. Die Straßenprostitution ist eins der heißen Themen der Stadt. Anscheinend hat sie stark zugenommen, und die Frauen, hauptsächlich vom Balkan (wenn ich auch mehrere Brasilianerinnen gehört habe, aber nun gut, vielleicht ist das mein selektiver Hörsinn), arbeiten unter üblen Bedingungen und dem Kommando brutaler Zuhälter. Genau einer dieser Ausbeuter steht gerade vor Gericht, und einige seiner Ex-Sklavinnen sagen gegen ihn aus. Das Problem ist, dass diese Frauen so oder so abgeschoben werden, und was anschließend mit ihnen in Rumänien oder woher sie auch kommen geschieht, interessiert dann keinen mehr.

Plakat für einen der Filme, die am Eingang eines Pornokinos angepriesen werden. Es soll eine „Alpensaga“ sein, gesprochen in der Sprache der Berge, aber mit englischen Untertiteln. Alles in allem, und nicht, um es an Respekt für die Schauspielerinnen mangeln zu lassen, reizt mich nach wie vor am meisten der Laib Käse unten rechts.

„Großes Schweizer Kino“ wird oben verkündet, wenn Mercedes Escobar auch nicht gerade nach einem sehr schweizerischen Namen klingt. Auf der Milchkanne links steht recht unverblümt „Sackmilch“. Den Titel des Films verstehe ich nicht, vermutlich ist er aber ebenso subtil und elegant.
Übersetzung: Silke Kleemann



