
mittagessen mit m. in der paris bar, einer brasserie, die in der künstlerschickeria der achtziger und neunziger geglänzt hat (bilder an den wänden, porträts von yves saint-laurent und ben gazzara, ein schwarzweißfoto, auf dem sich ein junge, der aussieht wie jean-pierre léaud, von einem mädchen, das aussieht wie patty smith, einen blasen lässt), nach einigen steuerlichen problemen ins schlingern kam (m.: „sie konnten nicht erklären, wo der ganze wein abgeblieben war“) und bankrott ging. man sollte nur in großartige läden gehen, die zusammengebrochen sind und sich dann wieder erholt haben: sie sind immer leer, sie bewahren die ticks und die aura einstiger größe und sie bemühen sich, uns davon zu überzeugen, dass sie immer noch viel zu geben haben.
anschließend besuchen wir die helmut newton stiftung, eine ausstellung von n.s frau alice springs, fotografin berühmter leute und der welt der mode. mehr vom selben. im untergeschoss die sogenannte „private kollektion“ von h. n. genauso enttäuschend wie die öffentliche kollektion seiner frau. viele titelseiten. ich erfuhr, dass der arme n. durch sein eigenes auto umgekommen ist, noch nicht einmal gewaltsam. mit m. zweifeln wir: was, wenn der ausgestellte geländewagen die mordmaschine war? das museum eines echten farceurs. h. n. hätte argentinier sein können oder ein paparazzo mit dreistigkeit und glück oder – im besten fall – einer jener unwiderstehlichen hochstapler, deren geheimnis nur peter sellers zu kennen scheint. das beste kunstwerk der ausstellung: die serie von frauenperücken, die n. benutzte, um seine models herzurichten, morbide reliquien aus der photoshop-vorzeit: falsche brustwarzen, silikonbrüste, ein wirbel künstlichen schamhaars.
von dort zum hamburger bahnhof, um mir bruce naumann anzusehen. zweite enttäuschung des nachmittags. es sind ältere werke, fast alle kenne ich schon (die besten sind immer noch die videos, besonders das unglaubliche clown torture), und die wenigen neuen – der pseudo richard serra, den er in kassel präsentiert hatte – sind schlechte scherze. einmal mehr ist das museum der star. es besteht aus einem alten gebäude und einem neuen anbau, der aus dem alten wie ein endlos langer, gigantisch großer gang herauswächst, der von außen aussieht wie ein schiffscontainer, in dem ein außerirdischer lindwurm wohnen könnte. seltsamerweise handelt es sich um ein einbahn-museum, ein one-way-museum, das man nur in einer richtung durchlaufen kann, wie ein pfeil, unumkehrbar, denn wenn man das ende erreicht hat, kann man nicht hinaus, sondern muss den ganzen weg wieder zurück, sich alles, was man schon gesehen hat, noch einmal ansehen (oder zu beiden seiten erahnen, während man den gut und gern zwei kilometer langen gang zurücklegt). das beste: der museumswächter, der sich allein wähnt und vor einem von paul mccarthy verkohlten michael jackson genüsslich die haare kämmt.

im kaiser’s (wie der titel meines debüts als drehbuchautor für eine deutsche tv-sitcom lauten müsste). der wärmste tag im september. ich warte darauf, meine flasche prosecco, meine vier cola light und mein halbes pfund pfirsiche zu bezahlen. vor mir versucht ein etwa fünfzigjähriger obdachloser zwei kleine flaschen bier zu bezahlen. mütze, schal, lederjacke, schwarze jogginghose, schuh-pantoffeln (mit runtergetretenen fersen). zeit vergeht. er beklagt sich laut: „ich komme oft her, und immer behandelt man mich wie einen fremden.“ er hat dem kassierer alle seine münzen hingeschüttet. er redet weiter vor sich hin, dreht sich aber irgendwann etwas in meine richtung, und ich fühle mich angesprochen. was er gesagt hat, verstehe ich nicht und frage – das hohe bildungsniveau eines durchschnittlichen berliner obdachlosen voraussetzend – auf englisch, dicht an seinem ohr: „wie viel brauchen sie?“ der typ beginnt zu lachen und antwortet auf englisch: „bitte sehr, war nur ein witz!“ er fragt, woher ich komme, während er so tut, als suche er in seinem portemonnaie nach dem geld, von dem er weiß, dass er es nicht hat – obwohl einige bankkarten zum vorschein kommen. „ich hoffe, sie haben es nicht eilig“, sagt er und startet eine langsamere und peniblere suche. er schiebt die hand in die tasche seiner lederjacke und macht dabei ein geräusch, als griffe er in lauter plastiktüten. „früher oder später werde ich fündig werden...“, sagt er. zu viel zeit vergeht. ich frage ins leere: „wie viel fehlt?“ „fünfzig cent“, sagt der kassierer. ich lege eine 50-cent-münze aufs band. der obdachlose erzählt mir, er lebe hier im viertel, er treibe sich ständig hier rum, jeder kenne ihn. und wenn wir uns das nächste mal träfen, würde er bezahlen. „im ernst“, sagt er, „denken sie daran.“ ich sage, ich würde ihn beim wort nehmen. er packt seine bierflaschen, droht damit zu gehen, bleibt stehen und sieht mich wieder an: „ich würde mit ihnen weggehen“, sagt er, „aber... ich bin pleite!“ als er geht, frage ich den kassierer, ob er ihn kenne. „ich sehe ihn zum ersten mal in meinem leben“, sagt er. „er führt sich auf, als sei er die große nummer hier im viertel.“ „dann wird es wohl so sein“, sagt der kassierer. es macht 10 euro 50. ich bezahle mit einem zwanziger. „haben sie keine fünfzig cent?“, fragt der kassierer.
coda: als ich aus dem kaiser’s komme, hat sich der obdachlose die biere unter den arm geklemmt und feilscht mit der besitzerin eines second-hand-ladens an der ecke um den preis einer lederweste.
Übersetzung: Christian Hansen




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Por ciwerto: Knesebeck 11
Alejandra