samstagmittags im kaiser’s, gähnende leere zwischen den regalen. ich trödele zu lange mit dem verpacken meiner einkäufe in die plastiktüten – letztere sind aus dem supermarkt und ich bringe sie jedes mal mit. beim ersten mal musste ich sie bezahlen und schwor mir, das nie wieder zu tun: es gibt nichts unwürdigereres, als für eine plastiktüte zu bezahlen – und die kassiererin fragt den kunden hinter mir, einen sehr weißen deutschen mit weißem bart und schirmmütze, ob das, was noch auf dem band liegt, von ihm sei. (es gehört mir, eine melone.) der typ grunzt, knallt einen dieser trennklötze, die unsere einkäufe portionieren, links neben die melone, und deutet mit dem kinn auf mich, kaut seinen ärger, lässt schweinsäuglein mit krimineller geschwindigkeit zu mir herüberspitzen. mir ist nicht klar, was genau passiert ist. mir ist bloß bewusst, dass ich den ablauf des geschehens irgendwie durcheinander gebracht habe und dass das nicht nur nicht gut ist, sondern bei den beteiligten unerwartete reaktionen hervorrufen kann.
nachrichten aus der welt der tiere.
in der lietzenburgerstraße reißt sich ein sibirischer husky los, überquert eigenmächtig die fahrbahn, den blick fest auf einen belgischen schäferhund geheftet, den seine besitzerin, eine anorektisch gefärdete, sehr kontrolliert wirkende grace kelly an der leine zu halten versucht. die besitzerin des huskys läuft ihrem hund laut rufend hinterher. grace k. hält sich wacker, das lächeln gefriert, verkrampft zusehends und lässt ihre Kiefer flattern. die beiden tiere kommen zusammen, die besitzerinnen zu spät. die situation droht zu eskalieren: das ist jetzt eine sache unter hunden. (ich denke an einen deutschen science-fiction-roman: es herrscht klassenkampf, jedoch unter tieren, und die menschen geraten zwischen die fronten, in ein kreuzfeuer aus gebell, instinkten, geifer und grausamkeit.)
vergangene woche beim essen mit s. und c. in einer bar in charlottenburg. ein typ geht sehr grob gegen sein hündchen vor. offenbar hat sich das tier schlecht benommen. er zerrt es an der leine, obwohl das tier in seiner zerknirschung nicht den geringsten widerstand leistet. herrchen muss zeigen, dass es wütend ist, um die forderungspunkte eines sozialen comments zu erfüllen.
im gleichen zeitraum: eines nachmittags am s-bahnhof savignyplatz, zurück aus hamburg. ein alter zottiger hund und sein besitzer, ein junger mann in leichtem hippie-look. schon nach ein paar schritten wirft der hund seinem herrchen einen flehenden blick zu, als wollte er ihm etwas kundtun. das herrchen, ihm abgewandt, bekommt davon nichts mit. der hund macht ein gesicht, als hätte er sein möglichstes getan, und streckt sich bedächtig auf dem bahnsteig aus. es reicht, dass sein herrchen den leichten widerstand am anderen ende der leine spürt, um zu wissen, dass etwas geschehen ist. er hält inne, dreht sich um, sieht den hingestreckten hund und beginnt, in langsamen kreisen um ihn herumzugehen, als sei das ein seltsames ritual. von zeit zu zeit zieht er leicht an der leine, um das tier reagieren zu sehen. er wiederholt das drei-, vier-, fünfmal, im zentrum des kreises der hund, seelenruhig, wie ein gewerkschaftsvertreter, der seine verbrieften rechte wahrnimmt. Bis die s-bahn einfährt und der hund sich wundersamerweise genauso langsam erhebt, wie er sich vorhin ausgestreckt hatte; sein herrchen führt ihn an der leine, und gemeinsam steigen sie in den waggon.
in kreuzberg am ausgang eines kaiser’s. fünf personen stehen um einen angeleinten hund herum, der jaulend auf sein herrchen wartet und sich wälzend seiner fessel zu entledigen sucht.
mir ist nicht ganz klar, was sie tun, tun werden: den hund befreien? sein herrchen verprügeln? ihn anzeigen?
hunde in der s-bahn. hunde in den galerien, den lobbies von hotels, den warteschlangen in banken. ich weiß noch, wie es mich beeindruckt hat, dass meine deutsche großmutter nicht bereit war, irgendwohin zu gehen ohne ihre hunde. im alter von über sechzig sorgte sie sich nicht um kabinendruck, jet lag oder zwölfstündige flugzeit, sondern darum, wie es ihren im laderaum eingesperrten lieblingen erging.

wie sehr ich sie in dem alten hulk erkenne, der mich anbrüllt, mit dem rad vom bürgersteig zu verschwinden. auch meine großmutter war der gipfel der wohlanständigkeit. sie vertrat das prinzip, wonach wahres wohlverhalten keiner verbote und durchsetzenden gewalt bedarf. selbst aber wäre sie bereit gewesen, zu töten, wenn jemand aus der Reihe tanzte, die ungeschriebenen Gesetze ausnutzte, um etwas anderes zu tun. immer scheint es diese annahme zu sein, die solche wutanfälle erklärt: nicht dass ein irrtum, eine verwechslung oder ein missverständnis vorliegt, sondern dass jemand sich über einen stillschweigenden Pakt hinwegsetzt, wonach alle einen gewissen Verzicht zu leisten haben. und so kommen sich bei solchen zwischenfällen wohlverhalten und verbrechen näher als jemals sonst.
zwei grundhaltungen: ausbruch und chronifizierung. besonders stabile lebensweisen grenzen in gewisser hinsicht an die katastrophe. jede zufälligkeit kann anlass für ein desaster sein und der rückkehr zu brutalster irrationalität den weg bahnen. instabile lebensweisen, wo es permanent kriselt, sind schwieriger lebbar, aber paradoxerweise in dem sinne „weiser“, als sie den zufall wie eine chronische krankheit integrieren – nicht wie eine äußere gewalt behandeln – und insgesamt belastbarer sind.
Übersetzung: Christian Hansen



