

Das hat mich glücklicherweise getröstet. Gleichzeitig erinnerte es mich an ein Erlebnis, das ich schon fast vergessen hatte. Vor vielen Jahren, als ich gerade mit dem Schreiben begann, zeigte ich einem alten Dichter (natürlich aus meiner damaligen Perspektive) eines meiner Gedichte. Er las es aufmerksam und nach einer kurzen Pause sagte er: „Weißt du, María, dein Gedicht ist gut, aber es tröstet mich nicht.“ Noch heute kann ich mich an die Mischung aus Machtlosigkeit, Verwirrung und Wut erinnern, die ich in jenem Moment verspürte. Seit wann hatte ich die Verpflichtung zu trösten? Weshalb trösten? Wen? Und wie?
Es hat eine gewisse Zeit – Lebenszeit – in Anspruch genommen, bis ich verstanden hatte, um welche Art von Trost es ging. Man muss Schicht für Schicht der Seele durchdringen, um an diesen Ort zu gelangen, an dem man eine Verletzung teilen kann und es möglich ist, etwas mehr als die persönliche Tragödie zu beleuchten. Heute würde ich sagen, dass das unabdingbar ist. Wenn das fehlt, fehlt eigentlich alles. Vielleicht habe ich deshalb letztens auf dem Schlossplatz – als ich die „Eloi“ beobachtete – die blaue Blume von Novalis gezeichnet. Es war, als ob dieser Gedanke an Heinrich von Ofterdingen und seine hartnäckige Suche nach der blauen Blume mir auf subtile Weise die Augen geöffnet und einen Schmerz gestillt hätte, von dem ich nicht einmal wusste, woher er rührte.
Wir leben von diesem Trost, von diesen zufälligen Begegnungen mit dem Licht. Ulf Stolterfoht hat aus Bahía Blanca berichtet, dass ich ihm ein Exemplar der englischen Übersetzung von El viaje de la noche (Night journey) geschenkt habe, als wir uns in Buenos Aires kennenlernten. Kurz darauf, hat er eines der Gedichte des Buches, nämlich „El diccionario infinito” („The Infinite Dictionary”) ins Deutsche übersetzt, ohne dabei auf das spanische Original zurückzugreifen. Damals wussten wir beide noch nicht, dass ich während meines kurzen Zwischenstopps in New York vor meiner Reise nach Deutschland in meiner Bibliothek ein Buch von Ulf in seiner englischen Übersetzung finden würde, nämlich Fremdsprachen I-IX. (Es war eines von mehreren Büchern, die mir Rosmarie Waldrop, Dichterin, Übersetzerin und Herausgeberin von Burning Deck Press, geschickt hatte). Zufall? Objektives Schicksal? Das Buch habe ich natürlich in meine Reisetasche gesteckt. Und gestern und heute habe ich das gemacht, was Ulf auch schon in Bahía Blanca gemacht hat. Ich habe eines seiner Gedichte aus dem Englischen übersetzt, ohne dabei auf das deutsche Original zurückzugreifen. Das ist es:
Ulf Stolterfoht – DichtenÜbersetzung: Christin Kleinhenz
dichterberuf unter besonderer berücksichtigung des
Gesetzes zum schutz der gattungszeichnung «steller»
(titel). Inhalt: früher hofmeister in waltershausen.
Heute stadtschreiber in mitte. Glück gehabt / auf
Herz-as gesetzt: die erkenntnisgeschäfte in
lyrik und prosa. Nur wenig später kam der knick.
Hatte (wohl sein verständnis von sozialer wirk-
lichteit) «den liebesakt als pseudo-gesellschaft-
lichtes großereignis aufgebläht» und so den status
«freischaffend» verloren. des deutungsdiebstahls
Überführt (pflege ausgewählter lepra-kader) folg-
ten verfahren wegen beutekunst (zwei jahre mit /
drei jahre ohne). Mittlerweile lohnabhängig tätig
im bereich bau-steine-erden. (nachtrag / an die
mutter: ich bin nun durch und durch gehärtet
und geweiht wie ihr es wollt. Ich denke ich will
so bleiben in der hauptsache. nichts fürchten und
sich viel gefallen lassen wie wird mir der sich-
ere erquickende schlaf wohltun! fast wohn ich zu
herrlich. ich wäre froh an sicherer einfalt. mein
geschäft soll wie ich hoffe gut gehen. lebet wohl!)



